Keupstraße

Straße in Köln From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Keupstraße ist eine 890 Meter lange Straße im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Mülheim. Sie entstand im späten 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung und entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer Wohn- und Geschäftsstraße mit stark migrantisch geprägter Bevölkerung und Geschäftsstruktur. Heute ist sie vor allem für ihr Einzelhandels- und Gastronomieangebot bekannt, das überwiegend von türkisch- und kurdischstämmigen Unternehmern getragen wird.

Das Foto zeigt eine Straße mit mehrstöckigen Häusern auf beiden Seiten, aufgenommen bei Tageslicht unter blauem Himmel. Die Gebäude links und rechts haben helle oder pastellfarbene Fassaden, teils mit Schildern und Markisen. Im Vordergrund steht ein blaues Straßenschild mit der Aufschrift „Keupstr.“ über der Straße.  Auf beiden Straßenseiten sind zahlreiche Autos parallel geparkt, darunter weiße, silberne und dunkle Fahrzeuge. Links im Bild befindet sich ein Döner-Imbiss mit der Aufschrift „Yaprak Döner“, daneben weitere Geschäfte mit auffälliger Beschriftung, unter anderem ein Laden mit rotem Leuchtschild „Chef“. Einige Fahrräder stehen am Rand.  Bäume mit grünem Laub stehen beidseitig der Straße, ihre Kronen reichen teilweise über die Fahrbahn. Stromleitungen und Lichterketten spannen sich über die Straße hinweg. Die Perspektive zeigt die Straße in Tiefe und verjüngt sich leicht zum Horizont hin.
Keupstraße 19–21/Schanzenstraße (2025)

Bundesweite Bekanntheit erlangte die Keupstraße durch den Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004, bei dem 22 Menschen verletzt wurden. Die Tat wurde später der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugerechnet und gilt als ein zentrales Ereignis in der deutschen Auseinandersetzung mit rechtsextremem Terrorismus und institutionellem Rassismus.

Lage

Die Keupstraße beginnt am Zusammentreffen der Dünnwalder Straße mit der Mülheimer Freiheit und verläuft in einem Bogen zur Bergisch Gladbacher Straße in unmittelbarer Nähe zum Wiener Platz. In der Nähe liegt das Schanzenviertel, ein ehemaliges Industrieviertel des 19. Jahrhunderts, in dem mittlerweile mehrere kulturelle Einrichtungen (Kölner Schauspiel, E-Werk u. a.) sowie junge Unternehmen, u. a. der Medienbranche, ansässig sind.[1] Sie wird durch die wichtigste Kreuzung Clevischer Ring (Teil der Bundesstraße 8) durchtrennt.

Namensgebung

Die Keupstraße wurde am Ende des 19. Jahrhunderts als Wolfsstraße bebaut. Im Kölner Stadtplan von 1899 ist sie so auch noch verzeichnet. Am 9. April 1913 wurde sie nach Maria Sibylle Petronella Keup (* 23. März 1811 als Sibylle Petronella Wolff; † 7. Juni 1890) umbenannt.[2] Mit ihrem Ehemann Kaspar Keup wohnte sie am Beginn der Wolfsstraße, wo die beiden einen Getreidehandel betrieben.[3] Die Grundbesitzer Keup verkauften ihre Agrarflächen an die Eisenbahngesellschaften und an das Unternehmen Guilleaume, wodurch sie erhebliches Vermögen erwarben. Nach dem Tod ihres Mannes stiftete die kinderlose Witwe Keup 1870 ihr Haus mit Garten und Geld für den Bau des katholischen Dreikönigshospitals. Hier fanden 1880 bereits 60 Kranke Aufnahme.[4] 1930 erfolgte die Grundsteinlegung für einen Erweiterungsbau.[5] Es existierte als ältestes Mülheimer Krankenhaus bis 1975 und wurde 1979 niedergelegt. Seit 1984 steht dort (Nr. 2a/4) das Norbert-Burger-Seniorenzentrum, ein Altenheim des Arbeiter-Samariter-Bundes, errichtet vom Architekten Gisbert Brovot.

