Laura Perls
deutsche Psychoanalytikerin und Mitbegründerin der Gestalttherapie
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Laura Perls (* 15. August 1905 als Lore Posner in Pforzheim; † 13. Juli 1990 ebenda) war eine deutsche Psychologin und Psychoanalytikerin. Sie begründete gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Psychiater und Psychoanalytiker Fritz Perls, und dem Sozialphilosophen und Schriftsteller Paul Goodman die Gestalttherapie.
Leben
Lore Posner wuchs in einer jüdischen Juweliersfamilie in Pforzheim auf. Sie besuchte das Reuchlin-Gymnasium (als einziges Mädchen in der Klasse) und begann 1923 ein Jura-Studium in Frankfurt/Main. 1926 wechselte sie von Jura zu Psychologie und Philosophie. Sie besuchte Lehrveranstaltungen bei den Gestaltpsychologen Max Wertheimer, Kurt Goldstein und Adhémar Gelb, bei dem sie ihre Doktorarbeit schrieb[1], außerdem studierte sie bei Edmund Husserl, Paul Tillich und Martin Buber.
Im Jahr 1927 begann sie eine psychoanalytische Ausbildung bei Clara Happel und Karl Landauer. Es folgte eine Lehranalyse bei Frieda Fromm-Reichmann. Ab 1931 hatte sie eine eigene psychoanalytische Praxis; ihr Supervisor war Otto Fenichel.
Ihren späteren Ehemann, dem Psychiater und Nervenarzt Fritz Perls, lernte sie in einer Lehrveranstaltung von Goldstein und Gelb kennen. Die beiden heirateten 1929 und zogen nach Berlin. Das Paar bekam zwei Kinder: Renate (* 1931) und Steve (* 1935).
Schon von Kindheit an hatte Lore Perls Tanz- und Bewegungsunterricht. Seit 1931 praktizierte und lernte sie sensitive Körper- und Bewegungsarbeit bei Elsa Gindler.
Lore und Fritz Perls bezeichneten sich in dieser Zeit als Kommunisten, allerdings wurde ihr Aufnahmeantrag in die Kommunistische Partei abgelehnt, weil man in deren Reihen nicht so viele Intellektuelle haben wollte. Indes waren sie 1932 in einer Gruppierung aktiv, die die Nationalsozialisten bekämpfte. Jahre später, als sie von den Zuständen in der stalinistischen Sowjetunion erfuhren, entfremdeten sie sich zunehmend vom kommunistischen Ideengut.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 sahen sich die Perls bald zur Flucht gezwungen und emigrierten zuerst in die Niederlande. 1934 gingen sie und ihr Mann ins Exil nach Südafrika. Mehrere andere Verwandte, die in Deutschland geblieben waren, fanden später in Konzentrationslagern den Tod. In Südafrika gründeten die Perls' sie das erste psychoanalytische Institut des Landes. In dieser Zeit begannen erste Vorarbeiten zur Gestalttherapie – die ihr Mann in seinem ersten Buch Das Ich, der Hunger und die Aggression veröffentlichte (1942).
1946 wanderte Fritz Perls nach Amerika aus, zunächst nach Montreal, dann New Haven, ehe er sich schließlich in New York niederließ. Seine Frau folgte im Jahr darauf mit ihren Kindern und arbeitete wieder psychotherapeutisch mit Patienten. Fritz aber zog bald weiter an die Westküste und pendelte in der Folge zwischen seinem neuen Wohnort und New York hin und her. Lore, die sich nun Laura nannte, leitete fortan das New York Institute for Gestalt Therapy, das sie 1952 mitgegründet hatte. Im Jahr 1976 gab sie die Privatpraxis auf und widmete sich ausschließlich der Ausbildungstätigkeit.
Persönliches
Die Ehe der Perls' verlief nicht sehr harmonisch; Fritz hatte zahlreiche Affären; um seine Kinder kümmerte er sich ohnehin kaum. Laura, die ihn eine Art Vagabund nannte, tolerierte sein zeitweiliges Fernbleiben lange, entfremdete sich aber immer mehr von ihm. Schließlich trennte sich das Paar endgültig, wenngleich die Ehe nie rechtsgültig geschieden wurde. Indes beklagte sich die Tochter Renate in der Rückschau darüber, dass auch ihre Mutter sich so sehr in ihre Arbeit verlor, dass die Familie darunter zu leiden hatte.
Erstmals 1957 und ab 1969 regelmäßig kehrte Lore Perls in ihre Geburtsstadt Pforzheim zurück und entschied sich schließlich, ihren Lebensabend dort zu verbringen. Nachdem sich ihr Gesundheitszustand im Jahr 1989 zu verschlechtern begonnen hatte, zog sie im Frühjahr 1990 endgültig wieder nach Deutschland. Dabei schmuggelte sie die Urne ihres Mannes Fritz, die jahrelang in ihrer New Yorker Wohnung gestanden hatte, ebenfalls mit.
