Leonore Mau
deutsche Fotografin
From Wikipedia, the free encyclopedia
Leonore Mau (* 1. August 1916 in Leipzig; † 22. September 2013 in Hamburg[1]) war eine deutsche Fotografin. Architektur, urbanes Leben und Riten zählen zu den Schwerpunkten ihres Werkes, das sich zwischen ethnologischer Dokumentation und Kunstfotografie bewegt.
Leben und Werk

Kindheit und Jugend
Leonore Maria Lucilla Burckas stammte aus einer großbürgerlichen Familie. Bereits mit zwölf Jahren bekam sie ihren ersten Fotoapparat geschenkt.[2] Sie studierte Bühnenbildnerei an der Leipziger Kunstgewerbeschule. 1937 heiratete sie den Architekten Ludwig Mau, mit dem sie die zwei Kinder Michael und Ulrike bekam. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog die Familie auf der Flucht vor den Kommunisten[3] nach Hamburg.
Erste Arbeiten als Fotografin
In den 1950er Jahren ließ Mau sich vom Fotografen Wolfgang Etzold in Blankenese als Pressefotografin ausbilden. Sie kaufte Etzold eine gebrauchte Leica IIIf mit Elmar-Objektiv ab und machte Bilder vom Hamburger Hafen, Architekturaufnahmen, fotografierte Straßenszenen und Portraits. Ihre erste Veröffentlichung hatte sie in der Hafenrundschau, es folgten Aufträge für Architekturfotos.[4] Später arbeitete sie für Zeitschriften wie Architektur & Wohnen, Domus, Gut Wohnen, Moderne Frau und Schöner Wohnen.[3]
Zusammenleben und -arbeiten mit Hubert Fichte
1950 lernte Mau bei einem Literatur-Jour-Fixe ihres Mannes den damals 15-jährigen Hubert Fichte kennen. Sie blieb in sporadischem Kontakt mit dem jungen Mann. 1961 trafen sie sich in Hamburg wieder und wurden ein Paar, obwohl Fichte gleichzeitig offen homosexuell lebte. 1962 besuchte sie ihn im provenzalischen Montjustin, wo er im Reformdorf des Malers Serge Fiorio und dessen Familie als Schafhirte[5] arbeitete. Für Fichte trennte Mau sich von ihrem Mann und verließ ihre Familie.[6] Sie zog mit dem noch unbekannten Schriftsteller in die Dürerstraße 9 in Hamburg-Othmarschen.[7] Dort lebte sie bis zu ihrem Lebensende.[4] Mau, die als Reportage- und Architekturfotografin immer erfolgreicher wurde und Fichte, der in den nächsten Jahren seine ersten Werke publizierte,[8] arbeiteten nun dauerhaft zusammen und tauschten sich künstlerisch ständig aus.[9]
In den folgenden Jahren erforschte das Paar die afroamerikanischen Religionen in der Karibik, in Lateinamerika und Afrika.[10] Zu ihren Reisezielen gehörten neben Brasilien Ägypten, Marokko, Venezuela, Mexiko, Benin, Senegal, die USA.[11] Zwischen 1972 und 1974 bereisten die beiden außerdem Martinique, Grenada, Trinidad, die Dominikanische Republik und Haiti, wobei Mau die Aufenthalte fotografisch dokumentierte. Im Zentrum der Karibikreisen standen afrodiasporische Riten und Zeremonien, die Mau in Serien von Kleinbild- und Mittelformatfotografien festhielt. Ein bedeutender Teil dieser Arbeiten entstand im damals vom Diktator Jean-Claude Duvalier regierten Haiti und wurde in deutschen Zeitschriften und Reisereportagen publiziert. Mau fotografierte außerdem rituelle Handlungen des Voodoo-Kults, die Aufnahmen waren jedoch nicht zur Veröffentlichung bestimmt.[11]
„Leonore Mau fotografiert die Sekunde der Ekstase, wie sie explodiert aus Gebet, Wasser, Rauch, Milch, Blut; und ihr weltliches Gegenstück, die Versunkenheit. Sie bildet das Reich der Religionen ab, heilige Orte und Handlungen […]“.[12]
Spätwerk
Auch nach Fichtes Tod 1986 fotografierte Mau weiter: Sie reiste in den folgenden Jahren alleine nach Indien und mehrmals nach Portugal. Hier entstanden Trauerbilder, in denen sie Fichtes Tod thematisierte.[13] 1988 begleitete sie das Pina Bausch Ensemble in Wuppertal.[2] Später veröffentlichte zusammen mit Pina Bauschs Mann Roland Kay die Bücher Psyche (2005) und Die Kinder Herodots (2006).[14]
Sie wurde auf dem Nienstedtener Friedhof auf dem Grab Fichtes beigesetzt.[15] Der Hamburger Senat beschloss am 18. Mai 2022 die Benennung des Leonore-Mau-Wegs im Stadtteil Bahrenfeld.[16]
Rezeption und Nachlass
Bis heute stehen Leonore Maus Arbeiten im Schatten ihres Zusammenlebens mit Hubert Fichte. Die Bilder der erfolgreichen Fotografin wurden vielfach in Zeitschriften veröffentlicht, die Kunstszene nahm dagegen wenig Notiz von ihr. Das änderte sich 2002 mit Maus erster großer Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel. Nach wie vor wird ihr umfangreiches künstlerisches Werk jedoch wenig rezipiert.[17]
Die Ambivalenz von Maus Haiti-Fotografien zwischen exotisierendem Klischee und Dokumentation war ab 2022 Thema eines Forschungsprojekts der ETH Zürich[18] sowie 2025/26 einer darauf basierenden Ausstellung im Münchner Lenbachhaus.[19]
Leonore Mau vererbte ihren Nachlass und den von Hubert Fichte der S. Fischer Stiftung. Maus Nachlass, ein fotografisches Werk zwischen ethnologischer Dokumentation und Kunstfotografie, besteht aus 112.000 Motiven. Seit 2017 wurde er in einem mehrjährigen Projekt erschlossen und liegt als Dauerleihgabe bei der bpk-Bildagentur.[20]
Ausstellungen (Auswahl)
- 2002 erste große Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel.[21]
- 2002/2003 war die Gruppenausstellung Ökonomien der Zeit des Migros Museums für Gegenwartskunst unter anderem im Museum Ludwig in Köln und der Akademie der Künste in Berlin zu sehen.