Geschichte

Handgezeichnete Karte von Mülheim mit einem gelb markierten Straßenverlauf
Der Verlauf der Keupstraße von der Freiheit zum ev. Friedhof vor ihrer Bebauung; Preußische Uraufnahme 1836–1850

Gründerzeit

Mietskaserne Keupstr. 97–99

Der heutige Stadtteil Mülheim war zur Zeit des Baus der damaligen Wolfsstraße eine selbständige Stadt, die erst am 1. April 1914 nach Köln eingemeindet wurde. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachte einige Betriebe der Metallverarbeitung in die Stadt Mülheim, so 1851 die Bleiweißfabrik „Lindgens & Söhne“,[6] 1872 die Schamottefabrik „Martin & Pagenstecher“, 1872 das Walzwerk „Böcking & Cie“ und 1874 die Drahtseilerei „Felten & Guilleaume“.

Für die hier beschäftigten, meist ungelernten Arbeiter wurde die Wohnbebauung „in betrieblich günstiger Lage“ errichtet.[7] Die Bebauung folgte den betrieblichen Grenzen entlang einer Landstraße von Mülheim nach Buchheim. Diese begann an der Freiheit (heute „Mülheimer Freiheit“) im Westen und führte über die Äcker und Wälder vor der Stadt im Südosten. Dort befand sich der Schänzchesweg (heute „Schanzenstraße“), wo damals die Mülheimer ihr Brennholz (ihre „Schänzchen“) beschafften.[2] Bereits außerhalb der Stadtgrenze von Mülheim lag der evangelische Friedhof, wo heute die Keupstraße auf die Bergisch Gladbacher Straße trifft.[8] Obschon im vorderen Teil der Wolfstraße auch Bürgerhäuser errichtet wurden, war sie überwiegend als Teil eines Arbeiterviertels geplant. So ließ das von Franz Carl Guilleaume gegründete Carlswerk, Hersteller von Drähten und Kabeln, zwischen 1874 und 1900 die heute noch existierenden Mietskasernen in der Keupstraße 97 bis 117 für die Arbeiter errichten.[9] Diese wiesen einen einfachen Wohnstandard auf. Das betraf beispielsweise die sanitären Anlagen.[7] Viele Gebäude waren aber von Anfang an auch als Standort kleinerer Geschäfte und Produktionsstätten angelegt, mit einem Schwerpunkt auf Geschäften des täglichen Gebrauchs.[10]

Die Straße mit ihrer proletarischen Bevölkerung und dem regen Straßenleben galt früh als „verrufen“.[10] Zugleich entwickelte sie sich zur Einkaufsstraße für den einfachen Bedarf der Bevölkerung vor Ort und prosperierte daher wirtschaftlich.[7]

In der Keupstraße Nr. 53 und Nr. 55 befand sich um 1902 das Restaurant „Zur Erholung“ von Jakob Saal. Im Nebengebäude hatte sein Bruder Thomas Saal eine Metzgerei.[11]

Frühes 20. Jahrhundert

1908 eröffnete in der Keupstraße 69 der Gastwirt Josef Kühbach als sein zweites Mülheimer Kino das Central Lichtspielhaus. Es wurde 1925 in Lichtschauspiele umbenannt und schloss nach mehreren Besitzerwechseln vermutlich 1937.[12]

Köln – Keupstraße 19–21/Schanzenstraße (1926)

Zwischen 1911 und dem Ende der 1920er Jahre[13] fuhr eine Straßenbahn durch die Keupstraße. Die elektrische Bahn fuhr als Ringbahn durch Buchheimer Straße, Mülheimer Straße, Keupstraße und Montanusstraße zum damals neuen Bahnhof Mülheim und durch die Frankfurter Straße wieder zurück zum Wiener Platz. Sie wurde von der 1908 bis 1932 existierenden Mülheimer Kleinbahnen AG betrieben.[14]

