Liber divinorum operum

Buch von Hildegard van Bingen From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Liber divinorum operum (deutsch meist „Buch der göttlichen Werke“ oder „Das Buch vom Wirken Gottes“, auch De operatione Dei) ist die dritte Visionsschrift der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Das Werk entstand zwischen etwa 1163 und 1174 im Kloster Rupertsberg und bildet zusammen mit Scivias und dem Liber vitae meritorum die sogenannte Visionstrilogie Hildegards.

Illustration zum Liber divinorum operum

Entstehung und Einordnung

Hildegard datiert im Prolog des Liber divinorum operum den Beginn der Visionen in die Regierungszeit Kaiser Friedrichs I.; sie nennt ausdrücklich das Jahr 1163 und ihr 65. Lebensjahr als Zeitpunkt, an dem sie eine besonders eindringliche Vision empfing und auf göttlichen Auftrag hin mit der Niederschrift begann, die nach eigener Aussage sieben Jahre in Anspruch nahm.[1][2]

Da der Text nach dem Tod ihres langjährigen Sekretärs Volmar 1173 nicht vollständig abgeschlossen war, übersandte Hildegard das Manuskript an Abt Ludwig von St. Eucharius bei Trier, der gemeinsam mit weiteren Gelehrten an der Endredaktion mitwirkte; ein Epilog im Rupertsberger Riesenkodex erinnert an diese Mitarbeit.[1] In der Forschung wird die Entstehung des Werkes überwiegend in den Zeitraum zwischen 1163 und 1174 datiert.[2]

Inhaltlich und theologisch knüpft der Liber divinorum operum an Scivias und den Liber vitae meritorum an, führt deren heilsgeschichtliche und ethische Themen aber in einer umfassenden kosmologischen Schau weiter. Er wird deshalb häufig als Kulminationspunkt der Visionstrilogie Hildegards verstanden.[1][3]

Inhalt

Der Liber divinorum operum umfasst drei Bücher mit insgesamt zehn Visionen. Ausgehend vom Prolog zur johanneischen Apokalypse entwirft Hildegard ein Panorama von Ursprung, Aufbau und Schicksal des Kosmos, der Stellung des Menschen in der Schöpfung, der Geschichte von Kirche und Welt sowie des endzeitlichen Gerichts.[1] Die Visionen verbinden kosmographische Bilder mit allegorischen Deutungen und ausführlichen Exegesen biblischer Texte, besonders der Genesis und des Johannesevangeliums.[3]

Ein zentrales Thema ist das Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos: Die Ordnung des Universums spiegelt sich im Menschen wider, dessen Leib und Seele, Freiheit und Verantwortung in die Heilsgeschichte eingebunden sind. Die Schrift beschreibt die Schöpfungsordnung als ein Gefüge, in dem Welt und Kirche, Natur und Gnade einander entsprechen und in dem der Mensch in besonderer Weise in die Verantwortung genommen ist.[1] In der Forschung ist darauf hingewiesen worden, dass Hildegard damit eine frühe Form des später sogenannten homo signorum vorzeichnet.[1]

Handschriftliche Überlieferung

Die Überlieferung des Liber divinorum operum ist im Vergleich zu den beiden früheren Visionsschriften relativ klar. Der Text liegt in sechs vollständigen Handschriften und einem früh entstandenen Fragment vor.[1][4] Als Leithandschrift gilt der Genter Codex 241, der nach paläographischen Kriterien in die Jahre um 1170–1174 datiert wird und im Skriptorium des Rupertsbergs sowie in der Abtei St. Eucharius entstanden ist.[1][4]

Zu den wichtigsten Textzeugen gehören:

