Kaufruf

From Wikipedia, the free encyclopedia

Kaufruf, Händlerruf, Ausrufbild ist eine Gattung der populären Druckgrafik, deren Sujet die Darstellung von auf eigene Rechnung arbeitenden Straßenhändlern, Hausierern und Kolporteuren oder von Ausrufern sowie die Wiedergabe von deren charakteristischen Ausrufen ist. Entsprechende Grafikfolgen erlebten während des 18. und 19. Jahrhunderts große Verbreitung und befassten sich mit den handelstreibenden Personen beiderlei Geschlechts in den größeren europäischen Städten wie Paris, London, Hamburg, Wien, Basel oder Zürich. Der Name solcher Reihen leitet sich von dem unter die dargestellten Personen gesetzten Kaufruf ab.[1] Teilweise findet sich bei einzelnen Grafikfolgen auch in Notenschrift festgehalten die Tonfolge der Händlerrufe.[2]

Colporteur de livres, Anciens cris de Paris, XVIe siècle
29. Pianellaro - Le Arti di Bologna (Annibale Carracci)
Cryes of the City of London Drawne after the Life (1687)
Buy my fat Chickens
Études prises dans le bas peuple ou les Cris de Paris - Achetés des Moulins
Études prises dans le bas peuple ou les Cris de Paris - L’Afficheur = Der Plakatkleber
Phillips(1804) p669 - Covent Garden - Strawberries

Hubert Kaut hatte 1970 sämtliche Originalausgaben der Wiener Kaufrufe katalogmäßig erfasst.[3] Er plädierte dafür, dieses Teilgebiet der Wiener Graphik „nicht einseitig kunsthistorisch“ zu behandeln, sondern der „kulturgeschichtliche Gesichtspunkt muß ebenso wie der soziologische gleichwertig berücksichtigt werden.“[4]

Um die sytematische internationale Erfassung hat sich Karen F. Beall verdient gemacht, deren Bibliografie „Cries and itinerant trades“ 1975 unter dem Paralleltitel „Kaufrufe und Straßenhändler“ veröffentlicht wurde.[5] Unter dem Titel „Kaufrufe und Strassenhändler. Einzelblätter und Graphikfolgen des 16.–19. Jh.“ folgte in den Jahren 1976 bis 1978 eine Serie von Ausstellungen in Bremen, Frankfurt (Main), Wolfenbüttel und Hamburg.[6] Die Bezeichnung Kaufruf schien damit auf dem deutschen Grafikmarkt fest etabliert, als Heimeran 1978 das reich illustrierte Werk „Händlerrufe aus europäischen Städten“ von Robert Massin veröffentlichte. C. P. Maurenbrecher festigte 1980 mit seiner an ein breites Publikum gerichteten Edition Europäische Kaufrufe den von Ernst L. Hauswedell im Grafikhandel eingeführten Gattungsbegriff, bedauerte aber zugleich, dass „das zunächst gebräuchliche ‚Ausruf‘ heute von dem weniger glücklichen, weil begrifflich engeren ‚Kaufruf‘ verdrängt ist.“[7] Hilfreich ist ein „Register der entwerfenden und ausführenden Künstler“.[8]

Seitens der volkskundlichen Arbeits- und Geräteforschung hatte bereits 1969 Wilhelm Hansen auf „eine förmliche Schwemme an Ausruferzyklen“[9] des 18. Jahrhunderts verwiesen und als Beleg die Lipperheidesche Kostümbibliothek und deren Sammlungsbestände genannt.

Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit waren viele Menschen nicht des Lesens und Schreibens kundig. Sie waren auf Nachrichtenübermittlung per Ausruf angewiesen. „Offizielle Verlautbarungen, Waren, verlorene Kinder, Einberufungen, Beerdigungen, Versammlungen der Bruderschaften usw. wurden durch vereidigte öffentliche Beamte ausgerufen.“[10] Die Anbieter von Waren und Dienstleistungen waren ebenfalls auf marktschreierisches Verhalten angewiesen, um ihre Kundschaft zu erreichen. „Der ‚Ausruf‘ oder ‚Kaufruf‘ unterscheidet die Wanderhändler grundlegend vom bodenständigen Handel.“[11] Fernand Braudel betonte, „die Kunst des Hausierers besteht ja gerade darin, Waren in kleinen Mengen an den Mann zu bringen, unterversorgte Zonen zu erschließen, zögernde Kunden zum Kauf zu bewegen und dabei weder Worte noch Mühen zu sparen […].“[12] Am Beispiel der Wiener Verhältnisse wird zudem die regionale und jahreszeitliche Vielfalt des ambulanten Handels deutlich, den die Kaufrufe im Hinblick auf Kleidung und Sprache einzufangen hatten.

