Malamocco
Ort auf der Insel Lido vor der Lagune von Venedig
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Malamocco ist ein Ort mit knapp 1000 Einwohnern auf dem Lido, der die Lagune von Venedig von der Adria abtrennt. Er bildet einen Stadtteil von Venedig, der zum Stadtbezirk Lido-Pellestrina gehört.[1] Malamocco liegt nahe beim porto di Malamocco, einem der drei Durchlässe, durch welche die Gezeitenbewegung in der Lagune gesichert und deren Verlandung verhindert wird, die aber vor allem für den Schiffsverkehr von großer Bedeutung ist.
Stadtteil von Venedig | |
|---|---|
| Koordinaten | 45° 22′ 18″ N, 12° 20′ 18″ O |
| Höhe | 3 m s.l.m. |
| Einwohner | 975 (31. Dez. 2024) |
| Eingemeindung | 18. Jan. 1883 (Venedig) |
| CAP | 30126 |
| Vorwahl | 041 |
| Municipalità | Lido-Pellestrina |
Die Lage von Malamocco in der Region Venetien |
Ende 2024 hatte der im frühen 11. Jahrhundert gegründete Ort 975 Einwohner.[2]
Geschichte

Vorgängerstadt Metamaucum
Metamaucum war neben Torcello, Caorle, Jesolo, Heracleia und Murano eine der Inselkommunen des frühen Venetiens. Kirchliches Oberhaupt dieser Kommunen war der Patriarch von Grado, politisch unterstanden diese Gemeinden dem oströmischen Kaiserreich, wie die gesamte Republik Venedig.
Die ersten Dogen Venedigs waren in Heracleia ansässig, bevor der Dogensitz Mitte des 8. Jahrhunderts nach Metamaucum verlegt wurde – der Tradition zufolge im Jahr 742 unter dem Dogen Deusdedit, der kurzzeitig als magister militum und von etwa 742 bis 755 als Doge seine Residenz in Metamaucum nahm. Er wurde durch Galla gestürzt.[3] Nach dessen Sturz kaum ein Jahr später folgte ihm Domenico Monegario, diesem Mauritius und dessen Sohn Johannes im Amt. Diese versuchten eine Dynastie zu gründen.
Die Auseinandersetzungen zwischen dem Frankenreich und Byzanz brachten entsprechende Fraktionen in Metamaucum hervor, Kämpfe, aus denen zunächst Obelerio Antenoreo 804 als profränkischer Sieger hervorging. Dieser wurde jedoch 810 gestürzt, wobei er bezeichnenderweise um 829 versuchte, mit Hilfe seiner Anhänger in Metamaucum noch einmal den inzwischen in Rialto residierenden Dogen zu stürzen. Diesen Umzug hatte entweder sein Bruder und Mitdoge Beatus oder der Doge Agnello Particiaco zu Anfang seiner Regierungszeit um 810 durchgesetzt.
Metamaucum blieb zwar weiterhin Hafen und Handelsplatz, hatte aber keine politische Bedeutung mehr. Das galt insbesondere nach dem Versuch des Obelerius, die Macht noch einmal zurückzugewinnen, nach der Zerstörung der Stadt während des Angriffs der Franken unter Pippin, einem der Söhne Karl des Großen, sowie der Zerstörung durch Ungarn um 900. 1106/07 wurde der Ort durch eine verheerende Sturmflut so stark geschädigt, dass er aufgegeben werden musste. Ein früher hier bestehendes Bistum wurde 2018 als Titularbistum Methamaucum wiedererrichtet, das Bistum wurde nach Chioggia verlegt.
Neugründung: Malamocco, Zerstörung durch Genuesen um 1380
Das in der Folge neu gegründete Malamocco entstand, vielleicht weiter westlich, neu.[4] Diese 1159 in den Quellen als Malamocco nuova genannte Siedlung wurde während des Chioggia-Krieges am Ende des 14. Jahrhunderts von den in die Lagune eingedrungen Genuesen zerstört.
Die venezianische Flotte unter Vettor Pisani besiegte zwar am 30. Mai 1378 die Genuesen unter Luigi Fieschi, doch verlor er im Mai des nächsten Jahres 15 Galeeren. Daraufhin besetzte die genuesische Flotte Malamocco, Poveglia und am 6. August auch Chioggia. Außerdem blockierten die Carrara vom Festland her die Lebensmittelzufuhr. Nun verlangte man die Freilassung Vettor Pisanis, der am 22. Dezember wieder 40 Schiffe kommandierte, hinzu kamen 18 Galeeren unter Carlo Zen aus der Levante. Am 24. Juni 1380 mussten die Genuesen 19 Galeeren zurücklassen. Der Krieg zog sich noch bis ins nächste Jahr hin.