Einen ersten Niedergang erlebte die Straße nach dem Ende des Ersten Weltkriegs infolge der hohen Arbeitslosigkeit in Köln. Es kam zu Verfallserscheinungen und teils zu Abrissen von Arbeiterwohnungen, denen auch ein Teil der Geschäftsstruktur zum Opfer fiel. Mit dem Wachstum der rüstungsrelevanten Industrie in den 1930er Jahren kehrte sich dieser Prozess um, und die Keupstraße gewann wieder an Bedeutung als Wohn- und Geschäftsstandort.[7]

Nachkriegszeit

Die im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise wenig beschädigte, aber auch nicht wesentlich sanierte Arbeitersiedlung erlebte nach dem Krieg eine weitere Phase des Verfalls. Das Wohnviertel war aufgrund von Emissionen der rechtsrheinischen Industrie kaum attraktiv für wohlhabendere Menschen, sodass es als sozialer Brennpunkt der wirtschaftlichen Erholung der umliegenden Industrie hinterherhinkte. Letztere war nach wie vor Eigentümerin der meisten Immobilien. Als ab den 1960er Jahren sogar Arbeiter die Straße verließen, belegte die Kabelfabrik, die angesichts von Personalmangel im Wirtschaftswunder aktiv Gastarbeiter angeworben hatte, leere Wohnungen mit griechischen, spanischen und schließlich türkischen Gastarbeitern aus deren erster Unterkunft in Firmenbaracken. Dies führte zu einem weiteren Wandel der Bewohnerstruktur der Straße und zu einem Rückgang des Anteils von Menschen, die Sozialhilfe bezogen.[7]

1970er Jahre

In der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre entließ Felten & Guilleaume bei gedrosselter Produktion viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wobei die zuletzt angeworbenen, meist türkischstämmigen Gastarbeiter zu den ersten Entlassenen gehörten. Migrantischen Arbeitnehmern aus anderen Nationen gelang häufig der Wegzug in „bessere“ Stadtteile, während Türken mit alteingesessenen Mülheimern im Viertel verblieben. Eine Möglichkeit zur Bestreitung des Lebensunterhalts war die Übernahme aufgegebener kleiner Geschäfte vor Ort, die auf diese Weise erhalten blieben – beinahe in jedem Haus gab es ein Ladenlokal oder sogar mehrere. Auf diese Weise gelang eine Überwindung der Strukturschwäche und ein Erhalt der Wohn- und Geschäftsstruktur mit weitgehend inhabergeführten Läden des einfachen und mittleren Bedarfs, was die Entwicklung der Straße bis heute von anderen unterscheidet, die sich zu reinen Wohnstraßen entwickelten.[7]

Entwicklung ab den 1980er Jahren

Mehrstöckige Wohnhäuser mit durchgehenden Ladenzeilen
Blick in die Keupstraße von Südosten (2026)

Es folgte ein bis heute bestehender Ausbau und Erhalt des kleinteiligen Geschäftsangebotes auf der Keupstraße durch zumeist türkisch- und kurdischstämmige Geschäftsinhaber und familiengeführte Betriebe in den Bereichen Gastronomie, Handel und Dienstleistungen. Einige Geschäfte und Geschäftsideen überdauerten Jahrzehnte, andere wie etwa Callshops, verschwanden mit der Zeit oder wurden angepasst. Inzwischen hat sich in der Straße ein geschäftlicher Schwerpunkt auf die Vorbereitung von Feierlichkeiten in puncto Schmuck, Mode und Konditoreien entwickelt. Weitgehend erspart blieb der Straße der Einzug von „Ein-Euro-Läden“ und Franchise-Ketten, wie er etwa in der nahen Hauptgeschäftsstraße Frankfurter Straße typisch ist.[15]

Mietskaserne Keupstraße 109, 111 (2026)

Im Jahr 1995 gründeten Anlieger die Interessensgemeinschaft (IG) Keupstraße, zunächst unter dem Vorsitz von Ali Demir, ab 2005 dann mit Seyran Erdogdu und ab 2008 mit Mitat Özdemir als Vorsitzenden. Nach einer Phase, in welcher der Verein nur noch wenig in Erscheinung trat, übernahm mit Meral Şahin erstmals eine Frau den Vorsitz.[16] Sie wurde zur Stimme der IG, auch in den kritischen Auseinandersetzungen zu den Ermittlungen und zum Gedenken an den Bombenanschlag von 2004. Von ihr stammt das Zitat

