Mariechen Franz

deutsche Sin­tez­za From Wikipedia, the free encyclopedia

Mariechen Franz (geboren 21. September 1927 in Riepe; gestorben 25. September 1944 KZ Ravensbrück), eigentlich Maria Franz, war eine deutsche Sin­tez­za oder Romni, die Opfer des Völkermordes an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus wurde.

Leben

Mariechen Franz wurde am 21. September 1927 in Riepe bei Aurich geboren. Bei ihrer Geburt war ihre Mutter Maria Erika Franz selbst erst 18 Jahre alt. Später gab ihre Mutter bei einer Vernehmung durch die Kölner Kriminalpolizei an, den genauen Tag der Geburt nicht benennen zu können und der Geburtsort habe „zwei Stun­den Fuß­weg von Au­rich“ gelegen. Kurz nach der Geburt sei sie in ein Krankenhaus in Aurich gekommen. Sie könne auch den Vater des Kindes nicht benennen, sie habe ihn auf einer Kirmes kennengelernt und nie wieder gesehen.[1] Sie gab lediglich an, dass er von Beruf Kesselflicker sei und sein Spitzname „Stewo“ laute.[2] Gegenüber ihren Eltern gab Maria Erika Franz ihren Lebenspartner Josef Jakob als Vater an. Mit Jakob hatte sie zwei weitere Kinder.[1] Mariechen Franz wurde zwei Tage später, am 23. September 1927 in Aurich, in der katholischen St.-Ludgerus-Kirche getauft.[2]

Pflegefamilie in Klein Mackenstedt

Im Alter von drei Monaten erkrankte Mariechen Franz schwer, vermutlich an „Ohrenlaufen“, und musste in Bremen in ein Krankenhaus; dort wurde sie vier Monate behandelt. Die Familie konnte nicht in Bremen bleiben und entschloss sich zur Weiterreise, vermutlich aus finanziellen Gründen. Von anderen Sinti erhielt Maria Franz ein Jahr später die Nachricht, dass ihre Tochter in Bremen verstorben sei.[1] Mariechen Franz jedoch lebte und wurde am 29. März 1928 durch das Jugendamt in das Kinderheim in der Mainstraße in Bremen eingewiesen. Sie stand nun unter der Vormundschaft des Jugendamtes in Bremen und war ihrer Mutter und ihrer Familie entzogen worden. Am 16. Oktober 1928 wurde Mariechen Franz in eine Pflegestelle in Klein Mackenstedt, heute Heiligenrode, zum Landwirt Heinrich (1891–1967) und seiner Frau Meta Legenhausen (1892–1962) gegeben. In das Meldebuch wurde sie am 29. Oktober 1928 eingetragen. Dieser Eintrag enthielt mehrere Fehler. Ihr Vorname wurde irrtümlich mit „Maria“ angegeben, als Nachname wurde „Franzen“ eingetragen, was später in „Franz“ korrigiert wurde, der Geburtsort wurde nicht mit Riepe, sondern Aurich benannt und als Religion wurde „ev.“ für evangelisch eingetragen. Ihre Pflegeeltern hatten zwei leibliche Kinder, Frieda (1914–2005) und Hermann (1912–1976).

In der Pflegefamilie lebte noch ein weiteres Pflegekind. Der dreijährige Eduard Benecke zog am 18. Oktober zu den Legenhausen. Nach Aussage aus dem Umfeld wollten die Legenhausen kein Mädchen und wurden vom Jugendamt gedrängt, auch Mariechen aufzunehmen, die niemand haben wollte. Eduard wurde ihnen unter der Bedingung gegeben, dass sie Mariechen ebenfalls nehmen. Eduard Benecke kam 1931 in eine andere Pflegefamilie. Die Legenhausen nahmen die Kinder aus wirtschaftlichen Gründen auf, sie benötigten das Geld für den Hausbau. Dennoch entstand eine enge Bindung zu Mariechen, die in der Zeit vermutlich den Nachnamen ihrer Pflegeeltern „Legenhausen“ trug. Sie war in der Familie integriert, nahm gleichberechtigt an Familienfeiern teil und wurde gut behandelt. Mariechen Franz musste später aufgrund ihrer Ohrenerkrankung behandelt werden und es blieb eine leichte Schwerhörigkeit zurück. Ihre Pflegeeltern ließen diese nicht behandeln und Mariechen Franz entwickelte einen Sprachfehler.[3] Mit dem Beginn der Zeit des Nationalsozialismus setzten auch die Repressionen gegen Mariechen Franz ein. So durfte sie nicht mit den anderen Kindern konfirmiert werden, da sie wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Volksgruppen der Sinti und Roma nicht als arisch galt. Es gibt jedoch keine Aufzeichnung, zu welcher Volksgruppe sie gehörte. Zudem muss bei einer Anmeldung zur Konfirmation die evangelische Taufe nachgewiesen werden. Getauft war Mariechen Franz jedoch katholisch. So organisierte ihre Pflegemutter eine eigene Feier für Mariechen Franz, Nachbarn gaben Geschenke und sie bekam neue Kleider.[4]

