Kon-kon
Musikbogen ohne einen mit dem Saitenträger verbundenen Resonator
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Kon-kon (Mari-Sprache, kyrillisch кон-кон), auch kon-kón, konkon, ist ein Musikbogen ohne einen mit dem Saitenträger verbundenen Resonator, der von den Mari in den zum europäischen Teil Russlands gehörenden autonomen Republiken Mari El, Tatarstan und Baschkortostan zumindest bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur Tanzbegleitung gespielt wurde und noch gelegentlich als Kinderspielzeug dient. Der mit dem Mund verstärkte kon-kon ist ein Mundbogen und als solcher ein in Europa seltenes oder einzigartiges Relikt im äußersten Nordosten. Dieser einfachste und älteste Saiteninstrumententyp kommt auch in Nord- und Zentralasien nur noch vereinzelt vor.
Herkunft und Verbreitung

Musikbögen werden bis heute vor allem in Afrika südlich der Sahara (dort auch mehrsaitige Pluriarc), Nord- und Südamerika (berimbau in Brasilien), vereinzelt in Indien (villadi vadyam und dhankul), Ozeanien und Ostasien (Mundbögen in Taiwan, azusa yumi in Japan) gespielt. Heute kommen außerdem eng mit Musikbögen verwandte Musikstäbe (Teufelsgeige) in einigen Regionen Europas vor. Abgesehen von der möglicherweise einen Mundbogen darstellenden steinzeitlichen Abbildung in der Drei-Brüder-Höhle in Frankreich sind aus prähistorischer Zeit keine Musikbögen in Europa bekannt.[1] Diese Verbreitung von Musikbögen ist relativ gut erforscht. Über die historische und teilweise andauernde Verwendung von Musikbögen in der Wolgaregion westlich des Ural und östlich davon in Sibirien wurde jedoch international weniger berichtet.[2]
Zu den traditionellen Musikinstrumenten der indigenen kleinen Völker in Sibirien gehören bei allen Völkern Rasseln und mit Ausnahme der Samojeden Maultrommeln (qopuz). Einfache Mundbögen waren und sind noch vereinzelt fast in der gesamten Region verbreitet. Die Samojeden, Jukagiren und die Yupik (auf der Tschuktschen-Halbinsel) setzten den Mundbogen anstelle der spieltechnisch ähnlichen Maultrommel ein. Bei anderen Völkern wie den Selkupen und Keten östlich des Ural ist der Mundbogen ein Musikinstrument der Frauen („Frauen-Maultrommel“). Südlich davon, in Zentralasien, dient der Mundbogen bei einigen Turkvölkern, etwa im Kusnezker Becken, bei Chakassen und bei Altaiern, den Schamanen als Hilfsmittel für ihre Heilungszeremonien.[3]
E. Pekarskiys dreibändiges Wörterbuch der jakutischen Sprache (Moskau 1959) enthält eine detaillierte Beschreibung der Musikinstrumente der Jakuten in der ostsibirischen Republik Sacha, darunter der Schamanentrommel dungur, der zweisaitigen Streichlaute kyryympa (ähnlich der mongolischen morin chuur) und der Maultrommel chomus. Daneben kennen die Jakuten noch den Mundbogen tirdirgiir (jakutisch тирдиргиир, „zittern“) aus einem dünnen Weiden-, Birken-, Lärchen- oder Wacholderzweig, der mit Rosshaaren bespannt ist und als Kinderspielzeug dient. Wenn mit Daumen und Zeigefinger die Saite nach außen gezogen und dann losgelassen wird, ergibt sich ein schnappendes Geräusch („tirr…tirr“), was zu dem lautmalerischen Namen führte. Mit der Dicke des Rosshaarbündels ändert sich die Tonhöhe. Der Ton ist sehr leise und praktisch nur vom Spieler selbst zu hören, wenn er die Saite in den Mund nimmt. Wie der Mundbogen am Entwicklungsbeginn der Saiteninstrumente steht, so bildet das nur vom erzeugenden Individuum wahrnehmbare Hörerlebnis einen Ursprung der Musik.[4]
Die Mari gehören zu den Wolga-Finnen und damit zu den nicht-russischen Völkern im europäischen Teil Russlands, der als Wolga-Föderationskreis verwaltet wird. Die kulturelle Diversität der Wolga-Finnen drückt sich auch in ihren Musikinstrumenten aus, deren Verwandte entweder im östlichen Europa oder in Sibirien zu finden sind. Während sich die Tataren und Baschkiren mit ihrer langen randgeblasenen Flöte kurai nach Osten an der tüidük der Turkmenen, der sybyzgy der Hirten in Kasachstan und mit ihrer Langhalslaute an der kasachischen dombra orientieren, stehen die Kerbflöten, Zithern und Sackpfeifen der Mari, Mordwinen, Udmurten und Tschuwaschen mit osteuropäischen Instrumenten in Verbindung. Zwei Musikinstrumente sind in dieser Region einzigartig: der Mundbogen kon-kon der Mari und die tschiptschirgan, eine aus einem 1,5 bis 2 Meter langen Rohr bestehende sucked trumpet („Saugtrompete“) der Udmurten.[5]
Der kon-kon wird als Urahn der in der Wolgaregion verbreiteten Kastenzither gusli (russisch гусли) angesehen. Außerdem und obwohl im prähistorischen Europa keine Belege für Musikbögen gefunden werden konnten, zieht Igor Đurović (2020) auf der Suche nach dem Ursprung der serbokroatischen Streichlaute gusle den kon-kon der Mari als ein uraltes Relikt und als ein Indiz für die Existenz eines prähistorischen europäischen Zupfinstruments heran. Đurović erwähnt ferner einen archaischen litauischen Mundbogen smuikas, dessen Saite mit einem Stab gerieben worden sei, und will damit eine frühe Verwendung des Streichbogens in Europa belegen.[6] Der einzige ansonsten erwähnte Musikbogen in Litauen (pūslinė) gehört zum Typus des Bumbass mit einer zwischen Saite und Saitenträger eingeklemmten Schweinsblase als Resonator.[7]
Bauform und Spielweise

