Kallnach
Gemeinde im Kanton Bern in der Schweiz
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Kallnach (französisch Chouchignies) ist eine politische Gemeinde im Verwaltungskreis Seeland des Kantons Bern in der Schweiz. Am 1. Januar 2013 wurde die südlich gelegene Gemeinde Niederried nach Kallnach eingemeindet. Kallnach fusionierte am 1. Januar 2019 mit Golaten zur Gemeinde Kallnach.
| Kallnach | |
|---|---|
| Staat: | |
| Kanton: | |
| Verwaltungskreis: | Seeland |
| BFS-Nr.: | 0304 |
| Postleitzahl: | 3207 Golaten 3283 Kallnach 3283 Niederried bei Kallnach |
| Koordinaten: | 584604 / 207929 |
| Höhe: | 445 m ü. M. |
| Höhenbereich: | 432–561 m ü. M.[1] |
| Fläche: | 17,98 km²[2] |
| Einwohner: | 2235 (31. Dezember 2024)[3] |
| Einwohnerdichte: | 124 Einw. pro km² |
| Ausländeranteil: (Einwohner ohne Schweizer Bürgerrecht) | 9,0 % (31. Dezember 2024)[4] |
| Gemeindepräsident: | Fabian Mori (SVP) |
| Website: | www.kallnach.ch |
Dorfzentrum von Kallnach | |
| Lage der Gemeinde | |
Geographie
Kallnach gilt als das längste Strassendorf der Schweiz. Es erstreckt sich am Fuss einer Moräne des Rhonegletschers am Rande des Grossen Mooses und liegt an der Strasse von Lyss über Aarberg nach Kerzers. Der Ort verfügt über eine Bahnstation an der Broyelinie (Strecke Lyss–Aarberg–Kerzers).
Die Nachbargemeinden sind in alphabetischer Reihenfolge: Bargen, Finsterhennen, Fräschels FR, Kerzers FR, Mühleberg, Radelfingen, Siselen, Treiten und Wileroltigen.
Geschichte
Überreste einer Römerstrasse, welche die Siedlungen Aventicum und Petinesca verband, wurden im Aspi gefunden. Ausgrabungen im Jahre 1989 förderten Strukturen zutage, die als römische Raststätte, Zollposten oder Pferdewechselstation interpretiert werden können. Noch im Frühmittelalter, während des 7. Jahrhunderts, lebten auf dem Gebiet des heutigen Kallnach Romanen, was anhand von Fundgegenständen und Grabbeilagen festgestellt werden konnte.
Erstmals wurde Kallnach im Jahr 1225 als Callaho urkundlich erwähnt. Vereinzelt finden sich auch abweichende Formen, wie Kalnacht oder Kalchnach.[5]
Im Ersten Weltkrieg wurde das Dorf aus Versehen von französischen Bomben getroffen, es kam jedoch zu keinen Personen- und äusserst geringen Materialschäden.[6][7]
Ortsadel
Kallnach hatte, zumindest zeitweise, einen eigenen Ortsadel. So taucht beispielsweise ein Ritter Berthold von Kallnach urkundlich in den Jahren zwischen 1255 und 1265 in Erscheinung.[8] Dieses Adelsgeschlecht taucht nochmals im Jahre 1363 auf, als eine Christina von Kallnach zusammen mit ihrem Mann Heinrich von Schünen einen jährlichen Zins von 3 Schilling an das Dominikaner-Kloster in Bern von einer halben Hofstatt in Bern in der Herrengasse stiftet.[9] Einkünfte aus der zweiten Hälfte dieser Hofstatt wurden bereits ein Jahr zuvor von Albrecht Schäfer und seiner Frau zum Seelenheil gestiftet, was auf ein mögliches Verwandtschaftsverhältnis der beiden Familien hindeuten könnte.[9]
Brauchtum