Auseinandersetzung mit dem Bistum Chioggia, frühneuzeitliche Kleinstadt
Die kleine Stadt sah sich 1622 bis 1626 in einen Prozess mit dem Bischof von Chioggia verwickelt, an dessen Ende die Reliquien der Heiligen, die sich seit Jahrhunderten in der Kirche Santi Felice e Fortunato befanden, nach Chioggia verbracht wurden.[5] Von Bedeutung war neben der Gemeindekirche das Kloster S. Maria dell'Orazione o delle Grazie, das gegenüber der Kirche lag, die ab dem 16. Jahrhundert den Namen S. Maria dell'Orazione trug. Um 1500 hatte man den Nonnen gegen den Widerstand des örtlichen Priesters eingeräumt, in das baufällige Hospital einzuziehen. 1511 und 1537 schrieb eine päpstliche Bulle und ein Ducale des Senats die Klausur vor. 1635 zählte man 20 Nonnen, von denen nur eine aus Malamocco, die übrigen aus Venedig kamen, und 16 Konversen. Die Frauen entstammten den Onorati Mercanti, dürften zum Teil ins Kloster abgeschoben worden sein, weil die Familie ihre Ausstattung für den Fall einer Ehe nicht finanzieren konnte oder wollte. Sie stellten jährlich 1.500 Kleidungsstücke für die Ruderer venezianischer Schiffe her.[6] Das Verhältnis zu den Pfarrern der Gemeinde war bis zum Ende der Republik von Streitigkeiten geprägt.
Gegenreformation
Die Priesterschaft hatte im Zuge der Gegenreformation die Aufgabe, die Rechtgläubigkeit der Bevölkerung zu prüfen und sie durch regelmäßige Rituale, Unterricht und Schauspiele zu stärken. Jüdischen Händlern wurde der dauerhafte Aufenthalt in Malamocco strikt untersagt.[7] Nur selten lassen sich Äußerungen des Aberglaubens fassen, zumal die Überwachung durch den Klerus so dicht war, dass das Risiko, diese zu praktizieren, hoch war. Andererseits neigten öffentliche Rituale dazu, das Ansehen der Beteiligten steigern zu wollen: bei Beerdigungen durch oft beklagtes, überlanges Läuten der Glocken, durch möglichst viele Kerzen; bei Prozessionen durch möglichst viele Teilnehmer und eine strikte Reihenfolge. So wurde die jährliche Prozession zu Ehren der Heiligen von den Mönchsorden eröffnet, gefolgt vom Weltklerus und dem Baldachin mit den Heiligenfiguren, von vier Brüdern getragen; dann folgten die Sänger und die Kanoniker. Bei den beiden Marienfesten vom 8. bis 12. August und vom 1. bis 15. September besuchte der Bischof, der mit einer Barke übersetzte, die Stadt. Auch hier versuchten die Kleriker die in ihren Augen allzu ausufernden Festivitäten zu unterbinden.
Ab 1546 wurden zur Kontrolle der Gemeinden Visitationen durchgeführt, zu denen der Bischof von Chioggia persönlich erschien. Ihre Protokolle sind zum Teil erhalten.[8] So entstanden Kompendien mit zahlreichen Feststellungen zum materiellen Zustand der Gemeinden, aber auch zu deren Mitgliedern.

Podestà und lokale Verhältnisse
Vor der Pest existierten in Venedig 427 Gärten, die Mehrzahl auf Sant’Erasmo, an 14 Stellen wurde Wein angebaut.[9] Mit der wieder anwachsenden Bevölkerungszahl leisteten auch andere Inseln, wie die Lidi, einen größeren Beitrag zur Versorgung der Stadt. Für Malamocco galt dies bereits im späteren 14. Jahrhundert. Weizen, das Grundnahrungsmittel schlechthin, musste fast gänzlich importiert werden. Die Wasserversorgung, in einer Stadt im lagunaren Wasser mit seinem Salzanteil ein gravierendes Problem, wurde durch die Pozzi genannten Brunnen gelöst, die auch in Malamocco auf den wichtigsten Plätzen gebaut wurden.
