Linieninfanterie

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Die Linieninfanterie war eine Art von Infanterie, die für den Kampf in linearen Formationen ausgebildet und organisiert war, in der Regel in zwei oder drei Treffen, um koordinierte Salven aus Musketen oder Gewehren abzufeuern. Diese Art der Kriegsführung entstand im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, wobei ihre Ursprünge gemeinhin auf Reformen durch Moritz von Nassau und die niederländische Armee zurückgeführt werden. Die niederländischen Praktiken wurden bald von anderen europäischen Armeen übernommen und verbreiteten sich durch Militärhandbücher, den Austausch von Offizieren und die Schulung ausländischer Truppen durch niederländische Ausbilder. Eine weitere Entwicklung erfolgte im 18. Jahrhundert unter Feldherren wie Friedrich dem Großen von Preußen, der die Exerzierübungen, die Disziplin und den Einsatz konzentrierten Musketenfeuers verfeinerte. Seine Methoden machten die preußische Infanterie zu einem Vorbild für andere europäische Mächte. Die Taktik und Organisation der Linieninfanterie fand ihre größte Verbreitung während der Koalitionskriege, als massierte Reihen von Soldaten, die Salven abfeuerten, den Kern der europäischen Armeen auf großen Schlachtfeldern bildeten.

Die Schlacht von Valmy markierte den entscheidenden Erfolg Frankreichs im Ersten Koalitionskrieg. Gut zu sehen ist die in „Reih und Glied“ aufgestellte Linieninfanterie. (Gemälde aus dem Jahr 1835 von Jean-Baptiste Mauzaisse)

Die Linieninfanterie spielte auch im 19. Jahrhundert weiterhin eine zentrale Rolle in größeren Konflikten. Im amerikanischen Bürgerkrieg kam es zu einigen der letzten groß angelegten Einsätzen linearer Taktiken, obwohl Veränderungen in der Waffentechnologie solche Formationen bereits zunehmend risikoreich machten. Die Einführung von Gewehren mit gezogenem Lauf und später von Hinterladergewehren sowie Fortschritte in der Artillerie erhöhten die Reichweite, Genauigkeit und Tödlichkeit des Feuers auf dem Schlachtfeld. Diese Veränderungen machten dichte Infanterieformationen anfälliger und verringerten die Wirksamkeit traditioneller Linientaktiken. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die meisten Armeen zu lockereren Formationen und neuen Ansätzen für den Infanteriekampf übergegangen, was zum Niedergang der Linieninfanterie als Standardmethode der Organisation und Kriegsführung führte.

Entwicklung

Im 16. und 17. Jahrhundert wurden die meisten Schlachten in Blöcken oder Tercios ausgetragen, die aus Pikenieren bestanden, mit kleineren Blöcken von Musketieren an allen vier Ecken. Diese Formation tauchte erstmals 1534 in Spanien auf und bestand ursprünglich aus 12 Kompanien mit jeweils 250 Mann, wobei jede Kompanie in zehn Trupps (esquadras) mit jeweils 25 Mann unterteilt war.[1.1] Die Fortschritte im Waffenbau während dieser Zeit führten zu grundlegenden Veränderungen in der Kriegstaktik. Spanische Befehlshaber testeten verschiedene Methoden, um die Wirksamkeit von Feuerwaffen zu verbessern, aber Moritz von Nassau entwickelte in den 1590er Jahren das erfolgreichste Konzept. Er ließ sich von römischen Militärschriftstellern inspirieren. Wilhelm Ludwig von Nassau, ein Cousin von Moritz, erkannte nach der Lektüre von Aelianus Tacticus, dass durch die Rotation der Musketierreihen eine gleichmäßige Feuerrate aufrechterhalten werden konnte. Dieses System ermöglichte es den Soldaten, in Gruppen zu feuern und sich dann nach hinten zu bewegen, um nachzuladen, während eine andere Gruppe feuerte, wodurch ein kontinuierliches Mußketenfeuerentstand und die langsame Feuerrate der Vorderlader-Musketeen ausgeglichen wurde.[2.1]

