Karl Eicke

deutscher Organisationsgutachter, Rationalisierungsexperte und Wegbereiter der Informatik From Wikipedia, the free encyclopedia

Karl Eicke (* 1. Februar 1887 in Hannover; † 7. Dezember 1959 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Organisationsgutachter, Rationalisierungsexperte und Wegbereiter der Informatik.

Leben

Studienzeit und Erster Weltkrieg

Eicke stammt aus einer hannoverschen Architektenfamilie. In Hannover hat er Ostern 1903 mit 16 Jahren sein Abitur am humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium abgelegt. In den folgenden elf Jahren ermöglicht ihm sein Elternhaus, sich in aller Ruhe auf seinen künftigen Beruf vorzubereiten.

Die gewonnene Freiheit beginnt Eicke mit einem Jurastudium an der Universität Freiburg im Breisgau, das er zwar schon Anfang 1904 aufgibt (aber später wieder aufnehmen wird). Dies geht aus seiner Exmatrikulation mit juristischem Abgangszeugnis vom 22. April hervor.

Einen weiteren – forstwirtschaftlichen – Studienversuch startet Eicke danach in Thüringen an der Großherzoglich-Sächsischen Forstlehranstalt, der Forstakademie Eisenach. Hier tritt er im Sommersemester 1907 auch in das Forstcorps Silvania ein.

Schließlich beginnt er 1908/09 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in seiner Heimatstadt Hannover (jetzt: Universität Hannover), wechselt an die Technische Hochschule in Charlottenburg bei Berlin (jetzt: Technische Universität Berlin) und beendet dort 1912 das Studium als Diplom-Ingenieur. Im Frühjahr 1914 – mit 27 Jahren – promoviert er dort als Dr.-Ing. in der Fachrichtung Architektur. Erst 1917 wird seine Dissertation über Das bürgerliche Wohnhaus in Cottbus veröffentlicht; denn der Erste Weltkrieg unterbricht seine weitere Lebensplanung.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldet er sich als Kriegsfreiwilliger und wird Leutnant. Kurz vor Kriegsende 1918 verliert er sein rechtes Auge durch eine Fliegerbombe.

Seine Studentenverbindung, das Forstcorps Silvania in Eisenach, musste nach dem Ersten Weltkrieg den Studienort wechseln und zog 1921 um in die Universitätsstadt Gießen. Die Tradition der Silvania wird seit 1954 vom Corps Rheno-Nicaria Mannheim und Heidelberg nach einem Zusammenschluss beider Corps weitergeführt.

Gründung der Leibniz-Akademie in Hannover, freiberufliche Organisationsbegutachtung und betriebswirtschaftlicher Lehrauftrag an der Universität Frankfurt am Main

Nach Kriegsende schließt sich Eicke dem deutsch-nationalen Lager an. 1919 gründet er als Gegenstück zu den sozialdemokratischen Volkshochschulen die hannoversche Leibniz-Akademie – vergleichbar einer Höheren Handelsschule. Deren Lehrangebot ist zunächst auf die Aus- und Weiterbildung von Ingenieuren ausgerichtet, wird aber später um Kurse für Handelswissenschaft und Verwaltungstechnik – insbesondere Organisation und Betriebsführung - erweitert. Diese frühe Form der Betriebswirtschaftslehre entwickelt Eicke wiederum weiter durch ein Ergänzungsstudium der Volkswirtschaftslehre und der Rechtswissenschaft, der er sich schon kurz nach seinem Abitur gewidmet hatte. Die Leibniz-Akademie führt er von 1920 bis zu seinem Ausscheiden 1922 als Direktor dieser Lehranstalt mit dem Titel Geschäftsführendes Direktoriumsmitglied.

Anfang 1923 tritt Eicke als Angestellter in die Wuppertaler Textilfabrik Alb & E. Henkels Cie. ein. Hier ist er erstmals an der betriebswirtschaftlichen Reorganisation eines Unternehmens beteiligt und führt die Lochkartentechnik mit Hollerith-Maschinen ein.