Zuständig für die örtlichen Konflikte war allerdings der Podestà, ein Adliger, der jeweils 16 Monate für Malamocco zuständig war, ohne dort residieren zu müssen. Er wurde vom Großen Rat im Dogenpalast gewählt, unterstützt wurde er von einem Notar und drei iudices. Damit erlangten die lokalen Honoratioren einen erheblichen Einfluss.[10] Seit 1339 stellte Malamocco eine der neun Podesterie dar.[11]
Vom ursprünglichen Privileg der Bewohner Malamoccos, das seinen Status als Hauptstadt der Lagune Anfang des 9. Jahrhunderts verloren hatte, vom Militärdienst befreit zu sein, finden sich keine Spuren mehr. Definiert werden musste, wer als Bürger Venedigs welche Lasten zu tragen hatte. Der Pfarrer von Santa Maria Assunta stellte eine Liste von Grundbesitzern auf, die entsprechenden Abgaben unterlagen. Gegen eine einmalige Zahlung von 300 Dukaten konnte man allerdings die Vorrechte der Cittadini erwerben, die auch auf ihre Erben ausgedehnt wurden. Diese Freistellungen erodierten allerdings gegen Ende der Republik, so dass auch sie Beiträge leisten mussten.
Die Produkte Malamoccos, etwa Gemüse oder Holz, wurden manchmal einer Abgabe, der decima, unterworfen, gegen die sich die ortolani wehrten. In den meisten Fällen wurden sie von dieser Abgabe befreit, sie profitierten also, wenn auch in geringem Maße, weiterhin von ihren alten Privilegien.
Deutlich schwerere Konflikte entstanden oftmals zwischen den Besatzungen der im Hafen liegenden Schiffe, für die gleichfalls der Podestà verantwortlich war. Seit die Hafeneinfahrt Lido oder San Nicolò aufgrund der Enge der Durchfahrt und des reduzierten Tiefgangs im Laufe des 17. Jahrhunderts für Handelsschiffe unpassierbar geworden war, hatte der Verkehr im Hafen von Malamocco stark zugenommen.
Der Große Rat der Gemeinde setzte sich neben dem Podestà und den Richtern, den Deputierten, früher giudici und massari genannt, die eine Art Nebenrat bildeten, aus den Cittadini von Malamocco zusammen. Glocken riefen die Angehörigen dieses Gremiums zu den Sitzungen im Palazzo d'ordine del Podestà. Im Jahr 1650 nahmen 103 Männer an der Ratssitzung teil, 1676 waren es 97. Die Gemeinde unterhielt einen eigenen Kanzler, der nicht nur die Dokumente führte, sondern entsprechende Kopien ohne Kosten den Betroffenen zukommen zu lassen hatte, wofür er wiederum 25 Dukaten erhielt, jedenfalls im Jahr 1760 – neben 35 weiteren Dukaten für seine Amtsführung.
Der örtliche Medicus, der sich drei Mal pro Woche in Malamocco einfinden musste, erhielt für seine ganzjährigen Dienste 200 Dukaten.[12] 1754 standen auf der Soldliste zudem: 6 giudici, ein weiterer für Lido, 2 deputati, 2 provveditori für die Gemeindekirche und 2 für die Beata Vergine di Marina zuständige, 3 sindici, 2 contraditori (sie verteidigten die Beschlüsse der höheren Gremien und Gerichte der Republik), 3 stimadori (Schätzer) sowie ein capo di notte, eine Art Nachtwächter. Weitere Posten waren neben Kanzler und Kommandant, ein Organist, aber auch ein Uhrmacher oder ein Kantor. Wie üblich in Venedig, so kamen auch in Malamocco Prüfer für die Abrechnungen hinzu, eine Reihe von militärischen Posten usw. Um die Abgaben eintreiben zu können, fanden sich die Pflichtigen entweder auf dem Platz vor dem Sitz des Podestà ein, oder man registrierte sie Haus für Haus und suchte die Pflichtigen auf.
