Kirche Polenz

Kirchengebäude in Brandis, Landkreis Leipzig, Sachsen From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Kirche zu Polenz ist das evangelische Kirchengebäude der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Polenz, einem Ortsteil von Brandis bei Leipzig im Landkreis Leipzig. Im September 2025 wurde das 300-jährige Bestehen der heutigen Kirche gefeiert.[1]

Blick zur Kirche Polenz vom Friedhofsportal (2025)
Kirche Polenz mit gekürztem Kirchturm
Kirche Polenz – Rückseite

Im Jahr 1970 wurde der Kirchturm um etwa die Hälfte verkürzt, wobei ein Zusammenhang mit dem nahe gelegenen Militärflugplatz Waldpolenz wahrscheinlich ist.

Geschichte

Modell der Kirche Polenz mit dem ursprünglich prachtvollen Kirchturm
Historische Ortsansicht (vor 1860) mit der Kirche Polenz und ihrer ursprünglichen Kirchturm-Kuppel

Der große romanische Taufstein aus Rochlitzer Porphyr mit einem Rundbogenfries ist ein Beleg dafür, dass es schon im 12. Jahrhundert eine Kirche in Polenz gab. Über einen Nachfolgerbau an gleicher Stelle um das Jahr 1440 sind außer den Baukosten von 2400 Talern keine Informationen überliefert.

Die Reformation wurde in Polenz bereits 1523 eingeführt: Der Rittergutsbesitzer Wilhelm von Lindenau holte Johannes Kress als ersten evangelischen Pfarrer in den Ort. Kress hatte zuvor eine entlaufene Nonne geheiratet.

Am 22. Juni 1722 wurde der Grundstein zum heute bestehenden Kirchenbau gelegt, die Bauarbeiten wurden 1725 erfolgreich abgeschlossen. Der Kirchturm war damals 36 Meter hoch und eine Landmarke im flachen Leipziger Land. Vom Turm aus verfolgte der Polenzer Pfarrer Gottlob Leberecht Schulze mit einem Fernrohr die Kampfhandlungen der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 und veröffentlichte später seine Beobachtungen. Schulze wirkte von 1809 bis 1823 in Polenz, gab Schulbücher heraus und entwarf das erste sächsische Volksschulgesetz.

Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche innen mehrfach umgestaltet, am umfassendsten 1878 nach Plänen des Baumeisters Altendorff aus Leipzig mit Kosten von 8.030 Mark. Dabei kam die Kanzel an die Nordseite, die Anzahl der Fenster im Altarraum wurden von sieben auf vier verringert und bekamen eine Buntverglasung, der Triumphbogen wurde eingezogen und das Kircheninnere farbig gestaltet.

Im Jahr 1970 wurde die angeblich stark geschädigte Turmhaube mit Laterne abgetragen. Gründe dafür waren neben fehlenden Baukapazitäten wohl auch das Bestreben der DDR-Behörden, Einblick in den nahe gelegenen Militärflugplatz Waldpolenz der Roten Armee der UdSSR zu verhindern – der Kirchturm verlor dadurch bis heute seine stattliche Erscheinung. In den 1970er Jahren konnte mit viel persönlichem Einsatz Dach und Außenputz erneuert werden. Der Turmstumpf wurde um 5 Meter erhöht und mit einem Zeltdach versehen.

Das Kircheninnere wurde 1828, 1878, 1893 sowie in den 1980er Jahren renoviert. Unter der Orgelempore gibt es eine beheizbare Winterkirche. Nach Sanierung von Kirchturm und Glockenstuhl wurde 2011 das Dach neu gedeckt.

