Kaisergrab im Magdeburger Dom

Hochgrab des 973 in der Pfalz Memleben verstorbenen römisch-deutschen Kaisers Otto I. der Große im Magdeburger Dom From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Kaisergrab im Magdeburger Dom ist das Hochgrab des 973 in der Pfalz Memleben verstorbenen römisch-deutschen Kaisers Otto I. der Große im Magdeburger Dom.

Hochgrab von Otto I. (2004)

Geschichte

Ursprünglich stand das Hochgrab im seit 955 errichteten, ottonischen Vorgängerbau des heutige gotischen Doms, in den zunächst die Gebeine von Ottos 947 verstorbener erster Gemahlin, der Königin Edgitha übertragen worden waren, deren spätgotischer Kenotaph posthum um 1510 entstand und heute in der Scheitelkapelle des Chorumgangs steht. Im Vorgängerbau befand sich das Edgitha-Grab mutmaßlich in einer Kapelle, höchstwahrscheinlich am Nordarm des Querhauses, in der dann 26 Jahre später im Jahr 973 auch Kaiser Otto I. beigesetzt wurde,[1] so dass die ottonische Kathedrale zur gemeinsamen Grablege des Paars wurde. Nach dem Brand des ottonischen Doms von 1207 beließ man beim gotischen Neubau im 13. Jahrhundert das Kaisergrab Ottos an seinem Ort und richtete den neuen Domchor darauf aus,[2] so dass das Hochgrab nun isoliert und mitten im Domchor zu stehen kam. Die bedeutende Grabstätte sowie bewusst wiederverwendete antike Säulenspolien aus dem Vorgängerbau haben den neuen „Binnenchor des gotischen Doms in eine große Memoria verwandelt, die hier im Zentrum mit Otto dem Großen den Stifter des Erzbistums (…) visuell nachvollziehbar darstellt“ (Wolfgang Schenkluhn).[3] Die liturgische Funktion des bedeutsamen Ortes bewirkte, dass der hohe Klerus täglich im Angesicht dieses Grabes seine Heilige Messe feierte und damit auch Tag für Tag des Kaisers sowie seiner Familie zu gedenken hatte.[4] Von Historikern ist die Inszenierung des Chores zur Kaisergrablege als Reaktion auf die ausbleibende Heiligsprechung des Kaisers gewertet werden.[5]

Beschreibung

Das Erscheinungsbild des Hochgrabs Ottos I. ist relativ schlicht, wobei besondere Materialien Verwendung fanden. Es besteht aus einem rechteckigen, trogartigen Sarkophag, auf dem eine auskragende, dünne Marmorplatte liegt.

Sarkophag

Der Sarkophag mit Abmessungen von 211 cm Länge, 61,5–62,2 cm Breite und ca. 55 cm Höhe besteht aus einem feinen Kalkstein, in den außenseitig rechteckige Felder in der Art von Kassetten eingetieft sind.[6] Es ist angenommen worden, dass die Eintiefungen ursprünglich für Schmuckfelder aus Stuck oder Metall dienten.[7]

Marmorplatte

Die aufliegende Marmorplatte zeigt eine auffällige bläulich-dunkelgraue Aderung, ist rund 300 kg schwer, größer als der Sarkophag und weist auskragende Abmessungen von 216 cm Länge sowie 95 cm Breite bei einer Dicke von 3,9 bis 7,8 cm auf.[8] Es handelt sich um eine antike Spolie, die nach naturwissenschaftlichen Untersuchungen ursprünglich aus den Lagerstätten von Prokonnesos (heute Marmara-Insel, Türkei) stammt.[9] Vergleichbare Beispiele für prokonnesische Marmore dieses Typs sind unter anderem aus der Hagia Sophia in Istanbul, San Marco in Venedig und besonders aus Ravenna bekannt, wo sie als Platten für Wandverkleidungen (Inkrustationen) oder als Bodenbelag zum Einsatz kamen. Da sich Otto etwa 10 Jahre seines Lebens in Oberitalien aufhielt, wird als wahrscheinlich angenommen, dass die spätere Grabplatte noch zu seinen Lebzeiten von dort nach Magdeburg gelangte.[9] Die Deckplatte ist damit im Kontext der zahlreichen anderen antiken Spolien zu sehen, die von Otto aufwändig besorgt und später vom ottonischen Dom in den gotischen Neubau übertragen wurden.[10]

Ob schon das erste ottonische Grab Ottos ein Hochgrab war und diese Marmorplatte aufwies, ist unbekannt. Dem widersprechend ist spekulativ angenommen worden, dass die Platte in Oberitalien als Spolie zu einer Altarmensa diente, die durch Otto nach Magdeburg gelangte und dort den Hauptaltar des ottonischen Doms zierte.[11]

