Kamel Daoud

algerischer Journalist und Schriftsteller From Wikipedia, the free encyclopedia

Kamel Daoud (arabisch كمال داود, DMG Kamāl Dāwud; * 17. Juni 1970 in Mesra, Wilaya Mostaganem, Algerien) ist ein algerisch-französischer Journalist und Autor, der in französischer Sprache schreibt.[1][2] Bekannt wurde er in Algerien mit seiner Kolumne „Raïna Raïkoum“ („Unsere Meinung, eure Meinung“) im Le Quotidien d’Oran und schreibt zudem eine regelmäßige Kolumne für das französische Magazin Le Point.[3] Für seinen Roman Houris erhielt er am 4. November 2024 den Prix Goncourt; er war damit der erste Algerier, dem diese Auszeichnung zuerkannt wurde.[4][5] 2020 wurde er als französischer Staatsbürger eingebürgert.[6] 2024 führte ihn das Magazin New African in seiner Liste der „100 Most Influential Africans“.[7][8]

Kamel Daoud (2015)

Leben

Daoud ist der Sohn eines Polizisten und hat als einziges Kind der Familie studiert. Nach dem Studium der Mathematik studierte er Literatur an der Universität Oran.[9][2] 1994 ging er zur französischsprachigen Tageszeitung Le Quotidien d’Oran, wo er später acht Jahre lang Chefredakteur war.[10][9] In dieser Zeit schrieb er sein erstes Buch Raina raïkoum (Unsere Meinung, eure Meinung). Er entwickelte sich und seine Meinungen von „konservativ“ zu „bissig“, besonders gegenüber den algerischen Machthabern unter Abdelaziz Bouteflika. Seine Artikel erschienen unzensiert auf Facebook, des Weiteren schrieb er für die elektronische Zeitschrift Algérie-focus und für Slate Afrique. Daoud lebt und arbeitet in Oran; seit den 2010er Jahren lebt und arbeitet er zeitweise auch in Frankreich.[11] Er hat zwei Kinder und ist geschieden.

Werk und Rezeption

International bekannt wurde Daoud mit dem Debütroman Meursault, contre-enquête (Barzakh 2013; Actes Sud 2014), einer postkolonialen Gegenlektüre zu Albert CamusDer Fremde.[12] Der Roman polarisierte: Tobias Lehmkuhl kritisierte in der Süddeutschen Zeitung die Sprache und die Gegengeschichte als monologisierendes Gerede,[13] während Dirk Fuhrig im Deutschlandradio Kultur den Roman als „einer der anregendsten und wichtigsten … über das Verhältnis des Westens zur arabischen Welt“ lobte.[14] Meursault, contre-enquête stand 2014 in der Endauswahl für den Prix Goncourt und wurde 2015 mit dem Goncourt du premier roman ausgezeichnet.[15]

Mit Houris (Gallimard, 2024; dt. Huris, Matthes & Seitz Berlin, 2025) literarisierte Daoud die algerische „décennie noire“ (Bürgerkrieg 1992–2002) und thematisierte die bis heute strittige Aufarbeitung dieser Zeit; das Buch wurde in Algerien verboten. Für Houris erhielt er 2024 den Prix Goncourt. In den Büchern Meine Nacht im Picasso-Museum (2018/2020) und Houris thematisiert Daoud zudem das Verhältnis des Islams zu Körperlichkeit und zur Situation der Frau. Houris sind die Jungfrauen, die nach der religiösen Vorstellung mancher Menschen im Jenseits die Märtyrer erwarten sollen.[16]

Neben der Kolumne im Quotidien d’Oran veröffentlichte Daoud seine journalistischen Texte u. a. gesammelt in Mes indépendances : Chroniques 2010–2016 (Actes Sud, 2017).[17] Er schreibt zudem eine regelmäßige Kolumne für Le Point.[3]

Kontroversen und juristische Auseinandersetzungen

Kölner Silvesternacht (2015/16)

Daoud äußerte sich in Le Monde kritisch zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/16 in Köln durch maghrebinische Migranten und beklagte eine Naivität des Westens, der die Gegensätze zwischen westlicher und islamischer Kultur herunterspiele.[18] Er wurde daraufhin von einer Gruppe von neunzehn französischen Intellektuellen angeklagt, Islamophobie zu schüren und Pegida zu unterstützen; bereits vorher wegen Kommentare im Quotidien d'Oran mit einer Fatwa belegt, kündigte Daoud an, sich aus dem Journalismus zurückzuziehen.[19]

Drohungen, Prozesse und Haftbefehle

2014 rief der salafistische Prediger Abdelfattah Hamadache nach einem TV-Auftritt Daouds öffentlich zu dessen Hinrichtung auf. Daoud verklagte ihn deswegen; im März 2016 gewann Daoud den Prozess in Oran, bevor die Berufungsinstanz im Juni 2016 das Urteil wegen Unzuständigkeit aufhob.[20][21] 2025 wurde Daoud in Frankreich wegen Houris zivilrechtlich verklagt; parallel meldeten algerische Behörden internationale Haftbefehle gegen ihn.[22][23][24]

Preise und Auszeichnungen

Werke

  • Raina raïkoum, Zusammenstellung einiger seiner im Le Quotidien d’Oran veröffentlichten Artikel. Éditions Dar el Gharb, Oran 2002.
  • La Fable du Nain, Nacherzählung. Dar el Gharb, Oran 2003.
  • Ô Pharaon. Dar el Gharb, Oran 2005.
  • L’Arabe et le vaste pays de Ô.... Erzählungen. Barzakh, Algier 2008.
    • Der Araber und das weite Land O. (L’Arabe et le vaste pays Ô), Auszug; Übers. Sonja Finck. In: Den gegenwärtigen Zustand der Dinge festhalten. Zeitgenössische Literatur aus Frankreich. die horen, 267. Wallstein, Göttingen 2017, S. 85–91.
  • La Préface du Nègre. Algerien 2008.
  • Meursault, contre-enquête. Actes Sud, Arles 2014, ISBN 978-2-330-03372-9.
  • Zabor ou Les Psaumes. Actes Sud, Arles 2017.
    • Zabor. Roman. Aus dem Französischen von Claus Josten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, ISBN 978-3-462-05202-2.
  • Le Peintre dévorant la femme. Stock, Paris 2018. ISBN 978-2-234-08373-8.[30]
  • Mes indépendances : Chroniques 2010–2016. Actes Sud, Arles 2017 (dt. Auswahl: Chroniques: Selected Columns, 2010–2016, Other Press 2018).[17]
  • Meine Nacht im Picasso-Museum: über Erotik und Tabus in der Kunst, in der Religion und in der Wirklichkeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, ISBN 978-3-462-05331-9.
  • Houris. Roman. Gallimard, Paris 2024. ISBN 978-2-07-299999-4.
  • Das vom Rest der Welt abgeschottete Land, in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. Oktober 2025, S. 41f

Adaptionen

Hörspiel

Commons: Kamel Daoud – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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