Kindereisenbahn Charkiw
Schmalspurbahn in Charkiw, Ukraine
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Die Kindereisenbahn „Kleine Südbahn“ (ukrainisch Дитяча залізниця „Мала Південна“ Ditjatscha salisnyzja „Mala Piwdenna“ (Abkürzung МП/MP), russisch Детская железная дорога „Малая Южная“ Detskaja schelesnaja doroga „Mala Juschnaja“ (Abkürzung МЮЖД/MJuScheD)) ist eine Schmalspurbahn in der ukrainischen Stadt Charkiw, die 1940 als Pioniereisenbahn eröffnet wurde. Der Bahnbetrieb wird von Kindern und Jugendlichen abgewickelt, die Betriebsführung liegt bei der Piwdenna Salisnyzja („Südbahn“), einer Direktion der ukrainischen Staatsbahn Ukrsalisnyzja.
| Kindereisenbahn „Kleine Südbahn“ | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Logo | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Streckenlänge: | 3,6 km | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Spurweite: | 750 mm (Schmalspur) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Streckengeschwindigkeit: | 50 km/h | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Streckenverlauf (grün) mit Stationen (blau) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Geschichte

1936 wurde der Bau einer Pioniereisenbahn in Charkow/Charkiw beschlossen, nachdem 1935 die erste Pioniereisenbahn der Sowjetunion in Tiflis eröffnet worden war. Jedoch begann der Streckenbau erst 1939.[1] Wegen zahlreicher Verzögerungen konnte am ursprünglich geplanten Eröffnungstermin der Gesamtstrecke zum 23. Jahrestag der Oktoberrevolution am 8. November 1940 lediglich ein vom Bahnhof Park aus nach 500 Metern stumpf endendes Gleis in Betrieb genommen werden, auf dem die 1940 an die Pioniereisenbahn gelieferte Dampflokomotive sowie ein einzelner Wagen zunächst in einer Richtung geschoben fahren mussten. Ende April 1941 betrug die Streckenlänge bereits 1500 Meter.
Im Juni 1941 wurde nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges der Fahrbetrieb eingestellt. In dieser Zeit demontierten die deutschen Besatzer die Gleise der Pioniereisenbahn, bauten sie jedoch im Sommer 1943 teilweise wieder auf, um die Bahn zum Munitionstransport zu verwenden.[2] Bis heute sind dadurch bei der Kindereisenbahn Schienen mit deutschen Walzzeichen zu finden.[3] Beim Rückzug der deutschen Truppen wurden viele Gebäude der Bahn sowie der einzige Personenwagen beschädigt oder zerstört, die Dampflokomotive wurde an einen unbekannten Ort gebracht.[2]
Nachdem Charkow im August 1943 von der Sowjetunion zurückerobert worden war, galt die Priorität des Aufbaus zunächst anderen Einrichtungen. Erst im Mai 1945 wurde der Wiederaufbau der Pioniereisenbahn beschlossen und nach weitestgehender Beseitigung der Schäden konnte der Betrieb als Pioniereisenbahn am 5. August 1945 wieder aufgenommen und die Strecke im Frühjahr 1946 in ihrer heutigen Länge fertiggestellt werden. Auch der ausgebrannte Personenwagen konnte wieder instand gesetzt werden. Die verschleppte Dampflokomotive wurde wiedergefunden, jedoch war nur noch der Tender brauchbar. Der Pioniereisenbahn wurden daraufhin eine andere Dampflokomotive sowie zwei zusätzliche Wagen zugeteilt. In der Folgezeit wechselte immer wieder das Rollmaterial. Die Mitgliederzahl der Pioniereisenbahner stieg von 70 im Jahr 1945 auf über 700 im Jahr 1949 an.[3]
- Bahnhof Park zu Zeiten der Pioniereisenbahn
- Dampfbetrieb, vermutlich Ende der 1950er Jahre
- Schiene mit Walzzeichen „Krupp 1909“ (2014)
