Lerntheorie

Modell zur Erklärung von Lernvorgängen From Wikipedia, the free encyclopedia

Lerntheorien beschreiben und erklären Lernvorgänge. Der komplexe Vorgang des Lernens wird dabei mit Prinzipien und Regeln systematisch erklärt. In der Lernpsychologie werden Theorien oder Modelle entwickelt und mit Hilfe empirischer Untersuchungen deren Aussagekraft, Reichweite und Anwendbarkeit auf das Lernen und Lehren in unterschiedlichen Situationen und Kontexten überprüft. Neben der Erklärung dienen Lerntheorien auch zum Generieren von Hypothesen. In der Didaktik bilden lerntheoretische Modelle eine Gruppe neben den bildungstheoretischen Modellen.

Mindmap mit lerntheoretischen Implikationen im Rahmen der Instruktionspsychologie

Lerntheoretische Ansätze im Überblick

Es gibt verschiedene Hauptströmungen von Lerntheorien, die sich in ihren grundsätzlichen Annahmen unterscheiden und sich jeweils auf besondere Formen des Lernens konzentrieren.[1] Die drei wichtigsten sind behavioristische Ansätze, die Lernen als Erwerb von Verhalten durch Konditionierung erklären, kognitivistische Ansätze, in denen es um Informationsverarbeitung und den Erwerb von Wissen geht, und konstruktivistische Ansätze, die die aktiven Aufbauleistungen von Individuen beim Lernen hervorheben.[2] Die Abgrenzung insbesondere zwischen den letzten beiden ist nicht immer ganz einfach.

Behavioristische Lerntheorien

Für die Vertreter der behavioristischen Lerntheorie sind nur Verhalten (englisch behavior) und seine äußeren Anlässe und Folgen von Bedeutung, um Lernen zu erklären. Auf den Einbezug psychischer Prozesse wurde bewusst verzichtet; der Mensch wird als Black Box bezeichnet. Im Mittelpunkt der behavioristischen Theorien steht der Mensch als Ergebnis seiner Umgebung oder Umwelt.

Eine Ausnahme ist das Lernen am Modell, das psychische Strukturen und Prozesse annimmt.

Das Verhalten eines Individuums wird im Behaviorismus im Rahmen eines Reiz-Reaktions-Modells verstanden, demzufolge Verhalten (Response, Output) durch einen äußeren Reiz (Stimulus bzw. Input) ausgelöst bzw. durch seine äußeren Folgen verstärkt oder abgeschwächt wird.[3] Im 20. Jahrhundert wurden insbesondere die folgenden behavioristischen Lerntheorien entwickelt:

Edward Lee Thorndike erforschte am Ende des 19. Jahrhunderts Problemlösen. In einem paradigmatischen Experiment von 1898 setzte er Katzen in einen Käfig, der von innen durch Ziehen an einer Schnur zu öffnen war, legte außen Futter hin und maß die Zeit, die die Katzen zur Selbstbefreiung benötigten. Die Belohnung durch das Futter führte dazu, dass die Katzen immer schneller beim Lösen des Problems wurden. Er nannte dies das Gesetz der Wirkung (englisch law of effect). Seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen führten zur Theorie der instrumentellen Konditionierung.

Kurze Zeit später entstand die Theorie der klassischen Konditionierung. Zufällig stieß 1905 der Physiologe Iwan Pawlow auf dieses Prinzip (zum Versuch: siehe auch Pawlowscher Hund). Eine klassische Konditionierung erfolgt, wenn ein ursprünglich neutraler Reiz (etwa ein Ton) durch mehrfaches zeitliches Zusammentreffen mit einem reflexauslösenden Reiz (etwa Futter) einen Reflex, zum Beispiel Speichelfluss oder Lidschluss, auslöst.

Burrhus F. Skinner hat sich v. a. mit dem operanten Verhalten, also der Rückwirkung der Konsequenzen eines Verhaltens auf dasselbe, beschäftigt und das Prinzip der operanten Konditionierung beschrieben. Operante Konditionierung spezifiziert die Bedingungen, unter den ein Verhalten häufiger bzw. seltener werden.