Diese Entwicklung veränderte die Art und Weise, wie Armeen auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurden. Die Streitkräfte gruppierten sich nun weiter auseinander, um sowohl die Wirksamkeit ihres eigenen Feuers zu erhöhen als auch ihre Anfälligkeit für feindliches Feuer zu verringern. Durch die lineare Anordnung der Truppen konnten mehr Soldaten gleichzeitig auf den Feind feuern, was die Tödlichkeit der Gefechte erhöhte. Dies bedeutete jedoch auch, dass mehr Soldaten in direkten Kampf verwickelt waren, was von jedem Einzelnen mehr Disziplin, Geschick und Mut erforderte. Der Erfolg hing davon ab, dass Soldaten und ganze Einheiten komplexe Manöver schnell und koordiniert ausführten. Um dies zu erreichen, wurde die Größe der Militäreinheiten reduziert, um eine bessere Ausbildung und Kontrolle zu ermöglichen.[2.2]

Die Kompanien wurden kleiner, und große Regimenter wurden durch überschaubarere Bataillone ersetzt. Graf Johann von Nassau trug zu diesen Reformen bei, indem er Übungsbücher verfasste und 1616 in Siegen eine Militärakademie zur Ausbildung junger Offiziere gründete. Der Lehrplan umfasste praktischen Unterricht mit Waffen, Karten und Modellen, außerdem wurden Handbücher, die auf niederländischen Methoden basierten veröffentlicht. Diese niederländischen Ausbildungstechniken und taktischen Systeme verbreiteten sich schnell in ganz Europa, insbesondere in protestantischen Regionen, da viele Ausländer in der niederländischen Armee dienten oder aus veröffentlichten Abhandlungen lernten.[2.3]

Erste Verwendung

Gustav II. Adolf von Schweden gehörte zu den ersten Befehlshabern, die diese neue Taktik in großem Umfang einsetzten. Er hatte von Jacob De la Gardie gelernt, einem ehemaligen Studenten der Militärakademie in Siegen, der niederländische Einflüsse nach Schweden brachte. Gustav behielt die Grundstruktur der linearen Formationen von Moritz von Nassau bei, gestaltete seine Anordnungen jedoch flexibler und mobiler und legte größeren Wert auf die Integration verschiedener Truppentypen innerhalb seiner Armee. Eine der wichtigsten Neuerungen Gustavs bestand darin, die Zahl der Musketiere in seinen Formationen zu erhöhen und die Tiefe der Kampflinie von den üblichen zehn auf sechs Reihen zu reduzieren.

Er ersetzte auch ältere Arkebusen durch verbesserte Luntenschlossmusketen, die zunächst von Gabelauflagen aus abgefeuert wurden und später durch leichtere Modelle, ersetzt wurden. Um die Effizienz zu steigern, führte Gustavus Papierpatronen ein, die sowohl Schießpulver als auch eine Kugel enthielten, sodass die Soldaten schneller laden und feuern konnten. Damit trug jeder Musketier einen Patronengurt oder Gürtel mit bis zu fünfzehn einsatzbereiten Patronen, was das Laden auf dem Schlachtfeld vereinfachte.[3.1]

Gustav teilte seine Truppen in Schwadronen auf, die sowohl aus Pikenieren als auch aus Musketieren bestanden. Ein typisches schwedisches Geschwader umfasste 216 Pikenier und 192 Musketiere, wodurch der Anteil der Pikenier im Vergleich zum niederländischen Bataillon etwas höher war. Gustav war der Ansicht, dass Pikenier nach wie vor unverzichtbar waren, um die Musketiere vor Kavallerieangriffen zu schützen, und er behauptete, dass die Pike entscheidend dafür war, den Gegner vom Schlachtfeld zu vertreiben. Für größere Operationen wurden in der Regel mehrere Schwadronen zu einer Brigade zusammengefasst. Im Kampf konnten Schwadronen durch zusätzliche Musketiere verstärkt werden oder einen Teil ihrer Truppen für Aufgaben wie Aufklärung oder Unterstützung der Kavallerie abstellen.[4.1]

Das neue System der linearen Formationen hatte seine Überlegenheit gegenüber dem alten Blocksystem unter Beweis gestellt, sodass nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges alle anderen europäischen Mächte begannen, die Linienformation zu verwenden.[4.2] Von den 1680er Jahren bis 1700 wurden mehrere weitere Entwicklungen vorgenommen, die die Kampfkraft der Linieninfanterie erhöhten. Das Luntenschloss wurde durch das Steinschloss ersetzt, was die Feuerkraft erhöhte, während die Erfindung des Tüllen-Bajonetts durch Vauban die Pikenier überflüssig machte.[3.2]

Preussen

Friedrich II. nahm eine Reihe von Verfeinerungen und Anpassungen im Einsatz der Linieninfanterie vor. Bei seiner Machtübernahme nutzte die preußische Armee bereits lineare Formationen, um die Feuerkraft zu maximieren. Die Infanterie kämpfte in der Regel in mehreren Reihen genannt Treffen, zunächst so dicht gedrängt, dass sich die Arme der Soldaten berührten. Friedrich übernahm eine Linie mit vier Reihen, reduzierte sie jedoch 1740 auf drei Reihen, um ein Gleichgewicht zwischen Feuerkraft und Stabilität zu erreichen. Während in Kriegszeiten aufgrund von Engpässen manchmal nur zwei Reihen eingesetzt werden konnten, stellte Friedrich, wann immer möglich, umgehend wieder drei Reihen her. Bei dieser Anordnung kniete sich nach jeder Salve die erste Reihe hin, sodass die dritte Reihe über sie hinweg feuern konnte, wodurch sichergestellt wurde, dass alle drei Reihen zur Feuerkraft der Linie beitrugen.[5.1]

Das Vorrücken im Gefecht erfolgte in der Regel in offenen Kolonnen aus einzelnen Zügen. Die Frontbreiten und Abstände wurden sorgfältig reguliert, damit jeder Zug wenden und sich in die Schlachtlinie einreihen konnte. Nach 1752 wurden die Bewegungsabläufe effizienter, da die untergeordneten Einheiten nun direkt zu ihren Positionen in der Linie marschieren konnten, bevor sie dem Feind gegenüberstanden. Vor dieser Anpassung waren die Bewegungsabläufe komplizierter und mit Seitwärtsbewegungen verbunden, die in der Praxis schwer auszuführen waren.[6.1]

Die preußische Infanterie unter Friedrich zeichnete sich durch ihre schnelle Feuerrate aus, die während der Übungen bis zu sieben Schuss pro Minute und im Kampf etwa die Hälfte davon erreichen konnte. Das Feuern erfolgte in der Regel in einer Linie, wobei das Feuer der Züge eine fortlaufende Salve erzeugte, da jeder Zug nacheinander feuerte. Es war möglich, sich gleichzeitig zu bewegen und zu feuern, was die Flexibilität erhöhte. In der Verwirrung des Kampfes kam es jedoch häufig zu unkontrolliertem Feuer statt zu sorgfältig abgestimmten Salven. Friedrich bevorzugte zunächst Bajonettangriffe, da er glaubte, dass entschlossene und schnelle Vorstöße den Widerstand des Feindes überwinden könnten. Mit der Zeit erkannte er jedoch den Wert konzentrierten Musketenfeuers, zumal Angriffe mit Bajonett oft zu schweren Verlusten führten.[5.2]

Friedrich ist insbesondere für den Einsatz der schiefen Schlachtordnung bekannt, einer Formation, bei der sich der Hauptangriff auf einen der Flügel des Feindes konzentriert. Diese Methode wurde nicht von ihm erfunden, aber er entwickelte sie weiter und setzte sie erfolgreich ein. Durch den Vormarsch in einer gestaffelten Formation, bei der die Einheiten versetzt über das Schlachtfeld verteilt waren, konzentrierte Friedrich seine Streitkräfte lokal auf einen schwächeren Teil der feindlichen Linie. Der Rest der preußischen Armee wurde zurückgehalten, rückte in einem Winkel vor und leistete bei Bedarf Unterstützung.[5.3]

Diese Taktik ermöglichte es Friedrich, aus einer vorteilhaften Position heraus anzugreifen, insbesondere wenn seine Armee insgesamt zahlenmäßig unterlegen war. Die Methoden erforderten strenge Disziplin und Koordination, bargen jedoch das Risiko von Problemen, wenn Teile der Armee unabhängig handelten oder den Hauptangriff nicht unterstützten. Friedrichs Ansatz zur Taktik der Linieninfanterie entwickelte sich weiter, insbesondere nachdem er Probleme in einigen Schlachten beobachtet hatte, in denen die schräge Formation weniger effektiv war. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges waren seine Truppen in den Grundprinzipien dieser Taktik gut ausgebildet, und Friedrich passte seine Taktik auf der Grundlage seiner Erfahrungen auf dem Schlachtfeld kontinuierlich an, wobei er stets bestrebt war, die Manövrierfähigkeit, Kontrolle und Feuerkraft innerhalb des linearen Systems zu verbessern.[6.2][5.4]

Koalitionskriege

Während der Koalitionskriege wurden die taktische Verwendung und Struktur der Linieninfanterie einer Reihe von Anpassungen unterzogen, um den sich ändernden Bedingungen auf dem Schlachtfeld und den technologischen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Die Linienformation, in der die Soldaten Schulter an Schulter in drei Reihen standen, blieb die Standardmethode, für den Angriff und die Frontbreite der Streitkräfte auf dem Schlachtfeld zu maximieren. Diese Anordnung ermöglichte es theoretisch jedem Mann, seine Waffe abzufeuern oder sein Bajonett effektiv einzusetzen, während die hinteren Reihen psychologische und physische Unterstützung leisteten, insbesondere als Reaktion auf Bedrohungen durch die Kavallerie. Es erwies sich jedoch als schwierig, eine lange, gut ausgerichtete Linie aufrechtzuerhalten, insbesondere wenn die Truppen gemeinsam über unebenes Gelände vorrücken oder manövrieren mussten.[7.1] Kolonnen, die leichter zu kontrollieren waren und sich effizienter bewegten, wurden sowohl für Märsche als auch für bestimmte Angriffsformen immer häufiger eingesetzt. Sie gaben weniger erfahrenen Truppen Sicherheit, die durch die größere Nähe zueinander Selbstvertrauen schöpfen konnten, und ließen sich bei Bedarf oft in Schusslinien oder Schützenformationen aufteilen. Dennoch galt die Linie nach wie vor als ideale Formation zur Maximierung der Feuerkraft, wie in verschiedenen militärischen Vorschriften festgelegt. Die zusätzlichen Männer in den weiteren Reihen dienten sowohl als Reserve als auch zum Füllen von Lücken, die durch Verluste entstanden waren.[7.1] Napoleon Bonaparte experimentierte mit verschiedenen Einsatzformen, wie beispielsweise der l’ordre mixte, bei der Linien und Kolonnen innerhalb derselben Formation kombiniert wurden.[8.1]

In der Praxis übernahmen seine Untergebenen dieses Konzept jedoch selten, wenn sie sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen mussten. Veränderungen im taktischen Denken gingen nicht nur vom französischen Kommando aus, sondern auch von den Realitäten des Schlachtfeldes, insbesondere in Italien, wo schwieriges Gelände die Aufrechterhaltung traditioneller Linien erschwerte und kompakte Formationen häufiger wurden. Andere Armeen nahmen ihre eigenen Anpassungen vor.[7.2] Die Briten unter Kommandeuren wie Wellington bevorzugten eine Linie, mit zwei Reihen besetzt mit disziplinierten Truppen und massiver Feuerkraft, und setzten sowohl in geschlossener als auch in offener Formation in großem Umfang leichte Infanterie und Schützen ein. Die britische Taktik stützte sich auch auf die Nutzung des Geländes als Deckung, beispielsweise durch den Einsatz von Truppen auf der Rückseite von Anhöhen, um die Gefährdung durch Artillerie- und Musketenfeuer zu minimieren.[3.3]

Die österreichische Taktik entwickelte sich hin zum Einsatz von Bataillons- und Divisionsmassen, kompakten Formationen, die schnell auf Bedrohungen durch die Kavallerie reagieren konnten. Österreichische Kommandeure setzten schmale Verbände von Schützen ein, die von tiefen, geschlossenen Kolonnen oder „Massen“ hinter ihnen unterstützt wurden. Die Vorschriften verlangten, dass sich die Infanterie zur Vorbereitung auf den Kampf zusammenschloss und oft eine „Bataillonsmasse“ bildete, sobald sie auf den Feind traf. Solche kompakten Formationen konnten zwar Kavallerieangriffen widerstehen, waren jedoch anfälliger für Artilleriefeuer, sodass die Kommandeure unter Umständen eine Linie bildeten, wenn die Bedrohung durch die Artillerie zu groß wurde. Da die Formationen immer größer wurden und sich immer mehr Soldaten in Kolonnen oder Massen befanden, wurde der Wechsel zwischen den Formationen je nach Situation zu einem wichtigen Thema. Nach den Reformen nach der Niederlage Preußens bei Jena umfassten die preußischen Infanterieregimenter sowohl leichte als auch Linieninfanterie.[7.3] Die Vorschriften erlaubten der leichten Infanterie, Salven in zwei statt in drei Reihen abzufeuern. Diese Idee verbreitete sich bis 1812 auch in der regulären Linieninfanterie, zumal die praktischen Erfahrungen auf dem Schlachtfeld zeigten, dass sie ein effektives Feuer liefern und gleichzeitig die Kontrolle vereinfachen konnte.[9.1]