An der Platte zeugen grob bearbeitete Ränder, Bohrlöcher und Ritzlinien von verschiedenen Abarbeitungen sowie ehemals vorhandenen Verzierungen.[12] Wegen dieser und weiterer Unregelmäßigkeiten (auch darunter am Sarkophag) wird angenommen, dass das Hochgrab schon früh von einem hölzernen, mit Edelmetall verkleideten Schrein umgeben war, der 1691 noch als „Geschrenk“ beschrieben und abgebildet wurde.[13] Beschrieben wurde ebenfalls ein möglicherweise bereits im 10. Jahrhundert vorhandener (und wohl im Dreißigjährigen Krieg verlorener) Schmuckfries aus vergoldetem Metall, dessen Inschrift den verstorbenen Kaiser in einem lateinischen Gedicht preiste: Tres luctus causae / Sunt hoc sub marmore clausae / Rex decus ecclesiae / summus honor patriae („Drei Gründe zu trauern sind unter dem Marmor verschlossen. Der König, die Zierde der Kirche, die höchste Ehre des Vaterlands“).[14] Der heute auf der Marmorplatte liegende bronzene Schriftrost ist 1936 anlässlich des 1000. Jubiläums der Königskrönung Ottos angebracht worden. Er entstand nach einem Entwurf des Grafikers Paul Richard Wiemer aus Halle und wiederholte das verlorengegangene, lateinische Erinnerungsgedicht.[15]

Innensarg und Gebeine

Für notwendige Konservierungen wurde 2025 die Marmorplatte abgenommen, was erstmals seit 1844 eine Untersuchung des Grabinnern ermöglichte.[16]

Der im Sarkophagtrog liegende Innensarg besteht aus Holz, dessen Deckel dendrochronologisch auf „Winter 1208“ datiert werden konnte, so dass der Innensarg aller Wahrscheinlichkeit nach im Zusammenhang mit der Umbettung der Gebeine Ottos des Großen nach dem Dombrand von 1207 und dem anschließenden Neubau des gotischen Doms steht.[17]

Im Holzsarg befanden sich durcheinander liegende textile und pflanzliche Reste, Sediment und ein Skelett, die alle zusammen 2025–2026 entnommen, dokumentiert und untersucht wurden. Die anthropologischen Untersuchungen ergaben u. a., dass die sterblichen Überreste von einem einzigen, eindeutig männlichen Individuum stammen, dessen Skelett fast vollständig erhalten ist. Die ermittelte Körperhöhe von rund 180 Zentimetern liegt etwa 10 Zentimeter über der durchschnittlicher Zeitgenossen Ottos im 10. Jahrhundert. Das am Skelett bestimmbare Sterbealter von etwa 55 bis 65 Jahren passt zur historischen Überlieferung, der zufolge Otto I. im Alter von 60 Jahren verstarb. Stark ausgeprägte Muskelansätze an Oberschenkel- und Beckenknochen belegen, dass der Verstorbene regelmäßig als Reiter im Sattel saß, was ebenfalls mit den vorliegenden biografischen Informationen Ottos übereinstimmt. Schließlich konnte mittels einer archäogenetischen Untersuchung die Identität der untersuchten sterblichen Überreste mit der Person des Herrschers Otto I. „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (Harald Meller) bestätigt werden.[17]

Unter den ferner im Sarginnern aufgefundenen Textilien stechen ein rotes Einschlagtuch aus byzantinischer oder spanischer Seide und eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden hervor. Zudem gab es Funde von Eierschalen und Obstkernen, einen Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Stück Fensterglas, die mehrfache zeitlich getrennte Manipulationen am Grabmal belegen.[17]

Neugestaltung des Innensargs

Wegen starker Beschädigungen kann der hölzerne Innensarg nach Abschluss der Untersuchungen und Konservierung des Hochgrabs nicht wiederverwendet werden. Die Gebeine Ottos I. werden 2026 in einem neu gestalteten Metallsarg wieder beigesetzt. Der von der Schmuckkünstlerin Silke Trekel (Halle/Saale)[18] entworfene Innensarg besteht aus den Materialien Titan, Feingold und Blattgold, die laut Wettbewerbs-Jury „Stabilität, Langlebigkeit und ästhetische Noblesse“ vereinen sollen. Gleichzeitig sollen eine moderne Inschrift sowie eine dieser angepasste abstrahierte Kaiserkrone eine „harmonische Verbindung von Typografie, Symbolik und Materialkontrasten“ schaffen.[19] Der neue Innensarg wird nicht sichtbar sein. Aufwand und Anspruch für die teure und „futuristische“ Neugestaltung einer „Gold-Titan-Kapsel“ im Gegensatz zum zuvor schlichten „mittelalterlich ‚zusammengezimmerten‘ Kistenmöbel“ sind polemisch kritisiert worden.[20]

Radleuchter

Der Radleuchter über dem Hochgrab von Otto I. soll mittelalterliche Traditionen der großen Radleuchter in Kathedralen aufnehmen und ist eine 2021 fertiggestellte moderne Neugestaltung nach Entwurf des Designers Albrecht von Kirchbach (Erfurt) und der Künstlerin Christiane Budig (Halle/Saale).[21][22][23] Das vom Gewölbe herabhängende rund 350 kg schwere Kunstobjekt aus poliertem Messing hat einen Durchmesser von 3,50 m und weist am Reif zu den vier Himmelsrichtungen rechteckige Glasapplikationen in farbiger Fusing-Technik auf, deren Pflanzendarstellungen auf die vier Jahreszeiten hinweisen. Außen und innen auf dem Reif stehen in Griechisch und Hebräisch Bibelworte aus Hesekiel und der Offenbarung.[22][24]

Literatur

Commons: Tomb of Otto I, Holy Roman Emperor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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