1925 macht sich Eicke selbstständig, nennt sich Öffentlich bestellter Wirtschaftsprüfer im freien Berufe und ist in der Folgezeit insbesondere für Kommunalverwaltungen sowie größere und kleinere Unternehmen tätig – z. B. für:

1928 wurde an der Universität Frankfurt am Main ein Lehrauftrag für betriebswirtschaftliche Organisationskunde (mit Schwerpunkt Büromaschinentechnik) vergeben. Damit etabliert sich das Fach Betriebswirtschaft erstmals an einer deutschen Universität. Eicke – mittlerweile in Deutschland Pionier auf dem Gebiet der Rationalisierung – bekommt hierfür am 15. Oktober 1928 die Venia Legendi und wird Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftliche Organisationskunde. Für die Geschichte der Informatik in Deutschland ist seine Tätigkeit wegen der besonderen Förderung des Einsatzes von Rechenmaschinen in Betrieben von hoher Bedeutung.

In kurzer Zeit gilt er – auch wegen seiner vielen Veröffentlichungen – als der führende Rationalisierungsexperte in Deutschland.

Eicke tritt zum 1. Dezember 1931 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 733.775),[1] später auch der NSV und der SS. Besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang sein Gutachten zur Reorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) vom 31. Juli 1936.

1936: Gutachten über die Deutsche Arbeitsfront

Dieses vierbändige Gutachten Eickes führt mit den darin enthaltenen extrem kritischen Aussagen in kurzer Zeit zu vielfältigen Kontroversen zwischen der DAF und ihm. Seine drastischen Hinweise auf Misswirtschaft innerhalb der DAF führen zur Nichtanerkennung seines Gutachtens.

Nach Aussage der Familie Eicke werden schließlich alle 300 vervielfältigten Exemplare des Gutachtens von der DAF-Spitze im Berliner Landwehrkanal versenkt. Das einzige erhaltene Exemplar des Gutachtens ist jetzt im Nachlass Eickes zu finden.

1937–59: Weiterer Lebensweg

Auf Druck der DAF wird Eicke schließlich 1938 von der NSDAP ausgeschlossen. Seine Dozentur an der Universität Frankfurt am Main konnte er schon 1936 wegen seiner Tätigkeit für die DAF nicht wahrnehmen. Am 8. Mai 1939 wird ihm vom Rektor der Universität mitgeteilt, dass sein Lehrauftrag erloschen sei.

Drei Jahre nach seinem Parteiausschluss wird Eicke unter Auflagen wieder in die Partei aufgenommen. Er erhält 1941 den Auftrag, die Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven nach allen Regeln betriebswirtschaftlicher Kunst zu durchleuchten. -

In der frühen Bundesrepublik kann Eicke als Rationalisierungsexperte für die Privatwirtschaft erneut Fuß fassen. 1950, bereits im Alter von 63 Jahren, ist er als Gutachter der betriebswirtschaftlichen Organisation der IHK Frankfurt am Main tätig. In den folgenden Jahren häufen sich wieder die Aufträge für Eicke, ehe er dann seit Mitte der 50er Jahre seine berufliche Tätigkeit als Unternehmensberater allmählich einstellt.

Während seiner beruflichen Tätigkeit erstellte er rund 140 Gutachten für Firmen unterschiedlicher Branchen, für Kommunalverwaltungen und sonstige Verwaltungen.

Eicke stirbt 1959 im Alter von 72 Jahren.

Schriften

Literatur

  • Wilhelm Füßl: Nachlass Karl Eicke. In: ARCHIV-Info des Deutschen Museums, München, 3. Jg. 2002, Heft Nr. 1, S. 5.
  • Rüdiger Hachtmann (Hrsg.): Ein Koloss auf tönernen Füßen - Karl Eicke -. München: Oldenbourg, 2006.
  • Peter Mantel: Betriebswirtschaftslehre und Nationalsozialismus. Wiesbaden: Gabler, 2009, S. 678.
  • Hubert Hofmann: Matrikel des Corps Rheno-Nicaria zu Mannheim und Heidelberg. Eigenverlag, 3. Auflage 2023, Matr.-Nr. 33.
  • Deutsche Nationalbibliothek: Karl Eicke. www.portal.dnb.de.

Einzelnachweise

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