Marathousa 1

archäologische und paläoanthropologische Fundstätte aus dem mittleren Pleistozän im Gebiet von Megalopoli, einer Gemeinde im Südwesten Arkadiens (Zentral-Peloponnes) in Griechenland From Wikipedia, the free encyclopedia

Marathousa 1 (MAR-1) ist die Bezeichnung für eine archäologische und paläoanthropologische Fundstätte aus dem mittleren Pleistozän im Gebiet von Megalopoli, einer Gemeinde im Südwesten Arkadiens (Zentral-Peloponnes) in Griechenland. Sie wurde 2013 am Rande eines aktiven Braunkohletagebaus entdeckt und wird seitdem in einem Gemeinschaftsprojekt der Behörde für Paläoanthropologie und Speläologie des griechischen Kulturministeriums und dem Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen erforscht. Zu den bedeutendsten Funden gehören die bislang ältesten erhalten gebliebenen, von Menschenhand hergestellten und benutzten Werkzeuge aus Holz, denen 2026 ein Alter von 430.000 Jahren bescheinigt wurde. Die beiden Funde, die aufgrund ihres Alters Homo heidelbergensis zugeschrieben werden können, bestehen aus Erlenholz beziehungsweise aus Weiden- oder Pappelholz und wurden möglicherweise zum Graben verwendet.[1]

Marathousa 1 und 2 sind die ältesten derzeit bekannten archäologischen Fundstätten in Griechenland und die einzigen Fundstätten aus dem Altpaläolithikum im südlichen Balkan, in denen anhand von Schnittspuren auf Knochen die Entfleischung von großen Beutetieren belegt werden kann.[2]

Megalopolis-Becken

Obwohl durch Griechenland möglicherweise einer der Wege für die Ausbreitung des Menschen von Afrika nach Europa führte, gibt es bislang – vor allem aus Mangel an systematischer paläontologischer Forschung – nur wenige Hinweise auf die Anwesenheit von Arten der Hominini im frühen und mittleren Pleistozän im Gebiet des heutigen Griechenlands. Aus diesem Grund wurde im Verlauf einer Suche nach potentiellen archäologischen Fundstätten im Jahr 2012[3] auch das Megalopolis-Becken im Zentrum des Peloponnes erkundet, das seit Jahrzehnten für seine Fossilien führenden Schichten bekannt ist. Erkundung und anschließende Erforschung war Teil der 2011 an Katerina Harvati vergebenen Fördermittel des Europäischen Forschungsrats für ihr Projekt Paleoanthropology at the Gates of Europe: Human Evolution in the Southern Balkans, das von 2012 bis 2016 genehmigt worden war.[4]

Das Megalopolis-Becken ist eine intermontane Senke auf heute rund 350 Meter Höhe über dem Meeresspiegel, die während des späten Miozäns / frühen Pliozäns infolge tektonischer Bewegungen entstand. Später, während Teilen des Pleistozäns, befand sich im Becken ein großer flacher See. Die Sedimentabfolge des Beckens umfasst Ablagerungen von Schlämmen, Tonen und Mergeln mit regelmäßig dazwischenliegenden Braunkohleschichten, die insgesamt eine Mächtigkeit von mehr als 250 Meter erreichen.[2] Aufgrund des Kohletagebaus wurden einige der vertikalen Ablagerungen seit 1969 angeschnitten und für Forscher zugänglich, jedoch wurden erst 2013 Steinwerkzeuge in unmittelbarem Zusammenhang mit Knochen großer Säugetiere entdeckt und daraufhin am Außenrand der Mine die Open-Air-Fundstätte Marathousa 1 eingerichtet, benannt nach der Marathousa-Braunkohlemine. Sie befindet sich am ehemaligen Ufer des fossilen Sees und ist eine von insgesamt zehn potentiellen Fundstellen am Rande der Grube, davon fünf mit nachgewiesenen Steinwerkzeugen.

Weitere Funde

Bereits in den 1960er-Jahren hatte der zeitweise am Geologischen Institut der Universität von Athen tätige deutsche Geologe Johann K. Melentis diverse Studien über Fossilfunde aus dem Megalopolis-Becken veröffentlicht, insbesondere über Rüsseltiere, Pferde, Nashörner, Schweine, Hirsche und Rinderartige. Die genaue stratigraphische Position der Funde – und damit ihr Alter – konnte jedoch in jüngerer Zeit nicht zuverlässig rekonstruiert werden. Daher wurde versucht, anhand der zwischen 2013 und 2017 geborgenen Fossilien eine verlässliche Datierung zu erreichen. Im Ergebnis ergab sich eine biostratigraphische Datierung in die Sauerstoff-Isotopenstufe MIS 12/11, das heißt, in die Zeit vor rund 450.000 Jahren.[5]

Bereits in den ersten fünf Jahren der Erforschung von Marathousa 1 wurden auch zahlreiche Hinweise auf eine Besiedelung durch Individuen der Gattung Homo entdeckt. So wurden beispielsweise ein Teilskelett des männlichen, ausgewachsenen Europäischen Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) und Knochen anderer großer Säugetiere geborgen, die in räumlicher und stratigraphischer Nähe zu zahlreichen kleinen Steinwerkzeugen lagen. Als Alter dieser Funde wurde die Epoche vor 500.000 bis 400.000 Jahren rekonstruiert.[6] Dem guten Erhaltungszustand der Knochen sei es zu verdanken, dass u. a. beim Waldelefanten Schnittspuren nachwiesen werden konnten.

Marathousa 2

Ungefähr 1500 Meter östlich der Fundstätte Marathousa 1 wurde 2018 die Fundstätte Marathousa 2 (MAR-2) eingerichtet und 2023 erstmals wissenschaftlich beschrieben.[7] Demnach sind die Fossilienfunde vergleichbar mit jenen aus Marathousa 1; auffälligstes Fossil war ein Hippopotamus antiquus („Europäisches Flusspferd“), das zu Lebzeiten doppelt so groß war wie ein heute lebendes Flusspferd (Hippopotamus amphibius). Die Anwesenheit von Individuen der Gattung Homo wurde durch ein einziges Steinwerkzeug sowie durch Schnittspuren an diversen Knochen belegt.

Literatur

  • Dalila De Caro, Moritz Kuhn, Nicholas Thompson, Eleni Panagopoulou, Katerina Harvati und Vangelis Tourloukis: Small flakes for sharp needs: Technological behaviour in the Lower Palaeolithic site of Marathousa 1, Greece. In: PLoS One. Band 20, Nr. 6, e0324958, doi:10.1371/journal.pone.0324958.
  • Vangelis Tourloukis, Nicholas Thompson, Eleni Panagopoulou, […] und Katerina Harvati: Lithic artifacts and bone tools from the Lower Palaeolithic site Marathousa 1, Megalopolis, Greece: Preliminary results. In: Quaternary International. Band 497, 2018, S. 47–64, doi:10.1016/j.quaint.2018.05.043. Volltext.
  • Dimitrios Michailidis, George E. Konidaris, Athanassios Athanassiou, Eleni Panagopoulou und Katerina Harvati: The ornithological remains from Marathousa 1 (Middle Pleistocene; Megalopolis Basin, Greece). In: Quaternary International. Band 497, 2018, S. 85–94, doi:10.1016/j.quaint.2018.06.045.
  • Domenico Giusti, Vangelis Tourloukis, George E. Konidaris, […] und Katerina Harvati: Beyond maps: Patterns of formation processes at the Middle Pleistocene open-air site of Marathousa 1, Megalopolis basin, Greece. In: Quaternary International. Band 497, 2018, S. 137–153, doi:10.1016/j.quaint.2018.01.041.
  • Vangelis Tourloukis, Giovanni Muttoni, Panagiotis Karkanas, […] und Katerina Harvati: Magnetostratigraphic and chronostratigraphic constraints on the Marathousa 1 Lower Palaeolithic site and the Middle Pleistocene deposits of the Megalopolis basin, Greece. In: Quaternary International. Band 497, 2018, S. 154–169, doi:10.1016/j.quaint.2018.03.043.

Belege

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