1952 wurden die Formsignale durch Lichtsignale ersetzt. 1957 erhielt die Pioniereisenbahn erstmals eine Diesellokomotive und 1959 neue Personenwagen des polnischen Herstellers Pafawag.[4] Anfang der 1960er Jahre verfügte die Bahn über eine Dampflok, eine Diesellokomotive sowie zwei aus jeweils sieben und sechs Personenwagen bestehende Garnituren. Diesel- und Dampflokomotive wurden wegen des hohen Kraftstoffpreises gleichermaßen eingesetzt, an Feiertagen verkehrten zwei Züge. 1969 wurde die Strecke wegen des Ausbaus einer Straße zwischen der „Roten Brücke“ und der „Weißen Brücke“ neu trassiert.[5] Die neue Streckenführung in einem Einschnitt wurde am 26. Juli 1970 eröffnet. Die beiden Wagengarnituren erhielten die Namen „Orljonok“ (Орлёнок) und „Pionerskij“ (Пионерский).[6]
1985 wurde die letzte verbliebene Dampflokomotive abgestellt, 1986 eine zweite Diesellokomotive beschafft.[7] Im Rahmen eines Filmprojektes anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Bahn im Sommer 1990 wurde nochmals die Dampflokomotive auf der Strecke eingesetzt. 1991 erhielt die Bahn eine weitere Diesellokomotive, die für den Regelbetrieb jedoch nicht notwendig war; das Eisenbahnministerium hatte sie zur Unterstützung der Lokomotivwerke in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten während des Zerfalls der Sowjetunion beschafft. Der Fuhrpark erreichte damit seinen größten Umfang mit drei Diesellomotiven, einer Dampflokomotive, 19 Personen- und einem Güterwagen. In dieser Umbruchzeit ging jedoch das Interesse für Pioniereisenbahnen zurück, Vandalismus und Diebstahl an Gebäuden und Fahrzeugen nahmen zu. Um Kosten zu sparen, musste die Bahn ihre Fahrsaison verkürzen und Räume in ihrem Bildungsgebäude an externe Unternehmen vermieten. Auch eine Schließung der gesamten Einrichtung stand zur Debatte. Den Höhepunkt der Vandalismusvorfälle bildete die Zerstörung des Bahnhofes Lisopark durch einen Brand im Winter 1999/2000.
Seit 1996 heißen die beiden Garnituren „Orljatko“ (Орлятко) und „Barwinok“ (Барвінок). 1997 wurden mehrere Personenwagen, eine Diesellokomotive und die Dampflokomotive ausgemustert und verschrottet oder verkauft. Spätere Bemühungen, die Dampflokomotive auf die Kindereisenbahn zurückzuholen und für Nostalgiefahrten einzusetzen, scheiterten.
1999 wurde erstmals wieder in Neuerungen investiert: Dazu zählten ein neuer Fahrkartenschalter und ein Café am Bahnhof Park, neue Lichtsignale, elektrische Weichenantriebe sowie die Sanierung der Weichenwärterbuden. Alle Gebäude erhielten einen rosafarbenen Anstrich. Aus Anlass des 130-jährigen Bestehens der Südbahn-Direktion erhielten die Garnituren die Namen „Jubilejnuj“ (Юбилейный) und „Junost Juschnoj“ (Юность Южной).[8] Der Name „Jubilejnuj“ („Jubiläum“) wurde auch im Jahr 2000 während des 60-jährigen Kindereisenbahnjubiläums beibehalten, anschließend wurde die Garnitur in „Ukrajina“ (Україна) umbenannt.[9]
Am 1. Mai 2010 wurde anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Kindereisenbahn im Empfangsgebäude des Bahnhofes Park ein Museum eröffnet.[10] Bei einem Gleitbombenangriff am 7. Juli 2025 im Zuge des Russisch-Ukrainischen Krieges wurden einige Gebäude der Kindereisenbahn beschädigt und die Leiterin der Kindereisenbahn getötet. Die Kindereisenbahn war zu diesem Zeitpunkt aus Sicherheitsgründen geschlossen.[11]
Betrieb
Die Bahn wird heute wie zu Zeiten der Pioniereisenbahn von Kindern und Jugendlichen ab der fünften Klasse aus Charkiw und der Oblast Charkiw betrieben. Sie üben typische Bahnberufe als Dienstposten aus und werden so an das Eisenbahnwesen herangeführt. In der insgesamt dreijährigen Ausbildung wird sich für die Dienstposten nacheinander qualifiziert, unter anderem als Schaffner, Lautsprecheransager, Weichenwärter, Zugführer, Fahrdienstleiter oder Triebfahrzeugbegleiter. Im Fahrbetrieb werden sie dabei von erwachsenen Bahnhofsleitern, Triebfahrzeugführern und Zugbegleitern beaufsichtigt.