Lore Perls starb 1990 im Siloah Krankenhaus (heute: Siloah St. Trudpert Klinikum) in Pforzheim und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof zusammen mit ihrem Mann im Grab der Familie Posner beigesetzt.
Lore Perls' Nachlass wurde 2020 dem Stadtarchiv Pforzheim übereignet, welches das Material inzwischen erschlossen und öffentlich zugänglich gemacht hat.[2]
Würdigung
Laura Perls steht für einen besonderen Stil der Gestalttherapie – für eine sehr bodenständige und zugewandte therapeutische Arbeit mit dem Klienten, für Commitment mit dem Klienten und für eine unspektakuläre Arbeit der kleinen Schritte.
Ihr Einfluss auf die Theorieentwicklung und Praxis der Gestalttherapie ist enorm, jedoch veröffentlichte sie selbst lebenslang nur wenig. Ihre Mitwirkung am Grundlagenbuch Gestalttherapie (von Fritz Perls, Paul Goodman und Ralph F. Hefferline, 1951) blieb unerwähnt.
Vom 3. bis 5. Juni 2005 fand in München die Internationale Laura-Perls-Tagung statt. Ihre Beiträge für die „offene weibliche Arbeitsform“ in der Gestalt als Lebensform wurde inzwischen in den Büchern vieler ihrer Schülerinnen ausführlicher dargestellt.
Lore Perls wird auf der Homepage ihrer Heimatstadt Pforzheim in der Liste der Ehrenbürger und berühmten Persönlichkeiten[3] geführt. 2020 wurde in der dortigen Goethestraße ein Stolperstein mit ihrem Namen verlegt.
Der Baden-Württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) benannte 2013 sein Pforzheimer Zentrum nach Lore Perls. Hauptschwerpunkte sind die Vorsorge und Behandlung von Suchtkrankheiten. Das Haus sieht sich in der Verantwortung, das Erbe Lore Perls' weiterzuführen; in diesem Sinne wird seit 2021 in unregelmäßiger Folge den Literaturpreis Lore Perls vergeben.
Aus Anlass ihres 120. Geburtstages wurde an diesem Gebäude am 15. August 2025 in Anwesenheit ihres Enkels Bob Perls eine Skulptur enthüllt; sie war unter anderem von der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie finanziert worden. Initiator war der Leiter des Lore-Perls-Hauses, Dietrich Wagner. Das Kunstwerk des Pforzheimer Bildhauers René Dantes (* 1962) stellt eine als Relief stilisierte Kopfsilhouette mit einer eingebetten Gehirnform dar.[4]
Schriften
- Die Erscheinungen des simultanen Kontrastes und der Eindruck der Feldbeleuchtung. Dissertation 1932 bei Adhémar Gelb, Frankfurt (Volltext siehe Weblinks)
- Leben an der Grenze. Essays und Anmerkungen zur Gestalttherapie. Hrsg. von Milan Sreckovic. Edition Humanistische Psychologie, Köln 1989 (3. Auflage 2005), ISBN 3-926176-11-3.
- Nancy Amendt-Lyon (Hrsg.): Zeitlose Erfahrung: Laura Perls’ unveröffentlichte Notizbücher und literarische Texte 1946–1985. Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, ISBN 978-3-8379-2702-3.
Literatur
- Meine Wildnis ist die Seele des Anderen. Der Weg zur Gestalttherapie. Laura Perls im Gespräch. Hrsg. von Anke und Erhard Doubrawa. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2005, ISBN 3-7795-0031-0.
- Uwe Henrik Peters: Psychiatrie im Exil: die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933–1939. Kupka, Düsseldorf 1992, ISBN 3-926567-04-X.
- Dietrich Wagner: Dr. Lore Perls – Die Grenzen Übertretende. In: Thorsten Trautwein (Hrsg.): Jüdisches Leben im Nordschwarzwald. J. S. Klotz Verlagshaus, Neulingen 2021, ISBN 978-3-948968-45-8, S. 536–559. 2. überarb. Aufl.- digital, Neulingen 2023, S. 537–559. Online verfügbar:
Weblinks
- Literatur von und über Laura Perls im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Dissertation 1932: Die Erscheinungen des simultanen Kontrastes und der Eindruck der Feldbeleuchtung
- Laura Perls: Der Therapeut ist ein Künstler. Interview.
- An der Grenze – Lore Perls und die Gestalttherapie. Dokumentarfilm von Christof Weber und Wolf Lindner. 90 Minuten. DVG e. V. 2005.
- Dietrich Wagner: Dr. Lore Perls - die Grenzen Übertretende. In: Thorsten Trautwein (Hrsg.): Jüdisches Leben im Nordschwarzwald. 2. Auflage. J. S. Klotz Verlagshaus, Neulingen 2022, ISBN 978-3-948968-45-8, S. 537–559 (papierblatt.de [PDF]).