Lecanemab
Medikament gegen Alzheimer
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Lecanemab (Handelsname: Leqembi) ist ein Anti-Amyloid-Antikörper zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, der gemeinsam von Biogen und Eisai entwickelt wurde. Das Medikament wurde 2023 in den USA und 2025 in der EU zugelassen.
Es handelt sich um eine humanisierte Version des Maus-Antikörpers mAb158,[2] der Protofibrillen erkennt und die Ablagerung von Beta-Amyloid in Tiermodellen der Alzheimer-Krankheit verhindert.[3] Der Antikörper vom Typ Immunglobulin-G1κ (IgG1κ) wird in einer Ovarialzelllinie des Chinesischen Zwerghamsters (CHO-Zellen) hergestellt.[1]
Klinische Angaben
Anwendungsgebiet
Lecanemab ist angezeigt zur Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit, d. h. leichter kognitiver Störung (MCI) oder leichter Demenz aufgrund Alzheimer-Krankheit, bei Personen mit bestätigter Amyloid-Pathologie, die Apolipoprotein E ε4 (ApoE ε4)-Nichtträger oder heterozygote ApoE ε4-Träger sind.[4][5]
Wirksamkeit
Die Zulassung des Medikaments stützt sich auf eine im Jahre 2022 veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie (Clarity AD).[6] Im Rahmen der Studie hatten 1795 Personen für 18 Monate Lecanemab oder ein Placebo erhalten, wobei eine gleichzeitige symptomatische Behandlung mit Acetylcholinesteraseinhibitoren (AChEI) in beiden Behandlungsgruppen möglich war. Der kognitive (geistige) Abbau wurde testpsychologisch mittels Clinical Dementia Rating (CDR) untersucht. Im Rahmen des CDR werden sowohl kognitive Fähigkeiten (Gedächtnis, Orientierung und Urteilsvermögen) als auch Alltagsfähigkeiten (Sozialkompetenz, Haushalt und Hobbys sowie Körperpflege) untersucht und einem Skalenwert von 0 bis 18 Punkten (CDR-SB) zugeordnet, wobei eine hohe Punktzahl einer schwereren Einschränkung aufgrund der Demenz entspricht. Zu Studienbeginn lag die mittlere Punktzahl in beiden Behandlungsgruppen bei etwa 3,2 Punkten, was einer leichten kognitiven Störung (MCI) oder sehr leichten Demenz entspricht. Nach 18 Monaten hatte sich der Punktwert unter Behandlung mit Lecanemab um 1,21 Punkte und unter Placebo um 1,66 Punkte verschlechtert, d. h. im Mittel auf etwa 4,4 bzw. 4,9 Punkte, was in beiden Behandlungsgruppen etwa dem frühen Stadium einer leichten Demenz entspricht. Der mittlere Unterschied zwischen Lecanemab und Placebo betrug nach 18 Monaten der Behandlung 0,45 Punkte auf der CDR-SB-Skala von 0 bis 18 Punkten.[6]
Im Anschluss an die randomisierte Studie erfolgte eine einarmige Verlängerungsstudie ohne Verblindung (open label) für weitere 30 Monate. Diese Langzeitdaten wurden im Juli 2025 auf einem Fachkongress, der Alzheimer’s Association International Conference (AAIC), vorgestellt. Basierend auf diesem nichtrandomisierten Vergleich schlussfolgerte der Erstautor der Studie, Christopher van Dyck, dass „eine Behandlung über 48 Monate [...] 10,8 zusätzliche Lebensmonate in einem frühen Krankheitsstadium“ bedeute.[7]
Der therapeutische Effekt im Sinne des Unterschieds zwischen behandelten und unbehandelten Patienten vergrößerte sich, je länger die Patienten behandelt wurden; eine zunehmende Verlangsamung oder gar Umkehr des kognitiven Abbaus wurde hingegen nicht beobachtet.
Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch für das zur gleichen Stoffgruppe gehörende Donanemab (Handelsname Kinsula).[7]
Anwendung
Zu der vor Einsatz von Lecanemab erforderlichen Diagnostik gehört auch eine Nervenwasserentnahme (Lumbalpunktion). Patienten, die „Blutverdünner“ (Antikoagulantien) einnehmen, dürfen das Medikament nicht bekommen. Ebenfalls ist ein Bluttest zur Bestimmung des ApoE4-Gens erforderlich. Das Medikament wird alle 2 Wochen mittels Infusion verabreicht. Die Behandlung wird durch wiederholte MRT-Bildgebung des Kopfes kontrolliert.[5] Da der Wirkstoff den Krankheitsprozeß nicht stoppt, sondern nur verlangsamt, ist eine lebenslange Gabe erforderlich.[8]
Ab 18 Monate nach Behandlungsbeginn kann von der intravenösen auf die wöchentliche subkutane Verabreichung (Spritzen in das Unterhautfettgewebe) mittels eines Pens gewechselt werden. Dies ist einfacher als eine Infusion in die Venen und bislang in den USA, nicht jedoch in den EU-Staaten, zugelassen.[8]
Bei subkutaner Gabe werden Reaktionen auf das Medikament wie Kopfschmerzen, Fieber oder Müdigkeit, die nach den Infusionen bei bis zu 26 % der Patienten auftraten, nur von 1 % der Patienten berichtet. Dafür kam es nach der subkutanen Gabe bei etwa 11 % der Patienten zu leichten bis mittelschweren örtlichen Reaktionen an der Einstichstelle wie Rötung, Schwellung oder Juckreiz.[8]
Zulassung
Europäische Union
Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur empfahl im Juli 2024 zunächst, Lecanemab nicht zuzulassen, und begründete dies mit einem geringen klinischen Nutzen, der das Risiko von Nebenwirkungen nicht aufwiege. Insbesondere Amyloid-assoziierte Bildgebungsanomalien (ARIA), also Schwellungen und Blutungen im Gehirn, sprächen gegen eine Empfehlung.[9] Der Hersteller Eisei beantrage daraufhin beim CHMP eine erneute Prüfung der Studiendaten,[10] woraufhin dieser im November 2024 eine eingeschränkte Zulassung des Medikaments für Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit empfahl. Voraussetzung für die Anwendung ist, dass bei den Behandelten kein oder nur ein Allel von Apolipoprotein E ε4 (ApoE4) vorliegt, womit ein geringeres Risiko für das Auftreten von Amyloid-assoziierten Bildgebungsanomalien einhergeht. Patienten, die Antikoagulation („Blutverdünner“) erhalten, dürfen nicht mit Lecanemab behandelt werden.[11] Die Europäische Kommission ließ sich das CHMP-Gutachten hinsichtlich der Sicherheit des Arzneimittels erneut bestätigen[12][10] und erteilte am 15. April 2025 die Zulassung.[13][14]
Leqembi kam in Österreich im August 2025, in Deutschland im September 2025 auf den Markt.[15]
Vereinigtes Königreich
Im August 2024 erteilte die Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) die Zulassung für England, Schottland und Wales. Aufgrund des ARIA-Risikos darf das Medikament bei Patientinnen und Patienten mit zwei Kopien des ApoE4-Allels nicht verwendet werden. Diese erkranken statistisch häufiger und früher an Alzheimer, weisen jedoch unter Lecanemab-Therapie auch besonders häufig ARIA auf. Laut MHRA überwiege bei diesen Personen das Risiko den Nutzen, vor Beginn einer Therapie wird eine genetische Testung empfohlen. Auch bei Patienten unter Antikoagulation („Blutverdünnung“) darf Lecanemab nicht eingesetzt werden.[16][17][18]
Der englische Zweig des staatlichen Gesundheitssystems National Health Service (NHS) kündigte an, die Kosten für eine Behandlung nicht zu übernehmen, da laut Leitlinienentwurf des National Institute for Health and Care Excellence der geringe Nutzen die Behandlungskosten nicht rechtfertige.[16][17][18]
Die Zulassung für Medikamente in Nordirland erfolgt gemäß Nordirlandprotokoll auch nach dem Brexit über die EMA.[17]
Vereinigte Staaten
Im Juli 2022 hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA einen Antrag auf beschleunigte Zulassung von Lecanemab akzeptiert und ihm den Status der vorrangigen Prüfung gewährt.[19] Im September 2022 gab Biogen positive Ergebnisse einer laufenden klinischen Phase-3-Studie bekannt.[20][21][22] Das Medikament wurde im Januar 2023 von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA in einem beschleunigten Verfahren vorläufig zugelassen.[23][24] Im Juli 2023 erfolgte die uneingeschränkte Zulassung,[25] nachdem ein Beratungsausschuss der FDA im Vormonat einstimmig den klinischen Nutzen von Lecanemab bestätigt und die uneingeschränkte Zulassung zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit empfohlen hatte.[26] Ende August 2025 ließ US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA Lecanemab im Autoinjector als Leqembi IQLIK zur subkutanen Injektion als Erhaltungsdosis für die Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit zu.[27][28]
Weitere
Laut Eisai und Biogen wird das Medikament mit Stand Juli 2024 neben den USA in China und Japan vertrieben. Zudem sei es in Hongkong, Israel, Japan und Südkorea zugelassen.[9]
Wirkungsmechanismus
Bei der Alzheimer-Krankheit treten in der grauen Hirnsubstanz vermehrt sogenannte senile Plaques (Amyloid-Plaques) auf. Diese Plaques bilden sich durch Ablagerung der Beta-Amyloid (Aβ)-Peptide Aβ40 und Aβ42 und deren Varianten (siehe Abbildung unten). Der therapeutische Ansatz von Lecanemab und anderen Anti-Amyloid-Antikörpern basiert auf der wissenschaftlich umstrittenen[29][30][31] Amyloid-Hypothese, der zufolge die Krankheit durch übermäßige oder fehlerhafte Bildung von Aβ-Peptiden hervorgerufen wird, die sich daraufhin zu Aβ-Plaques zusammenlagern und dadurch letztlich zum Untergang von Nervenzellen und den entsprechenden Symptomen der Alzheimer-Krankheit führen.
