Kenneth Craik
britischer Philosoph und Psychologe
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Kenneth James William Craik (* 29. März 1914 in Leith; † 8. Mai 1945 in Cambridge) war ein britischer Philosoph und Psychologe und Direktor der Applied Psychology Research Unit (APU) des Medical Research Council (Vereinigtes Königreich) am St John’s College in Cambridge.[1]



Leben
Er wurde in Edinburgh als Sohn des Rechtsanwalts James Craik und seiner Ehefrau Marie Sylvia Craik geboren. Er besuchte die Edinburgh Academy und studierte anschließend mit siebzehn Jahren Philosophie an der University of Edinburgh. Durch James Drever lernte er auch die Psychologie kennen und gewann das Hamilton- und später das Shaw-Stipendium. 1936 trat er dem psychologischen Laboratorium in Cambridge als Forschungsstudent bei. 1940 promovierte er an der Universität Cambridge. 1941 erhielt er ein Stipendium am St John’s College in Cambridge. 1941, nachdem er seine Dissertation erheblich erweitert und insbesondere einen Abschnitt hinzugefügt hatte, in dem er eine Reihe neuer wissenschaftlicher Instrumente zur Untersuchung und Messung verschiedener sensorischer und motorischer Funktionen beschrieb, wurde er zum Fellow am St. John’s College gewählt.
Während des Zweiten Weltkriegs diente er bei der Feuerwehr des Zivilschutzes. Zusammen mit Gordon Butler Iles leistete er bedeutende Fortschritte bei der Entwicklung von Flugsimulatoren für die Royal Air Force und führte umfangreiche Studien zu den Auswirkungen von Müdigkeit auf Piloten durch. Nach Ende dieses Einsatzes kehrte er an das St John’s College in Cambridge zurück und wurde 1944 erster Direktor der von ihm und Frederic Charles Bartlett gegründeten Applied Psychology Research Unit (APU) des Medical Research Council (Vereinigtes Königreich) in Cambridge.
Er starb im Alter von 31 Jahren bei einem Unfall, als am 7. Mai 1945 auf der Kings Parade in Cambridge ein Auto sein Fahrrad rammte. Er starb am folgenden Tag, dem VE-Day, im Krankenhaus.
Werk
Zu Beginn seiner Laufzeit standen physikalische, physiologische und psychologische Themen im Zentrum seines Interesses. Dabei wandte er sich speziell dem Studium der Sehphysiologe zu. Er wählte die visuelle Adaptation als ein allgemeines Problem und führte zahlreiche Experimente zur Hell- und Dunkeladaptation durch, auch zu den Bedingungen an und oberhalb der Schwelle, unter der das menschliche Auge am schärfsten unterscheiden kann, sowie zu einigen Phänomenen der visuellen Nachbilder.
Während seiner Dienstzeit beim Zivildienst wandte er diese Überlegungen auf die effektive Gestaltung von Radardisplays an. Dabei beschäftigte er sich hauptsächlich mit visuellen Problemen, insbesondere mit dem Sehen bei Nacht oder bei schlechten Sichtverhältnissen, mit der Gestaltung und Platzierung spezieller Beleuchtungssysteme und damit, wie visuelle Anzeigen auf den vielen Arten von mechanischen und elektrischen Instrumenten angeordnet werden sollten, um eine schnelle und genaue Interpretation zu ermöglichen. Er entwickelte auch das wahrscheinlich allererste Computermodell von menschlichen Fähigkeiten und wandte es auf die Aufgabe des Zielens mit Waffen während des Krieges an. Er erkannte, dass Maschinen bestimmte Funktionsprinzipien mit dem Gehirn teilen, und leistete Pionierarbeit in der Entwicklung der physiologischen Psychologie und der Kybernetik. In seinem Werk „The Nature of Explanation“ betrachtet er Denken als die bewusste Funktionsweise einer hochkomplexen Maschine und sieht das Gehirn als Rechenmaschine an, die äußere Ereignisse modellieren oder nachbilden kann; dieser Prozess ist das grundlegende Merkmal von Denken und Erklären. Diese Sichtweise wendete er auf eine Reihe psychologischer und philosophischer Probleme (wie Paradoxien und Illusionen) an und schlug mögliche Experimente zur Überprüfung seiner Theorie vor. Da dieses Werk vor dem Aufkommen digitaler Computer entstand, stützte er seine Ideen zwangsläufig auf analoge Geräte. In diesem Buch legte er den Grundstein für das Konzept der mentalen Modelle, wonach der Geist Modelle der Realität bildet und diese nutzt, um ähnliche zukünftige Ereignisse vorherzusagen. Damit gehörte er zu den Pionieren der Kognitionswissenschaft.

