Marko Martin

deutscher Schriftsteller und Publizist From Wikipedia, the free encyclopedia

Marko Martin (* 17. September 1970 in Burgstädt) ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist.

Leben

Marko Martins Eltern waren Zeugen Jehovas. Mitte der 1980er Jahre hatte sich seine Familie von den Zeugen Jehovas gelöst, so Martin in einem Interview mit dem Deutschlandfunk 2024.[1] Die Familie übersiedelte im Mai 1989 unter anderem auch wegen des Hochschulverbots für Martin aus politischen Gründen und als Kriegsdienstverweigerer aus der DDR in die Bundesrepublik.[2] Dort studierte er Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte an der TU und FU Berlin mit dem Abschluss eines Magisters. Nach langjährigem Aufenthalt in Paris lebt Martin in Berlin.

In den 1990er Jahren beschäftigte er sich bei der Zeitschrift Kommune besonders mit französischen Intellektuellen und der Exil- und Antitotalitarismus-Thematik. Er publiziert nun zu Israel, Lateinamerika und Südostasien sowie zu Fragen der Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung. Seine Essays, Reise-Reportagen und Literaturkritiken erscheinen u. a. in der Welt, der Jüdischen Allgemeinen, in Mare sowie in Internationale Politik. Er ist regelmäßig in den Literaturprogrammen von Deutschlandradio Kultur zu hören.

Im September 2007 war Martin unter Pseudonym Sonderkorrespondent der Welt, um im damals diktatorisch regierten Burma über die blutige Niederschlagung der friedlichen Mönchs-Proteste zu berichten.

Martin ist Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (Sektion „Writers in Prison“) und seit Juni 2022 auch Mitglied im PEN Berlin.

Er ist Jury-Mitglied[3] des Karl-Wilhelm-Fricke-Preises und von 2015 bis 2017 auch Jury-Mitglied des Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt.

Im Jahr 2016 berichtete Martin als Stadtschreiber in einem zweisprachigen Blog aus der damaligen Europäischen Kulturhauptstadt Breslau/Wrocław und befasste sich mit ihrem heterogenen Charakter, insbesondere mit ihrer deutsch-jüdischen Vergangenheit.[4] Seit Dezember 2016 ist er Mitglied des antitotalitär-liberalen Autorenblogs Salonkolumnisten. Er publiziert im Thinktank Zentrum Liberale Moderne.

Im Mai 2022 zählte Martin zu den Erstunterzeichnern eines in der Zeit abgedruckten „Offenen Briefs“ an Bundeskanzler Scholz, in dem dieser dringlich aufgefordert wurde, die von Russland angegriffene Ukraine auch militärisch zu unterstützen.[5] Ende Oktober 2023 war Martin Mitunterzeichner eines Offenen Briefs, in dem das Schweigen des deutschen Kulturbetriebs zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 scharf kritisiert und ein verstärktes Engagement gegen Antisemitismus eingefordert wurde.[6]

Anlässlich des 35. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer hielt er am 7. November 2024 im Schloss Bellevue eine Rede, in der er die von Steinmeier früher betriebene Russlandpolitik kritisierte.[7][8][9] Laut Martin habe Steinmeier, der im April 2022 in einer Reihe von Interviews öffentlich seine Fehleinschätzung Putins erklärt hatte, nach der Veranstaltung mit einem Wutausbruch reagiert.[10][11] Martin würdigte in seiner Rede die Solidarność und kritisierte die Geringschätzung Osteuropas und fand damit auch in Polen Aufmerksamkeit.[12]

Am 22. Januar 2026 wurde Martin in Leipzig mit dem Werner-Schulz-Preis geehrt; die Verleihung im Tagungszentrum Mediencampus Villa Ida war mit 7.500 Euro dotiert.[13] Der Preis wird von der 2024 gegründeten Werner-Schulz-Initiative vergeben und zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich in besonderer Weise um Demokratie und Menschenrechte verdient gemacht haben.[13] Die Laudatio hielt die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt; unter den Gästen war auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der Martin ermunterte, als „Kassandra-Stimme“ unbequeme Wahrheiten auszusprechen.[13] In seinem Dankwort formulierte Martin den Kernsatz „Das Beharren auf Menschenrechten ist Realpolitik“, betonte die Bedeutung von Erinnern und Aufarbeiten, verwies auf die Zerschlagung der russischen NGO Memorial 2021 und erklärte den ukrainischen Widerstand zur gemeinsamen Sache.[13] Bereits in der Laudatio wurde auf Martins Rede vom 7. November 2024 im Schloss Bellevue Bezug genommen.[13] Nach der Aktivistin Ina Rumiantseva ist Martin der zweite Preisträger des Werner-Schulz-Preises.[13] Erstmals stellte die Werner-Schulz-Stiftung im Rahmen der Verleihung zudem zwei Stipendiatinnen vor.[13]

