Lukmanierpass
Gebirgspass in der Schweiz
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Der Lukmanierpass (italienisch Passo del Lucomagno, rätoromanisch Cuolm Lucmagn oder ), 1917 m ü. M., ist ein Schweizer Alpenpass an der Grenze zwischen den Kantonen Graubünden (Gemeinde Medel (Lucmagn)) und Tessin (Ortschaft Olivone in der Gemeinde Blenio). Der Name leitet sich ab vom lateinischen lucus magnus, «grosser Hain».
| Lukmanierpass / Cuolm Lucmagn Passo del Lucomagno | |||
|---|---|---|---|
| Himmelsrichtung | Norden | Süden | |
| Passhöhe | 1917 m ü. M. | ||
| Kanton | Graubünden | Tessin | |
| Wasserscheide | Medelser Rhein → Vorderrhein → Rhein → Nordsee | Brenno → Ticino → Po → Adria | |
| Talorte | Disentis/Mustér | Biasca | |
| Ausbau | Strasse | ||
| Erbaut | 1877 | ||
| Wintersperre | ganzjährig geöffnet, im Winter Nachtsperren, im Frühling auch ab Mittag (Lawinengefahr) | ||
| Gebirge | Gotthard-Gruppe (West) Adula-Alpen (Ost) | ||
| Profil | |||
| Länge | 21,2 km | 40,8 km | |
| Anstieg | 784 m | 1613 m | |
| Ø-Steigung | 3,7 % | 4 % | |
| Max. Steigung | 9 % | 9 % | |
| Karte | |||
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| Koordinaten | 704443 / 157739 | ||
Geografie
Der Lukmanier ist der tiefste direkte Alpenübergang in der Schweiz.[1.1] Er verbindet Biasca im Tessin mit Disentis/Mustér im Vorderrheintal.
Der nördliche Zustieg führt von Disentis durch das Val Medel zur Passhöhe. In den späten 1960er Jahren wurde auf der Nordseite der Passhöhe der Stausee Lai da Sontga Maria angelegt. Mit dem Bau des Staudamms musste die Passstrasse verlegt werden. Ihr Kulminationspunkt liegt nördlich der Passhöhe in einer Galerie auf 1972 m ü. M. Wanderer können den See westseitig umgehen und steigen dabei bei der Durchquerung des Val Rondadura bis auf 1942 m ü. M. Südwärts gelangt man durch das Bleniotal nach Biasca. Die Passstrasse steigt ab Olivone aus dem Bleniotal an. Von Olivone bis zur Passhöhe sind es rund 19 Kilometer, von dort bis Disentis 20 Kilometer.
Der Lukmanierpass trennt die Gotthard-Gruppe im Westen von den Adula-Alpen im Osten. Über den Lukmanierpass verläuft die Europäische Wasserscheide. Das Wasser fliesst durch das südlich des Alpenhauptkamms gelegene Val Cadlimo in Sichtweite des Passes als Medelser Rhein in Richtung Nordsee.
Der Lukmanierpass bietet die einzige Möglichkeit, die Schweizer Alpen mit dem Auto zu überqueren (im Sinne einer Nord-Süd-Querung), ohne eine Meereshöhe von 2000 Metern zu überschreiten oder einen längeren Tunnel zu befahren.
Geschichte
Schon in der Vergangenheit war der Lukmanier als leicht begehbarer Alpenübergang bekannt.[1.1]
Der Fund eines römischen Münzschatzes bei Malvaglia deutet darauf hin, dass der Pass bereits gegen Ende des 3. Jahrhunderts begangen war.[2][1.2] Ein weiterer Fund bei der Passhöhe, eine Lanzenspitze, stammt aus der Zeit um das Jahr 600.[1.2]
Seine erste Blüte erlebte der Pass im Fränkischen Reich, als Anfang des 8. Jahrhunderts das Kloster Disentis gegründet wurde. Im Hoch- und Spätmittelalter, vor allem zur Zeit der Staufer, galt der Lukmanier als wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz, verlor diese Rolle dann an Gotthard- und Splügenpass, welche den Nachteil der rund 200 Meter höheren Kulmination durch direktere Linienführung ausgleichen. Von Otto I., Heinrich II., Friedrich I. und Sigismund ist überliefert, dass sie den Pass genutzt haben auf Reisen von oder nach Italien. Manche mit ihren Armeen, manchmal auch zerstörerische Raubzüge fremder Völker. Otto I. überquerte den Pass sogar im tiefen Winter.[1.3][3.1]
Unter der Obhut des Klosters entstanden entlang des Passwegs vier Hospize: Sogn Gagl im Val Medel als ältestes, Sontga Maria auf der Passhöhe sowie auf der Südseite San Sepolcro (1104) und Camperio (1303).[1.4][4] Das 1374 durch das Kloster nördlich der Passhöhe errichtete Hospiz umfasste eine kleine Kapelle, die der heiligen Maria geweiht war. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden rund 200 Meter südlich ein neues Hospiz mit eigenständiger Kapelle errichtet.[1.5] Die weite Ebene, auf der sich das Marienhospiz befand, wurde vom Stausee überflutet.[5] Auf dem Pass mussten deshalb Ersatzbauten errichtet werden. Das neue Hospiz wurde am 1. August 1965 eingeweiht. Der Bau der Kapelle wurde von den NOK finanziert, sie wurde 1967 eingeweiht.[6]
Der alte Passweg führte von Disentis zur Kapelle St. Agatha, von dort in die Schlucht des Vorderrheins hinunter, nach Mumpé Medel hoch, von dort am Berghang entlang ins Val Medel hinein und erst nach Mutschnengia ins Tal hinab.[4] Die unpassierbare Schlucht Ruinas am Unterlauf des Rein da Medel wurde so umgangen.
