María Sabina

mexikanische Schamanin From Wikipedia, the free encyclopedia

María Sabina (* 1894 in Huautla de Jiménez in Oaxaca de Juárez, Oaxaca, Mexiko; † 22. November 1985 in Oaxaca) war eine mazatekische Curandera (schamanische Heilpriesterin). In der Bevölkerung galt sie als visionäre Seherin, Mystikerin und Dichterin. In ihren Heilritualen („Veladas“) verwendete sie unter anderem psychoaktive Pilze, um Krankheiten, seelische Konflikte und spirituelle Ungleichgewichte zu heilen. Sie eröffnete westlichen Forschenden einen praktischen Zugang zum indigenen Wissen und trug damit wesentlich dazu bei, ein internationales Interesse an Psilocybin zu wecken.

alte indigene Frau mit glattem, zirückgekämmtem weißen Haar, ernstem, forschenden Blick und Ohranhängern
Maria Sabina in Oaxaca, Mexiko

Leben

María Sabina wurde in Huautla de Jiménez im Süden Mexikos in eine christliche Familie von schamanischen Heilern hineingeboren. Dieses Geheimwissen wurde nur innerhalb der Familie weitergegeben. Es war über Generationen hinweg streng geschützt und nicht für Außenstehende gedacht.[1]

Als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater. Da ihre Mutter die Familie allein ernähren musste, blieb María in der Obhut der Großeltern und half bei der Landarbeit mit. Sie besuchte keine Schule und lernte nie lesen noch schreiben. Erste Erfahrungen mit halluzinogenen Pilzen hatte sie bereits als Kind, als sie an einer Zeremonie für einen erkrankten Onkel teilnahm.[2]

‍Mit 14 Jahren heiratete sie Serapio Martínez, der sich wenige Zeit später der mexikanischen Revolution anschloss und nach der Rückkehr starb. María Sabina, plötzlich allein mit drei Kindern, erkrankte schwer und konnte sich nicht mehr bewegen. Sie erzählte später, nur die „heiligen Pilze“ hätten ihr geholfen, diese Krankheit zu überwinden. Auch habe sie dabei eine Offenbarung erlebt: Gott habe ihr den Auftrag gegeben, andere Menschen mit ‚heiligen Pilzen‘ zu heilen.[2]

„Ich sprach zu Gott, mit dem ich mich jedes Mal mehr vertraut und dem ich mich jedesmal näher fühlte. Ich empfand, daß alles, was mich umgab, Gott war.“[3]

Um ihre Familie zu ernähren, arbeitete María Sabina als Straßenverkäuferin und Feldarbeiterin und führte nur selten Rituale durch. Ein Jahrzehnt später heiratete sie erneut und bekam sechs Kinder, von denen die meisten starben. Die Ehe war problematisch, weil ihr Mann alkoholabhängig und gewalttätig war. In dieser Zeit erkrankte Sabinas Schwester ernstlich. Trotz ungünstiger Prognose führte María Sabina eine schamanische Heilzeremonie durch, woraufhin ihre Schwester wieder gesund wurde. Das stärkte ihren Ruf als Heilerin, nährte aber auch den Verdacht, sie sei eine Hexe. Sabinas Mann, der Beziehungen zu mehreren Frauen unterhielt, wurde immer aggressiver und schließlich von Angehörigen einer seiner Geliebten getötet.[2] Nach seinem Tod widmete María Sabina sich ganz der schamanischen Heilung. In der Region Huautla wuchs ihr Ansehen, weil ihre Heilzeremonien sich bei körperlichen und emotionalen Problemen, Abhängigkeiten und familiären Konflikten als wirksam erwiesen hatten.[4][2]

Schamanische Heilpraxis und westliche Interessen

Steinerne Pilze mit Gesichtern von Tier- und anderen Geistern
Religiöse Statuen psychoaktiver Pilze

Lange vor der modernen Wissenschaft setzten indigene Kulturen in Mittelamerika psilocybinhaltige Pilze bei religiösen Zeremonien ein. In Mexiko verwandten vor allem die Mazateken sie zur Heilung und spirituellen Erkenntnis.[5] Die Schamanin María Sabina gehörte zu den ersten, die westlichen Wissenschaftlern den Zugang zu einer schamanischen Zeremonie eröffneten. 1955 ließ sie eine Reisegruppe um den amerikanischen Hobby-Pilzforscher R. Gordon Wasson und dessen Frau Valentina Pavlovna an einer Heilungszeremonie teilnehmen, bei der neben Trance-Gesängen, Tänzen und Gedichten auch halluzinogene Pilze verabreicht wurden.[6] Über seine psychedelische Erfahrung schrieb Wasson ohne Zustimmung der Heilerin, für die er das Pseudonym „Eva Mendez“ verwandte, einen Artikel für Life Magazines, der international Aufmerksamkeit erregte und weltweites Interesse für psychedelische Substanzen weckte.[7][8] Eine Woche später veröffentlichte auch Valentina Wasson eine Cover-Story in dem Sonntagsblatt This Week, das von etwa 12 Millionen Menschen gelesen wurde.[9]

Ein Folgebesuch des Ehepaars Wasson bei Maria Sabina wurde, offenbar ohne Kenntnis der beiden, von der CIA finanziert.[10] Ein Teilnehmer ihrer Reisegruppe, ein Chemieprofessor, war als CIA-Agent für das berüchtigte CIA-Projekt MKULTRA tätig, dessen Ziel es war, die Wirkung bewusstseinsverändernder Drogen zu testen, um sie bei Verhören und im Kriegsfall einzusetzen.[11]

Im Herbst 1962 leitete Maria Sabina ein schamanisches Ritual (Velada), an dem erneut die beiden Wassons sowie der amerikanische Chemiker und LSD-Erfinder Albert Hofmann und dessen Frau teilnahmen.[4] Dabei setzte die Heilerin erstmals synthetisches Psilocybin in Form von Pillen ein. Hofmann hatte zuvor in den Vereinigten Staaten mit Unterstützung des pharmazeutischen Konzerns Sandoz die Wirkstoffe der Pilze isoliert, im Labor synthetisch erzeugt und nach Mexiko mitgebracht. Nach der Zeremonie soll Sabina bestätigt haben, dass die Pillen die gleiche Wirkung gehabt hätten wie die Pilze.[6][12]

In der Folge reisten zahlreiche Wissenschaftler wie der LSD-Forscher Timothy Leary ebenso wie Prominente aus Popkultur und Esoterik zu Maria Sabina nach Huautla, um uralte schamanische Rituale selbst zu erleben und ihren Erfahrungsraum zu erweitern.[7] In Mexiko knüpfte der Psychiater Salvador Roquet enge Kontakte zu Sabina und nutzte ihr Wissen, um mit einer Synthese von indigenen Pilzritualen und Psychotherapie zu experimentieren und eine Art psychedelischer Therapie zu entwickeln.[7][13]

eine sehr alte Frau mit indigenem Aussehen und ein lächelnder weißhaariger Mann nebeneinander
María Sabina mit dem mexikanischen Psychiater Salvador Roquet

Im Zuge von Hippiebewegung und New Age wurde Sabinas Dorf zunehmend von Hippies und Touristen überrannt und die traditionellen Rituale wurden gestört und kommerzialisiert. Durch unkontrollierten Psilocybin-Konsum von Menschen aus dem westlichen Ausland kam zu unerfreulichen Zwischenfällen.[4] Das trug dazu bei, dass die Dorfgemeinschaft sich immer mehr von der Heilerin abwandte.[14] Sabinas Hütte ging aus ungeklärten Ursachen in Flammen auf und ihr Sohn wurde getötet.[15] Sie selbst wurde des Drogenhandels bezichtigt und verhaftet, jedoch wieder freigelassen, als internationale Anthropologen und Wissenschaftler sich in einer Petition direkt an den mexikanischen Präsidenten wandten.[2] Maria Sabina warnte, die ‚heiligen Pilze‘ verlören ihre Kraft, wenn Ausländer sie respektlos benutzten.[16] Sie wies auf die Gefahr hin, dass die Einnahme von Psilocybin außerhalb eines rituellen Kontexts die heilende Wirkung der Pilze ins Gegenteil verkehren könnte.[6] Auch Wasson bereute, was er mit seiner Veröffentlichung ausgelöst hatte:

„Huautla, das ich zuerst als bescheidenes, abgelegenes Indianerdorf kennengelernt habe, ist zu einem wahren Mekka für Hippies, Psychopathen, Abenteurer, Pseudowissenschaftler und die ganze Schar von Aussteigern unserer Gesellschaft geworden. Die alten Traditionen sind verlorengegangen, und ich fürchte, dass meine Verantwortung groß ist, meine und die von Maria Sabina. (...) Doch was ich getan habe, bereitet mir Alpträume: Ich habe über das schöne Huautla eine Welle der kommerziellen Ausbeutung übelster Art gebracht. Jetzt werden die Pilze überall zum Verkauf angeboten – auf jedem Marktplatz, an jeder Dorftür. Jeder bietet seine Dienste als „Priester” des Rituals an, sogar die Politiker.“[17]

Das intensive westliche Interesse machte María Sabina weltberühmt, ohne dass sie in irgendeiner Weise davon profitierte. Eine Journalistin schrieb über ihre Begegnung mit der Heilerin, Sabina habe sich in einem sehr schlechten Gesundheitszustand befunden, der laut klinischer Diagnose auf Unterernährung zurückzuführen war.[15]

Maria Sabina starb 1985 mittellos im Alter von 91 Jahren in einem Krankenhaus in Oaxaca, Mexiko.[14][18]

Gedenken

  • 1981 veröffentlichte der Mazateke Alvaro Estrada die Gedichte und Gesänge Maria Sabinas als Buch, um ihre Tradition zu bewahren. Darin bezeichnete der mexikanische Dichter Homero Aridjis Maria Sabina als „die größte visionäre Dichtern im Lateinamerika des Zwanzigsten Jahrhunderts“.[19] Das Buch wurde 2003 unter einem anderen Titel neu aufgelegt.[20]
  • Der mexikanische Filmregisseur Nicolás Echevarría drehte zusammen mit dem mazatekischen Übersetzer Alvaro Estrada 1978 einen Dokumentarfilm über Sabinas Leben (María Sabina, mujer espíritu).[21]

Literatur

  • Maria Sabina; Alvaro Estrada (Hrsg.); Jerome Rothenberg (Übers.): Maria Sabina. Selections. University of California Press 2003, ISBN 978-0-520-23953-1.
  • Alexander S. Dawson: Salvador Roquet, María Sabina, and the Trouble with Jipis. In: Hispanic American Historical Review (2015) 95 (1): 103–133. doi:10.1215/00182168-2836928.
  • Ilka Becker: Mediators of Trance. María Sabina – Gordon Wasson – Bruce Conner. Degruyter 2020, ISBN 978-3-11-041641-1.[22]
  • Christian Rätsch, Roger Liggenstorfer (Hrsg.): Maria Sabina, Botin der heiligen Pilze: Vom traditionellen Schamanentum zur weltweiten Pilzkultur. Nachtschatten Verlag 2023, ISBN 978-3037886557.

Einzelnachweise

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