„Was in der Türkei passiert, das passiert in der Türkei. Die Keupstraße ist eine deutsche Straße.“

Meral Şahin: TAZ vom 3. Juli 2016[17]

bezogen auf die unterschiedlichen Ethnien der Anlieger und ihre sehr verschiedenen Haltungen zur politischen Lage in der Türkei.

Die IG Keupstraße kümmert sich um die Beleuchtung der Straße zu Weihnachten oder zum Ramadan und veranstaltet jährlich zum Iftar (Fastenbrechen) eine öffentliche Freiluftmahlzeit für 2500 Menschen, die an einer langen Tischreihe auf der Straße Platz finden.[18]

Bombenanschlag 2004

Farbfotografie einer Ausstellungswand in einem Innenraum. Im Vordergrund liegt ein Fahrrad mit dunkel-metallisch glänzendem Rahmen und klar erkennbaren Speichenrädern. Das Fahrrad  zeigt deutliche Dellen und Verformungen im Rahmen und an den Schutzblechen. Dahinter hängt eine große weiße Wandtafel mit Texten und Fotografien, die wie Informationstafeln wirken. Links ist ein Stück eines Monitors mit einem Ausschnitt aus einem Überwachungsvideo erkennbar. Rechts steht eine Frau, die etwas erklärt.
Blick in die Ausstellung Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal der Initiative Keupstraße ist überall. Im Mittelpunkt eine von Odo Rumpf erstellte Replik des für den Anschlag benutzten Fahrrades im Zustand nach der Explosion (2026)

Die Keupstraße erlangte bundesweite Aufmerksamkeit durch den rechtsterroristischen Nagelbombenanschlag am 9. Juni 2004. 22 Personen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. An mehreren Ladenlokalen entstanden erhebliche Sachschäden. Der Friseursalon in der Keupstraße 29, vor dem die Täter ein Fahrrad mit einer Nagelbombe abgestellt hatten,[19] wurde durch die Wucht der Detonation völlig verwüstet. Zahlreiche geparkte Autos wurden durch die Explosion und die umherfliegenden Nägel beschädigt.

Über den Täter, das Motiv und weitere Hintergründe herrschte über viele Jahre hinweg Unklarheit. Nach der Tat konzentrierten sich die Ermittlungen der Behörden zunächst auf die Annahme einer Straftat im kriminellen Milieu oder im Umfeld der betroffenen, vorwiegend migrantisch geprägten Geschäftstreibenden.[20] Motive wie Auseinandersetzungen im Drogen- oder Rotlichtbereich, Schutzgelderpressung oder ein Streit im Milieu wurden öffentlich erwogen, während ein rechtsextremistisch motivierter Anschlag von den Ermittlern nicht angenommen wurde – eine entsprechende Aussage traf der damalige Innenminister Otto Schily bereits am Tag nach dem Anschlag. Die Opfer erfuhren weder öffentliche Sympathie, noch erhielten sie psychologische Unterstützung, vielmehr galten sie bald selbst als Verdächtige.[21]

Erst nach der Selbstenttarnung der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) im November 2011 konnte der Anschlag diesem rechtsextremen Netzwerk zugeordnet werden.[22] Somit zeigte sich, dass die anfängliche Fokussierung auf ein vermeintlich kriminelles Umfeld unter Migranten und die Vernachlässigung eines rechtsradikalen Motivs die Ermittlungen über Jahre hinweg prägten.[20]

Eine Kampagne des Bundesinnenministeriums löste im Sommer 2012 Unmut aus: In der Keupstraße wurden kartonweise Flugblätter gegen Islamismus verteilt. Muslimische Verbände wie auch Kölner Kommunalpolitiker empfanden es als unsensibel, dass diese Kampagne ausgerechnet in der Keupstraße begann, wo das Attentat lange Zeit irrtümlich potenziell islamistischen Tätern zugeschrieben worden war.[23]

Gruppenfoto von der Pressekonferenz zu Großkundgebung Birlikte – Zusammenstehen (2014)

Vom 7. bis 9. Juni 2014 fand die Großkundgebung „Birlikte – Zusammenstehen“ anlässlich des 10. Jahrestages des Attentats statt. Ein Open-Air-Straßenkulturfest setzte künstlerische und musikalische Zeichen gegen den Anschlag, Rassismus und rechtsextremistische Gesinnung. Neben Oberbürgermeister Roters und der Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Keupstraße e. V., Meral Şahin, beteiligten sich die Musiker Wolfgang Niedecken, Peter Maffay und Udo Lindenberg mit einem Open-Air-Konzert. Das Schauspiel Köln beteiligte sich mit dem Theaterstück Die Lücke unter der Regie von Nuran David Calis, das die Ermittlungen nach dem Anschlag aus Sicht der Anwohner schildert. Auf der Abschlusskundgebung sprach Bundespräsident Joachim Gauck.[24]

Eko Fresh rappte über den Anschlag in seinem Lied Es brennt (2014), der Dokumentarfilm Der Kuaför aus der Keupstraße von Andreas Maus (2016) ließ Opfer und Anwohner zu Wort kommen. Die Initiative Keupstraße ist überall wurde gegründet, die sich gesellschaftlich gegen Rassismus engagiert.

Mahnmal

Straßenkreuzung mit Zebrastreifen. Hinten links ein flaches Ziegelgebäude der ehemaligen Werksfeuerwehr, wo perspektivisch ein Mahnmal für den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße entstehen soll
Geplanter Standort für das Mahnmal zum Nagelbombenanschlag an der Kreuzung Schanzenstraße (2026)

Nach der Aufklärung des Bombenanschlages und der Zuordnung zur Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund Ende 2011 wurden Forderungen nach einem Ort des Gedenkens in der Keupstraße oder in unmittelbarer Nähe laut. Hierzu gibt es einen Ratsbeschluss aus dem Jahr 2015 und eine Ausschreibung, in welcher sich der künstlerische Entwurf von Ulf Aminde durchsetzte. Um die Realisierung am Standort Keupstraße/Schanzenstraße, am Rande der ehemaligen Werksfeuerwehr von Felten & Guilleaume, entspann sich ein jahrelanges Ringen zwischen den beteiligten Initiativen IG Keupstraße, Keupstraße ist überall, Herkesin Meydani – Platz für Alle, der Kommunalpolitik und privaten Investoren, die das Gelände erschließen und bebauen möchten. Während der Standort inzwischen als gesichert gilt, ist der Baubeginn aufgrund von Auseinandersetzungen um die Umsetzung der Großbaustelle für die Gesamtbebauung noch nicht absehbar.[25][26][27] Derzeit (Stand Frühjahr 2026) wird das Gelände zudem von obdachlosen, drogengebrauchenden Menschen zum Konsum und zur Übernachtung genutzt und verwahrlost.[28]

Rezeption als migrantisch geprägte Wohn- und Geschäftsstraße

In der öffentlichen Wahrnehmung zeigte sich lang eine Ambivalenz gegenüber der migrantisch geprägten Straße. Dies schlägt sich auch in Bezeichnungen wie „Klein-Istanbul“ oder „Istanbul von Köln“[29] nieder, die exotisierend-positiv, aber auch abwertend gebraucht werden. Oftmals wurde die Straße als „Parallelgesellschaft“, „Ghetto“ oder Symbol für eine gescheiterte Integrationspolitik wahrgenommen.[30] In einem Artikel aus der Zeit aus dem Jahr 2008 hieß es dazu gar: „Deutsche Passanten sind so selten wie in einem kurdischen Dorf“.[31] Auch wenn diese Metapher kaum einer Überprüfung standhalten dürfte, wird dadurch ein Problem der angeblichen ethnischen Homogenität in der Keupstraße adressiert.[15]

Zum Verdacht einer „Parallelgesellschaft“ stellte der Sozialwissenschaftler Wolf-Dietrich Bukow die öffentliche Wahrnehmung der Keupstraße derjenigen der linksrheinisch gelegenen Weidengasse im Eigelsteinviertel gegenüber.[2] Anders als die „Parallelgesellschaft“ Keupstraße sei die Weidengasse etwa in den 2000er-Jahren in einem Bildband als Beispiel einer erfolgreichen „deutsch-türkischen“ Einkaufsstraße dargestellt und als Modell eines „ethnic theme park“ wahrgenommen worden, obschon die Keupstraße eine vergleichbare wirtschaftliche Dynamik aufweise.

Bukow interpretiert diesen Gegensatz als Ausdruck einer ambivalenten, von gesellschaftlichen und politischen Stimmungen geprägten Wahrnehmung von Migration und Urbanität. Einwanderung finde demnach vor allem dann Anerkennung, wenn sie sich in ein bürgerlich-deutsches Milieu einfüge und wirtschaftlichen Erfolg symbolisiere. Im Fall der Keupstraße habe sich diese Wahrnehmung auch nach dem Nagelbombenanschlag 2004 gezeigt, als die Ermittlungsbehörden die Täter zunächst im türkischen Milieu der „kriminelle Enklave“ vermuteten. Die positive Hervorhebung der Weidengasse im Gegensatz zur eher proletarischen Keupstraße bezeichnet Bukow als Beispiel eines „positiven Rassismus“, der urbane Vielfalt auf klischeehafte Erfolgserzählungen reduziere und andere Formen migrantischer Urbanität ausblende.[2]

In einer vom nordrhein‑westfälischen Sozialministerium in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 1999 wurde die Keupstraße als Beispiel für eine drohende „türkische Parallelgesellschaft“ beschrieben. Die Autoren warnten vor Ghettoisierung, sozialräumlicher Segregation sowie vor angeblich zunehmender „Verslumung“ des Viertels und interpretierten seine Entwicklung in erster Linie als Ausdruck kultureller Konflikte. Diese Sichtweise wurde später beispielsweise vom Soziologen Erol Yıldız kritisiert: Ethnografische Studien zeigten, dass die Keupstraße kein abgeschottetes Milieu darstelle, sondern ein durch Mobilität, unternehmerische Aktivitäten und vielfältige soziale Netzwerke geprägtes, dynamisches Stadtviertel. Die Straße sei eher ein Beispiel gelungener migrantischer Quartiersentwicklung, wobei die im öffentlichen Diskurs verbreiteten Begriffe wie „Parallelgesellschaft“ oder „Ghetto“ die tatsächlichen sozialen Praktiken und Kompetenzen der Bewohner verkenne.[32]

Unabhängig davon hat sich inzwischen in der Keupstraße eine positive „Orientalische Inszenierung“[33][34] etabliert, die bereits ins kulturell-touristische Angebot der Stadt integriert wurde.[35] Die Straße wird in Reiseführern erwähnt[36] und ist Ziel von Exkursionen[37][15], während das offene Fastenbrechen zum Ramadan tausende Menschen[18] anzieht.

Der zwielichtige Ruf, den die Straße bereits im 19. Jahrhundert genoss, blieb der Straße zugleich lange erhalten. In einzelnen Ladenlokalen kam es zur Aufdeckung von Drogenhandel[38][39][40] oder zu Auseinandersetzungen im Drogenmilieu.[41] Auch hat es seit August 2019 mehrere erfolgreiche Razzien gegeben (zuletzt am 21. Januar 2021), die Geldwäsche durch illegales Hawala mit großem Volumen wie auch in der vergleichbaren linksrheinischen Weidengasse am Eigelstein zum Vorschein brachte.[42] Insgesamt wird die Straße aber nicht als Kriminalitätsbrennpunkt oder Schwerpunkt der Drogenszene geführt. Ungeachtet dessen hatte der damalige Bundesgesundheitsminister und Bundestagsabgeordnete für Köln-Mülheim Karl Lauterbach, der von 2005 bis 2008 sein Wahlkreisbüro in der Keupstraße hatte, in der Fernsehsendung Markus Lanz am 8. Februar 2004 behauptet, die Keupstraße sei „einer der größten Umschlagplätze für Drogen in ganz Deutschland“. Dieser Behauptung war seitens der Kölner Polizei widersprochen worden, der zur Drogenkriminalität dort nur „gelegentliche Meldungen“ bekannt waren. Lauterbach nahm die Aussage schließlich zurück und entschuldigte sich gegenüber der Interessengemeinschaft Keupstraße dafür.[43]