Mitte des 19. Jahrhunderts erwägte man bei der Linienwahl für eine Alpenbahn zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin zeitweise die Lukmanierroute, die ohne teuren Scheiteltunnel ausgekommen wäre, entschied sich aber 1869 zugunsten der Gotthardbahn durch das Reusstal und die Leventina. Zumindest wurde auf der Südseite 1911 die Biasca-Acquarossa-Bahn eröffnet, und auf der Nordseite wurde 1912 die Bahnstrecke bis Disentis der Rhätischen Bahn in Betrieb genommen.
Ab 1900 verkehrte täglich eine Postkutsche über den Pass.[4]
In den Jahren 1872 bis 1877 wurde eine moderne Fahrstrasse über den Lukmanier erbaut.[4] Diese führt im Norden durch die Schlucht Ruinas. Trotz der neuen Strasse sank die Bedeutung des Passes, der durch den Bau der Gotthardautobahn mit dem 1980 eröffneten Gotthard-Strassentunnel als überregionale Verkehrsachse endgültig ausgedient hatte. Im Zusammenhang mit der Anlage des Stausees Lai da Sontga Maria der Kraftwerke Vorderrhein auf der Bündner Seite wurde die Strasse in den 1960er-Jahren in eine Galerie verlegt.

Von 1877 bis 1950 wurden an der Lukmanierpassstrasse fast keine Renovationen und Änderungen vorgenommen. Von 1950 bis 1972 wurde die Strasse im Zusammenhang mit dem Staudammbau ausgebaut und zum Teil neu geführt. Der Lukmanierpass war aber auch mit der neu errichteten Strasse im Winter jeweils geschlossen. In den Jahren 1956 bis 1990 organisierte die Schweizer Armee jeden Winter die Schneeräumung auf der Nordseite bis zur Staumauer.[3.2]
Auf Initiative von Nationalrat Walter Decurtins aus Trun und Grossrat Gion Schwarz aus Disentis formierte sich im Jahr 2000 der Verein «Pro Lucmagn» mit dem Ziel, die Lukmanierstrasse ganzjährig offen zu halten. Die beiden Kantone Tessin und Graubünden beteiligten sich an den geschätzten Kosten von 750'000 Schweizer Franken von Anfang an, die Organisation wollten sie aber nicht übernehmen. Nach einer fünfjährigen Probephase wurden die Arbeit und die Sicherheit im Winterhalbjahr auf der Passstrasse evaluiert. Die gemachten Erfahrungen waren so gut, dass die Offenhaltung des Lukmanierpasses fortgesetzt wurde. Am 20. Mai 2009 beschlossen die Regierungsräte der Kantone Tessin und Graubünden, Marco Borradori und Stefan Engler, die Winteröffnung des Lukmanierpasses auf unbestimmte Zeit.[3.3]
Elektrizität
Die Centralschweizerischen Kraftwerke nutzten die niedrige Passhöhe zum Bau der Lukmanierleitung, einer 380-kV-Hochspannungsleitung über die Alpen. Da die Leitung älter ist als der Stausee, wurde ein Mast auf 28 Meter hohe Betonstelzen gestellt, die mitten im See stehen – auf eine kostspielige, bewilligungspflichtige Verlegung der Leitung konnte dadurch verzichtet werden.
Wandern und Verkehr
Die Passstrasse ist im Schweizer Strassensystem als Hauptstrasse 416 gekennzeichnet.
Die Passhöhe dient als Ausgangspunkt für Wanderungen. Man kann ins Val Cadlimo bis zur Cadlimohütte wandern oder über den Passo dell’ Uomo (2218 m ü. M.) ins Val Piora, an dessen Ende der Stausee Lago Ritóm liegt. Wanderwege führen um den See und das Val Medel auf der Nordseite sowie das Valle Santa Maria auf der Südseite hinunter. Eine Verbindung über den Passo di Gana Negra führt ins Val di Campo.
Postautos fahren regelmässig bis zur Passhöhe. Seit 2025 verkehrt im Sommer ein direkter Bus zwischen Disentis und Biasca.[7]
Bilder
- Eine Brücke der heute nicht mehr benutzten alten Lukmanierstrasse
- Marienfigur oberhalb des Hospiz
- Alp Piano auf der Südseite
- Blick von der Scopí-Westflanke auf die Passhöhe
- Mast der Hochspannungsleitung im See
- Lukmanier, noch ohne See, historisches Luftbild von 1923, aufgenommen aus 2000 Metern Höhe von Walter Mittelholzer
- Lukmanier-Passhöhe im Val Medel, Baustelle der Staumauer Sta. Maria, historisches Luftbild von Werner Friedli (1966)
Literatur
- Sonia Fiorini: Lukmanierpass. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 31. Mai 2012.
Weblinks
- Verein «Pro Lucmagn» mit Informationen zur Strassenöffnung
- Das Steigungsprofil der Passstrasse beidseitig
- Profil der Nordseite aus Richtung Disentis auf salite.ch
- Profil der Südseite ab Acquarossa auf salite.ch
- Profil der Südseite, oberer Teil ab Olivone auf salite.ch