Der kon-kon ist ein Mundbogen, also die einfachste Form eines Jagdbogens, und besteht aus einem ungefähr 60 Zentimeter langen Zweig, der durch die zwischen beiden Enden gespannte Saite leicht gebogen wird. Früher wurde die Saite aus gewachsten Hanffasern und später aus Darm hergestellt. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Saiten aus Metalldraht üblich. Der Spieler legt den Stab an einem Ende zur Resonanzverstärkung quer in den geöffneten Mund, um durch Veränderung des Mundraums den Klang zu beeinflussen. Die Saite wird mit der rechten Hand gezupft und mit der linken Hand am anderen Ende verkürzt, wodurch sich der Ton erhöhen lässt. Der kon-kon diente zur Begleitung mancher Tänze und als Klangerzeuger für Kinder.[8]
Andere einfache und alte Musikinstrumente der Mari sind die Gefäßflöte schüschpik und die Birkenrindentrompete sürem-puch. Die Sackpfeife schüvir und die kleine Holztrommel tümir werden für die Tanzmusik bei Hochzeiten eingesetzt. In der Volksmusik gespielte Saiteninstrumente sind die dreisaitige Fiedel kovizh und die trapezförmige Kastenzither küsle (vgl. husle). Alle früher verwendeten Musikinstrumente waren einfach konstruiert und für die eher schlichten monophonen Melodien der Volkslieder ausgelegt. Häufig wurden sie bei Zeremonien der Familie und bei Tieropferritualen gebraucht. Die finno-ugrische Musiktradition der Mari ist von Einflüssen der slawischen und turkischen Nachbarn geprägt, weniger von der polyphonen russischen Volksliedtradition. Die Volksmusik besteht aus kurzen lyrischen Liedern, während eine von anderen finno-ugrischen und nordasiatischen Völkern bekannte epische Gesangstradition fehlt.[9]

Die Musik des kon-kon und der anderen Saiteninstrumente gehört zu den Volksliedformen. Der Bordunton, auf dem generell das Musikbogenspiel basiert, findet sich auch beim Spiel auf der Fiedel und auf der im 20. Jahrhundert eingeführten viersaitigen Violine, bei der die tiefe g-Saite stets leer gestrichen und die Melodie auf den anderen Saiten gespielt wird.[8] Die mittelalterliche Entwicklung eines Streichbogens für ein mehrsaitiges Lauteninstrument wurde in Europa durch den Wunsch befördert, mit dem immer über zwei Saiten zugleich gestrichenen Bogen einen ständigen Bordunton spielen zu können.[10] Wahrscheinlich wurde auch der mit einem Bogen gestrichene, tief tönende litauische Musikbogen pūslinė als Borduninstrument verwendet.[11]
Wesentliche Kenntnisse über die Volksmusik der Wolgaregion im 19. Jahrhundert sind der ersten musiktheoretischen Monografie des Ethnographen W. A. Moschkow (Мелодии Волго-Камья, „Melodien der Wolga-Kamja“, 1894) zu verdanken. Daraus geht auch die Stimmung der Zither gusli und anderer Volksmusikinstrumente hervor.[12] Viele frühere Volksmusiker beherrschten mehrere Instrumente und übertrugen so die jeweiligen Melodien und Spieltechniken. Dadurch blieb die Spieltradition des kon-kon auch dort erhalten, wo der Mundbogen selbst nicht mehr verwendet wird. Analog wurden etwa Melodien der Sackpfeife auf ein Streichinstrument oder Melodien der gusli auf die russische Langhalslaute balalaika übertragen.
Die Spieltechniken des kon-kon und der überwiegend von Männern gespielten metallenen Bügelmaultrommel qopuz ähneln sich. Nach der Niederschlagung des von Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow angeführten Russischen Bauernkriegs von 1773 bis 1775 gegen die Kaiserin Katharina II. verbot ein Dekret den Männern der Mari die Ausübung des Schmiedehandwerks. Die Folge war, dass keine Maultrommeln mehr hergestellt werden konnten und sich die Musiker stattdessen des hölzernen Mundbogens bedienten. Dieser war mindestens bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts in allgemeinem Gebrauch.[13]
Literatur
- Kon-kón. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 200
- Bruno Nettl: Cheremis Musical Styles. (Indiana University Folklore Series, Nr. 14) Indiana University Press, Bloomington 1960