Ihrer Mutter wurde erst 1937 durch das Jugendamt in Krefeld mitgeteilt, dass Mariechen noch lebe und bei einer Pflegefamilie in Klein-Mackenstedt aufwuchs. Die Versuche ihrer Mutter, ihre Tochter zu sich zu nehmen, waren erfolglos.[5] Mariechens Mutter Maria Franz hatte elf Geschwister, ihr Vater Johann stammte aus Danzig, ihre Mutter Grete, geb. Steinbach aus Mühlhausen. Der Beruf des Großvaters wurde mit „Händler“ angegeben und die Familie bereiste Nordwestdeutschland. Viele der Geschwister ihrer Mutter wurden in Hamburg oder Altona geboren und die Familie war katholisch. Ab 1935 lebte die Familie in Oldenburg, ihre Mutter gab als Beruf „Artistin“ an. Josef Jakob war 1937 ins KZ Sachsenhausen deportiert worden. Er kam wieder frei, um für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen und die Familie reiste nach Köln, dem Heimatort von Josef Jakob, von da nach Aachen. Sie wurden immer wieder festgesetzt und polizeilich vernommen. In Aachen versuchte Maria Franz erneut, Mariechen zu sich zu nehmen, doch das Jugendamt in Bremen lehnte ab.[4]

Anstellung im Kinderheim in Bremen

Ostern 1942 wurde Mariechen Franz aus der Schule entlassen, ihre Schulzeit war beendet und sie musste ihre Pflegefamilie verlassen. Zu dem Zeitpunkt war sie 14 Jahre alt. Durch ihre Pflegemutter erhielt sie eine Stelle in einem Kindergarten der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Bremen, dort musste sie aufwaschen und saubermachen. Mariechen Franz wurde am 8. März 1942 in Bremen angemeldet. Im Anmeldebogen ist als Vorname fälschlich „Maria Anna“ angegeben, die Konfession mit katholisch, der Beruf mit „Hausgehilfin“ und es wird der Zusatz „Zigeuner“ eingetragen. Sie konnte in dem Haus wohnen und fing im März/April 1942 dort an zu arbeiten.[6] Jedoch kam es bereits nach kurzer Zeit zu Konflikten mit der Leiterin des Kindergartens. Mariechen wurde ertappt, als sie in ihrem Zimmer einen Flakhelfer zu Besuch hatte. Die Leiterin vermutete, dass sie Geschlechtsverkehr gehabt hätte, beide behaupteten jedoch, dies sei nicht so gewesen. Der Soldat nannte als Namen Gustav Klein. Daraufhin schrieb die Leiterin der Einrichtung, die Diakonisse Thea Stoldt, am 18. Juli 1942 eine Anzeige an das Jugendamt mit einem Bericht über das Vorkommnis. Sie beschrieb Mariechen Franz als „schwachsinnig“ und „triebhaft“ und nahm auch Bezug auf ihre Herkunft aus der Volksgruppe der „Zigeuner“. Dadurch entstand der Eindruck einer „Rassenschande“, denn als „Zigeunerin“ hätte Mariechen Franz keinen sexuellen Kontakt mit einem „Arier“ haben dürfen.[6] Sie wies das Bremer Jugendamt darauf hin, dass Mariechen Franz nichtarisch sei, somit für die Arbeit in einem nationalsozialistischen Haus nicht infrage käme.[1]

Zwangssterilisation

Vom Jugendamt wurde Mariechen Franz umgehend aus dem Kindergarten entfernt und am 27. Juli 1942 ins Marthasheim, einer Jugendfürsorgeeinrichtung für Mädchen, eingewiesen. Arbeit bekam sie in der nahe gelegenen Seifenfabrik Kroning. Dort wurde ihr erneut unterstellt, Kontakte zu Männern aufzunehmen, und sie wurde in die Psychiatrische und Neurologische Klinik der Städtischen Krankenanstalten Bremen eingewiesen. Zur Begründung hieß es: „… der Zigeunermischling Mariechen Franz [ist] in so hohem Maße triebhaft […], dass er seine Umgebung gefährdet.“[1]

Erneut versuchte ihre Mutter, sie zu sich zu nehmen, sie schrieb Mariechen einen Brief und legte ein Foto von sich bei, sie besuchte Mariechen sogar, aber das Jugendamt lehnte es erneut ab, die Tochter aufzunehmen. Ihr Großvater versuchte am 13. Januar 1943 eine Erlaubnis zu bekommen, dass Mariechen zu ihm und seiner Frau nach Hamburg reisen dürfe, aber auch dieses Gesuch wurde abgelehnt.[7]

