Klecksographie
Mustern und Figuren aus Farbklecksen
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Als Klecksographie (oder Faltbilder) bezeichnet man die Darstellung von Mustern und Figuren aus Farbklecksen.



Im 19. Jahrhundert entstanden Klecksographien aus Tintenklecksen, einem Nebenprodukt des Schreibens mit der Feder; daher waren vor allem Literaten leidenschaftliche Klecksographen, etwa George Sand[1] und Victor Hugo[2]. Sie sahen im Klecks Figuren und arbeiteten diese mit wenigen Federstrichen heraus. Oft regten die gefundenen Motive sie dazu an, kleine Gedichte oder Geschichten zu verfassen. Der deutsche Arzt, medizinische Schriftsteller und Dichter Justinus Kerner brachte ein Büchlein heraus, dem er den Titel „Klecksographien“[3] gab und so diesen Begriff prägte.
Da die Interpretation der Kleckse von den Erfahrungen und Einstellungen des Betrachters abhängt und somit Rückschlüsse auf die Psyche des Betrachters möglich sind, fand sie Anfang des 20. Jahrhunderts Eingang in die Psychodiagnostik. Die Interpretation der Tintenkleckse wurde zur Grundlage des von dem Schweizer Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Rorschach erstmals 1921 veröffentlichten projektiven diagnostischen Verfahrens (Rorschach-Test).[4]
Kerner und Rorschach falteten das Papier, auf dem sie Kleckse aus Tinte aufgebracht hatten, in der Mitte. So entstanden symmetrische Formen, die man als gegenständliche Darstellungen interpretieren kann. In der Kunst der Gegenwart ist der Kaffeeklecks oft Impulsgeber für phantasievolle Zeichnungen und ihre Interpretation. Im Hirameki[5] werden Farbkleckse verwendet. Diese amöbenhaften Gestalten inspirieren den Betrachter zum Gestaltsehen, was auch als Pareidolie bezeichnet wird. Mit wenigen Strichen werden entweder die Kleckse selbst zu einem Motiv ergänzt oder der Negativraum wird zum bildgebenden Raum (siehe auch Figur-Grund-Wahrnehmung).
Die Klecksographie ist der Apophänischen Malerei zuzuordnen, da sie in ein Zufallsprodukt (dem Klecks) mündet und der Deutung des „Gesehenen“ eine besondere, individuelle Bedeutung zukommt, die das Kunstwerk aus sich heraus nicht hat (Apophänie). So hat Justinus Kerner kleine Gedichte zu seinen Figuren geschrieben. Die Berliner Künstlerin Hoploid, Kaffeekleckskünstlerin, spricht von der „Inversion des Illustrationsprozesses“: Illustration bebildert hier keine Geschichte, sondern das zufällig entstehende, individuell interpretierte Bild erzählt seinerseits eine Geschichte.
Vertreter der Klecksographie der Gegenwart sind Peng und Hu (Hirameki), Hoploid, Stefan Kuhnigk, J. Sophia Sanner.
Eine kleine Ausstellung im Graphischen Kabinett des Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud widmete sich unter dem Titel Die Klecksographie – Zwischen Fingerübung und Seelenschau vom 9. August bis zum 13. Oktober 2013 dem Thema.
In der Dauerausstellung Unterm Parnass des Schiller-Nationalmuseums in Marbach sind zahlreiche Klecksographien aus Justinus Kerners Buch Klecksographien ausgestellt.
Weblinks
- Kunstlexikon
- Artikel zur Ausstellung in der FAZ: Vom Makel zur Magie
Literatur
- Peter Rühmkorf: Kleine Fleckenkunde. Insel Verlag, Leipzig 1988 – Insel-Bücherei 1082, ISBN 3-7351-0048-1.
- Susanne Niedernolte: Klecksende Künstler. Das Berliner Kaffeeklecksalbum Wilhelm von Kaulbachs, Michael Echters und Julius Muhrs. Ibidem, Hannover 2010, ISBN 978-3-8382-0130-6.
- Thomas Ketelsen (Hrsg.): Die Klecksographie – Zwischen Fingerübung und Seelenschau (= Der ungewisse Blick, Band 11). Köln 2013, ISBN 3-938800-14-3.
- Andrea Fix: Das Theatrum Mundi des Justinus Kerner. Klebealbum, Bilderatlas, Collagenwerk. Marbacher Magazin 130, Marbach 2010, ISBN 978-3-937384-65-8.