Kurt Harald Isenstein
deutscher Bildhauer und Kunstlehrer
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Kurt Harald Isenstein (* 13. August 1898 in Hannover; † 3. Februar 1980 in Kopenhagen) war ein deutscher Bildhauer, Maler, Grafiker, Pressezeichner, Kunstpädagoge und Schriftsteller.

Leben
Leben in Deutschland
Isenstein stammt väterlicherseits aus der hannoverschen jüdischen Familie Isenstein, zu deren bekanntesten Vertretern der Schriftsteller Werner Kraft und der Bankier Julius L. Isenstein gehörten. Sein Vater Adolf Isenstein stammte aus Hildesheim und war später Kaufmann in Hannover[1]. Seine Mutter Jenny Henriette, geb. Meyer, war dänischer Herkunft, „einer der Urgroßväter ist der Oberrabbiner Abraham Wolf, der Gründer der Jüdischen Gemeinde Kopenhagen“.[2] Isenstein wuchs in Hannover und Berlin auf, wohin die Familie 1904 zog. Er hatte zwei ältere Brüder: Ernst und Julius, dieser emigrierte später in die USA. Schon als Kind besuchte Isenstein die innovativen Kinder-Modellierkurse der privaten jüdischen Kunst- und Kunstgewerbeschule Reimann.[3] Erste Ausstellungen hatte er 1917 in Berlin.[4] Von 1917 bis 1920 studierte er an der Kunstakademie in Berlin als Schüler von Hugo Lederer.[5] Anschließend war er als freischaffender Bildhauer und Kunstpädagoge (1921–1925) sowie als Lehrer an der Reimann-Kunstschule in Berlin tätig. 1917 lernte er Hildegard Eick, Tochter eines Schneidermeisters, kennen, die er 1921 heiratete. Sie wurde "später als Weberin, Buchbinderin und Malerin selbst künstllerisch tätig. Sie werden ein Leben lang bis zu ihrem Tod im Jahr 1960 zusammenbleiben"[6]. 1925 war er Mitbegründer der Volks-Kunstschule Berlin. Eine seiner Schülerinnen war Albert Einsteins Stieftochter Margot, durch die Isenstein mit Einstein bekannt wurde. Er wurde als Geigenspieler nicht nur Einsteins Partner bei dessen geliebter Hausmusik, sondern schuf auch eine Bronzeskulptur (Porträtbüste) des berühmten Physikers[7]. 1929 erwarb der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker anlässlich Einsteins 50. Geburtstag die Original-Büste, die im Eingangsbereich des Einsteinturms in Potsdam aufgestellt wurde[8]. Auch als Presszeichner wurde Isenstein tätig. Vor allem für die "Deutsche Allgemeine Zeitung" (DAZ) zeichnete er Persönlichkeiten aus dem Berliner Theater- und Musikleben, wovon 7.000 Zeichnungen in seinem Nachlass zeugen. Unter vielen anderen lernte er dabei auch den 1928 durch seine "Dreigroschenoper" berühmt gewordenen Bertolt Brecht kennen, der ihn sogar zu einer Spritztour in seinem Auto in die Mark Brandenburg mitnahm, wie er noch in den 1970er Jahren dem befreundeten CDU-Politiker Volkmar Köhler erzählte[9]. 1933 wurde mit dem Beginn des Nationalsozialismus Isensteins Kunstschule in der Lützowstraße in Berlin zerstört[4] wie auch zwei seiner Werke: die Büste Magnus Hirschfelds[10] und ein Gipsmodell Heinrich Heines für das Bronzedenkmal in Cleveland, Ohio.[11] Auch seine Einstein-Büste im Einsteinturm in Potsdam wurde entfernt. Ein junger Mechanikermeister namens Erich Strohbusch, so berichtet es Eberhard Schmidt, "versteckte sie in einem Kellerlabor, in dem sogenannten Spektrographenraum, hinter einigen Kisten. So überstand sie die Zeit des Nationalsozialismus unbeschadet und wurde später im Eingangszimmer des Turms wieder aufgestellt"[12] Zudem wurde 1937 das Werk „Arbeiter“ im Zuge der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ von den Nationalsozialisten eingezogen und ist im NS-Inventar als zerstört verzeichnet. Es ist unklar, ob es sich bei dem Werk um eine Skulptur oder Plastik handelte.[13] Er besaß einen Gipsabguss der Heine-Büste, die Louis Hasselriis 1901 für Heinrich Heines Grabmal geschaffen hatte, und machte der Hamburger Kulturbehörde 1956 erfolglos den Vorschlag, davon einen Bronzeabguss als neues Heine-Denkmal für Hamburg anfertigen zu lassen.[14]
Leben im Exil
1933 wurde Isenstein verhaftet und emigrierte anschließend als Jude und politisch Verfolgter nach Dänemark.[15] Im folgenden Jahr trat er als Gast der „Freien Ausstellung“ in Kopenhagen auf und organisierte drei Jahre später, 1937, selbst eine Kollektivausstellung in Odense. Neben eigenen Werken wurden dort Arbeiten der Maler Johannes Larsen und Fritz Syberg wie auch Werke von Käthe Kollwitz ausgestellt. Die Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht 1940 und die folgende Deportation der Juden zwangen Isenstein 1943 schließlich zur Flucht nach Schweden. Nachdem er bereits 1935 eine neue Volks-Kunstschule in Dänemark gegründet hatte, eröffnete er 1943 eine weitere Kunstschule in Lund, Schweden.[16] Dort arbeitete er als freischaffender Künstler und Musikpädagoge und ging 1945[17] nach Dänemark zurück, wo er bis zu seinem Tod in Kopenhagen wirkte. Nach dem Vorbild der Berliner Reimann-Schule baute er in Kopenhagen eine Kunst- und Kunstgewerbeschule auf.[18]
Werke

Im Exil befasste Isenstein sich mit der Illustration von Büchern und schuf rund 2000 Zeichnungen. Zudem war er weiter als Bildhauer tätig und fertigte neben neuen Arbeiten auch Zweitfassungen von Statuen und Reliefs, die er auf seiner Flucht eingebüßt hatte.[19] Isensteins künstlerischer Nachlass – mehr als 7000 Skulpturen, Zeichnungen, Gemälde und Skizzen – wird im Museum von Korsør in Dänemark aufbewahrt.