„So strömten hier in Wien aus allen Teilen der Monarchie Menschen in ihren bunten Nationaltrachten zusammen, sie bevölkerten die Straßen der Stadt und boten die Waren, die sie mitgebracht hatten, in gebrochenem Deutsch oder in einem Dialcktgemisch singend an: der schlesische Leinwandhändler, der kroatische Zwiebelverkäufer, der slowakische Rohrdeckenhändler, der italienische Salamiverkäufer, der Tiroler Teppichkrämer oder der Orangenverkäufer aus der Gottschee (Krain).“

Hubert Kaut: Kaufrufe aus Wien, 1970[13]

Personengruppen

  • Zur Gruppe der Nachrichtenausrufer gehören Ausrufer mit Trommel und Flöte, Ausrufer der Lotteriegewinner, Nachtwächter
  • Das Anbieten von Dienstleistungen erfolgt durch Ausbesserer von Blasebälgen, Barbiere, Brunnenreiniger, Fayencenausbesserer, Fleckenentferner, Glaser, Hundekastrierer, Hundescherer, Kesselflicker, Laternenanzünder, Lastträger, Lumpensammler, Maikäfersammler, Plakatankleber, Rattenfänger, Scherenschleifer, Schornsteinfeger, Schuh- und Stiefelputzer, Straßenkehrer, Wasserträger, Wäscherinnen, Wahrsagerin, Zahnauszieher
  • Die Gruppe der Straßenkünstler umfasst ambulante Musikanten, Drehorgelspieler, Gaukler, Gliederverrenker, Guckkasten, Laterna magica-Vorführer, Leiermänner, Puppenspieler, Seiltänzer
  • Warenanbieter offerieren Lebensmittel: Apfelsinen, Austern, Backobst, Bohnen, Branntwein, Bratäpfel, Brombeeren, Butter, Erdbeeren, Essig, Haselnüsse, Kaffee, Käse, Kohlrüben, Krapfen, Lakritzenwasser, Lebkuchen, Limonade, Linsen, Makrelen, heiße Maroni, Milch, Mostrich, Oblaten und Waffeln, Pfannkuchen, Pfefferkuchen, Schollen, Seife, Spinat, Süßkartoffeln, Würste, Zitronen[14], Zuckerbirnen, Zwiebeln
  • Anbieter lebender Tiere: Ferkel, Grüne Aale, Hummer, Küken, Singvögel, junge Tauben
  • Warenanbieter offerieren Sachen: ABC-Täfelchen, Bänder, Barometer, Besen, Bilderbögen, Blasebälge, Brennholz, Eimer, Eisenwaren, Feuerstein und Schwamm, Fußmatten, Gläser, Grafiken, Heiligenbilder, alte Hüte, Kalender, Kämme, Kaninchenfelle, alte Kleider, Kleiderausklopfer, Kohlen, Körbe, Laternen, Lavendel, Lieder, Löffel, Mause- und Rattenfallen, Messer, Nelken, Reisigbündel, Rosenkränze, Sägespäne, Schachteln, Schirme, Sensen und Wetzsteine, Siebe, Statuen, Steckenpferde für Kinder, Streichhölzer, Stroh, Strohhüte, Teetassen, Tinte, Windmühlen als Kinderspielzeug, Zunder, Zwirn

Einzelne Motive aus ‚Le Cris de Paris‘ wurden von der Porzellanmanufaktur in Meissen nach einem 1750 erfolgten Paris-Besuch von Johann Joachim Kändler anhand mitgebrachter Grafiken von dem Modelleur Peter Reinicke in Form von 16 weiblichen und 15 männlichen Ausruferfiguren realisiert.[15] Auch die Capodimonte Porzellanmanufaktur in Neapel produzierte während ihrer aktiven Zeit zwischen 1743 und 1759 Ausruferfiguren. Auch die Chelsea Porcelain Manufactory, die erste bedeutende Porzellanfabrik in England, die um die Jahre 1743–45 in Betrieb kam, fertigte derartige Figuren. In Wien ging die Fertigung derartiger Figuren durch die Wiener Porzellanmanufaktur dem großen Kupferstichwerk von Christian Brand von 1775/76 voraus.[16]

„Gleichzeitig befaßten sich auch Musiker mit dem Tonmaterial der Rufe und verwerten es in Quodlibets und Chorsätzen. In Wien traten etwa nach 1740 fast gleichzeitig beide Gestaltungsmöglichkeiten, die visuelle und die musikalische, auf und beeinflussten einander wechselweise.“[17]