Die Mitgliedschaft ist kostenlos und ehrenamtlich und wird von der Südbahn-Direktion der ukrainischen Staatsbahn gefördert. Neben dem Fahrbetrieb und der Ausbildung finden auch Ausflüge statt. Für den Dienst wird den Kindereisenbahnern eine Uniform gestellt; besonders aktive Mitglieder erhalten zudem eine Ausgehuniform für offizielle Anlässe.[12]
Streckenbeschreibung
Verlauf
Die Kindereisenbahn befindet sich am nördlichen Stadtrand von Charkiw und führt in nordöstlicher Richtung vom Maxim-Gorki-Park zum Lisopark („Waldpark“). Unweit des Ausgangsbahnhofes Park befindet sich die Talstation einer Luftseilbahn.
Etwa 400 Meter vom Bahnhof Park entfernt führt die Strecke über eine kleine Brücke, die als „Rote Brücke“ bezeichnet wird, da die Geländer in den Anfangsjahren der Bahn rot angestrichen waren. Danach verlief die Strecke ursprünglich in einem leichten Bogen auf einem Damm und kreuzte eine Straße. 1969 wurde dieser Abschnitt begradigt und die Strecke in einen Einschnitt gelegt; die Straße führt seitdem mit einer Überführung über die Kindereisenbahn hinweg.[13]
Anschließend folgt das Wahrzeichen der Kindereisenbahn, eine Bogenbrücke aus dem Jahr 1941, die als „Weiße Brücke“ bezeichnet wird; auch sie war im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden. Danach folgen der Haltepunkt Memorial sowie einen halben Kilometer weiter der Endbahnhof Lisopark. In der Nähe des Bahnhofes befindet sich die Endstelle einer Straßenbahnlinie.
Auf der Strecke der Kindereisenbahn sind noch einige Schienen mit Walzzeichen von vor 1900 verbaut.[14] Immer wieder gab es auch Pläne zur Streckenerweiterung, unter anderem zu einem nie fertiggestellten Stausee im Lisopark; sie wurden aber nicht verwirklicht.
Die Strecke ist mit Blocksignalen in drei Blockabschnitte unterteilt.[15] Die zulässige Höchstgeschwindigkeit der Strecke beträgt 50 km/h, die Lokomotiven sind mit einer Sicherheitsfahrschaltung ausgestattet.
- ТУ2 vor dem Lokschuppen (2002)
- Viadukt „Weiße Brücke“ (2008)
- Walzzeichen „1880“ im Bahnhof Lisopark (2018)
Betriebsstellen
- Park
Der Bahnhof Park (ukrainisch und russisch Парк) ist der Hauptbahnhof der Kindereisenbahn. Das große, 1940 bis 1941 erbaute Empfangsgebäude verfügt über eine Empfangshalle, einen Warteraum für Fahrgäste, Toiletten, ein Museum zur Geschichte der Kindereisenbahn, drei Modellbahnanlagen sowie Räume für Fahrdienstleiter, Bahnhofsvorsteher und andere Betriebszwecke. Der Fahrkartenschalter befindet sich seit den 1980er Jahren in einem Kiosk außerhalb des Gebäudes. 1945 wurden zwei hölzerne Wärterstellwerke errichtet; der Fahrdienstleiterraum befand sich bis zu einer umfassenden Sanierung des Empfangsgebäudes 1964 in einem turmartigen Aufbau auf dem Dach des Gebäudes.[16]
Im Zweiten Weltkrieg wurden beim Rückzug deutscher Truppen der hölzerne Lokschuppen und der Wasserturm zerstört, das Empfangsgebäude beschädigt.[2] Der Lokschuppen wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut und schließlich 1958 durch ein Depot mit einem gemauerten Lokschuppen, einer Werkstatt und Unterrichtsräumen ersetzt. Zwischen 1988 und 1990 wurde ein separates zweistöckiges Gebäude mit einer Aula, einer Bibliothek und weiteren Unterrichtsräumen für die Ausbildung der Kindereisenbahner errichtet; zuvor existierte als Bildungsgebäude seit den 1950er Jahren bereits ein hölzerner Pavillon. Zudem existiert ein Wirtschaftsgebäude für Gleisarbeiter, in dem auch eine Draisine stationiert ist. Die beiden Bahnsteiggleise werden seit 2015 von einer Dachkonstruktion überspannt.[16]
- Schrankenposten
Ein erster Schrankenposten befand sich bis 1969 am Bahnübergang einer verkehrsarmen Straße. Er besaß ein Postenhaus, das 1946[3] errichtet worden war. Da die Straße ausgebaut werden sollte und mit einem deutlichen Anstieg des Kraftverkehrs zu rechnen war, wurde der Bahnübergang bei der Neutrassierung der Strecke durch eine Überführung ersetzt.