Die Wetterfahne trägt die Jahreszahlen 1725 (Kirchweihe) und 1978 (Abschluss der Außenerneuerung). Daneben sind Josua und Kaleb zu sehen, die eine große Kalebstraube tragen. Hintergrund dafür ist die alttestamentliche Schilderung, wie das Volk Israel nach seiner Wüstenwanderung in das gelobte Land aufbricht und in eine gute Zukunft geht.[2]

Ausstattung

Taufstein und Altar

Altar der Kirche Polenz (2025)

Ältestes Ausstattungsstück ist der romanische Taufstein aus Rochlitzer Porphyr mit Rundbogenfries, der nun im Eingangsbereich der Kirche steht. Er verweist auf das Bestehen eines Kirchenbaus in Polenz bereits im 12. Jahrhundert.

1981 wurde der barocke Kanzelaltar der Kirche von Pulgar, die dem Braunkohletagebau weichen musste, aufgestellt. 2023 wurde dieser für den Altarraum wesentlich zu große Altar abgebaut und eingelagert, der vorige Altartisch kehrte an seinen angestammten Stellplatz zurück. Auch wurden die historischen Figuren des Paulus und Johannes wieder an der Wand hinter dem Altar angebracht. Zeitgleich wurden links und rechts im Chorraum vier neue, den Originalen nachempfundene Wandleuchter angebracht.

Orgel

Geißler-Orgel von 1878

Die Orgel hatte eine Vorgängerin, wie Reparaturbelege aus den Jahren 1783 und 1801 belegen. Mehr ist jedoch nicht bekannt.

Die heutige Orgel schuf 1878 der Orgelbaumeister Conrad Geißler (1825–1897) aus Eilenburg – sie hat 13 Register, zwei Manuale und Pedal.[3] Dank des umfangreichen Bürger-Engagements konnte die Orgel erhalten und 2016 von der Orgelbaufirma Peiter restauriert werden.

Das Hauptwerk enthält die für den Orgelklang typischen Prinzipalregister in verschiedenen Tonhöhen und einen Bordun, der eine Oktave tiefer klingt. Hinzu kommen die kräftige Doppelflöte mit zwei Labien an jeder Pfeife und ein sogenannter Streicher. Das zweite Manual hat ebenfalls je eine Flöten- und eine Streicherstimme in der Normallage und klingt so wie ein Echo zum ersten Manual. Die beiden Pedalregister mit Prinzipalbaß in Normallage und Subbaß eine Oktave tiefer bilden das klangliche Fundament der Orgel.

Das Orgelgehäuse mit flacher, zinnenbekrönter Fassade und den breiten Spitzbögen der fünf Pfeifenfelder verweist auf den englischen Tudorstil, der im 19. Jahrhundert häufig an repräsentativen Bauwerken Verwendung fand.

Um öffentliche Aufmerksamkeit für diese Geißler-Orgel zu wecken, wurde die Orgel im Juni 2018 zur „Sächsischen Orgel des Monats“ gekürt[4] und erklang zu einem Konzert in der gleichnamigen Veranstaltungsreihe am 23. Juni 2018 mit Markus Leidenberger, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.[5]

Laut Auskunft der Orgeldatenbank ORKASA[6] hat die Orgel im Jahr 2018 folgende Disposition:

I Manual Hauptwerk
1.Bordun16′
2.Prinzipal08′
3.Doppelflöte08′
4.Gambe08′
5.Oktave04′
6.Oktave02′
7.Mixtur III
II Manual Oberwerk
8.Salizional08′
9.Flauto traverso08′
10.Gemshorn04′
Pedal
11.Subbaß16′
12.Prinzipalbaß08′
13.Gedacktbaß08′

Glocken

Das aktuelle Geläut besteht aus zwei Bronze-Glocken: sie wurden im 13. Jahrhundert (Ton c″, unterer Durchmesser 680 mm, 275 kg) sowie im Jahr 1480 (Ton f′, unterer Durchmesser 1.030 mm, 675 kg) gegossen.[7]

Kirchgemeinde

Die Kirche Polenz und die Stadtkirche Brandis bilden seit 1978 eine Kirchgemeinde; ebenso die Bergkirche Beucha und die Kirche Albrechtshain. Pfarrer beider nunmehr vereinigten Kirchgemeinden ist Christoph Steinert aus Brandis.[8]