Lecanemab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen bestimmte Formen von Aβ gerichtet ist.[4] Dies verringert die Anreicherung von Aymloid im Gehirn[6] und soll dadurch das Voranschreiten der Krankheit und der Krankheitssymptome verlangsamen.[5]

Entwicklung und Vermarktung
Eisai arbeitet seit 2005 langfristig mit dem schwedischen Unternehmen BioArctic bei der Entwicklung und Vermarktung von Medikamenten zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit zusammen. Die wichtigsten Vereinbarungen sind die 2007 unterzeichnete Entwicklungs- und Vermarktungsvereinbarung für den Antikörper Lecanemab und die 2015 unterzeichnete Entwicklungs- und Vermarktungsvereinbarung für den Antikörper Leqembi zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Im Jahr 2014 schlossen Eisai und Biogen eine gemeinsame Entwicklungs- und Vermarktungsvereinbarung für Lecanemab. Eisai ist für die klinische Entwicklung, die Beantragung der Marktzulassung und die Vermarktung der Produkte für die Alzheimer-Krankheit verantwortlich. BioArctic hat das Recht, Lecanemab in den nordischen Ländern zu vermarkten, und bereitet derzeit gemeinsam mit Eisai die Vermarktung in den nordischen Ländern vor. BioArctic hat keine Entwicklungskosten für Lecanemab zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit und hat Anspruch auf Zahlungen im Zusammenhang mit behördlichen Zulassungen und Umsatzmeilensteinen sowie auf Lizenzgebühren auf den weltweiten Umsatz.[27]
Kosten
Die jährlichen Kosten in Deutschland werden auf ca. 24.000 Euro pro Patient veranschlagt (ohne die Kosten für Diagnostik, Medikamentengabe (Infusion), Kontrollen etc.). In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.[5]
Bewertung
Im Februar 2026 entschied der deutsche Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Ärzte und Krankenkassen, dass Lecanemab keinen nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber der herkömmlichen Behandlung hat.[33] Dieser Bescheid beeinträchtigt nicht die Zulassung des Medikaments, ist aber maßgebend für die Preisverhandlungen mit den deutschen gesetzlichen Krankenkassen. Die Bewertung ist Teil der frühen Nutzenbewertung gemäß Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG), die der G-BA verantwortet. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hatte im Vorfeld die neue Therapie für Betroffene mit leichter kognitiver Störung mit „beobachtendem Abwarten“ und für Betroffene mit leichter Alzheimer-Demenz mit Acetylcholinesterase-Inhibitoren als Standardtherapie verglichen - und jeweils keinen Zusatznutzen festgestellt.[34][35]
Literatur
- The Lancet: Lecanemab for Alzheimer's disease: tempering hype and hope. In: The Lancet. Band 400, Nr. 10367, 2022, S. 1899–1899, doi:10.1016/s0140-6736(22)02480-1, PMID 36463893.
- Christopher H. van Dyck et al.: Lecanemab in Early Alzheimer’s Disease. In: New England Journal of Medicine. Band 388, Nr. 1, 2022, S. 9–21, doi:10.1056/nejmoa2212948, PMID 36449413.