Werke

Deutschland

  • Berlin
  • Göttingen
    • Georg Daniel Heumann: Der Göttingische Ausruff von 1744.
    • Georg Daniel Heumann: Der Göttingische Ausruff von 1744. Neu herausgegeben und kommentiert von Rolf Wilhelm Brednich. Zweite verbesserte Auflage. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2021.[18]
  • Hamburg
    • Der Ausrufer in Hamburg vorgestellt in 120 kolorierten Blättern gezeichnet und geätzt von Professor Suhr. Hamburg 1808.
    • Faksimile von: Der Ausruf in Hamburg: vorgestellt in 120 colorirten Blättern ; mit Erklärungen begleitet gezeichnet, radiert und geäzt von Professor Suhr. Heymann und Kötz, Hamburg 1979. ISBN 978-3-920569-17-8.
    • Herbert Freudenthal (Hrsg.): Der Ausruf in Hamburg. 36 farbige Blätter nach Kupfern von Christoffer Suhr. Leipzig 1938, Neuaufl. Hamburg 1963.
  • Köln
    • Darstellung Kölner Straßenhändler, Einblattdruck, Stich von Franz Hogenberg[19]
    • „Kölner Kaufruf“ mit Straßenhandel und bürgerlichen Trachten, Einblattdruck des Kölner Druckers Johann Bussemacher aus dem Jahr 1613.[20]
  • Leipzig
    • „36 Bl. Die vollständige Folge der „Leipziger National-Trachten“. J. S. Richter sc. J. B. Klein excud. Gestalten des Wochenmarktes, Straßenhändler und -händlerinnen, Hausierer u. dergl. Koloriert. Kl.-4°.“[21] Thieme-Becker kennt noch eine 4. Folge mit Blatt 37 bis 48.[22]
  • Nürnberg
    • Ausrufende Personen in Nürnberg, mit den vornehmsten Prospekten der dortigen Hauptstraßen - nebst einer Beschreibung (2 Hefte, 11 Blätter)[23]

England

  • London
    • Marcellus Laroon: The cryes of the city of London drawne after the life = Les cris de la ville de Londres dessignez apres la nature = L'arti com[m]uni che uanno p[er] Londra fatte dal naturale. P. Tempest excudit. Printed & sold by Henry Overton at the White Horse without Newgate, London 1711.
    • Andrew White Tuer: Old London street cries and the cries of to-day, with heaps of quaint cuts including hand-coloured frontispiece. Old Lond. St. co., New York 1887[24]

Frankreich

  • Paris
    • Les Cris de Paris avec accompagnement de musique dessinés par Vathier, Paris 1822.

Italien

  • Bologna
  • Mailand
    • Angelo Biasioli: Raccolta di 30 costumi con altrettante vedute le più Interessanti della Città di Milano. Dissegnati ed incisi da diversi. Presso li fratelli Bettalli nella Contrada del Cappello N. 4031, Milano, 1821
    • Raccolta di 30 costumi con altrettante vedute le piu interessanti della citta di Milano dissegnati ed incisi da diversi. Camera di Commercio Industria Artigianato e Agricoltura, Milano 1983
  • Venedig
    • Gaetano Zompini. Le arti che vanno per via nella citta di Venezia, Venedig 1785[25]

Österreich

  • Wien
    • Johann Christian Brand: Zeichnungen nach dem gemeinen Volke besonders Der Kaufruf in Wien. / Etudes prises dans le bas peuple et principalement. Les Cris de Vienne 1775[26]

Russland

Schweiz

  • Basel
    • David Herrliberger: Basslerische Ausruff-Bilder, vorstellende diejenige Personen, welche in Basel allerhand so wol verkäuffliche, als andere Sachen, mit der gewohnlichen Land- und Mund-Art ausruffen : in 52. sauber in Kupfer gestochenen Figuren, mit hochdeutschen Versen von verschiedenen Einfällen nach der uralten Reimkunst begleitet. Zürich 1749.[27]
  • Zürich
    • David Herrliberger: Zürcherische Ausruff-Bilder, vorstellende diejenige Personen, welche in Zürich allerhand sowol verkäuffliche, als andere Sachen, mit der gewohnlichen Land- und Mund-Art ausruffen, in 52 sauber in Kupfer gestochenen Figuren, mit hochdeutschen Versen von verschiedenen Einfällen, nach der uralten Reimkunst begleitet. Zürich, 1748–1751.

