Ludwig Spuhler

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Ludwig Spuhler (* 8. Oktober 1928 in München; † 2005), Deckname Florian, war ein deutscher Spion, von 1972 bis 1988 war er für die Hauptverwaltung A (HV A) des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik tätig und Kurier für seinen Bruder Alfred Spuhler, Doppelagent im Bundesnachrichtendienst (BND).

Leben

Ludwig Spuhlers Vater, der wie sein Bruder Alfred hieß, war Kraftfahrer, seine Mutter Berta Hausfrau. Ludwig wuchs bei seinen Eltern auf, jedoch in ärmlichen Verhältnissen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Familie zweimal ausgebombt. Nach der Volksschule begann er 1943 eine Lehre als Feinmechaniker, die er 1946 mit der Gesellenprüfung abschloss. Ab 1961 war er am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München tätig und wohnte in Grünwald bei München. Sein Vater starb 1962 oder 1963. Bis 1967 war Ludwig Spuhler als Labormechaniker und danach als technischer Angestellter mit Aufgaben der Lagerverwaltung betraut. Zudem war er Vorsitzender des Betriebsrates und als solcher ab 1965 für zehn Jahre freigestellt, Mitglied des Gesamt-Betriebsrates sowie Gesamt-Betriebsausschusses der Max-Planck-Gesellschaft und deshalb oft auf Dienstreise.

Im Spätherbst 1971 fand ein erster, zweitägiger Treff von Alfred Spuhler mit der HV A in Ost-Berlin statt, wo er versprach, seinen zwölf Jahre älteren Bruder Ludwig zu einer Mitarbeit zu bewegen. Dieser erklärte sich nach Alfreds Rückkehr zu einer Zusammenarbeit bereit, beide aus politisch-ideologischen Beweggründen. Im Frühjahr 1972 fand in Ost-Berlin ein Treff von Alfred und Ludwig Spuhler mit Werner Reckling und Harry Schütt statt. Dort wurde die Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt. Eine schriftliche Verpflichtungserklärung wurde nicht unterschrieben. Ludwig wählte den Decknamen Florian. Ludwig sollte das von Alfred beschaffte Material als Kurier an die HV A weiterleiten, weil dies für Alfred aufgrund seiner BND-Tätigkeit zu gefährlich war. Am 7. Oktober 1972, dem Jahrestag der Gründung der DDR, fand ein Treff in Salzburg statt, der die nachrichtendienstliche Arbeit einleitete.

Anfangs war die Abteilung IV der HV A für die Brüder Spuhler zuständig, deren Leiter Schütt war. Als Schütt 1977 Abteilungsleiter IX (Gegenspionage) wurde, nahm er die Zuständigkeit für die Spuhlers mit. Ab dem 18. Juli 1977 waren die Brüder für diese Abteilung erfasst. Als Verbindungsmann fungierte der hauptamtliche Mitarbeiter des MfS und Offizier im besonderen Einsatz Günter Egon Böttger, der Ludwig im September 1972 vorgestellt wurde. Böttger verrichtete seine Tätigkeit zunächst aus Wien, ab Spätsommer 1976 aus Sicherheitsgründen von Ost-Berlin, denn aufgrund der Operation Anmeldung musste er aus Österreich abgezogen werden. Ludwig und Böttger trafen sich anfangs alle sechs Wochen, ab etwa 1975 circa vierteljährlich, meist über ein ganzes Wochenende. Trefforte waren überwiegend Österreich, aber auch Dresden, Italien, Jugoslawien, Ungarn, Griechenland und Zypern. Schütt nahm an etwa zehn Treffs mit den Brüdern teil, darunter in Klagenfurt/Villach, Bled/Ljubljana und Zagreb. Beide wurden mit drei Kampforden „Für Verdienste um Volk und Vaterland“ ausgezeichnet. Der Leiter der HV A, Markus Wolf, traf sich 1985 persönlich mit Ludwig im Raum Ost-Berlin und nahm sich fast einen ganzen Tag Zeit. Im Frühjahr 1987 trafen sich Ludwig und Alfred mit Werner Großmann, Wolfs Nachfolger, in Budapest. Der Treff fand in einem Gästehaus des ungarischen Geheimdienstes statt. Ludwig und Alfred waren mit DDR-Diplomatenpässen angereist.

