Kiddicraft

ursprünglich britische Marke für Kunststoffspielzeug, unter der Vorläufer der Lego-Klemmbausteine vertrieben wurden From Wikipedia, the free encyclopedia

Kiddicraft ist eine ursprünglich britische Spielzeugmarke, die historisch als Wegbereiter der modernen Klemmbausteine gilt. Die von Gründer Hilary Page entwickelten und produzierten Kunststoffbausteine gelten als ein Vorläufer der Lego-Klemmbausteine.[1]

Schnelle Fakten
Kiddicraft
Besitzer/Verwender Hilary Page (1932–1957)
Hestair Group (1957–1989)
Bébé-Confort (1958–1989)
Fisher-Price (1990–2001)
Thorsten Klahold (seit 2023)
Einführungsjahr 1932
Produkte Spielwaren
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Geschichte

Gründung und Pionierarbeit (1932–1946)

Hilary Page gründete Kiddicraft im Jahr 1932. In den späten 1930er Jahren experimentierte Page als Pionier des Spritzgussverfahrens mit Kunststoffen.[2]

Pionierarbeit im Bereich Vorschulspielzeug

Kiddicraft leistete Pionierarbeit bei der Etablierung von Kunststoffspielzeug für das Kleinkindalter. 1937 führte Hilary Page die Produktlinie „Sensible Toys“ ein, die auf entwicklungspsychologischen Beobachtungen von Page in Kindergärten basierte.

Ein noch bis heute verbreitetes Produkt dieser frühen Kiddicraft-Produkte sind die „Building Beakers“ (Art.Nr. K2 Stapelbecher), die Page 1937 als hygienische und farbechte Alternative zu den damals üblichen lackierten Holzspielzeugen (russische Matrjoschka Puppen) entwickelte. Das grundlegende Design dieser ineinander stapelbaren Becher wurde später zum weltweiten Industriestandard und findet sich noch heute nahezu unverändert in den Sortimenten zahlreicher Hersteller wieder (beispielsweise in der Serie MULA von IKEA).

1939 meldete Page das Patent für die „Kiddicraft Self-Locking Building Bricks“ an (Britisches Patent Nr. 513.775). Ein weiteres maßgebliches Patent für Kunststoff-Bausteine wurde 1945 angemeldet und 1949 erteilt (GB633055A).[3] Die Maße der Steine entsprachen einem im Maßstab 1:7 verkleinerten britischen Standard-Backstein. Die Kunststoffsteine kamen 1947 auf den Markt.

Produktminiaturen mit Lizenzsystem

Ab den 1940er Jahren erweiterte Kiddicraft sein Sortiment um die „Kiddicraft Miniatures“. Hierbei handelte es sich um maßstabsgetreue Nachbildungen von Alltagsprodukten (vor allem vom britischen Markt), die primär für das Spiel im Kaufladen konzipiert waren.

Die Marke leistete hierbei Pionierarbeit im Bereich des frühen Lizenzmarketings: In Kooperation mit namhaften Herstellern wie Nestlé oder Kellogg’s wurden deren Produkte als realistische Kunststoff-Miniaturen produziert. Hierfür wurden Lizenzgebühren an die Hersteller abgeführt. Das war zu der Zeit eine neue Entwicklung am Markt.

Self-Locking Building Bricks

Historische Kiddicraft-Steine (unten links) im Vergleich mit modernen Lego-Steinen (oben rechts)

Auf der London Toy Fair 1947 (im Rahmen der British Industries Fair) stellte Kiddicraft die von Hilary Page entwickelten „Self-Locking Building Bricks“ vor. Um die Möglichkeiten des neuen Baustein-Systems aus Kunststoff zu demonstrieren, ließ Page von seiner Familie über 1,60 Meter hohe Wolkenkratzer-Modelle bauen. Diese Inszenierung sowie die Verwendung von farbigem Celluloseacetat – zu einer Zeit, als britisches Spielzeug noch überwiegend aus Holz oder Blech gefertigt wurde – sicherte Kiddicraft eine technologische Vorreiterrolle. Diese Bausteine spielten jedoch im Produktprogramm eine untergeordnete Rolle.[4]