Infrastruktur

Schaufenster mit einem Brautkleid
Fachgeschäft für Brautmode (2026)

Vor allem der südöstliche Teil der Keupstraße ist bekannt als eine Einkaufsstraße mit exotischem Flair. Die bestehende Infrastruktur aus Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomie ist auf den Bedarf und die Nachfrage Türkischstämmiger abgestimmt und wird von dieser Kundschaft angenommen, zugleich aber auch von vielen deutschstämmigen Kölnern und zunehmend von Touristen aufgesucht. Das Angebot setzt sich in der südlich angrenzenden Bergisch Gladbacher Straße über eine Reihe von Häusern weiter fort und wird so von insgesamt rund 100 Händlern und Dienstleistern abgedeckt. Besonders für türkische Hochzeitsgesellschaften hat sich die Keupstraße zu einem Anziehungspunkt entwickelt und gilt als die türkische Hochzeitsmeile Kölns.[44] Hier finden Hochzeitspaare Fachgeschäfte für Schmuck, Einladungskarten, Hochzeitsgeschenke, Dekoration und Brautmode.

Fassade einer Konditorei
Konditorei (2026)

Dazu kommen mehrere Kioske, Konditoreien, Änderungsschneiderei, Haushaltswarenhandel, Frisöre, ein Geschäft für Musik-Tonträger und ein türkischer Naturkostladen. Das gastronomische Angebot umfasst mehrere Imbisse, aber auch Cafés und anspruchsvollere Restaurants. Die Zahl der kleinen Lebensmittelgeschäfte, die lange das Bild dominierten, ist aufgrund der Konzentration im Lebensmittelhandel zugunsten von orientalischen Supermärkten zurückgegangen.

Heutige Situation

Altbauten mit Ladenlokalen
Altbauten mit Ladenlokalen (2026)

Die Straße wird von Wohnhäusern – teilweise mit Ladenlokalen – aus der Gründerzeit, dem frühen 20. Jahrhundert und Zweckarchitektur der Nachkriegszeit gesäumt. Insgesamt 31 Gebäude der Straße unterliegen dem Denkmalschutz. Ein Teilstück der Straße liegt direkt an der Werksmauer des angrenzenden Industriegeländes. Vor allem im südöstlichen Teil der Straße werden die Erdgeschosse der Häuser von mehrheitlich türkeistämmigen Kaufleuten, viele hiervon Kurden, als Ladenlokale genutzt. Hier wechseln sich die Geschäfte der unterschiedlichsten Branchen ab. In den Obergeschossen leben überwiegend Migrantenfamilien türkischer Herkunft. Einige Gebäude verfügen über eine Durchfahrt zu den Hinterhöfen. Dort befinden sich Hinterhäuser mit Wohnungen, weitere Gewerbebetriebe sowie zwei Moscheevereine. Die Fassaden sind teilweise im ursprünglichen Zustand erhalten geblieben, einige wurden modern gestaltet, andere wiederum mit orientalischen Ornamenten verziert.

Der Kern der Straße darf nur in eine Fahrtrichtung befahren werden. Durch eine Tempo-30-Beschilderung und spezielle Aufpflasterungen wird die Geschwindigkeit des fließenden Verkehrs in der tagsüber und bis in die späten Abendstunden belebten Einkaufsstraße beschränkt. Entlang der Fahrbahn befinden sich auf beiden Seiten städtisch bewirtschaftete Parkbuchten.