Jüngere Vergangenheit und Gegenwart

Im Jahr 2021 engagierte sich die Interessengemeinschaft (IG) „Kirchturm Polenz“ für die Wiederherstellung des historischen Kirchturms; für das Vorhaben war aus dem Bürgerfonds der Stadt Brandis[9] eine Anschubfinanzierung von 12.000 Euro in Aussicht gestellt. Die Kosten für den Turmaufbau wurden auf 700.000 Euro geschätzt. Ziel war, das Projekt im Jahr 2025 zur 300-Jahr-Feier der Kirche erfolgreich abzuschließen.[10] Das Vorhaben wurde nicht realisiert.

Geistliche

Pfarrer
  • 1522 – Kreß, Johann
  • 1529 – Götsching, Johann
  • 1541 – Voigt, Peter
  • 1563 – Tragen, Matthäus
  • 1568 – Moßdorf, Kaspar
  • 1571 – Büttner, Johann
  • 1608 – Gestewitz, Daniel
  • 1618 – Wilde, Balthasar
  • 1634 – Kretzschmar, Johann
  • 1638 – Viehweg, Kaspar
  • 1681 – Spengler, Johann Christian
  • 1695 – Alberti, Gottfried
  • 1713 – Rochau, Johann Gottfried
  • 1720 – Titius, Heinrich Wilhelm
  • 1748 – Gössgen, Johann Christian
  • 1774 – Köchly, Christian August
  • 1809 – Schulze, Gottlob Leberecht
  • 1823 – Kempe, Gotthelf Friedrich
  • 1863 – Wapler, Martin Benjamin
  • 1898 – Stock, Daniel August
  • 1898 – Klaholz, Friedrich *Hugo
  • 1927 – Boestel, Erich *Kurt
  • 1979 – Schiertz, Manfred[11]

Bilder

Literatur

  • 300 Jahre Kirche Polenz 1725–2025. Ev.-Luth. Kirchgemeinde Brandis-Beucha (Hrsg.), 8 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Format A5, Brandis 2025, ohne ISBN
  • Die Kirchen Brandis, Polenz, Beucha, Albrechtshain. Ev.-Luth. Kirchgemeinden Brandis-Polenz und Beucha-Albrechtshain (Hrsg.), 22 Seiten mit farbigen Abbildungen, Format 21 cm × 10 cm, 1. Auflage (4.000 Stück), Brandis 2018, ohne ISBN
  • Polenz, Nieder- und Ober-Polenz. In: August Schumann: Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen. 8. Band. Schumann, Zwickau 1821, S. 482–485.
  • Die Parochie Polenz mit Filial Ammelshain. In: Neue Sächsische Kirchengalerie, Die Ephorie Grimma links der Mulde. Strauch Verlag, Leipzig 1911, Sp. 623–636 (Digitalisat)
  • Cornelius Gurlitt: Polenz. In: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. 20. Heft: Amtshauptmannschaft Grimma (2. Hälfte). C. C. Meinhold, Dresden 1898, S. 212.
  • G. A. Poenicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen nach der Natur neu aufgenommen von F. Heise, Architect. I. Section: Leipziger Kreis. Leipzig 1860, Rittergut Polenz, S. 159–160
Orgel
  • Ev.-Luth. Kirchgemeinden Brandis-Polenz und Beucha-Albrechtshain (Hrsg.): Die Orgeln Brandis, Albrechtshain, Beucha, Polenz. Format 21 cm × 10 cm, 20 Seiten mit farbigen Abbildungen, Brandis o. J. (2021), ohne ISBN
  • Tobias Haase, Fachbeauftragter für Orgelwesen: Flyer „Sächsische Orgel des Monats Juni 2018“ (Format A5, vier Seiten, schwarz-weiß), veröffentlicht von der EvLKS
Commons: Kirche Polenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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