Ludwig erhielt das Material von Alfred im Original oder als Fotokopie. Ludwig fotografierte oder filmte es mit einer Kleinbild- (Minox), einer Mikratkamera oder Super-8-Filmkamera zu Hause oder in seinem 1974 fertiggestellten Ferienhaus in Thiersee in Österreich ab. Nach dem Tod der Mutter der Brüder 1974 wurde auch deren Wohnung genutzt. Fotokopien verbrannte Ludwig, später vernichtete er sie in einem Aktenvernichter. Als Container dienten unter anderem eine Spraydose und ein Feuerzeug. Alfred musste das Verratsmaterial verringern und sich auf wichtigere Dokumente beschränken, damit Ludwig diese verarbeiten konnte.

Ludwigs Ehefrau Dorrit C. hatte von seiner Spionagetätigkeit keine Kenntnis. Er heiratete sie 1968. Ab 1978 lebten sie getrennt; im August 1989 folgte die Scheidung. Die Ehe blieb kinderlos. Ab 1985 war Heidi W. die Lebensgefährtin von Ludwig, die er am 5. Juli 1991 heiratete.

Die ersten zwei Jahre wurde das Verratsmaterial bei Treffs als Fotokopie oder Original übergeben. Danach erfolgte die Übergabe etwa alle sechs bis sieben Wochen über Tote Briefkästen. Ab etwa Herbst 1976 wurden etwa sieben bis achtmal im Jahr rollende Tote Briefkästen genutzt: Ludwig deponierte das Verratsmaterial in markierten Schlafwagen-Abteilen im Nachtzug Wien–Ost-Berlin und ab Anfang der 1980er Jahre, letztmalig im Oktober 1988, auf Zugtoiletten des Interzonenzuges der Strecke München–Berlin. Der Agentenlohn und nachrichtendienstliche Hilfsmittel wurden ebenfalls über rollende Tote Briefkästen in Gegenrichtung übermittelt. Pro Treff wurden etwa 30 bis 35 Filme übergeben.

Ludwig verfügte auch über mehrere Telefonnummern, über die er seine Führungsstelle erreichen konnte. Umgekehrt hielt die HVA über A-3-Funk Verbindung. Nach der Enttarnung von Günter Guillaume 1974 und dem Überlaufen von Werner Stiller 1979 wurde die Verbindung sicherheitshalber für jeweils einige Monate eingestellt.

Erster Führungsoffizier der Brüder wurde am 24. Februar 1972 Hans Krüger. Am 23. Juli 1974 wechselte die Zuständigkeit zu Manfred Fleischhauer. Vom 18. Juli 1977 bis zum 25. bzw. 29. April 1985 war Schütt offizieller Führungsoffizier von Ludwig und Alfred Spuhler, danach Siegfried Schlegel, wie sich aus der SIRA-Datenbank des MfS ergab.

Ludwig Spuhler war nicht nur als Kurier, sondern auch selbst mit der Beschaffung von Informationen beauftragt. Etwa 1982/83 sollte er Anwesen in München-Borstei, München-Grünwald und Seeshaupt am Starnberger See ausspionieren und eine Person beobachten. Er fertigte Fotos der Häuser an und berichtete über die gewonnenen Informationen.

Enttarnung

Am 24. November 1988 wurde der ehemalige MfS-Mitarbeiter Stümer in der DDR verhaftet, der sich in den Westen absetzen wollte. Er hatte im Herbst 1988 ein Filmnegativ an den Verfassungsschutz Berlin übergeben. Das Negativ zeigte das Deckblatt der BND-Studie Die militärische Bedeutung der DDR im Warschauer Pakt vom 13. Januar 1986. Dieses hatte Alfred beschafft. Die HVA beendete daraufhin aus Sicherheitsgründen die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit Ludwig und Alfred. Die Vorsichtsmaßnahme erwies sich als gerechtfertigt, denn durch Alfreds Paraphe auf dem Deckblatt wurde er bereits als Verratsverdacht geführt.

Doch gerade die Verbindungsaufnahme, bei der die Spuhlers gewarnt und aufgefordert werden sollten, „bestimmte“ Aktivitäten zunächst einzustellen, einen Tag nach der Verhaftung von Stümer, führte letztlich zur Enttarnung. Der westdeutschen Spionageabwehr fiel ein Gespräch im Rahmen einer G-10-Maßnahme auf. Die Gruppe Fernmeldewesen im Bundesgrenzschutz führte im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) Funküberwachung an der innerdeutschen Grenze durch. Es war bekannt, dass die DDR-Geheimdienste sich von der DDR aus in den öffentlichen mobilen Landfunkdienst im B-Netz einwählen konnten und es unter anderem für die Kontakte zwischen Führungsoffizier und Quellen nutzten. Bei dem Gespräch wurde eine Durchwahl im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching angewählt. Die Durchwahl konnte auf Ludwig zurückgeführt werden. Den verklausulierten Gesprächsinhalt bewertete die Gruppe Fernmeldewesen zutreffend als nachrichtendienstliche Kommunikation zwischen einem Führungsoffizier und einer Quelle und meldete dies an das BfV. Dabei wurde eine verabredete Reiseroute verschleiert und auffällig oft das Wort Bergverein eingestreut. Schließlich verabredeten sich beide Gesprächsteilnehmer, sich „da oben“ zu treffen. Möglicherweise bezog sich dies auf einen Treff in Wörgl, den Ludwig wenige Tage später durchführte. Weitere Ermittlungen erhärteten schließlich den Verdacht gegen die Brüder.[1] Im Mai 1989 trafen sich die Brüder nochmals mit Schütt in Wien. Im Juni 1989 bemerkte Ludwig, dass er in Deutschland observiert wurde. Auch neben ihrem Ferienhaus in Österreich hatte sich offenbar eine Observationsgruppe eingemietet. Ein geplanter Treff von Ludwig mit seinem Führungsoffizier in Athen wurde abgebrochen, nachdem Ludwig auch dort eine Observation erkannte. Am Haus in Thiersee entdeckten die Brüder einen Bewegungsmelder, den Alfred der Sicherheit des BND übergab.

Am 28. November 1989 wurde Ludwig Spuhler verhaftet. 1990 erkrankte Ludwig schwer. Die Krankheit wurde zwar mit Erfolg behandelt, schwächte ihn aber erheblich. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof erhob mit Anklageschrift vom 17. Januar 1991 Klage gegen Ludwig und Alfred vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht (Az. 3 StE 1/90-3) wegen gemeinschaftlicher Tatbegehung von Landesverrat. Am 11. März 1991 erging der Eröffnungsbeschluss zur Hauptverhandlung vor dem 3. Strafsenat, mit dem die Klage zugelassen wurde (Az. 3 St 1/91 a, b). Ludwig Spuhlers Einlassung war geständig, später auch von Alfred. Am 15. November 1991 wurde der nicht vorbestrafte Ludwig Spuhler vom Bayerischen Obersten Landesgericht zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt sowie 40.000 Deutsche Mark (DM) als Vermögensverfall. Er musste die Verfahrenskosten tragen. Sein Arbeitsverhältnis kündigte er auf anwaltlichen Rat, was mit dem Verlust seiner Betriebsrente einherging. Mildernd berücksichtigte das Gericht, dass Ludwig von Alfred zum Verrat verführt worden sei und der schwere Nachteil für die Bundesrepublik durch das Ende der Ost-West-Konfrontation sich erheblich verringert habe. Ludwig wurde nach Verbüßung der Halbstrafe (unter Anrechnung der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt München) am 28. August 1992 unter Strafaussetzung zur Bewährung entlassen.

Ludwig Spuhler erhielt mindestens 266.900 DM an finanziellen Zuwendungen. Hinzu kommen noch die Erstattung von Anschaffungskosten für technische Hilfsmittel und Treffkosten. Zudem wurde für beide Brüder ein Gehaltskonto beim MfS geführt. Im einzelnen erhielt Ludwig zwölf Jahre ein Fixum von je 8000 DM und vier Jahre von 16.000 DM, Zuschüsse für die Anschaffung von sechs Personenkraftwagen von jeweils 10.000 DM, die Übernahme der Scheidungskosten und der finanziellen Abfindung der Ehefrau (insgesamt 31.000 DM) sowie Prämien für Orden von insgesamt 15.000 DM, eine Geburtstagszuwendung von 1300 DM und Urlaubsgeld von 2600 DM.

Auszeichnungen

Siehe auch

Schriften

Literatur

  • Klaus Marxen und Gerhard Werle: Spionage (= Strafjustiz und DDR-Unrecht: Dokumentation. 4, Teilband 1). De Gruyter Recht, Berlin 2004, ISBN 978-3-89949-080-0, S. 91–98, 223, 254–256, 343 ff. (Urteil gegen Alfred und Ludwig Spuhler abgedruckt ab S. 343 ff.).

Einzelnachweise

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