Marko Martin ist homosexuell.[14]

Werk

In seinen literarischen Arbeiten beschäftigt sich Martin vor allem mit Welt- und Fremdheitserfahrungen, die positiv konnotiert sind: In seinem Roman Der Prinz von Berlin (2000) wird Berlin ironisch aus der Sicht eines jungen libanesischen Zuwanderers beschrieben. Ein taz-Rezensent schrieb, Martin sei „im Herzen ein Dissident geblieben“.[15] Das literarische Tagebuch Sommer 1990 (2004) spürt den eigenen ostdeutschen Prägungen nach, während der Essayband Kosmos Tel Aviv (2012) eine Hymne an Martins erklärte zweite Heimat ist, eine „Liebeserklärung in zärtlichem Hebräisch“,[16] die von der israelischen Tageszeitung Haaretz mit dem Schreibstil Bruce Chatwins verglichen wurde.[17]

Der 2009 in der Anderen Bibliothek erschienene Prosa-Band Schlafende Hunde erzählt von individuellen Schicksalen und erotischen Abenteuern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Krisen in Mexiko, Israel, Ruanda und dem Iran. Die FAZ bezeichnete die Erzählungen als „Meisterwerke der Intensität“.[18] Martins Nachfolgeband in der Anderen Bibliothek Die Nacht von San Salvador (2013) führt erneut an verschiedene Orte der Welt, wobei der Exotismus durch eine Vielzahl an Erzählstilen gebrochen wird, wenngleich es auch hier vor allem um das Spannungsfeld zwischen Liebe, Eros, Sexus und gesellschaftlichen Brüchen geht. Für die NZZ war das Buch „eine ars amatoria des Reisens (…) prallvoll mit Welt und Sinnlichkeit“.[19]

Zum 25. Jahrestag des Zusammenbruchs des Ostblocks erschien sein Essayband Treffpunkt ’89. Von der Gegenwart einer Epochenzäsur, der Erinnerungen an Intellektuelle wie Albert Camus, Manès Sperber, Czesław Miłosz, Václav Havel oder Jürgen Fuchs mit einer Analyse der politischen Spannungen des Jahres 2014 verbindet. Die Welt bezeichnete das Buch als „perfektes Gegengift zur nationalen Nabelschau“,[20] der SZ gilt der Autor als „Prachtexemplar eines engagierten Intellektuellen, unabhängig von allen Ismen“.[21] Bereits frühzeitig kritisierte Martin auf harsche Weise das Milieu der AfD- und „Pegida“-Demonstranten.[22] Im Folgejahr publizierte er sein literarisches Tagebuch Madiba Days. Eine südafrikanische Reise, das vor dem Hintergrund des 25. Jahrestages der Apartheid-Implosion und des DDR-Endes das Scheitern homogener Gesellschaften reflektiert, an bislang eher unbekannte Prägungen Nelson Mandelas erinnert und gleichzeitig die Verwerfungen der südafrikanischen Gegenwart sondiert. Der Freitag resümierte zu „Madiba Days“: „Unter den zeitgenössischen Schriftstellern speist wohl kaum einer sein Schreiben so sehr aus eigenen sinnlichen Erfahrungen und Erlebnissen … Ein Betrieb, der ständig über seine Homogenität lamentiert, sollte öfter jemanden wie Marko Martin lesen.“[23]

2016 erschien mit dem Band Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt erneut eine Hommage auf die Stadt am Mittelmeer, die den Autor mit menschlichen Begegnungen und Erinnerungen beschenkt.[24] Ebenfalls 2016 wurden Erzählungen aus den Jahren 2007 bis 2011 unter dem Titel Umsteigen in Babylon veröffentlicht.[25][26]

Im Mai 2018 beschrieb er in einer Kolumne in der NZZ die Undifferenziertheit der deutschen Rezeption Israels, welche sich seit 70 Jahren im hoch-reflexiven Dauerstreit mit sich selber befinde. Im Rekurs auf die inner-israelische Debattendemokratie geht Martin mit sogenannter „Israel-Kritik“ hart ins Gericht.[27]