Tschechien

  • Prag
    • Paul Nettl: Der Prager Kaufruf. Faksimile eines Portfolios mit 48 Radierungen (davon 36 handkolloriert) aus dem Jahr 1829.[28]

USA

  • New York
    • Solomon King: The Cries of New-York. Illustrated by fifteen original designs. 1830.[29]

Literatur

  • Karl Μ. Klier: Wiener Kaufrufe. In: Österreichische Musikzeitschrift 18.2 (1963), S. 56–68.
  • Ulrich Bauche u. Gisela Jaacks (Katalogbearb.): Der Ausruf in Hamburg. Ländliche Händler auf dem Markt. Ausstellung, 18. Mai–2. Dez. 1973, Museum für Hamburg. Geschichte, Hamburg 1973.
  • Gotthard Brandler (Hrsg.): Eckensteher, Blumenmädchen, Stiefelputzer. Berliner Ausrufer und Volkstypen. Koehler u. Amelang Leipzig 1989. ISBN 978-3-7338-0045-1.
  • Fernand Braudel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Bd. 2. Der Handel. Übers. aus d. Franz. von Siglinde Summerer u. Gerda Kurz. Kindler, München 1986. ISBN 978-3-463-40026-6 (Inhaltsverzeichnis)
  • Rolf Wilhelm Brednich: Der Göttingische Ausruff von 1744 und die europäische Ausrufergraphik. In: Rolf Wilhelm Brednich und Andreas Hartmann (Hrsg.): Populäre Bildmedien. Vorträge des 2. Symposiums für ethnologische Bildforschung Reinhausen bei Göttingen 1986, S. 9–18.
  • Susanne Breuss: Kreebs’n und Limonien, Schweewl und Bomad. Alltags- und konsumhistorische Aspekte der Wiener Kaufruf- und Volkstypendarstellungen um 1800. In: Wolfgang Kos (Hrsg.): Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit. Katalog zur Ausstellung im Wien Museum, 25. April bis 6. Oktober 2013. Brandstätter, Wien 2013, S. 152–157.
  • Elisabeth Golzar: Bilder führen durch den Klang der Stadt. Die Entwicklung der europäischen Kaufrufgrafik. In: Wolfgang Kos (Hrsg.): Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit. Katalog zur Ausstellung im Wien Museum, 25. April bis 6. Oktober 2013. Brandstätter, Wien 2013, S. 32–39.
  • Hubert Kaut: Kaufrufe aus Wien. Volkstypen und Strassenszenen in der Wiener Graphik von 1775–1914. Verlag Jugend und Volk, München 1970. ISBN 978-3-8113-6070-9 (Inhaltsverzeichnis)
  • Katharina Krause: Gefährliche Bilder. Milchfrauen, Lumpensammler und anderes Straßenvolk in der großen Stadt, Nomos, Baden-Baden 2023. (PDF Inhaltsverzeichnis).
  • Robert Massin: Les Cris de la Ville. Gallimard, Paris 1978 (dt. Händlerrufe aus europäischen Städten. Heimeran, München 1978, ISBN 3-7765-0269-X, übersetzt von Ulrike Bergweiler)
  • C. P. Maurenbrecher: Europäische Kaufrufe. Teil 1., Mitteleuropa, England, Russland (Die bibliophilen Taschenbücher, 163). Dortmund 1980.
  • C. P. Maurenbrecher: Europäische Kaufrufe. Teil 2., Paris, Lissabon, Neapel, Rom, Bologna, Mailand, Venedig und Konstantinopel (Die bibliophilen Taschenbücher, 172). Dortmund 1980.
  • Rudi Palla: Das Lexikon der untergegangenen Berufe. Eichborn, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-8289-4152-4.
  • Sean Shesgreen: The Cries of London from the Renaissance to the Nineteenth Century. A Short History. In: Roeland Harms u. a. (Hrsg.), Not Dead Things. The Dissemination of Popular Print in England and Wales, Italy, and the Low Countries, 1500-1820. Brill 2013, S. 115–152.
  • Moritz Ege, Jens Wietschorke: Figuren und Figurierungen in der empirischen Kulturanalyse. Methodologische Überlegungen am Beispiel der „Wiener Typen“ vom 18. bis zum 20. und des Berliner „Prolls“ im 21. Jahrhundert. In: Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie (LiTheS), 7(11) (2014), S. 16–35.
  • Sean Shesgreen: Hawkers, Beggars and Quacks: Portraits from 'The Cries of London'. Bodleian Libraries 2021. ISBN 978-1-85124-551-2.
  • Wolfgang Steinitz: Les cris de Paris und die Kaufrufdarstellung in der Druckgraphik bis 1800. München, Univ., Phil. Fak., Diss. v. 1971. Verlag Galerie Welz, Salzburg 1971.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI