Lila Offensive
Gruppe der Frauenbewegung in Berlin
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Lila Offensive ist eine 1989 in Ost-Berlin gegründete sozialistische Frauengruppe, die bis heute als Trägerverein für kulturpolitische Projekte existiert.[1]
Geschichte
Gründung
Die Lila Offensive (LILO) wurde am 11. Oktober 1989 in der Berliner Wohnung von Ute Großmann im Prenzlauer Berg gegründet. Zu den zwölf Gründungsmitgliedern gehörten Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die privat miteinander bekannt waren.[2] Unter ihnen befanden sich Aktivistinnen der Frauen für den Frieden, Vertreterinnen verschiedener kirchlicher Frauengruppen,[3] Angehörige der Gruppe Lesben in der Kirche, Mitglieder der Frauengruppe Fennpfuhl sowie Wissenschaftlerinnen der Humboldt-Universität.
Die Initiatorinnen beabsichtigten, eine „politisch‑feministische Gruppe“[4] zu schaffen, „mit dem Ziel, sich in die politischen Umbruchprozesse aus Frauensicht einzumischen“.[5] Die Wahl des Namens Lila Offensive verstand die Gruppe als bewusste Bezugnahme auf die internationale Frauenbewegung, als Bekenntnis zum Feminismus und als Ausdruck des Anspruchs, eine neue politische Sprache und neue feministische Inhalte zu entwickeln.[4] Eine eigenständige Organisierung erschien den Gründerinnen notwendig, da sie ihre Anliegen weder in den neuen Oppositionsgruppen, noch in der SED oder dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) ausreichend vertreten sahen.[2]
1989
Der erste öffentliche Auftritt der Lila Offensive erfolgte am 4. November 1989 im Rahmen der größten genehmigten nicht-staatlichen Demonstration der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz. Dort kritisierte die Gruppe auf einem Transparent öffentlich den DFD[6] und verteilte ein Flugblatt, in dem sie ankündigte, sich bewusst aus der Perspektive von Frauen in den Prozess der sozialistischen Erneuerung einzubringen. Darin betonte sie, dass die Frauenfrage kein Randthema darstelle und forderte unter anderem eine Besserstellung frauentypischer Berufe, eine gezielte Förderung von Frauen in Wissenschaft und Technik, verbindliche Quotenregelungen in Politik und Wirtschaft, den Abbau rollenspezifischer Erziehung sowie die Schaffung unabhängiger Frauenzeitungen, -zentren und eines Frauenministeriums.[7] Die Reaktionen auf das Flugblatt reichten nach Angaben von Beteiligten „von Arroganz bis Anfeindung“.[6]
Ihre erste eigene öffentliche Veranstaltung organisierte die Gruppe am 23. November 1989 in der Gethsemane-Kirche. Ziel war es, die Unzufriedenheit mit vier Jahrzehnten DDR-Frauenpolitik zu artikulieren[8] und Schritte zu einer frauengerechten Gesellschaft zu diskutieren. In diesem Zusammenhang entstand ein Arbeitspapier unter dem Titel Standortbestimmung der Fraueninitiative Lila Offensive.[2] Im Anschluss an die Veranstaltung beteiligte sich die Lila Offensive an einem Initiativkomitee zur Gründung eines autonomen Frauenverbandes, gemeinsam mit Vertreterinnen der Sozialistischen Fraueninitiative und der Kulturwissenschaftlerin Ina Merkel. Das Komitee lud zum Frauentreffen in der Berliner Volksbühne am 3. Dezember 1989, auf dem schließlich der Unabhängige Frauenverband (UFV) gegründet wurde.
1990
Am 30. Januar 1990 erfolgte die Eintragung der Lila Offensive in das Vereinsregister, womit sie staatlich anerkannt war. Die Gruppe engagierte sich weiterhin für den Aufbau des UFV und beteiligte sich an den Beratungen des Berliner Runden Tisches.[2] Politisch positionierte sich die Lila Offensive als sozialistisch orientierte Frauengruppe, die sich für den Erhalt der Souveränität der DDR einsetzte und die bevorstehende deutsche Einheit kritisch als „Ausverkauf“ ablehnte.[9]
Bei der Kommunalwahl am 6. Mai 1990 konnten Vertreterinnen der Gruppe Mandate in kommunalen Parlamenten gewinnen, darunter Gabriele Zekina in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Zu ihren zentralen Themen gehörten das Recht auf Arbeit für Frauen, die Sicherung der gesellschaftlichen Kinderbetreuung, der Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche – insbesondere der Einsatz für die Fristenlösung der DDR und gegen § 218 – sowie umfassende Kritik an den sozialen Folgen des Einigungsprozesses, den sie als „Kolonisation“ bezeichneten.[10]
1991
Im Laufe des Jahres 1991 kam es zu einem Bruch zwischen der Lila Offensive und dem UFV. Anlass war die Entscheidung des UFV, auf die Gründung einer politischen Partei zu verzichten und stattdessen als Verein weiterzuarbeiten. Die Lila Offensive reagierte darauf im Herbst 1991 mit einer in der taz veröffentlichten Traueranzeige, in der sie dem UFV einen „Tod nach langem schwerem Siechtum an Blutarmut und Gedankenleere“ attestierte.[11]
Seit 1991
Nach dem Bruch veröffentlichte die Lila Offensive eine neue Satzung, in der sie neben dem Einsatz für die Gleichstellung von Frauen und Männern verstärkt die Bildung auf dem Gebiet der Frauenkultur und Frauengeschichte als Vereinszweck formulierte.[12] Der Verein setzte sich aber auch für sozialpolitische Themen in der kommunalen Geflüchtetenpolitik ein, organisierte feministische Streiktage (beispielsweise den Frauenstreiktag 1994) engagierte sich gegen die Umbenennung der Clara-Zetkin-Straße (heute: Dorotheenstraße) in Berlin-Mitte und übernahm das von dem Gruppenmitglied Samirah Kenawi verwaltete Archiv GrauZone, welches heute in den Händen der Robert Havemann Gesellschaft ist.[13] Als eingetragener Verein ist die Lila Offensive bis heute aktiv und widmet sich weiterhin politischen und kulturellen Themen.
Politisches Profil
Die Lila Offensive verstand sich von Beginn an als feministische, sozialistisch orientierte Fraueninitiative, die die gesellschaftlichen Umbruchsprozesse der späten DDR und des Deutschen Einigungsprozesses kritisch begleiten wollte. Ihre Politik war geprägt von der Forderung nach umfassender Gleichstellung, der Stärkung weiblicher Selbstbestimmung und einer dezidierten Kritik an patriarchalen Strukturen in Staat, Parteien und Oppositionsbewegungen.[2]
Sie trat für strukturelle Veränderungen ein, darunter berufliche Gleichstellung, Quotenregelungen, eine neue Frauenpolitik und den Erhalt sozialpolitischer Errungenschaften der DDR, insbesondere im Bereich der Kinderbetreuung und Arbeitsrechte. Mit Blick auf den deutschen Vereinigungsprozess bezog die Gruppe eine ausgesprochene Systemkritik[10] und warnte vor ökonomischer und sozialer Marginalisierung von Frauen im Prozess der Transformation.
Quellen und Literatur
- AStA der Technischen Universität Berlin (Hg.): Originaldokumente der DDR-Frauenbewegung - Lila Offensive (Gesammelte Flugschriften DDR ’90, H. 2), Berlin 1990.
- Sophia Bickhardt / Team COMEM (Hg.): Ohne Frauen ist keine Revolution zu machen. HERstory und Dynamiken des demokratischen Umbruchs von 1989 in der DDR. Publikation im Rahmen des Projekts Connecting Memories. The Power of the Past and the Future of Europe, Berlin 2019.
- Sophia Bickardt / Ute Großmann / Samirah Kenawi: Lila Offensive: Aus den Küchen der friedlichen Revolution. Wider die feierliche Verklärung von ‚Wende‘ und Mauerfall, in: Eva Schäfer et al. (Hg.): Frauenaufbruch '89. Was wir wollten – Was wir wurden, Berlin 2011.
- Annett Gröschner: Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung, Berlin 2018.
- Anne Hampele-Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozess, Berlin 2000
- Anne Hampele: Frauenbewegung in den Ländern der ehemaligen DDR. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Nr. 1/1992, S. 34–41.
- Anne Hampele: Der Unabhängige Frauenverband – neue Frauenbewegung im letzten Jahr der DDR, in: Helmut Müller-Engbers(Hg.): Von der Illegalität ins Parlament: Werdegang und Konzept der neuen Bürgerbewegungen, Berlin 1991, S. 221‒282.
- Cordula Kahlau (Hg.): Aufbruch! Frauenbewegung in der DDR. Dokumentation, München 1990.
- Samirah Kenawi: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation, hrsg. von GrauZone – Dokumentationsstelle zur nichtstaatlichen Frauenbewegung in der DDR, Berlin 1995.
- Karin Rohnstock (Hg.): Frauen in die Offensive. Texte und Arbeitspapiere der Gruppe „Lila Offensive“, Berlin 1990.
- Eva Sänger: Begrenzte Teilhabe. Ostdeutsche Frauenbewegung und zentraler Runder Tisch in der DDR (Politik und Geschlechterverhältnisse, Bd. 29), Frankfurt a. M. / New York 2005.
- Christoph Stamm (2024): Lila Offensive e.V., in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lila-offensive-ev, abgerufen am 2. Februar 2026.
- Anne Ulrich: Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Der frauenpolitische Aufbruch im Winter 1989/90 und der Unabhängige Frauenverband, in: Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Grünes Gedächtnis 2009, S. 38–48.