Die Kiddicraft-Klemmbausteine hatten dieselben Abmessungen wie moderne Klemmbausteine gängiger Hersteller wie Lego, Cobi, Qman oder Mega Bloks und sind mit diesen kompatibel und verbaubar. Das Noppenmuster an der Oberseite der Steine gleicht den modernen Nachfahren. Von ihnen unterscheiden sich die Kiddicraft-Steine jedoch insofern, als sie innen gänzlich hohl sind und nicht die von Lego-Steinen gewohnten Hohlzylinder auf der Innen- bzw. Unterseite aufweisen, die in die Noppen an der Oberseite des darunterliegenden Steins greifen. Damit dennoch eine hinreichend feste Klemmverbindung erreicht wird, haben Kiddicraft-Steine an jeder Stirnseite einen vertikal über die gesamte Höhe des Steins verlaufenden Schlitz, der dem Stein elastische Verformbarkeit verleiht. Des Weiteren sind die vertikalen Kanten der Kiddicraft-Steine stärker abgerundet als diejenigen heute üblicher, zu ihnen kompatibler Klemmbausteine.

Marktführerschaft in Großbritannien

In der Folge stieg Kiddicraft zum führenden Anbieter von Kunststoffspielzeug im Vereinigten Königreich auf. Während viele Konkurrenten noch mit Materialknappheit und veralteten Fertigungsmethoden kämpften, exportierte Kiddicraft seine Produkte bereits Ende der 1940er Jahre in weite Teile des Commonwealth sowie nach Frankreich. Die Marke etablierte sich insbesondere durch den pädagogischen Ansatz der „Sensible Toys“, die gezielt für die frühkindliche Entwicklung in Kindergärten und Schulen konzipiert waren. Dokumente belegen, dass der Lego-Gründer Ole Kirk Christiansen Ende der 1940er Jahre Muster dieser Steine untersuchte und darauf basierend mit geringfügigen Änderungen seine eigenen „Automatic Binding Bricks“ entwickelte.[5]

Obwohl Hilary Page Patente für seine Bausteine in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz hielt, versäumte oder unterließ er eine Anmeldung in skandinavischen Ländern (nicht bekannt ob das aus versehen oder aus finanziellen Gründen geschah). Diese Lücke im Patentschutz ermöglichte es dem dänischen Unternehmen LEGO, ab 1949 eine nahezu identische Version der Steine in Dänemark zu produzieren und zu vertreiben, ohne Lizenzgebühren an Kiddicraft entrichten zu müssen.

Eigentümerwechsel und Einstellung (1957–2001)

Weiterführung und Verkauf an die Hestair Group (1957–1989)

Nach dem Tod (Suizid) von Hilary Page im Jahr 1957 wurde die Geschäftsführung von David Day übernommen, während Pages Witwe Oreline als Direktorin im Unternehmen verblieb. In dieser Phase konzentrierte sich die Marke verstärkt auf den Markt für Vorschulspielzeug.

Im Jahr 1977 wurde das Unternehmen an das Konglomerat Hestair verkauft, woraus die Firmierung Hestair-Kiddicraft hervorging. Unter der neuen Leitung wurden sowohl klassische Entwürfe fortgeführt als auch neue Produktlinien, maßgeblich gestaltet von David Day, eingeführt. Ein entscheidender historischer und wirtschaftlicher Markstein für die Marke war das Jahr 1981: Im Zuge eines Rechtsstreits mit dem Konkurrenten Tyco erwarb die LEGO-Gruppe alle verbliebenen Patente und Rechte am Kiddicraft-Design von Hestair-Kiddicraft für eine Summe von 45.000 Pfund Sterling, um die eigene Rechtsposition international, vor allem im laufenden Rechtsstreit mit der Firma Tyco, abzusichern.[5]

Der Markenname „Kiddicraft“ verblieb aber laut Aufzeichnungen des EUIPO bei Hestair.