Über das Verhalten von Mariechen Franz hatte Rudolf Gildemeister als zuständiger Arzt notiert, dass sich die Jugendliche auf der Abteilung „dauernd gut“ einfüge, ruhig und umgänglich sei und fleißig, aber „wenig geschickt“ in der Nähstube helfe.[8] Dennoch wurde ein Erbgesundheitsgerichtsverfahren gegen sie mit dem Ziel der Zwangssterilisation eingeleitet. Während Gildemeister Mariechen als „gutartig“ und seines Erachtens nicht „ernstlich gemeingefährlich“ einstufte und statt Sterilisierung die Unterbringung in einem geschlossenen Erziehungsheim für junge Mädchen vorschlug, erklärte der Amtsarzt Otto Rogal dagegen, dass „unerwünschter Nachwuchs“ drohe, und unterstrich, dass „[…] die Ausscheidung aus der deutschen Volksgemeinschaft auf die eine oder andere Weise [dringend erforderlich]“ sei. Er erklärte zudem, dass eine „Pflegerbestellung […] nicht erforderlich“ sei, „da die Erbkranke ihre Belange selbst wahnah­men [sic!] kann“.[8] Mariechen Franz war zu diesem Zeitpunkt mit 15 Jahren noch immer minderjährig und musste ohne Beistand oder Unterstützung durch einen Rechtsanwalt das Verfahren durchstehen. Am 6. August 1943 wurde die Zwangssterilisation beschlossen und am 4. November 1943 in der Bremer Frauenklinik durchgeführt.

Deportation und Tod

Danach wurde Mariechen Franz, die inzwischen 16 Jahre alt war, am 1. März 1944 auf Anordnung des Bremer Jugendamtes in das Be­wah­rungs­heim Ham­burg-Farm­sen ver­legt, vermutlich im Hinblick auf die bevorstehende Deportation in das Zigeunerlager Auschwitz. Ein Deportationszug mit Mariechen Franz verließ am 18. April 1944 Hamburg,[1] mit demselben Transport wurde auch Else Baker in das Zigeunerlager Auschwitz deportiert. Ihr wurde die Nummer „Z 10540“ eintätowiert.[9]

Mariechen Franz erreichte am 21. April 1944 das Lager. Sie bekam die Nummer „Z 10544“. Zu dem Zeitpunkt waren ihre Mutter, ihr Stiefvater sowie ihre Brüder bereits in Auschwitz ermordet worden. Ihre Mutter war am 13. August 1943 getötet worden, ihr Bruder Willi am 6. September 1943, ihr Bruder Walter ebenfalls 1943 und ihr Stiefvater am 4. Februar 1944. Auch ihre Großeltern Johann und Grete Franz wurden in Auschwitz ermordet. Weiterhin hielt Mariechen Kontakt zu ihrer Pflegemutter, die sie mit Lebensmittelpaketen versorgte. Die Zustände im Lager waren extrem schlecht. Die Menschen litten an Fleckfieber, Cholera, Typhus, waren bis auf das Skelett abgemagert, hatten offene Wunden, zumeist keine Kleidung. Mariechen Franz wurde am 24. Mai 1944 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt, sie erreichte es am 27. Mai 1944, die Zustände in Ravensbrück waren noch schlechter als in Auschwitz. Dort starb Mariechen Franz am 25. September 1944, vier Tage nach ihrem 17. Geburtstag. Als Grund wurde Lun­gen­tu­ber­ku­lo­se angegeben.[1]

Ehrungen und Andenken

Stolperstein Maria Franz

Für ihre Eltern und ihren Bruder Willi wurden im Juli 2007 Stolpersteine in Köln verlegt, für Mariechen Franz wurde im September 2008 ein Stolperstein in der Os­ter­stra­ße 20, Bre­men-Neu­stadt verlegt. Zudem wurde ihr Name auf dem Na­mens­denk­mal Lohsepark am ehe­ma­li­gen Han­no­ver­schen Bahn­hof in Ham­burg eingetragen.[1]

In Bremen wurde Mariechen Franz mit einem FrauenOrt geehrt.[10]

Auf dem Grab ihrer Pflegemutter wurde im September 2024 eine Gedenktafel für Mariechen Franz angebracht. Diese trägt die Aufschrift: In Erinnerung an Mariechen Legenhausen, geb. Franz, geboren 1927, in Riepe bei Aurich, ermordet 1944, im KZ Ravensbrück. Das Besondere ist der Name, mit „Mariechen Legenhausen“ wird an die Verbindung zu ihrer Pflegemutter erinnert. Die Gedenktafel wurde durch die Enkelin von Meta Legenhausen, Ursula Lengenfelder initiiert, die Mariechen noch persönlich kannte.[11]

In Heiligenrode wurde ein weiterer Stolperstein für Mariechen Franz verlegt und am Gemeindehaus eine Gedenktafel angebracht. Diese befindet sich an der Stelle, an der 1937 ein Klassenfoto mit Mariechen aufgenommen wurde.[11]

Das Kreismuseum Syke hat das Leben von Mariechen Franz umfangreich aufgearbeitet und ihr eine Ausstellung im Jahr 2025/2026 gewidmet. Diese kann auf einem virtuellen Rundgang besichtigt werden.[12]

Literatur

  • Hans Hesse: Mariechen Verfolgung, Verrat und Vernichtung einer Jugendlichen, Kreismuseum Syke, 2025, ISBN 978-3-9823969-5-8

Einzelnachweise

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