Leonhard Rauwolf
deutscher Botaniker und Arzt (1535–1596)
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Leonhard Rauwolf, auch Leonhart Rau(ch)wolf(f) oder (gräzisiert) Dasylycos (nach unsicherer Angabe * 21. Juni 1535) in Augsburg; † 15. September 1596 in Vác, Ungarn) war ein deutscher Arzt, Botaniker und Entdeckungsreisender. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „Rauwolff“.


Leben und Wirken
Als Sohn des Eisenhändlers Sixt Rauwolf wurde Leonhard Rauwolf in Augsburg geboren. Er studierte ab 1554 zunächst an der Universität Tübingen, ab 1556 in Wittenberg. 1560 ging er nach Frankreich und wurde dort im Wintersemester an der Universität Montpellier immatrikuliert, wo Guillaume Rondelet sein Lehrer in Botanik war. In dieser Zeit sammelte er in der Umgebung von Montpellier, Cette und Frontignan Pflanzen, die in seinem heute noch erhaltenen Herbarium zu finden sind. Seine Begleiter in dieser Zeit waren der später als Botaniker berühmte Johann Bauhin und Jeremias Martius aus Augsburg, der später dort Arzt wurde. 1562 erwarb Rauwolf den medizinischen Doktorgrad an der Universität Valence. 1563 begab er sich auf eine Studienreise nach Italien. Aus seinen überlieferten Pflanzenfunden ist zu schließen, dass er unter anderem in der Umgebung der Städte Verona, Bologna, Florenz und Parma herbarisierte. Ebenfalls aus seinen Pflanzenfunden kann man auf seinen Rückweg über den Gotthard, Luzern, Basel und den Schwarzwald schließen. Auf seinem Weg durch die Schweiz traf Rauwolf gemeinsam mit Johann Bauhin in Zürich mit Conrad Gessner zusammen, einem der berühmtesten Naturforscher dieser Zeit. In Tübingen traf Rauwolf seinen früheren akademischen Lehrer Leonhart Fuchs wieder.[1] 1565 kehrte er nach Augsburg zurück und heiratete dort Regina Jung (1543 oder später–1597), Tochter des Patriziers und Arztes Ambrosius Jung, des Jüngeren (1510–1559). Die Ehe blieb kinderlos. Kurzzeitig war Rauwolf in Aichach und 1569 in Kempten als Stadtphysicus tätig.
Im Mai 1573 brach Rauwolf von Augsburg aus zu einer Orientreise auf, welche die Firma eines Verwandten seiner Ehefrau, Melchior Manlich, für ihn finanzierte. Rauwolf reiste per Pferd über Mailand, Nizza und Marseille, wo er sich gemeinsam mit anderen Vertretern des Handelshauses einschiffte. Erster Aufenthaltsort war Tripoli im Libanon, wo Rauwolf im September 1573 ankam und begann, Pflanzen zu sammeln, was er später auch als den eigentlichen Zweck seiner Reise angab. Die getrockneten etwa 200 Pflanzen aus dem Nahen Osten sind im vierten Band des Rauwolf Herbariums enthalten. Von Aleppo aus reiste Rauwolf mit einer Karawane und dann mit Flussschiffen von Händlern auf dem Euphrat nach Bagdad, über das er als frühester westlicher Augenzeuge berichtete. Im Dezember 1574 kehrte er von Bagdad über Kurdistan nach Syrien zurück. Im September 1575 besuchte er als Pilger Jerusalem. Im November 1575 brach Rauwolf in Tripoli zur Rückreise über das Mittelmeer auf und traf am 12. Februar 1576 wieder in Augsburg ein. Dort behandelte er, vergütet als Stadtphysicus, im Auftrag der Stadt Pestkranke. Als Protestant geriet Rauwolf mit dem Augsburger Stadtrat in Konflikt, als er sich öffentlich gegen die obrigkeitliche Besetzungspolitik bei den evangelischen Pfarrstellen aussprach. 1588 zog er mit seiner Ehefrau in das damals protestantische Linz, wo er als Arzt der Stände oder „Landschaftsphysicus“ vergütet wurde. Als Feldarzt im Türkenkrieg zog er mit dem österreichischen Heer nach Ungarn, wo er an Dysenterie starb.