Weiterentwicklung und die Ära „Phase Bébé Kiddicraft“ (1958–1989)

Nach dem Tod des Gründers Hilary Page im Jahr 1957 verlagerte sich der Schwerpunkt von Kiddicraft zunehmend von den ursprünglichen Baukastensystemen weg, hin zu hochwertigem Lernspielzeug für Säuglinge und Kleinkinder.

1953/54 wurde die „Kiddicraft Deutschland, Kurt Molineus KG“ gegründet und verkaufte nach schleppendem Start erfolgreich die recht hochpreisigen Kiddicraft-Produkte auf dem deutschen Markt.

1958 ging die Kiddicraft Deutschland mit der französischen Marke Bébé-Confort Sarl (heute zu Dorel Industries gehörig) zusammen und es entstand die Firma „Bébé-Confort Deutschland GmbH & Co. KG“.

In den 1970er und 1980er Jahren erlebte die Marke in Kooperation mit der französischen Spielzeugfirma Bébé / Minitoy (Philippe Mayer, langjähriger Freund und Partner von Hillary Page) und dem deutschen Geschäftsmann Kurt Molineus unter dem Namen „Bébé Kiddicraft“ eine zweite Phase großer internationaler Bekanntheit, die vor allem den kontinental-europäischen und deutschen Markt prägte.[5]

Kurt Molineus beendete 1975 die Kooperation mit Bébé Confort, nachdem es zu Unstimmigkeiten über die zukünftige Ausrichtung der Produktlinien gekommen war. Deren Änderung war seiner Meinung nach durch den demographischen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland nötig geworden.

Auch in Spanien gab es einen Lizenznehmer (Juguetes Racionales), der zwischen 1955 und 1975 Kunststoff-Spielzeug unter dem Markennamen Kiddicraft auf dem spanischen Markt vertrieb.

Das pädagogische Phasen-Konzept

Zentrales Merkmal dieser Ära war die konsequente Einteilung des Sortiments in aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen („Phasen“). Dieses System basierte auf Pages ursprünglicher Philosophie der „Sensible Toys“ (vernünftiges Spielzeug) und sollte Eltern eine Orientierungshilfe bieten:

  • Phase 1: Spielzeug zur Förderung der Sinne und Motorik für Neugeborene (z. B. Rasseln, Greiflinge).
  • Phase 2: Spielzeug für das Krabbelalter (z. B. Badespielzeug, erste Fahrzeuge).
  • Phase 3: Spielzeug zur Förderung der Koordination für Kleinkinder (z. B. Stapelbecher, Formensortierer).

Die Produkte zeichneten sich durch eine charakteristische Formsprache aus: robuster, abgerundeter Kunststoff in Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) kombiniert mit Weiß. Zu den bekanntesten Produkten dieser Zeit gehörten die Kiddicraft-Stapelbecher sowie das Activity Center für Kinderbetten.

Übernahme durch Fisher-Price (1990–2001)

Anfang der 1990er Jahre (ca. 1989–90) wurde Kiddicraft von dem US-amerikanischen Spielwarenkonzern Fisher-Price (später Teil des Mattel-Konzerns) übernommen. In der Folge wurden der Markenname „Phase Bébé“ schrittweise eingestellt und das Sortiment in das globale Portfolio von Fisher-Price integriert. Viele der ursprünglichen Kiddicraft-Designs blieben jedoch unter dem neuen Markennamen erhalten und beeinflussten die Gestaltung moderner Kleinkindspielzeuge maßgeblich weiter.

Fisher-Price nutzte die Marke allerdings ohne Bezug zum ursprünglichen Klemmbaustein-System. Im Jahr 2001 gab das Unternehmen sie endgültig auf.

Wiederbelebung der Marke 2022

Nachdem die Markenrechte über zwei Jahrzehnte ungenutzt geblieben waren, erfolgte im Jahr 2022 eine Neuregistrierung der Marke durch Thorsten Klahold alias Johnny’s World.[6] Durch einen verlorenen Rechtsstreit 2021 aufgrund Markenrechtsverletzung von in importierten Qman-Spielsets enthaltenen Spielfiguren entwickelte Klahold eine eigene Figur, für deren Vertrieb die Kiddicraft-Marke neuregistriert wurde.[7]

Galerie

Einzelnachweise

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