Einmal pro Generation – alle 20 Jahre – organisieren die unverheirateten Kallnacherinnen und Kallnacher die Eichenfuhr; ein Grossanlass mit Umzug durch das Dorf, Tanz und Festwirtschaft. Ursprünglich in der Tradition anderer Tannen- oder Trämelfuhren,[10] welche im Seeland von der Fasnachtszeit in den Frühling/Sommer verlegt wurden, zieht der uralte magisch-kultische Brauch jeweils Besucher in Scharen ins Seeländer Dorf an. In Kallnach fanden Eichenfuhren 1889, 1898, 1907, 1926, 1946, 1966, 1986 und 2006 statt, wobei erst ab 1926 auch Frauen auftreten durften. Im Zentrum steht die Eiche, ein besonders schöner Baum der Burgergemeinde wird gefällt und mit Blumen und Zweigen geschmückt durch das Dorf gefahren. Neben den vielen neueren Umzugssujets treten bis heute Maskenfiguren auf, die so genannten Dorffiguren: der «Schnäggähüseler», der «Plätzlima», der «Chartäma», der «Mieschma» und der Bär mit der Bärenführerin, sowie Reifenschwinger. Den krönenden Abschluss des Festes bildet jeweils die Versteigerung des Baumstamms durch den «Eichenpfarrer», wobei der Erlös später den Beteiligten eine gemeinsame Reise finanziert.[11][12]
Politik
Die Exekutive besteht aus dem sechsköpfigen Gemeinderat. Die parteipolitische Zusammensetzung für die Legislaturperiode 2025–2028 ist folgendermassen: SVP 4 und glp 2. Gemeindepräsident ist Fabian Mori (SVP; Stand: 2025)[13].
Bei den Nationalratswahlen 2023 betrugen die Wähleranteile in Kallnach (in Klammern die Veränderung im Vergleich zu den Wahlen 2019 in Prozentpunkten): SVP 47,28 % (+5,96), Mitte 11,12 % (−3,46), SP 10,92 % (+0,22), glp 8,97 % (+1,68), Grüne 6,45 % (−2,60), FDP 4,50 % (−1,50), EDU 3,87 % (+0,04), EVP 2,43 % (−0,07), SD 0,71 % (+0,30).[14]
Wappen
Das am 6. Februar 1945 offiziell vom Regierungsrat anerkannte und bestätigte Wappen zeigt In Blau ein silberner Glockenklöppel, begleitet von zwei goldenen Sternen.[15]
Gewässer

Die Gemeinde reicht vom Zusammenfluss von Saane und Aare bis weit ins Grosse Moos. Kallnach liegt im Prinzip westlich der Aare, aber mit dem Bau des unterirdischen Kanals vom Stausee Niederried zum Kraftwerk Kallnach fliesst ein Teil der Aare direkt unter dem Dorf. Die Gemeinde hat zwei grosse Flusskraftwerke; das Kraftwerk Kallnach seit 1913 (technische Erneuerung 1980) und dasjenige von Niederried seit 1963. Um das Wasser der Aare zum Kraftwerk unterhalb des Dorfes zu leiten, wurde bei Niederried ab 1909 ein Staudamm gebaut mit unterirdischen Verbindung zum Schieberhaus Kallnach, dem heutigen Wasserschloss. Damit entstand oberhalb von Niederried ein Stausee, welcher 1966 unter Naturschutz gestellt und seit 1992 ins Register der Auen von nationaler Bedeutung aufgenommen wurde, dazu gehört seit der Gemeindefusion mit Golaten auch die Oltigenmatt bei der Saanemündung. Der Unterwasserkanal mündet bei Walperswil in den Hagneckkanal, welcher das Wasser der Aare in den Bielersee leitet.

Voraussetzung für die Kraftwerke war die erste Juragewässerkorrektion mit dem Bau des Hagneckkanals und für den Gemüseanbau war es die Entsumpfung im Grossen Moos. Die damals gebauten Binnenkanäle dienen noch heute der Be- und Entwässerung und sind essentiell für die intensive Landwirtschaft.
Obschon die künstlich angelegten Kanäle und Flussläufe ihre Aufgaben, wie den Schutz vor Überschwemmung oder die Gewinnung von Wasserkraft auch im 21. Jahrhundert noch erfüllen, treten im Grossen Moos wieder Probleme auf; der Boden sackt weiter ab[16] und wird bei Starkregen an vielen Stellen geflutet, die Binnenkanäle und das Grundwasser sind mit Fremdstoffen belastet und vermehrt unterhöhlen Biber mit ihren Bauten die Uferbefestigungen. So wird im Seeland über eine dritte Juragewässerkorrektion[17] diskutiert. Zudem plant die Gemeinde zusammen mit dem BKW Ökofond eine Ausweitung des Naturschutzgebietes beim Büeltigenweiher und eine Verbindung des Unterwasserkanals mit dem Hauptkanal im Grossen Moos (Baubeginn 2026). Damit wird zum dritten Mal in der Geschichte wieder Wasser direkt von der Aare in den Broyekanal und damit in den Neuenburgersee fliessen. Dies geschah zuerst nach dem Abschmelzen des Rhonegletscher bis etwa 5000 v. Chr. und dann von 1647 bis 1663 mit dem Aarbergerkanal[18].

Bereits 1966 wurde das "Lättloch", die nie aufgefüllte Lehmgrube bei der Ziegelei Fräschels, vom Kanton Bern angekauft und ist heute als Fräschels-Weiher im Register der Flachmoore von nationaler Bedeutung aufgeführt[19]. Nach der Jahrtausendwende wurden der Unterwasserkanal und die Aare bei Niederried als Teil des Projektes Energieinfrastrukturlandschaft am Aare-Hagneck-Kanal renaturiert, welche vom Landschaftsschutz Schweiz 2017 als Landschaft des Jahres ausgezeichnet wurde.[20]