Das von Albert Bandura entwickelte Lernen am Modell, bei dem Verhaltensweisen von einem Modell übernommen werden, auch ohne dass sie gezeigt werden müssen, kann als eine Übergangsform zwischen Behaviorismus und Kognitivismus angesehen werden. Hier werden psychische Prozesse wie Motivation und Gedächtnis beschrieben, die der Behaviorismus nicht für relevant oder für unbeobachtbar hielt. Der Ansatz wird manchmal auch als sozialkognitive Lerntheorie bezeichnet.

Kritik

Behavioristische Lerntheorien haben in mindestens zwei Punkten Kritik auf sich gezogen:[4] Zum einen erklären sie primär die Veränderung von existierendem Verhalten. Es gebe daher keine Erklärung für neues Verhalten, also für Innovation oder Kreativität. Zusätzlich handelt es sich bei der Mehrzahl der beobachteten Lernvorgänge um die Verstärkung von Leistungen, die einen Mangelzustand (z. B. Hunger oder Durst) ausgleichen sollen. Zahlreiche Kritiker sehen auch das Menschenbild des Behaviorismus als zu eng an. Einige der Einwände werden redundant, wenn die rein lerntheoretischen Ansätze um kognitive Prozesse erweitert werden, so etwa Banduras sozial-kognitive Lerntheorie.

Kognitivistische Lerntheorien

Der Kognitivismus entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und betrachtet Lernen als Informationsverarbeitung.[5] Lernende werden dementsprechend als informations- und symbolverarbeitende Systeme angesehen, die versuchen, ein Problem zu lösen.[6] Kognitive oder kognitionspsychologische Theorien identifizieren die kognitiven Prozesse oder Mechanismen, die zum Lernen beitragen (etwa die Auswahl, Organisation und Elaboration von Lernmaterial) und die Beteiligung von allgemeineren Prozessen und Strukturen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Forschung aus diesem Ansatz hat eine Vielzahl von nützlichen Modellen und Theorien hervorgebracht, etwa solche zu Lernstrategien und zur kognitiven Belastung beim Lernen oder zur Rolle des Vorwissens. Generell gehen kognitivistische Ansätze davon aus, dass Lernen ein aktiver (konstruktiver) Prozess ist.[7]

Bereits vor der Entwicklung kognitivistischer Lerntheorien kannte man das Lernen durch Einsicht; letzteres wurde etwa gleichzeitig mit dem Modell des klassischen Konditionierens, aber völlig unabhängig von Vertretern der deutschen Gestalttheorie entwickelt und erforscht. Die Mechanismen lassen sich kognitionspsychologisch reformulieren; die Grundidee des Lernens durch kognitive Umstrukturierung ist aber genuiner Gedanke, der in der Gestalttheorie eine zentrale Bedeutung hat.

Konstruktivistische Lerntheorien

Der Konstruktivismus geht von Selbstregulation von Lernprozessen im nicht-technischen Sinne aus. Wissen hängt mit Fragen der aktiven Bedeutungskonstruktion von Lernenden zusammen, ohne Objektivität vorauszusetzen.[8] Eine besondere Ausprägung hat der Konstruktivismus im sogenannten Radikalen Konstruktivismus (z. B. nach Glasersfeld, 1996):[9] Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass alle Beobachtung und Wahrnehmung sowie alles Verstehen der Welt stets von der Beobachtungsperspektive abhängig ist. Lernende werden dabei als geschlossene, autonome Systeme betrachtet. Ihre Erkenntnisbildung ist immer ein biographisch bedingter und einmaliger Prozess, der in soziale Kontexte eingebettet ist, z. B. die gemeinschaftliche Co-Konstruktion und Co-Produktion von Wissen.[10] In institutionellen Kontexten (z. B. Hochschule) werden zunehmend sozialkonstruktivistische Lerntheorien zur Gestaltung von Lehren und Lernen empfohlen.[11]

Zu den konstruktivistischen Ansätzen zählen auch Theorien zum situierten Lernen. Sie fokussieren besonders die Schwierigkeiten, die beim Transfer des Gelernten auf außerschulische oder außeruniversitäre Situationen entstehen.