Zu seinem Werk gehören Büsten von Friedrich Ebert, Paul von Hindenburg, Alfred Döblin, Ernst Cassirer, Emil Ludwig, Magnus Hirschfeld (Bronzebüste bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 mit ins Feuer geworfen, 1984 nach einem erhaltenen Gipsmodell neu gegossen), Ernst Toller, Arno Holz, Wilhelm Dörpfeld (für die Olympiade 1936, Isensteins Namensplakette auf der Büste wurde von Goebbels eigenhändig entfernt[20]), Käthe Kollwitz (mit der er befreundet war).
Auch in Dänemark entstanden Büsten vieler bekannter Persönlichkeiten, u. a. Niels Bohr, Karen Blixen, Königin Margrethe II., Victor Borge, Asta Nielsen, Martin Andersen Nexø, Heinrich Heine (als eigener Entwurf für ein Denkmal in Hamburg 1956[21]).
Das Schicksal seiner Einsteinbüste in Potsdam ließ Isenstein nach dem Krieg natürlich nicht los. 1955 erkundigte er sich bei dem aus dem Exil nach Ostberlin zurückgekehrten Bertolt Brecht nach dem Verbleib der Bronze. Brecht fragte nach und telegrafierte an Isenstein: "Einstein lebt. Brecht."[22]. Das Original stand also wieder an seinem alten Platz. Von dieser wohl bekanntesten Porträtbüste Isensteins, die Albert Einstein sehr schätzte, existieren mittlerweile zahlreiche Abgüsse in der ganzen Welt: von Brasilien (Rio de Janeiro) über Dänemark (Risoe Test Center), Deutschland (Jüdisches Museum Berlin, Albert-Einstein-Gymnasium Berlin-Britz, Niedersächsisches Landesmuseum/Sprengel-Museum Hannover), Israel (Hebräische Universität) bis zu den USA (Baltimore Museum, Princeton University)[23].
Weitere Werke sind:
- Heine-Denkmal von Cleveland/Ohio (Porträt-Büste, 1931 im German Cultural Garden aufgestellt)
- jüdische Friedhofskunst mit Erinnerungsmalen in Trondheim und Oslo
- Illustrationen von Büchern von Arno Holz
- Entwurf der deutschen Heinrich-Hertz-Briefmarke 1957
Schriften
Literatur
- Hildegard og Harald Isenstein. 1920-1960. København: Høst 1960.
- Detlef Lorenz: Der Bildhauer von Mahlow. Zur Lebensgeschichte Kurt Harald Isensteins. In: Heimatjahrbuch Teltow-Fläming 2004, Landkreis Teltow-Fläming, 2004, S. 36–40, 5 Abb.
- Deutsche Biographische Enzyklopädie, Band 5, S. 263.
- Hugo Thielen: Isenstein, Kurt Harald. In: Dirk Böttcher, Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Hugo Thielen (Hrsg.): Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 318; online über Google-Bücher
- Hugo Thielen: Isenstein, Kurt Harald. In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 318.
- Ludwig Lazarus: Kurt Harald Isenstein. In: Landeshauptstadt Hannover, Presseamt, in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Hannover e. V. (Hrsg.): Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover. Richard Beek, Hannover 1963, S. 173–175.
- Eberhard Schmidt: Kurt Harald Isenstein: „Dort, wo ich wirken kann, ist meine Heimat“ – Bildhauer, Kunstpädagoge, Zeichner. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2021, ISBN 978-3-95565-447-4.
- Maik Ullmann: Kunst auch gegen das Vergessen. Eine Kurt Harald Isenstein-Plastik für Wolfsburg. In: Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte. Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation. 2024, 31, S. 4–6.
Weblinks
- Isenstein-Sammlung im Museum Kongegaarden in Korsør
- Literatur von und über Kurt Harald Isenstein im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Harald-Isenstein-Sammlung im Archiv der Akademie der Künste, Berlin
- Der Bildhauer Kurt Harald Isenstein. In: Menora. 6 (1928), Heft 3
- Albert Einstein Gymnasium Berlin: Kunstwerke: Harald Isenstein: Porträtplastik von Albert Einstein
- Einstein-Gedenktafel am Akademieflügel der Staatsbibliothek Unter den Linden - Porträtbüste in der Neuen Synagoge Centrum Judaicum an der Oranienburger Straße, Berlin