2010 wurde unweit des Bahnhofes Park eine neue Hauptstraße mit vier Fahrstreifen angelegt, für deren Kreuzung mit der Kindereisenbahn eine vierschlägige elektrische Vollschrankenanlage mit einem Postengebäude errichtet wurde. Vorher handelte es sich bei der Straße lediglich um einen Waldweg, der durch Kindereisenbahner mit Drehschranken gesichert wurde.[13] Der Bahnübergang gilt seitdem als der größte bei einer Kindereisenbahn.[15]
- Memorial
Der Haltepunkt Memorial (ukrainisch Меморіал, russisch Мемориал) wurde im Frühjahr 2000 errichtet und befindet sich unweit eines Denkmalkomplexes. Da der Haltepunkt in einer Steigung und zudem nur 500 Meter vom Endbahnhof Lisopark entfernt liegt, wird er nur an bestimmten Feiertagen zum Besuch der Denkmalanlage bedient.[17]
- Lisopark/Lesopark
Der Bahnhof Lisopark (ukrainisch Лісопарк) bzw. Lesopark (russisch Лесопарк) wurde bereits 1939 projektiert, konnte aber erst 1945 bei der Fertigstellung der Strecke errichtet werden. Das Empfangsgebäude war ein kleiner Backsteinbau mit Fahrkartenschalter, Fahrdienstleiterraum und Wirtschaftsraum, an den eine hölzerne Wartehalle angeschlossen war. Zusätzlich gab es zwei hölzerne Weichenwärterposten. 1948 wurde zur Versorgung der Dampflokomotiven ein Wasserturm errichtet.
Im Winter 1999/2000 zerstörte ein Brand das Empfangsgebäude und den Warteraum komplett. Daraufhin wurde als Ersatz lediglich ein kleiner Fahrkartenschalter mit einem überdachten Wartebereich errichtet. Während in früheren Zeiten fünf bis zehn Kinder unter Aufsicht eines Erwachsenen an dem Bahnhof Dienst taten, wurde beschlossen, den Bahnhof künftig unbesetzt zu lassen. Die Signale und Weichen werden seitdem vom Fahrdienstleiter im Bahnhof Park ferngestellt, ebenso die Lautsprecheransagen. Der Wasserturm ist noch vorhanden, aber ungenutzt und verrostet.[18]
- Empfangsgebäude des Bahnhofes Park (2021)
- Lokschuppen im Bahnhof Park (2008)
- Bau des Bahnüberganges und des Schrankenpostens am Bahnhof Park (2010)
- Haltepunkt Memorial (2008)
- Ausfahrsignale des Bahnhofes Lisopark (2018)
Fahrzeuge
Der Fuhrpark der Kindereisenbahn besteht heute aus den Diesellokomotiven ТУ2-054 und ТУ7А-3198 sowie den aus jeweils sechs Personenwagen bestehenden Garnituren „Junost Juschnoj“ (Юность Южной) und „Ukrajina“ (Україна). Ehemals verfügte die Bahn über die Dampflokomotiven ЛК-4-01, ЛК83-01, ЛК159-02 und Кв4-039 (gebaut von MÁVAG), außerdem über die Diesellokomotive ТЭУ3-001.
- ТУ7А im Bahnhof Park (2008)
- Innenansicht eines Personenwagens (2008)
Weblinks
- Website über die Kindereisenbahn (russisch/ukrainisch)
- Filme über die Pioniereisenbahn