Reisebericht
Wie Rauwolf 1577 in Briefen an seinen Medizinerkollegen Joachim Camerarius der Jüngere in Nürnberg berichtete, hatte er auf seiner Reise im Nahen Osten ausführliche Notizen angelegt. Freunde und Kollegen hätten ihn aufgefordert, über seine Reise zu schreiben, gab er später als Anlass an, seinen Reisebericht 1582 in überarbeiteter Form in Lauingen (Donau) drucken zu lassen. Schon bald folgte ein Raubdruck in Frankfurt am Main, bevor Rauwolf ein kaiserliches Druckprivileg einholen konnte. Die zweite offizielle Ausgabe folgte 1583 und wurde um einen vierten Abschnitt mit 44 Holzschnitten von exotischen Pflanzen aus Rauwolfs Herbarium erweitert. In seinem Reisebericht gab Rauwolf Eindrücke von europäischen Handelsstädten wie Lindau, Chur, Marseille, Mailand und Nizza wieder, die er auf dem Hinweg nach Marseille besucht hatte, und zählte die dort umgeschlagenen Waren auf. Vor allem aber dokumentierte er mit großem Detailreichtum die Verwendungen von Pflanzen als Lebensmittel und Handelswaren, die er auf den Basaren von Tripoli, Aleppo und Bagdad vorfand. Dem heimischen Lesepublikum schilderte der Augsburger damit die genaue Herkunft von Pflanzen, die in Apotheken in Europa erhältlich waren, und berichtete weiterhin von solchen, die noch unbekannt waren. Neben Beobachtungen als Botaniker im Feld dokumentierte er die Namen und Verwendungszwecke von Pflanzen sowie ihre wirtschaftliche Bedeutung für die Einheimischen. Mit seinen Beobachtungen über Pflanzen verfasste Rauwolf einen den ersten umfassenden wissenschaftlichen Expeditionsberichte mit literarischer Wirkung, wie sie später auch Charles Darwin und Alexander von Humboldt vorgelegt haben. Rauwolfs Schilderungen der sozialen und politischen Verhältnisse im Osmanischen Reich zeugen von der Abhängigkeit von zeitgebundenen europäischen Denkmustern, vor allem aber seinem tief empfundenen evangelischen Glauben. Als studierter Mediziner erscheint er in seinem persönlichen Urteil aber zurückhaltender als zeitgenössische Autoren mit anderen Berufen: Für Rauwolf waren „die Türken“ nicht das absolut Böse, sondern besaßen zweifellos negative und positive Eigenschaften. Sogar die islamischen Rechts- und Religionsgelehrten schilderte er wohlwollend als verständig. Umgekehrt genoss die Gelehrsamkeit des Augsburger Arztes auch in der islamischen Gesellschaft Respekt, etwa wenn sich Rauwolf bei osmanischen Offiziellen um Pässe und Empfehlungsschreiben bemühte oder bei einem arabischen Prinzen gastfreundliche Aufnahme fand. Obwohl Leonhard Rauwolf einen genauen Blick auf den Markt für Pflanzen und Pflanzenprodukte am westlichen Ende der Seidenstraße warf, fehlen alle Hinweise darauf, dass er dabei den wirtschaftlichen Ertrag seiner Reise im Auge hatte. Er reiste und berichtete als aufmerksam beobachtender Gelehrter, nicht als Kaufmann, so etwa über ein heißes, tintenschwarzes Getränk, das die Einheimischen mochten: das spätere westliche Modegetränk Kaffee. Da die Augsburger Handelsgesellschaft Manlich während seiner Reise in Konkurs ging, erbrachte die Reise auch sonst keinen wirtschaftlichen Ertrag. Als er durch seine Entlassung in Augsburg in finanzielle Nöte geraten war, verkaufte Rauwolf schließlich auch sein Herbarium um 1593 an den kaiserlichen Hof unter Rudolf II. (HRR) in Wien. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es von dort von schwedischen Truppen geraubt und nach Schweden verbracht. Durch Isaac Vossius gelangte es später nach London und wurde nach dessen Tod an die Universität Leiden verkauft. Heute wird das Rauwolf Herbarium im Naturalis Biodiversity Center in Leiden aufbewahrt.
