Karl Riha
deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
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Karl Riha (* 3. Juni 1935 in Böhmisch-Krumau; † 10. Januar 2026 in Siegen)[1] war ein deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.
Leben
Karl Riha wuchs in einer deutschböhmischen Familie auf, die am Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurde.[2] Während und nach seinem Studium an der Universität Frankfurt am Main war Karl Riha von 1962 bis 1967 Feuilletonredakteur der Frankfurter Studentenzeitschrift Diskus. Ab 1965 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Frankfurt, ab 1969 bei Walter Höllerer an der Technischen Universität Berlin. Riha wurde 1969 über das Großstadtmotiv in der deutschen Literatur promoviert.[3]
Im Jahr 1970 erschien seine Studie Zok roarr wumm. Zur Geschichte der Comics-Literatur, die unter den Germanisten seiner Zeit Aufsehen erregte. Schon der Umstand, dass Riha den Begriff Literatur auf Comics anwendete, war revolutionär.[2] Die Bedeutung dieser Arbeit bestand vor allem darin, dass Riha – gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern wie Wolfgang J. Fuchs und Reinhold Reitberger – Comics aus dem Schatten einer sogenannten Schundliteratur holte und ihre semiotische, historische sowie kulturelle Bedeutung beleuchtete. Riha begründete damit eine intermediale Perspektive, die Comics mit Avantgarden wie Dadaismus und Pop Art verknüpfte und den Weg für eine Comics-Wissenschaft ebnete.[3] Sein Vermächtnis hat die Forschung zu populären Medienformen in der Literaturwissenschaft geprägt: Damit gehört Karl Riha – zusammen mit Helmut Kreuzer und Helmut Schanze – zu den Pionieren eines erweiterten Literaturbegriffs, die von Siegen aus der Gegenstandsbereich der Literaturwissenschaften vergrößerten und einen Beitrag zur Entwicklung der Medienwissenschaft geleistet haben.[4]
1972 habilitierte sich Riha an der TU Berlin. 1975 wurde Riha als Professor für Deutsche Philologie / Allgemeine Literaturwissenschaft an die erst drei Jahre zuvor gegründete Gesamthochschule Siegen berufen, die ab 1980 „Universität-Gesamthochschule Siegen“ hieß und seit 2003 Universität Siegen heißt. Er wirkte am Funkkolleg Literatur mit, das ab 1976 gesendet wurde.[2] Von 1988 bis 1991 war Karl Riha Direktor des Literarischen Colloquiums Berlin.
Karl Riha verfasste zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, unter anderem zu den Themen Moritat, Song, Bänkelsang, Commedia dell’arte, Dadaismus, Comics, Cartoons und Karikaturen sowie Mediengeschichte (Rundfunk, Film, Presse, Fernsehen). Riha war Mitherausgeber der Editionsreihen MUK (Massenmedien und Kommunikation) und – mit Franz J. Weber oder Marcel Beyer – der Vergessenen Autoren der Moderne,[5] der Reihe Experimentelle Texte und der Zeitschrift Diagonal. Die Edition Randfiguren der Moderne, von ihm und Franz J. Weber herausgegeben, erschien seit 1988 im Postskriptum Verlag, Hannover.[6] Für die Galerie und Verlag Patio war er Herausgeber der Verlagsreihe Patios Raritäten-Bücher (PA-RA-BÜ). Er schrieb zahlreiche Beiträge für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.[2] In seinen literarischen Veröffentlichungen verwendete er gelegentlich die Pseudonyme Hans Wald, Agno Stowitsch und Charlie Hair.
Mitgliedschaften
- Deutschen Akademie für Fußball-Kultur[7]
- Literaturrat Nordrhein-Westfalen
- PEN-Zentrum Deutschland
Auszeichnung
Werke
Literarische Werke
- Nicht alle Fische sind Vögel. Gedichte und Prosa (1981).
- In diesem/diesem Moment. Gedichte, Bilder und Prosa (1984).
- So zier so starr so form so streng. Sonette (1988).
- GOMRINGER oder die anwendung der konstellation auf ihren erfinder (1989).
- Kitty in der Killerfalle und andere Prosa, Edition Literarischer Salon, Gießen (1990)
- Was ist mit mir heute los? (1994).
- Ich in einem stück und andere prosa (1999).
Beiträge in Zeitschriften (Auswahl)
- Lyrik unter der Linie (über V. O. Stomps, Hrsg.: Alphabet 1961. Lyrikjahrbuch), in: Sprache im technischen Zeitalter, Nr. 4 (1962), Seite 337–341.
Wissenschaftliche Publikationen (Auswahl)
- Prämoderne – Moderne – Postmoderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994.
- Dada Berlin. Reclam, Stuttgart 1994.
- Politische Lyrik. In: Erika Wischer (Hrsg.): Das bürgeriche Zeitalter. 1830–1914. (= Geschichte der Literatur, Band V). Propyläen Verlag, Berlin 1988, ISBN 3-549-05711-3, S. 140–165.
- Reisen im Luftmeer. Ein Lesebuch zur Geschichte der Ballonfahrt von 1783 (und früher) bis zur Gegenwart / unter Mitarbeit von Ursula Tesch und Dieter H. Stündel herausgegeben von Karl Riha. Hanser, München / Wien 1983, ISBN 3-446-13682-7.
- Commedia dell'arte. Mit den Figurinen Maurice Sands. Insel, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-458-19007-4.
- Moritat, Bänkelsong, Protestballade. Zur Geschichte des engagierten Liedes in Deutschland. Athenäum-Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-8072-2100-X und 2., erweiterte Auflage, Atheneum, Königstein am Taunus 1979, ISBN 3-7610-2100-3.
- Kasperletheater für Erwachsene. (Herausgegeben zusammen mit Norbert Miller). Insel, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-458-32039-3.
- Nachwort. In: Lesage: Der Hinkende Teufel. Bearbeitung der Übersetzung (aus der Mitte des 19. Jahrhunderts) von G. Fink durch Meinhard Hasenbein. Mit Illustrationen von Tony Johannot (aus der gleichzeitig mit der Übersetzung Finks erschienenen französischen Ausgabe von 1840). Insel, Frankfurt am Main 1978 (= insel taschenbuch. Band 337). ISBN 3-458-32037-7, S. 363–378.
- Cross-Reading und Cross-Talking. Zitat-Collagen als poetische und satirische Technik u. a. bei Georg Christoph Lichtenberg. Metzler, Stuttgart 1971.
- Zok roarr wumm. Zur Geschichte der Comics-Literatur. Anabas Verlag Günter Kämpf, Steinbach 1970.
Dissertation
- Die Beschreibung der „Großen Stadt“: Zur Entstehung des Großstadtmotivs in der deutschen Literatur (ca. 1750 – ca. 1850). Frankfurt am Main 1969, DNB 482056894 (Dissertation Universität Frankfurt am Main, Philosophische Fakultät, 18. Juni 1969, 182 Seiten); Buchhandelsausgabe als Frankfurter Beiträge zur Germanistik, Band 11, Gehlen, Bad Homburg vor der Höhe / Berlin / Zürich 1970, DNB 457945176.
Weblinks
- Literatur von und über Karl Riha im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Karl Riha in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Karl Riha im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
- Literatur von Karl Riha im Open-Access-Repositorium media/rep/
- Trauer um Prof. Dr. Karl Riha Universität Gesamthochschule Siegen