Anfang 2019, zum 60. Jahrestag der kubanischen Revolution, veröffentlichte Martin das literarische Tagebuch Das Haus in Habana. Ein Rapport, eine kritische Auseinandersetzung mit der Insel-Realität. Das Werk war 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert.[28][29] Im Herbst 2019 erschien der umfangreiche Essayband Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters, in dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Verknüpfungsgeschichte der Biographien von Dissidenten, jüdischen Lager-Überlebenden und antitotalitären Oppositionellen erzählt wird. Anhand persönlicher Begegnungen oder Lektüren porträtiert Martin hier weltweit verstreut lebende (Exil-)Schriftsteller und Intellektuelle wie Pavel Kohout, Gustaw Herling, Hans Sahl, André Glucksmann, Raissa Orlowa-Kopelewa, Roberto Schopflocher, Ilse Losa, Arthur Koestler, Horst Bienek, Anne Ranasinghe, Edgar Hilsenrath oder Aharon Appelfeld. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk nannte Dissidentisches Denken in der Süddeutschen Zeitung ein „Buchdenkmal“: „Wer dieses Buch gelesen und verstanden hat, der hat kein moralisches Recht mehr, pessimistisch zu sein.“[30] Ähnlich der Ideenhistoriker Jens Hacke in der Zeit: „Marko Martin (…) erinnert uns mit seinem eindrucksvollen Panorama dissidentischer Intellektualität daran, dass geistige Freiheit kein antiquarisches Thema ist.“[31]

Im Sommer 2020 publizierte Martin auf der Website des Peter-Huchel-Hauses eine literarische Reportage über seine Erfahrungen während der Neujahrstage in Hongkong, wo er zum Zeugen der letzten freien Tage der Stadt und des Beginns der Corona-Pandemie geworden war.[32] Danach erschien der Essayband Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens, über den die FAZ urteilte: „In einem großen Panorama fächert Martin die Vielstimmigkeit der in Ostdeutschland entstandenen Kultur auf“,[33] während die Zeit urteilte: „Martins Herz schlägt dabei für die Verbotenen und Verfolgten.“[34]

2021 erschien Die Unschuldigen von Ipanema und andere Erzählungen, die thematisch und stilistisch an die vorausgegangenen Erzählbände Die Nacht von San Salvador und Umsteigen in Babylon anknüpfen. Im Herbst des gleichen Jahres folgte das literarische Tagebuch Die letzten Tage von Hongkong, über das Mario Vargas Llosa urteilte: „Marko Martin hat eine bewundernswerte Gabe, die Dinge zu sehen; durch seine Augen werden die Dissidenten in Hongkong als Menschen erkennbar, Menschen mit einer ungewissen Zukunft.“ Der Schriftsteller Stephan Wackwitz bezeichnete das Buch in der taz als „Mikroskopie einer zeitgeschichtlichen Umbruchperiode“.[35] Auf der Website von „Intellectures“ finden sich Die Letzten Tage von Hongkong beschrieben als „ein ungewöhnliches Buch eines Überzeugungstäters für eine liberale Demokratie, intellektuell geprägt durch einen ‚Liberalismus der Furcht‘, wie ihn Judith N. Shklar formuliert hat“.[36]

Der im Frühjahr 2023 erschienene Essayband Brauchen wir Ketzer? Stimmen gegen die Macht knüpft an den Band Dissidentisches Denken an und porträtiert von Hermann Broch, Primo Levi, Ludwig Marcuse über Alice Rühle-Gerstel und Hilde Spiel bis Hans Habe und Friedrich Torberg unangepasste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, die schon frühzeitig vor totalitären Gefahren und rassistischen Mustern gewarnt haben. Der Schriftsteller Artur Becker beschrieb das Buch in der Frankfurter Rundschau als Anregung für die Gegenwart, um angesichts von Putins Angriffskrieg und dem Aufstieg der AfD Position zu beziehen.[37] Die taz zog Parallelen zu John F. Kennedys Essayband Profiles in courage,[38] während der Lyriker Matthias Buth in Faust-Kultur Martins Wiederentdeckung dieser Menschen als „meisterlich“ bezeichnete.[39]

Zum ersten Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel erschien das Buch Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober, eine literarische Essay-Reportage, die in Gesprächen die aktuelle Situation und deren historische Tiefenschichten umkreist. Klaus Bittermann beschrieb es in der taz als „erschütterndes Buch“[40], Intellectures stellte den Bezug zur jüdischen Ethik und „Tikkun Olam / Reparatur der Welt“ her: „Ein beklemmend beeindruckendes Buch. Hier schreibt keiner aus der Sicherheit seines Schreibtischs über Dinge, die ihm angetragen wurden.“[41]

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Publikationen

Stipendien, Auszeichnungen

Einzelnachweise

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