Ludwig Carl Geiger

Schweizer Seismologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Ludwig Carl Geiger (* 16. September 1882 in Basel; † 26. November 1966 ebenda) war ein Schweizer Seismologe. Er entwickelte ein Verfahren zur Bestimmung des Epizentrums eines Erdbebens.

Leben

Herkunft und Kindheit

Ludwig Carl Geiger war das jüngste Kind des Apothekers Friedrich Geiger und dessen Frau Elisabeth Caroline, geborene Knapp. Friedrich Geiger war um 1850 aus Deutschland eingewandert. In Basel wurde er Besitzer der traditionsreichen Goldenen Apotheke. Er starb, als Ludwig Geiger sieben Jahre alt war. Dieser absolvierte in Basel Volksschule und Gymnasium, unterbrochen von einem zweijährigen Aufenthalt im Schwarzwald aufgrund einer Erkrankung.[1]

Studium und beruflicher Werdegang

Nachdem Ludwig Geiger in Basel Ostern 1902 den Schulabschluss erreicht hatte, begann er dort ein Universitätsstudium der Physik, Mathematik, Astronomie und Chemie. Nach drei Semestern verliess er Basel und verbrachte zunächst je ein Semester in Berlin und dann in Heidelberg, bevor er die letzten fünf Semester an der Universität Göttingen absolvierte.[1]

Im Göttinger Institut für mathematische Physik führte Geiger experimentelle Arbeiten bei Woldemar Voigt durch. Bei ihm promovierte er im Dezember 1906 mit der Dissertation Beiträge zur Erkenntnis der Begleiterscheinungen des inversen longitudinalen Zeeman-Effektes zum Dr. phil.[1]

Im April 1907 trat Geiger eine Stelle als Assistent am Geophysikalischen Institut der Universität Göttingen bei Emil Wiechert an und verblieb in dieser Stellung bis April 1911. Anschliessend arbeitete er bis Ende 1912 als «Volontär-Assistent», das heisst ohne Entlohnung, und führte seine atomspektroskopischen Arbeiten weiter. Im November 1912 habilitierte er sich an der Philosophischen Fakultät kumulativ mit seinen geophysikalischen und spektroskopischen Arbeiten und wurde in Göttingen Privatdozent.

Zum 1. Januar 1913 wurde Geiger von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen für die Dauer von einem Jahr als Observator für Geophysik und Meteorologie auf dem Göttinger Samoa-Observatorium angestellt. Nachdem er am Geodätischen Institut Potsdam und am Meteorologischen Observatorium Lindenberg Einweisungen in die magnetischen und aerologischen Messungen erhalten hatte, begab er sich Anfang April 1913 auf die Reise nach Deutsch-Samoa, wo er im Juni desselben Jahres auf der Insel Upolu eintraf. Vom 1. August 1913 bis zum 31. Juli 1914 leitete er das Observatorium.[1]

Im Oktober 1913 forderte Geiger von der Akademie die Übernahme der Kosten für den Nachzug seiner Familie, die er in Europa hatte zurücklassen müssen, und die Ernennung zum Professor. Sein Vertrag wurde aber nicht verlängert; stattdessen wurde im Sommer 1914 Gustav Angenheister erneut Leiter des Observatoriums.[1]

Da inzwischen der Erste Weltkrieg begonnen hatte, konnte Geiger Samoa nicht ohne weiteres verlassen. Der Archipel wurde von aus Neuseeland kommenden britischen Truppen besetzt. Geiger, der ohne Reisepass nach Samoa gereist war, konnte nicht nachweisen, dass er Staatsbürger der neutralen Schweiz war und durfte die Insel deshalb nicht verlassen. Der nach seiner Ablösung durch Angenheister faktisch arbeitslos gewordene Geiger konnte schliesslich die britischen Behörden davon überzeugen, dass er Schweizer war und ein schweizerisches Konsulat aufsuchen müsse. Das nächstgelegene Konsulat befand sich in Kanada. Im März 1915 konnte er mit einem neuseeländischen Schiff nach Vancouver fahren und bekam vom dortigen Konsulat einen Schweizer Pass ausgestellt. Mit diesem konnte er über New York nach Europa zurückreisen. Bei der Landung in Bordeaux wurde er von den französischen Behörden unter dem Verdacht festgenommen, ein deutscher Spion zu sein, und an die Schweizer Grenze gebracht. Dort wiederum nahmen ihn die Schweizer Behörden fest, weil er sich nicht zum Kriegsdienst gemeldet hatte. Er kam vor ein Militärgericht, wo er jedoch seine Situation glaubhaft darlegen konnte. Bis zum Kriegsende diente er in der Schweizer Armee, wo er den Rang eines Oberleutnants in der Feldartillerie erreichte.[1]

Nach dem Ende des Krieges gelang es Geiger weder in Deutschland noch in der Schweiz, eine seiner Ausbildung angemessene akademische Position zu bekommen. Er begann in dem von seinem Bruder gegründeten Pharmaunternehmen GABA AG («Goldene Apotheke Basel») zu arbeiten und war in der Folge in leitender Funktion an verschiedenen Standorten des Familienbetriebs tätig. Unter anderem gründete er mit Theodor Heuss, dem späteren deutschen Bundespräsidenten und Ehemann seiner Cousine Elly Heuss-Knapp, den deutschen Zweig Wybert GmbH in Lörrach und war ab 1925 Generalvertreter der Unternehmen in Berlin. Aus dieser Zeit sind bereits keine Kontakte mehr zu seinen früheren akademischen Fachkollegen bekannt. Ab 1934 lebte er wieder in Basel, von wo er auch in der Zeit des Nationalsozialismus als Grenzgänger in seinem Betrieb in Lörrach tätig war. In seiner Heimatstadt betätigte er sich zudem in der Lokalpolitik.[1]

Am 26. November 1966 starb Ludwig Geiger in Basel im Alter von 84 Jahren.[1]

Familie

Im Mai 1907 heiratete Geiger in Göttingen Else Flügel. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die 1908 und 1909 geboren wurden. Auf Samoa, wohin Geiger seine Familie nicht hatte mitnehmen können, ging er eine Beziehung mit Tautalamaleaava Petaia, einer Tochter aus gehobenen sozialen Verhältnissen und Deutschlehrerin an einer Mädchenschule, ein. Mit ihr lebte er zusammen und hatte eine Tochter namens Anna Grete (samoanisch Kereti Solomona). Die Ehe mit Else Flügel ging nach dem Ersten Weltkrieg auseinander. 1922 heiratete er Käte Pott.[1]

Wirken

Geiger war sowohl experimentell als auch theoretisch tätig. Bevor er zur Geophysik kam, beschäftigte er sich mit Atomphysik. In diesem Feld fertigte er seine Dissertation an, nämlich zum Zeeman-Effekt (veröffentlicht 1907), und auch ein Teil seiner kumulativen Habilitation betraf atomphysikalische Arbeiten. Am Geophysikalischen Institut entwickelte er einen Gitterspektrographen (1912).[1]

1907 beschrieb er die damaligen Auswertemethoden einer Erdbebenwarte. Gemeinsam mit Karl Zoeppritz verbesserte er die damals bekannten Laufzeitkurven und führte nach Zoeppritz’ frühem Tod dessen Arbeiten unter Aufarbeitung der von Zoeppritz begonnenen Auswertungen fort. Zoeppritz und Geiger stellten aufgrund der Beobachtung von P-Wellen bzw. S-Wellen die Hypothese eines steinernen Erdmantels mit einer Schichtdicke von 1519 bzw. 1438 km auf. Auch in der Folge arbeitete Geiger an der Bestimmung der Tiefe der Kern-Mantel-Grenze, zunächst mit Emil Wiechert, dann mit Beno Gutenberg.[1]

Geigers bekanntester Beitrag zur modernen Seismologie ist indessen die nach ihm benannte Methode zur Lokalisierung von Erdbeben, die er 1910 veröffentlichte. Bis dahin waren in Göttingen die Laufzeitdifferenzen zwischen S- und P-Wellen zur Lokalisierung des Erdbebenherds benutzt worden. Die Werte für die S-Wellen waren jedoch, wie Geiger erkannte, schwierig zu ermitteln und oft stark fehlerbehaftet. Aus diesem Grund entwickelte er ein Verfahren, das den Ort des Erdbebenzentrums lediglich aus den Laufzeiten der P-Wellen bestimmt. Es handelt sich um eine iterative Methode, die zunächst auf einer linearen Annäherung der Beziehung zwischen Entfernung und Laufzeit beruht, mathematisch also auf einer Taylorentwicklung erster Ordnung. Ausgehend von einer anfänglichen Schätzung der Ortskoordinaten des Epi- oder Hypozentrums sowie der Ursprungszeit des Bebens einerseits und den beobachteten Ankunftszeiten der P-Wellen an verschiedenen Messstationen andererseits werden die Residuen, also die Abweichungen der gemessenen von den erwarteten Ankunftszeiten, bestimmt, und es werden dann mittels der Methode der kleinsten Quadrate neue, genauere Koordinaten für den vermuteten Ursprung des Bebens ermittelt. Mit diesen wird der Vorgang wiederholt, bis die Residuen einen gewünschten Schwellwert unterschreiten.[2]

Auf Upolu führte er ausser seismologischen auch luftelektrische, geomagnetische, hydrologische, meteorologische und astronomische Messungen durch, die teilweise von anderen ausgewertet wurden.[1]

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • L. Geiger: Beiträge zur Kenntnis der Begleiterscheinung des inversen longitudinalen Zeeman-Effektes. Dissertation, Georg-August-Universität Göttingen. 1907 (archive.org).
  • L. Geiger: Über die Begleiterscheinung des inversen longitudinalen Zeeman-Effektes. In: Annalen der Physik. Band 23, 1907, S. 758–788 (archive.org [PDF]).
  • L. Geiger: Herdbestimmung bei Erdbeben aus den Ankunftszeiten. In: Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. 1910, S. 331–349 (Digitalisat beim Göttinger Digitalisierungszentrum).
  • E. Wiechert, L. Geiger: Bestimmung des Weges der Erdbebenwellen im Erdinnern. In: Physikalische Zeitschrift. Band 11, 1910, S. 294–311 (Digitalisat bei der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg).
  • K. Zoeppritz, L. Geiger: Über Erdbebenwellen III. Berechnung von Weg und Geschwindigkeit der Vorläufer. Die Poissonsche Konstante im Erdinnern. In: Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. 1909, S. 400–428 (Digitalisat beim Göttinger Digitalisierungszentrum).
  • K. Zoeppritz, L. Geiger, B. Gutenberg: Über Erdbebenwellen V. Konstitution des Erdinnern, erschlossen aus dem Bodenverrückungsverhältnis der einmal reflektierten zu den direkten longitudinalen Erdbebenwellen, und einige andere Beobachtungen über Erdbebenwellen. In: Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. 1912, S. 121–206 (Digitalisat beim Göttinger Digitalisierungszentrum).

Einzelnachweise

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