- 2005 würdigte die Ausstellung Hubert Fichte und Leonore Mau. Der Schriftsteller und die Fotografin. Eine Lebensreise in den Hamburger Deichtorhallen das Lebenswerk von Fichte und Mau.[22]
- 2007 war sie in der Gruppenausstellung Wege zur Selbstverständlichkeit – Set 4 im Fotomuseum Winterthur vertreten.
- 2014 zeigte das Haus der Photographie in Hamburg die Hommage Das zweite Gesicht[23]
- 2016/2017 Die Fotografin Leonore Mau. Von Hamburg in die Welt wurde zum 100. Geburtstag der Künstlerin im Hamburger Jenisch-Haus gezeigt.[24]
- 2025/26 zeigt das Münchner Lenbachhaus die Ausstellung Out of Focus. Leonore Mau und Haiti.[19] Dabei handelt es sich um die Weiterentwicklung eines Forschungsprojekts der ETH Zürich, das sich mit den Bildern von Mau und von Maya Deren beschäftigte.[18]
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Die afroamerikanischen Religionen. S. Fischer, Frankfurt am Main (zusammen mit Hubert Fichte).
- Bd. 1. Xango. 1976, ISBN 3-10-020701-7.
- Bd. 2. Petersilie. 1980, ISBN 3-10-020708-4.
- Ensemble. Pina Bausch – Das Tanztheater Wuppertal – Portraits. Edition diá, St. Gallen, Berlin, São Paulo 1988 (zusammen mit Ronald Kay).
- Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-020730-0 (zusammen mit Hubert Fichte, hg. von Ronald Kay).
- Die Kinder Herodots. Ein Buch. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-020732-7 (zusammen mit Hubert Fichte, hg. von Ronald Kay).
- Porträts. Brinkmann und Bose, Berlin 2016, ISBN 978-3-940048-29-5.
Fotofilme
Gemeinsam mit Hubert Fichte[25]:
- Der Tag eines unständigen Hafenarbeiters (Produktion: NDR 1966)[26]
- Der Fischmarkt und die Fische (Produktion: NDR 1968)
- Die Spanische Treppe (Produktion: WDR 1969)
- Zwei mal 45 Bilder / Sätze aus Agadir (Produktion: SWF 1971)
Literatur
- Ronald Kay (Hrsg.): Hälfte des Lebens. Leonore Mau, Hubert Fichte, eine fotografische Elegie. Dölling & Galitz, Hamburg 1996, ISBN 3-930802-34-1.
- Peter Braun: Die doppelte Dokumentation. Fotografie und Literatur im Werk von Leonore Mau und Hubert Fichte. J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar 1997, ISBN 978-3-476-45 186-6.
- Friedrich Pfäfflin, Wilfried F. Schoeller (Hrsg.), Leonore Mau (Ill.): Hubert Fichte und Leonore Mau: der Schriftsteller und die Fotografin, eine Lebensreise. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-10069905-3. (Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg)
- Ole Frahm: Zerstreute Fremde. Zur „Annäherung an die Geisteskranken“ bei Leonore Mau und Hubert Fichte. In: Kultur & Gespenster. Heft 1 (Juli/September), 2006, S. 83–103.
- Hubert Fichte: Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart. Briefe an Leonore Mau. Herausgegeben von Peter Braun. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016.
- Anna Götte, Christina Stehr: „Ich kann nur fotografieren, was mich total fasziniert.“ Die Fotografin Leonore Mau – Zwischen Kunstfotografie und ethnologischer Dokumentation. In: Bibliotheksmagazin: Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München (2023), Heft 2, S. 36–41 (online).
- Dora Imhof / U5: Ein Schatz, eine Last, eine Chance. Was tun mit Leonore Maus Haiti-Fotografien?. In: kritische berichte 52. Jg., Nr. 2, 2024, S. 39–45.
- Dora Imhof, Gina Athena Ulysse, U5 (Hrsg.): Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti. In deutscher Sprache und in Kreyòl, Hatje Cantz, Berlin 2025, ISBN 978-3-7757-6025-6
Dokumentarfilm
- Nathalie David, Diese Photographin heißt Leonore Mau. Pitchoun Production, S. Fischer Stiftung, 2005–2016.
Weblinks
- Literatur von und über Leonore Mau im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Leonore Mau bei IMDb
- Leonore Mau in der Deutschen Fotothek
- Leonore Mau/Hubert Fichte in kunstaspekte.de
- Leonore Mau (1916-2013). Website der S. Fischer Stiftung zu Leonore Mau und ihrem Nachlass