Rheinbrunnen, auch Dreikönigenbrunnen genannt (2010)

Eine sechsspurig ausgebaute Hauptverkehrsader durchschneidet die Keupstraße und grenzt den näher zum Rhein gelegenen Fortlauf vom geschäftigen Teil der Straße ab. Direkt daneben befindet sich die gleichnamige Haltestelle der Kölner Stadtbahn. Dieser kürzere Abschnitt dient vornehmlich als Wohngebiet. Hier wurde auch ein Kinderspielplatz angelegt. Die ersten Meter des Straßenzuges sind als Platzfläche gestaltet und verkehrsberuhigt. Hier wurde vor einigen Jahren das Norbert-Burger-Seniorenheim errichtet. Einige Sitzbänke und der gegenüber in jüngster Zeit erbaute Rheinbrunnen sollen zum Verweilen einladen.

Die Keupstraße ist als ein Zentrum des Lebens von Türkeistämmigen bekannt.[45] Im Bezirk Mülheim liegt der Ausländeranteil mit 32,3 % deutlich über dem städtischen Gesamtdurchschnitt (19,4 %).[46]

Sonstiges

Hin und wieder dient die Straße als Drehort für Filmaufnahmen. Im Januar 2007 wurde im WDR Fernsehen die Dokumentarfilmreihe Die Özdags über den Alltag einer türkischstämmigen Großfamilie ausgestrahlt, die hier eine Konditorei betreibt.

Im August 2011 wurde dort ein YouTube-Video des deutschsprachigen Rappers Eko Fresh gedreht, das vom Label Aggro.tv als Teil der Staffel Halt die Fresse im Internet verbreitet wird. 2025 drehte Eko Fresh das Musikvideo zu Friedrich, einer Kritik an Äußerungen von Friedrich Merz zu migrantischen Männern im Stadtbild, ebenfalls in der Keupstraße.[47]

Die Geschäftsleute und Anwohner der Keupstraße warben 2014 mit einem Youtube-Video mit dem Titel Die Keupstraße lebt für einen Besuch und Einkaufsbummel auf ihrer Straße. Darin präsentieren sie sich nicht in einer Opfer-Rolle, sondern als Gastgeber mit Charme und Humor. Regie führte der Journalist und Filmemacher Jürgen Kura.[48]

1980 wurde ein Essay von Achim Dümmler (Psychologe) und Ludger Reiberg (Germanist und Wirtschaftsgeograph, heute Studiendirektor im Schulamt der Stadt Köln) im Sammelband zu einem Kölner Literaturwettbewerb Beispielsweise Köln (Lamuv Verlag) veröffentlicht mit dem Titel Die Keupstraße in Köln Mülheim, ihre Geschichte, ihr Wandel und ihre Wirkung auf die Bewohner.

Auf der Keupstraße findet jährlich gegen Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan ein gemeinsames Fastenbrechen unter freiem Himmel statt. Das Fastenbrechen wird von den Geschäftsleuten der Keupstraße finanziert. Es gilt auch als Antwort auf den rechtsextremen Nagelbombenanschlag von 2004.[49]

Im Rahmen einer Sendung zur deutsch-türkischen Freundschaft drehte im Oktober 2025 Stefan Raab für die siebte Ausgabe der Stefan Raab Show einen Einspielfilm, in dem er in der Keupstraße verschiedene Geschäfte und Läden besuchte.[50]

Literatur

  • Wolf-Dietrich Bukow, Erol Yildiz: Der Wandel von Quartieren in der metropolitanen Gesellschaft am Beispiel Keupstraße in Köln oder: Eine verkannte Entwicklung? In: W.-D. Bukow et al. (Hrsg.): Der Umgang mit der Stadtgesellschaft. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2002, S. 91 - 94.
  • Geschichtswerkstatt Mülheim (Hrsg.), Geschichte und Gegenwart der Keupstraße, Juni 2016
Commons: Keupstraße – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Film Der Kuaför aus der Keupstraße zu den Folgen des Nagelbombenattentats und den Ermittlungen in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung

Einzelnachweise

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