Niedergang

Die Einführung von Musketen mit gezogenen Läufen in Kombination mit des Minié-Geschosses hatte Mitte des 19. Jahrhunderts erhebliche Auswirkungen auf die Linieninfanterie. Vor den 1850er Jahren waren Gewehre weitgehend spezialisierten Einheiten der leichten Infanterie, wie den französischen Tirailleure oder den britischen Rifles oder den deutschen Jägern zu Fuß, vorbehalten. Ihre begrenzte Verbreitung resultierte aus der Schwierigkeit, eine Kugel zu laden, die fest genug saß, um in die gezogenen Läufe zu passen. Rückstände aus wiederholten Schüssen erschwerten ihre Verwendung zusätzlich und machten sie für die allgemeine Ausgabe an ganze Infanterieeinheiten unpraktisch. Technologische Veränderungen ergaben sich, als Claude E. Minie und James H. Burton Geschosse entwickelten, die sowohl leicht zu laden waren als auch sich beim Abfeuern so ausdehnten, dass sie in die Züge passten. Die Minie-Kugel mit ihrem hohlen Boden ermöglichte es einfachen Soldaten, Musketen mit gezogenem Lauf genauso leicht zu benutzen wie solche mit glattem Lauf. Diese Innovation ermöglichte die Einführung von Musketen mit gezogenem Lauf als Standardwaffe der Infanterie in vielen Armeen, wie es die Briten und Franzosen im Krimkrieg und später beide Seiten im amerikanischen Bürgerkrieg demonstrierten.[10.1]

Durch die Züge wurde die effektive Reichweite und Genauigkeit der Muskete um das Vierfache erhöht. Während die Standardfeuerrate langsam auf bis zu drei Schuss pro Minute anstieg,[11.1] bestand die entscheidende Veränderung in der Fähigkeit, Ziele in einer Entfernung von mehreren hundert Metern zu treffen. Die weit verbreitete Einführung der Musketen mit gezogenem Lauf überholte die Entwicklung neuer Taktiken unter den Kommandeuren. Viele Offiziere, die nach den früheren Doktrinen der geschlossenen Reihen und Massenangriffe ausgebildet worden waren, setzten ihre Soldaten weiterhin in dichten linearen Formationen ein. Die größere Reichweite und Durchschlagskraft der Feuerwaffen führte jedoch dazu, dass die Angreifer größere Verluste erlitten, wenn sie gegen Verteidiger vorrückten, die nun Ziele treffen konnten, lange bevor ein Angreifer die traditionelle Reichweite einer Muskete erreichte.[10.2]

Infolgedessen verlagerte sich der taktische Vorteil auf die Verteidigung. Verteidiger, die mit Gewehren schossen, fügten den angreifenden Truppen schwere Verluste zu, lange bevor ein Nahkampf möglich wurde. Traditionelle Kavallerieangriffe gegen Infanterie wurden nahezu bedeutungslos, da Pferde durch Schüsse aus Entfernungen, die zuvor als sicher galten, zu Fall gebracht wurden. Auch die Artillerie verlor als Offensivwaffe an Bedeutung, da Kanoniere und Teams aus viel größerer Entfernung angegriffen werden konnten. Taktische Innovationen folgten den Erfordernissen des Schlachtfeldes. Die Infanterieformationen wurden lockerer, da die Soldaten begannen, in weit auseinander liegenden Reihen vorzurücken, jede verfügbare Deckung zu nutzen und sich in kurzen Sprüngen fortzubewegen. Diese praktische Anpassung erhöhte die Überlebenschancen des Einzelnen, erschwerte jedoch den Offizieren die Kontrolle über ihre Einheiten, insbesondere ohne moderne Kommunikationsmittel. Infolgedessen wurden in einigen Situationen bis zum Ende des Krieges weiterhin Angriffe in enger Formation durchgeführt.[10.3] Die letzten Schlachten, in denen Linieninfanterie eingesetzt wurde, fanden während des Deutsch-Französischen Krieges statt und führten zu massiven Verlusten, was die Unwirksamkeit des Vorrückens in enger Formation auf dem Schlachtfeld zeigte, da der Gegner mit Hinterladergewehren bewaffnet war und vom Boden aus feuern konnte.

Siehe auch

Wiktionary: Linieninfanterie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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