1719 versteigerte das bis dahin für das Einziehen von Abgaben auf Lebensmittel, vor allem Weizen und Mehl, zuständige Collegio della Milizia da Mar dieses Recht meistbietend. Erstanden wurde es von Giovanni Battista Albrizzi für mehr als 13.720 Dukaten. Jeder private Verkauf wurde dementsprechend in den folgenden Jahren beschränkt, insbesondere der Direktverkauf aus den Booten untersagt. Dagegen wehrten sich die Bewohner von Lido, die nie Brot in Venedig hatten backen lassen, sondern dies immer mit eigenem Holz auf eigene Kosten getan hatten. Dabei war der Zustand der örtlichen Verwaltung bereits ab den 1650er Jahren so schlecht, dass der Palast des Podestà um 1711 einsturzgefährdet war. 1672 und 1677 mussten Gefangene freigelassen werden, weil keine auch nur entfernt angemessenen Örtlichkeiten zur Verfügung standen.[13]
Schließlich war die Gemeinde auch für den Erhalt der beiden Kirchen zuständig, man versuchte Stellungen an den Kirchen im Gegenzug einzusparen. Dennoch mussten Kredite aufgenommen werden, denn die Gemeinde hatte inzwischen immer mehr Aufgaben übernehmen müssen, so etwa die Geschenke für den Podestà oder die Kerzen für die Feierlichkeiten am 11. Juni zur Festa della Sensa.
So wurden für das Jahrfünft 1766–1770 in der Gemeinde S. Maria Assunta 235 Familien für Malamocco und 67 in S. Maria Elisabetta / Lido, insgesamt 1047 bzw. 447 Seelen gezählt. In Malamocco zählte man 12 Priester und 30 „Religiose“. Im Jahrfünft danach sank die Bevölkerungszahl Malamoccos von 1047 auf 1004, die Zahl der Priester von 12 auf 8, die Zahl der Seeleute und Fischer von 30 auf 11. Für das Jahrfünft 1780 bis 1784 wurden noch 1020 Einwohner gezählt, während es im Jahrfünft bis 1789 nur noch 868 waren. Von 1766 bis 1785 sank die durchschnittliche Zahl der Angehörigen einer Familie von 4,5 auf 3,8, die Zahl der Kinder pro Ehe von 5,16 auf 4,37.[14] Diese Entwicklung lag keineswegs im Trend, denn Städte wie Chioggia wuchsen um 18 % im gleichen Zeitraum von 1761 bis 1790.[15]
Nicht immer konnten die Fischer ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, wie bereits 1559 der örtliche Podestà Francesco Tagliapietra berichtete. Dieser Zustand verschärfte sich im 17. Jahrhundert, als die Fischbestände stark zurückgingen. Dies war den zuständigen Behörden bewusst, und so versuchten sie über Fangvorschriften, -zeiten und sonstige Vorgaben, wie etwa für die Netze, die Bestände besser zu schützen. So verbot man 1760 den Fischfang zwischen März und Juni in allen „Paludi, Barene, Canali und Ghebbi“. Auch in den Valli da pesca wurden die Vorschriften immer detailreicher. Deren Zustand wurde jedes Jahr im September überprüft.[16] Schon 1365 hatte der Große Rat den Fischfang um Poveglia ausschließlich den örtlichen Fischern vorbehalten. Die Fischer wiederum gehörten einer eigenen Confraternita oder Fraglia an, an deren Spitze ein Gastalde stand. Diesem standen 12 Presidenti zur Seite. In einer eigenen Mariegola, die die internen Regularien und alle gültigen Vorschriften enthielt, waren auch die Angehörigen der Bruderschaft namentlich verzeichnet. Solche Verbände bestanden auch auf Murano, Burano, dann S. Agnese, auf der Giudecca, auf Poveglia, in Malamocco und Caorle. Die bedeutendste war wohl die von San Nicolò dei Mendicoli.
Bedeutung der Durchfahrt von Malamocco ab dem 17. Jahrhundert, Lotsen
Im 17. Jahrhundert änderte sich die Situation in Malamocco insofern, als die wichtigste der acht Durchfahrten in die Adria, die von San Nicolò, zunehmend versandete. Damit wuchs die Bedeutung der anderen Durchfahrten, wobei Malamoccos Durchfahrt seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts von Bedeutung war. Trotz der größeren Entfernung zum ökonomischen Zentrum Venedigs wurde sie zum Hauptdurchgang zwischen der mittleren Lagune und dem Meer. Dabei lässt sich für die Zeit zwischen 1662 und 1745 zeigen, dass eine große Secca den Zugang zur Durchfahrt zunehmend verlegte, was zur Folge hatte, dass die Durchfahrt zumindest bei Ebbe schwieriger wurde. Zur militärischen Verteidigung wurden Ottagoni, achteckige Inseln gebaut, auf denen Kanonen installiert wurden, wie Alberoni oder Ottagono San Pietro. Diese Inseln unterstanden dem Podestà von Malamocco. Ende des 17. Jahrhunderts war die Durchfahrt die einzige, die noch von größeren Schiffen benutzt werden konnte. Voraussetzung dafür war ein Beschluss von 1688, erfolgt nach Befragungen der Kräfte vor Ort und zahlreichen Messungen, der ab 1689 zum Ausbau und zur Sicherung der Durchfahrt führte. Dies war umso wichtiger, als die Lotsen von Istrien (pedotti), die seit 1440 die letzte Etappe von Waren, die nach Venedig verfrachtet wurden, begleiteten und für ihre Sicherheit zuständig waren. Zudem entstand eine Reihe von neuen Beschäftigungen im Umfeld des Hafens und der Durchfahrt. Dabei durften nur wenige Familien Pedotti stellen, im 18. Jahrhundert vor allem die Familien Buranello, Miani, Nobile und Rachello. Die Aufsicht über den Hafen selbst führte der Ammiragli del Lido e di Malamocco. Auch diese Position wurde vom zentralen Gremium der Republik vergeben, dem Pien Collegio, dem auch der Doge angehörte.