  • Gent, Universiteitsbibliotheek, Ms. 241 (12. Jahrhundert; autornächster Textzeuge, entstanden in den Skriptorien des Rupertsbergs und von St. Eucharius bei Trier).[1][4]
  • Wiesbaden, Hochschul- und Landesbibliothek, Hs. 2 (Riesencodex, 12. Jahrhundert; enthält den Liber divinorum operum in enger Abhängigkeit vom Genter Codex und bewahrt einen Epilog zur Entstehungsgeschichte des Werkes).[1][4]
  • Troyes, Bibliothèque municipale, Cod. 683 (12./13. Jahrhundert; aus dem Umfeld der Zisterzienserabtei Clairvaux, mit dem Liber divinorum operum und dem Traktat De consideratione Bernhards von Clairvaux in einem Band).[1]
  • Lucca, Biblioteca Statale, Ms. 1942 (frühes 13. Jahrhundert; reich ausgestatteter Codex mit ganzseitigen Miniaturen zu den Kosmosvisionen Hildegards).[1]
  • Trier, Stadtbibliothek, Ms. 722/277 4° (1487/1489; in der Kartause Beatusberg bei Koblenz geschrieben, mit einer Sammlung von Briefen Hildegards sowie dem Liber divinorum operum und Scivias).[1][4]
  • British Library, Add. 15418 (Ende 15. Jahrhundert; spätmittelalterliche Abschrift, die im Wesentlichen den Text der Genter Handschrift bietet).[1]

Daneben sind Fragmente mit Auszügen aus dem Liber divinorum operum unter anderem in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main und der Stadtbibliothek Trier erhalten.[4]

Lucca-Kodex

Miniatur aus dem Lucca-Kodex (Ms. 1942, Biblioteca Statale Lucca) zum Liber divinorum operum

Besondere Bedeutung kommt dem heute in der Biblioteca Statale zu Lucca aufbewahrten Codex Ms. 1942 zu, der aufgrund seiner Größe, Ausstattung und der beigefügten Miniaturen zu den aufwändigsten Handschriften des Hildegard-Corpus zählt.[1] Die Handschrift entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, befand sich spätestens im 14. Jahrhundert in Italien und gelangte später vermutlich in den Besitz des Kanonikerstifts Santa Maria Corteorlandini in Lucca, bevor sie über den Kardinal und Historiker Giovanni Domenico Mansi in die Staatsbibliothek von Lucca gelangte.[1] Mansi nutzte den Codex 1761 als wichtigste Grundlage für die erste gedruckte Edition des Liber divinorum operum.[1][5]

Die farbigen Miniaturen des Lucca-Kodex, insbesondere die großformatigen Darstellungen der Kosmosvisionen, sind in der neueren Hildegard-Rezeption häufig reproduziert worden und gelten als eindrucksvolle visuelle Interpretation ihres Weltbildes.[5]

Ausgaben und Übersetzungen

Die erste gedruckte Edition des Liber divinorum operum legte Giovanni Domenico Mansi im 18. Jahrhundert vor:

  • Giovanni Domenico Mansi (Hrsg.): Sanctae Hildegardis abbatissae Scivias ac divinae revelationes. In: Analecta sacra, Bd. 3. Lucca 1761.

Im 19. Jahrhundert wurde der Text auf der Grundlage von Mansis Edition in die Patrologia Latina (Bd. 197) aufgenommen.[1]

Die moderne kritische Ausgabe erschien in der Reihe Corpus Christianorum:

  • Albert Derolez, Peter Dronke (Hrsg.): Hildegardis Bingensis: Liber divinorum operum (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis). Brepols, Turnhout 1996.

Für den deutschsprachigen Raum liegen mehrere Übersetzungen vor, die sich überwiegend auf den Genter Codex stützen:

  • Hildegard von Bingen: Welt und Mensch. Das Buch „De operatione Dei“. Übersetzt und erläutert von Heinrich Schipperges. Otto Müller, Salzburg 1965.
  • Hildegard von Bingen: Das Buch vom Wirken Gottes. Liber divinorum operum. Übersetzt von Mechthild Heieck. Pattloch, München 1998.
  • Hildegard von Bingen: Das Buch vom Wirken Gottes. Liber divinorum operum (= Hildegard von Bingen – Werke, 6). Übersetzt von Mechthild Heieck. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2012.

Literatur

  • Michael Embach: Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung und Rezeption im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (= Erudiri sapientia, 4). Akademie Verlag, Berlin 2003.
  • Michael Embach; Martina Wallner: Conspectus der Handschriften Hildegards von Bingen. Aschendorff, Münster 2013.

Einzelnachweise

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