Weitere Ansätze

Folgende Ansätze sind im eigentlichen Sinn keine eigenständigen Lerntheorien, sondern Anwendungsbeispiele von Lerntheorien. So radikalisiert das machinelle Lernen die behavioristische Lerntheorie. Die instruktionspsychologischen Ansätze finden sich seit den 1970ern in der Leittextmethode in Deutschland wieder. Dabei werden in unterschiedlicher Gewichtung behavioristische oder kognitivistische lerntheoretische Verständnisse integriert. Das biokybernetisch-neuronale Lernmodell ist den konstruktivistischen Lerntheorien zuzuorden, mit einer stärker naturwissenschaftlich-neurobiologisch fundierten Argumentation als der erkenntnistheoretisch-philosophisch fundierte Zugang des Konstruktivismus.[12]

Instruktionspsychologische Ansätze

Instruktionspsychologische Ansätze leiten aus Lerntheorien, insbesondere behavioristischen und kognitivistischen Lerntheorien, praktische und präskriptive Modelle ab, mit denen Lernprozesse geplant und durchgeführt werden können. Aus den Theorien werden Instruktionsmodelle abgeleitet[13], in denen zahlreiche verschiedene Rahmenbedingungen des Lernens und Einflussfaktoren auf dieses spezifiziert werden, beispielsweise konkrete Instruktionsmethoden und Instruktionsmedien, Unterrichtsorganisation, individuelle Differenzen einschließlich motivationaler und emotionaler Bedingungen sowie des individuellen Vorwissens.

Ein in diesem Kontext ebenfalls verwendeter Begriff, der auf einen Ansatz des Psychologen Robert Gagné zurückgeht, ist Instruktionsdesign (Instructional design).

Biokybernetisch-neuronale Lerntheorien

In letzter Zeit werden auch vermehrt biokybernetisch-neuronale Ansätze (Neurobiologie) formuliert, welche in erster Linie die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und des Nervensystems beschreiben,[14] siehe auch → Kognitionswissenschaft. Einen Gegenstand innerhalb der biokybernetisch-neuronalen Lerntheorien bilden die Spiegelneurone, die neben Einfühlungsvermögen (Empathie) und Rapportfähigkeit auch an neuronalen Grundfunktionen für das Lernen am Modell beteiligt sein könnten.[15][16]

Maschinelles Lernen

Die statistische Lerntheorie nach Wladimir Wapnik und Alexey Chervonenkis untersucht die statistischen Eigenschaften von Lernalgorithmen (Maschinelles Lernen). Das Hauptziel ist, einen theoretischen Rahmen für das Problem der Inferenz zu bieten – d. h. für das Problem, aus einem Datensatz Wissen über zugrunde liegende Muster zu erlangen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Theorie menschlichen Lernens; allerdings werden Parallelen zwischen maschinellem Lernen und menschlichem Lernen diskutiert.

Siehe auch

Literatur

  • Gordon Bower, Ernest Hilgard: Theorien des Lernens. 2 Bände. 5. Auflage. Stuttgart 1983/84.
  • W. Edelmann: Lernpsychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim 2000.
  • Guy Bodenmann, M. Perrez, M. Schär: Klassische Lerntheorien. Grundlagen und Anwendungen in Erziehung und Psychotherapie. Huber, Bern 2004.
  • Heinz Reinders, Hartmut Ditton, Cornelia Gräsel, Burkhard Gniewosz (Hrsg.): Empirische Bildungsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2011, ISBN 978-3-531-17847-9, doi:10.1007/978-3-531-93021-3_1 (springer.com).
  • Philip Zimbardo, R. J. Gerrig: Psychologie. 18. Auflage. Pearson Verlag, München 2008.

Einzelnachweise

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