Französische und österreichische Herrschaft (ab 1797)
Die österreichische Regierung Venetiens hob zwar die Gesetze der Republik Venedig auf, versuchte aber einen ungeregelten Zustand zu vermeiden. So erging 1835 ein Regolamento disciplinare per la pesca di mare sulle coste del Golfo Adriatico, das jedoch keinerlei Bestimmungen mehr für die nicht organisierten Fischer vorsah. Im Gegensatz dazu hatte sich die Republik praktisch um jeden Aspekt des Fischfangs gekümmert, bis hin zum Verkauf auf den Märkten. Die Verkäufer und die Fischer gehörten bis 1797 einer gemeinsamen Zunft an, nämlich der der Compravendi di pesce. Für sie bestand eine eigene Gesetzgebung seit 1227 (Capitulare de piscatoribus), die vorsah, dass an bestimmten Stellen die Abgaben zu entrichten waren, bevor die Großhändler die Ware aufkauften und auf den Märkten an die Kleinhändler ohne jeden Zwischenhandel weiterverkaufen. Die Grossisten mussten wiederum mindestens 20 Jahre selbst gefischt haben und mindestens 50 Jahre alt sein. Zu Betrug, Raub und gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es dabei häufig, ebenso wie zu Kompetenzgerangel.
Italienische Hafenstadt, Eingemeindung nach Venedig (1883), Tourismus und Industrien

Als Venetien infolge der Niederlage Österreichs gegen die Preußen im Jahr 1866 an Italien kam, fuhr italienische Flotte durch die Porta di Malamocco in die Lagune ein.
1883 wurde die Gemeinde Malamocco aufgelöst und nach Venedig eingemeindet.[17] Um 1900 hatte Malamocco rund 3000 Einwohner; die Insel war für ihre poponi genannten Zuckermelonen bekannt.[18]


Der Canale dei petroli ersetzte den 1930 angedachten Plan, von der Mündung am Lido durch das Becken von San Marco die Tanker zu führen, die Mestre auf dem Festland ansteuerten. Anlass war das Unglück der Luisa, eines Tankers von 8.000 Tonnen Ladung. Dabei kamen zwei Männer ums Leben, vier wurden verletzt, das Schiff brannte stundenlang nur wenig von den Wohnhäusern entfernt. Der Associazione industriali kam dieses Unglück insofern gelegen, als damit der Plan für den neuen, weiter entfernten Kanal leichter durchzusetzen war, der es darüber hinaus gestatten würde, erheblich größere Tanker durch die Lagune zu schicken.
Ein weiteres Argument war der nach dem Zweiten Weltkrieg schnell anwachsende Tourismus. 1961 kamen 1.073.105 Besucher in die Stadt, womit sich ihre Zahl binnen zehn Jahren verdoppelt hatte. Auf dem Lido registrierte man 71.671 Ankünfte. Die Regierung hatte es abgelehnt, die Stadt als Grundbesitzerin zuzulassen, so dass ihr hier gewaltige Einnahmen entgingen. Während Lido an Bedeutung verlor, wuchs die Zahl der Besucher auf Cavallino schnell an. Parallel dazu sank die Einwohnerzahl Jahr für Jahr. Sie liegt heute im historischen Zentrum bei unter 50.000.
In jüngster Zeit wurde auch Malamocco den Bedürfnissen des wachsenden Tourismus angepasst. So wurde das ganze Gebiet zu einer Fußgängerzone, ein neuer Hafen wurde im Zentrum angelegt, welcher durch einen Kanal zugänglich ist, der Malamocco von der Insel Lido abtrennt (das Gebiet wird über Brücken erschlossen).
