Lernraumgestaltung
Planung und Ausgestaltung von Lernräumen bzw. Lernumgebungen in Bildungseinrichtungen
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Lernraumgestaltung bezeichnet die zielgerichtete Planung und Ausgestaltung von Lernräumen bzw. Lernumgebungen in Bildungseinrichtungen. Im deutschsprachigen hochschuldidaktischen Diskurs wird der Begriff häufig weit gefasst: Er umfasst neben der physischen Raum- und Möblierungsplanung auch didaktische, organisatorische und technische Aspekte sowie die Gestaltung virtueller und hybrider Lernsettings.[1][2]
Begriff und Abgrenzung
Lernraumgestaltung ist von Lernort und Lernraum zu unterscheiden. Lernraum wird in der Hochschuldidaktik als Oberbegriff für Umgebungen verstanden, in denen Lernen ermöglicht wird; diese können materiell (physisch), digital (virtuell) oder als Kombination (hybrid) vorliegen.[1] Lernraumgestaltung bezieht sich demnach nicht nur auf Bau- oder Einrichtungsfragen, sondern auch auf die bewusste Auswahl und Konfiguration von Lernumgebungen, die bestimmte Lehr- und Lernformate unterstützen sollen.[1]
Hochschuldidaktischer Sprachgebrauch
In der Hochschuldidaktik wird Lernraumgestaltung häufig im Zusammenhang mit kompetenz- und studierendenorientierten Lehr-/Lernformaten diskutiert. Der digitale Wandel beeinflusst dabei sowohl die Nutzung als auch die Gestaltung physischer Räume; traditionelle Lehrflächen werden u. a. zu multifunktionalen Lernflächen weiterentwickelt, für hybride Szenarien technisch ausgerüstet und durch neue Raumtypen (z. B. Makerspaces) ergänzt.[2] In einschlägigen Beiträgen wird betont, dass räumliche Entscheidungen didaktische Optionen mitbestimmen und Lernräume daher auf Basis pädagogischer Überlegungen geplant werden sollten.[3]
Die Hochschulforschung und hochschulnahe Fachinitiativen (z. B. Bibliotheken, Rechen- und Medienzentren) behandeln Lernraumgestaltung zudem als Teil strategischer Infrastruktur- und Organisationsentwicklung, etwa im Kontext von Lernarchitekturen, Service-Kooperationen oder der Verschränkung physischer und virtueller Angebote.[4]
Dimensionen der Lernraumgestaltung
In der Literatur werden mehrere Dimensionen unterschieden, die in der Praxis häufig zusammen geplant werden:
Physische Dimension
Die physische Dimension umfasst u. a. Architektur, Raumzuschnitt, Möblierung, Zonierung (Einzel-/Gruppenarbeit, Präsentation, Rückzug), Akustik, Beleuchtung und Barrierefreiheit. In der Diskussion um „zukunftsfähige Lernräume“ werden insbesondere flexible, umnutzbare Raumstrukturen hervorgehoben, die unterschiedliche Lernaktivitäten unterstützen.[5][6]
Technische und digitale Dimension
Zur technischen Dimension zählen mediale und informationstechnische Infrastrukturen (z. B. Präsentations- und Kollaborationstechnik, Konnektivität, Aufzeichnung/Streaming) sowie die Einbettung digitaler Lernumgebungen, etwa Lernplattformen, Kollaborationstools und hybride Raumkonstellationen.[7][8]
Didaktische und organisatorische Dimension
Unter didaktischen und organisatorischen Aspekten werden u. a. die Passung zu Lehrformaten, Unterstützungsangebote (z. B. Tutorien, Medien-/Schreibberatung), Nutzungsregeln, Öffnungszeiten, Zugänge, Service- und Betreuungskonzepte sowie die Einbindung in hochschuldidaktische Qualifizierung betrachtet.[9] In Leitlinien zur Lernraumentwicklung werden außerdem Nutzerorientierung und Partizipation als zentrale Prinzipien betont.[10]
Barrierefreiheit (physisch und digital)
Als Dimension der Lernraumgestaltung umfasst Barrierefreiheit sowohl die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit physischer Lernräume (z. B. stufenfreie Erreichbarkeit, geeignete Wegeführung, Leitsysteme, Akustik und Beleuchtung, anpassbare Möblierung) als auch die barrierearme Gestaltung digitaler Lernumgebungen (z. B. zugängliche Dokumente und Medien, Untertitel und Transkripte, Tastaturbedienbarkeit, ausreichende Kontraste sowie kompatible Lernplattformen und Tools). Ziel ist es, Lernräume und Lernangebote so zu gestalten, dass sie von Studierenden mit unterschiedlichen Voraussetzungen möglichst selbstständig genutzt werden können.