In seinen posthum erschienenen Arbeiten argumentierte er, dass der Mensch ein intermittierender Servomechanismus sei, der eine serielle ballistische Steuerung durchführe. Basierend auf frühere Experimente zur menschlichen kognitiven und motorischen Steuerung stellte er die Hypothese auf, dass der Mensch bei der Bewegungsplanung als negative Rückkopplungsschleife agiert. Der Mensch nimmt kontinuierlich sensorische Informationen auf, führt aber nicht kontinuierlich Aktionen aus. Stattdessen wählt er etwa alle 0,5 Sekunden eine Aktion aus. Diese wird dann von einem Regler im offenen Regelkreis für etwa 0,2 Sekunden ausgeführt („ballistische Bewegung“). Mit zunehmender Lernfähigkeit des Menschen wird die vom Regler im offenen Regelkreis ausgeführte Bewegung verfeinert, wodurch sich das menschliche System einem idealen kontinuierlichen Servomechanismus annähert.
Als Direktor der Applied Psychology Unit (APU) befasste er sich weiter mit visuellen Problemen wie Blendung und Adaptation sowie mit der Anpassung neuer Maschinentypen an den Menschen. Er war weiterhin ein Pionier in der Verwendung von Computertechnologie als theoretisches Modell für die menschliche Informationsverarbeitung. also von Wahrnehmung, Lernen und Problemlösung: er nahm dabei Ideen vorweg, die nach seinem Tod weite Verbreitung gefunden haben.
Ehrungen/Positionen
- Nach ihm benannt wurden der Kenneth Craik Club (eine interdisziplinäre Seminarreihe auf den Gebieten der Sinneswissenschaft und Neurobiologie) und das Craik-Marshal Building in Cambridge.
- 1945: Kenneth Craik Forschungspreis des St John’s College
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- The Nature of Explanation (1st Updated). Cambridge University Press, Cambridge 1967, ISBN 978-0-521-09445-0 (Erstausgabe 1943).
- The Nature of Psychology (Reprint). Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-13480-4.
- Personality and environment. SAGE Publications, Thousand Oaks 1978, ISBN 978-0-8039-1023-2.
- New Directions of Psychology (No. 4)
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Theory of the human operator in control systems. II: Man as an element in a control system. In: British Journal of Psychology, General Section, 1948, 38 (3), S. 142–148.
- Theory of the human operator in control systems. I: The operator as an engineering system. In: British Journal of Psychology, General Section, 1947, 38 (2), S. 56–61.
- Mit M. D. Vernon: Perception during dark adaptation. In: British Journal of Psychology, General Section, 1942, 32 (3), S. 206–230.
- Mit M. D. Vernon: The nature of dark adaptation. In: British Journal of Psychology, General Section, 1941 32 (1), S. 62–81.
- Mit O. L. Zangwill: Observations relating to the threshold of a small figure within the contour of a closed-lined figure. In: British Journal of Psychology, General Section, 1939, 30 (2), S. 139–150.
- The effect of adaptation upon visual acuity. In: British Journal of Psychology, General Section, 1939, 29 (3), S. 252–266.
Weblinks
- Literatur von und über Kenneth Craik im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- F. C. Bartlett: Obituary Dr. K. J. W. Craik auf Nature, abgerufen am 19. Januar 2026.
- Dr K J W Craik & Forty Years On: Kenneth Craik’s The Nature of Explanation auf Psychology Home Study Course vom 2. September 2017, abgerufen am 19. Januar 2026.
- Life and Legacy of Psychologist Kenneth Craik auf Zimbardo, abgerufen am 20. Januar 2026.
- The MRC Applied Psychology Unit, abgerufen am 20. Januar 2026.
- Daniel Williams: Predictive Minds and Small-Scale Models: Kenneth Craik's Contribution to Cognitive Science. In: Philosophical Explorations, 2018, 21 (2), S. 245–263, abgerufen am 20. Januar 2026.
Literatur
- A. F. Collins: The reputation of Kenneth James William Craik. In: History of Psychology, 2013, 16 (2), S. 93–111.
- Stephen L. Sherwood: The Nature of Psychology: A Selection of Papers, Essays and Other Writings by Kenneth J. W. Craik. Cambridge University Press, Cambridge 1966.
- Oliver Louis Zangwill: Craik, Kenneth James William. In: Richard L. Gregory (Hrsg.): The Oxford Companion to the Mind (S. 224–225; second ed.). Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 978-0-19-866224-2.