Das MO.S.E-Projekt dient dem Hochwasserschutz der Lagune von Venedig. Frühe Prototypen baulicher Anlagen wurden in Malamocco erprobt. So ist dieses schon seit den späten 1990er Jahren vor Hochwassern geschützt, indem hydraulische Stahlplanken den Zugang zu den Kanälen Malamoccos blockieren, wenn Hochwasser angekündigt wird. Eine um ein Vielfaches größere, und in der Arbeitsweise unterschiedliche Version, wurde unter anderem in der Porta di Malamocco, der vielgenutzten Hafeneinfahrt südlich des Lidos, errichtet, um ganz Venedig vor Hochwassern zu schützen und die Lagune bei Bedarf vor neuem Wasserzufluss zu isolieren. Von den Fluttoren sind 18 an der Durchfahrt von Chioggia im Süden vorgesehen, 19 bei Malamocco. Die sehr breite Durchfahrt bei Lido erhielt zusätzlich eine künstliche Insel, von der 20 Tore nach Treporti reichen und 21 nach Lido-San Nicolò. Jedes Tor ist 20 m breit, wobei die Höhe stark variiert. Bei Malamocco sind sie 29,6 m hoch. Die Steuerzentrale befindet sich im Arsenal.
Wissenschaftsgeschichte
Das wissenschaftliche Interesse an der Geschichte Malamoccos war nie stark. So sind die Bestände im Staatsarchiv Venedig, etwa der Fonds Podestà di Malamocco nicht einmal inventarisiert worden (Stand: 2022), obwohl er allein 50 buste füllt. Auch die Kirchenbücher, die seit 1561 in der gesamten katholischen Welt geführt werden mussten, sind nur wenig untersucht worden. In der Biblioteca Marciana und im Museo Correr finden sich zudem die Volkszählungen, die die Republik Venedig in der Neuzeit immer wieder durchführen ließ.[19] Im Archivio Patriarcale befinden sich die Register der Gemeinde Santa Maria Assunta mit ihren Verzeichnissen von Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen. In Venedig hing der Zugang zum Adel und damit zu vielen Staatsämtern von der korrekten Führung, Aufbewahrung und Zugänglichkeit der entsprechenden Nachweise ab, daher waren sie von größter gesellschaftlicher Bedeutung und wurden von den höchsten Gremien verwaltet. Ab 1761 bestehen sogenannte Anagrafi,[20] statistische Zusammenstellungen, die sehr viel genauer als zuvor über die Entwicklung der Bevölkerung Auskunft geben.[21]
Siehe auch
- Das Fährschiff Metamauco[22] (benannt nach der benachbarten Vorgängersiedlung von Malamocco) transportiert in der Lagune Personen und Kraftfahrzeuge.
- Titularbistum Methamaucum
Literatur
- Roberto Buzzanca: La Comunità di Malamocco nel XVII e XVIII Secolo, Corso di Laurea Magistrale in Scienze Storiche, Universität Padua 2021/2022.
- Maria Gionta: Effetti morfologici del traffico navale nelle aree lagunari prossime al canale Malamocco-Marghera, tesi di laurea magistrale, Università Ca' Foscari, Venedig 2015. (online, archive.org, 15. August 2017)
- Nicolò Spada: Contributi allo studio del bacino lagunare di Malamocco (Laguna di Venezia): Notizie storiche, sec. X–XIV, in: Memorie di Biogeografica 8 (1969/70) 107–151.
- Luigi Fozzati, Claudio Pizzinato: Malamocco. Studi di archeologia lagunare e navale, Marsilio, 2008.
- Pompeo Molmenti, Dino Mantovani: Le isole della laguna veneta, Bergamo 1904, S. 46–50 (Digitalisat).
- Giovanni Casoni: Sul Porto di Malamocco. Memoria, in: Memorie dell'I. R. Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti 4 (1852) 375–389. (Digitalisat)
- Antonio Luigi de Romanò: Prospetto delle conseguenze derivate alle lagune di Venezia ai porti, ed alle limitrofe provincie dopo la diversione de' fiumi, analisi e sviluppo della dottrina, coll' applicazione al porto di Malamocco, ed al caso speciale dell'emissario del Sile, con cui si tratta di redimere un circondario di 63ooo campi …, Bd. 1, Tipografia di Alvisopoli, Venedig 1815. (Digitalisat)
Weblinks
- Hans-Jürgen Hübner: Die Lagune von Venedig, in: geschichte-venedigs.de