Typische Formen und Anwendungsfelder
Lernraumgestaltung wird in unterschiedlichen Kontexten umgesetzt, darunter:
- Selbstlern- und Lernzentren an Hochschulen, häufig in oder in Kooperation mit Hochschulbibliotheken; Bibliotheken werden dabei teilweise zu Lernzentren mit erweiterten Raum- und Servicekonzepten weiterentwickelt.[11]
- Learning Commons / Learning Centers als multifunktionale Bereiche für Einzel- und Gruppenarbeit, oft mit Beratungs- und Technikangeboten; Projektberichte beschreiben hierfür u. a. Umbaumaßnahmen und begleitende Evaluationen.[12]
- Hybride Lehr-/Lernräume (z. B. Seminarräume mit Technik für Hybrid-Szenarien) sowie ergänzende kreative Raumkonzepte wie Makerspaces.[13]
Planungs- und Umsetzungsprozesse
In Empfehlungen und Leitlinien wird Lernraumgestaltung häufig als iterativer Prozess beschrieben, der Bedarfsanalysen, partizipative Planung mit unterschiedlichen Akteuren (z. B. Studierende, Lehrende, Bibliothek/IT, Hochschulleitung), Pilotierungen und kontinuierliche Weiterentwicklung umfasst.[14] Hochschulinterne Konzeptpapiere konkretisieren dies teils über Leitlinien und organisatorische Rahmenbedingungen (z. B. Zugang, Beschilderung, Serviceangebote).[15]
Forschung, Evaluation und Kritik
Empirische Forschung zu Zusammenhängen zwischen Raumgestaltung, Lehrgestaltung und Lernergebnissen gilt in Teilen als ausbaufähig; für den Hochschulbereich wurde bereits auf einen Bedarf an weiterer Forschung zu Nutzung und Wirkung von Lernräumen hingewiesen.[16] In der Praxis wird Lernraumgestaltung daher häufig durch Nutzungsanalysen und Evaluationen begleitet (z. B. Befragungen zur Raum- und Servicequalität).[17]
Als kritischer Punkt wird genannt, dass räumliche Modernisierung ohne didaktische bzw. organisatorische Einbettung begrenzte Wirkung entfalten kann; daher wird teilweise eine pädagogische Fachplanung neben der baulichen und technischen Planung gefordert.[3] Zudem wird Lernraumgestaltung im Hochschulbereich mit Fragen der Infrastrukturfinanzierung und der Weiterentwicklung von Flächen, Räumen und Ausstattung verknüpft.[18]
Siehe auch
Literatur
- Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI) e. V. (Hrsg.): Die Hochschule zum Lernraum entwickeln. Empfehlungen der DINI-Arbeitsgruppe „Lernräume“. Kassel University Press, Kassel 2013. DOI:10.25656/01:30667.
- Anne Prill: Zukunftsorientierte Lernraumgestaltung für innovative Hochschuldidaktik und eine neue Kultur des Lernens. In: b.i.t.online 25 (2022) Nr. 3.
- Paul Temple: Learning spaces in higher education: an under-researched topic. In: London Review of Education 6 (2008) 3, S. 229–241.
- Richard Stang: Auf der Suche nach der „atmenden Raumstruktur“. Historische Betrachtungen zu Diskursen über Lern- und Bildungsräume. In: Magazin erwachsenenbildung.at, Ausgabe 35/36, 2019.
Weblinks
- DINI: Lernräume. In: Deutsche Initiative für Netzwerkinformation e. V..
- Zukunftsfähige Lernräume. In: Hochschulforum Digitalisierung..