Ehrungen
Charles Plumier benannte ihm zu Ehren die Gattung Rauvolfia[2] der Pflanzenfamilie der Hundsgiftgewächse (Apocynaceae). Carl von Linné übernahm 1753 diesen Namen in derselben Schreibweise.[3][4]
Schriften (Auswahl)
- Leonharti Rauwolfen, der Artzney Doctorn, und bestelten Medici zu Augspurg Aigentliche beschreibung der Raisz, so er vor diser zeit gegen Auffgang inn die Morgenländer, fürnemlich Syriam, Judæam, Arabiam, Mesopotamiam, Babyloniam, Assyriam, Armeniam u.s.w. nicht ohne geringe mühe unnd grosse Gefahr selbs volbracht… Verlag Georg Willers, Lauingen 1582. ND Lauingen 1583, dabei erweitert durch: Der Vierte Thail [… mit 44 Holfschnitten] etlicher schöner außländischer Kreüter. Volltext online:https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10206788?page=4,5
- Englische Übersetzung in: John Ray: A Collection of Curious Travels & Voyages in Two Tomes, the First containing Dr. Leonhart Rauwolff's Itinerary into the Eastern Countries …, the Second taking in many parts of Greece, Asia Minor, Egypt, Arabia Felix and Patraea, Ethiopia, the Red-Sea… Smith and Walford, London 1693, Volltext online.
- Bearbeitet und eingeleitet von Fritz Junginger in: Leonhard Rauwolf, ein schwäbischer Arzt, Botaniker und Entdeckungsreisender des 16. Jahrhunderts. Heidenheimer Verlagsanstalt, Heidenheim an der Brenz 1969.
Literatur
- Friedrich Ratzel: Rauwolf, Leonhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 27, Duncker & Humblot, Leipzig 1888, S. 462–465.
- Mark Häberlein: Rauwolf, Leonhard. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 21. Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 217–218 (deutsche-biographie.de).
- Franz Babinger: Leonhard Rauwolf, ein Augsburger Botaniker und Ostenreisender des sechzehnten Jahrhunderts. In: Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Band 4 (1913), 148–61.
- Karl H. Dannenfeldt: Leonhard Rauwolf, sixteenth-century physician, botanist, and traveler. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1968.
- Fritz Junginger (Hrsg.): Leonhard Rauwolf – ein schwäbischer Arzt, Botaniker und Entdeckungsreisender des 16. Jahrhunderts. Heidenheim 1969 (= Schwäbische Lebensläufe. Band 2).
- Mark Häberlein: A 16th-Century German Traveller’s Perspective on Discrimination and Tolerance in the Ottoman Empire. In: Guðmundur Hálfdanarson (Hrsg.): Discrimination and Tolerance in Historical Perspective. Edizioni Plus / Pisa University Press, Pisa 2009, ISBN 978-88-8492-558-9, S. 119–124, Artikel im Volltext online (Zugriff am 29. Januar 2014).
- Ludovic Legré: La botanique en Provence au XVIe siècle: Léonard Rauwolff – Jacques Raynaudet. Aubertin & Rolle, Marseille 1900, Volltext online (Zugriff am 29. Januar 2014).
- Tilmann Walter / Abdolbaset Ghorbani / Tinde van Andel: The emperor’s herbarium: The German physician Leonhard Rauwolf (1535?–96) and his botanical field studies in the Middle East. In: History of Science, Band 59 (2021), 1–22; Online-Ausgabe: doi:10.1177/00732753211019848.
- Anastasia Stefanaki / Tilmann Walter / Henk Porck / Alice Bertin / Tinde van Andel: The early book herbaria of Leonhard Rauwolf (S. France and N. Italy, 1560–1563): new light on a plant collection from the ‘golden age of botany’. In: Rendiconti Lincei. Scienze Fisiche e Naturali, Band 32 (2021), 449–61; Online-Ausgabe: doi:10.1007/s12210-021-01012-1.
- Simone Herde / Tilmann Walter: Neues zur Biographie des Augsburger Arztes und Orientreisenden Leonhard Rauwolf (1535?–1596). In: Sudhoffs Archiv. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte, Band 94 (2010), 129–56.
- Tilmann Walter: Eine Reise ins (Un-)Bekannte. Grenzräume des Wissens bei Leonhard Rauwolf (1535?–1596). In: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, Band 17 (2009), 359–385.
Weblinks
- Autoreneintrag für Leonhard Rauwolf beim IPNI