Marlow Moss
britische Kunstmalerin und Bildhauerin
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Marjorie Jewel „Marlow“ Moss (* 29. Mai 1889 in Kilburn; † 23. August 1958 in Penzance) war eine britische Kunstmalerin und Bildhauerin des Konstruktivismus.
Leben
Marlow Moss, geboren am 29. Mai 1889 in Kilburn, einem Stadtteil Londons, war die Tochter von Lionel Moss, Fachmeister in der Bekleidungsindustrie und Textilfabrikant, und seiner Frau Fannie Jacobs. Die Familie gehörte zum wohlhabenden jüdischen Bürgertum Londons.[1][2]
In ihrer Kindheit interessierte sie sich sehr für Musik. Als sie aber an Tuberkulose erkrankte, musste sie ihr Musikstudium für mehrere Jahre unterbrechen. Später richtete sie ihre Aufmerksamkeit mehr auf das Ballett.[3] Gegen den Wunsch ihrer Familie entschied sie sich für eine künstlerische Karriere und studierte 1916 bis 1917 an der St. John’s Wood School of Art und von 1917 bis 1919 an der Slade School of Fine Art.[4] Nach einem emotionalen Schock brach Moss ihr Studium an der Slade School ab,[5] um allein und zurückgezogen in Cornwall zu leben.[1] In späteren Darstellungen wurde dieser Einschnitt auch als Nervenzusammenbruch beschrieben.[1] Statt Marjorie wollte sie nur noch als Marlow angesprochen werden und nahm um 1919 ein maskulines Aussehen an.
Inspiriert durch eine Biographie über Marie Curie kehrte sie 1923 nach London zurück und begann, im British Museum Reading Room zu studieren. Sie setzte ihr Studium im Fach Skulptur später an der Penzance School of Art fort, begann 1926 mit der Kunstmalerei und gründete ein Atelier in London. Ab jetzt nahm Moss in ihrem Leben permanent ein maskulines Aussehen mit kurzen Haaren, Krawatte und Reithosen an und änderte ihren Vornamen in Marlow auch urkundlich. Ihr Auftreten wurde als bewusst androgyn beschrieben, und sie trug häufig Reit- und Jagdkleidung mit Krawattenschal.[2] In Lamorna hielten sie Kinder – und gelegentlich auch Verwandte – aufgrund ihrer Erscheinung und ihres Akzents mitunter für einen Mann.[2]
Eine Reise nach Paris 1927 bewog sie, ihr Leben dort fortzusetzen. Hier lernte sie ihre spätere Lebenspartnerin, die niederländische Schriftstellerin Antoinette Hendrika Nijhoff-Wind kennen, die Ehefrau des Dichters Martinus Nijhoff.[5] In Paris besuchte sie die Académie Moderne im vergleichsweise späten Alter von 38 Jahren und wurde von Fernand Léger und Amédée Ozenfant unterrichtet.[2] Sie studierte von 1928 bis 1929 unter Fernand Léger und Amédée Ozenfant an der Académie Moderne.[4] 1929 lernte sie Piet Mondrian persönlich kennen und setzte sich intensiv mit dessen Neo-Plastizismus auseinander.[2] Sie hielt sich wiederholt in Mondrians Atelier auf und entwickelte ihre Arbeiten im Austausch mit dessen Bildauffassung weiter.[2] Als Ziel ihres künstlerischen Arbeitens ist überliefert, Raum, Bewegung und Licht zu erzeugen.[2] Moss plante ihre Kompositionen häufig mit mathematischer Präzision, während Mondrian eher intuitiv vorging.[1][6]
Ab 1931 führte Moss in ihre Bilder parallele doppelte Gitterlinien ein, wodurch schmale weiße Zwischenräume als eigenständige Bildelemente entstanden.[1][2] Der Einsatz dieser „double line“ wurde in der Forschung wiederholt als Impuls für Mondrians spätere Doppel-Linien-Kompositionen diskutiert, ohne dass sich eine eindeutige Priorität festlegen lässt.[1][6] Zugleich blieb Moss’ Variante des Neo-Plastizismus in ihrer Strenge und Konstruktion erkennbar eigenständig.[1]
In Paris machte sie auch mit Georges Vantongerloo und Jean Gorin Bekanntschaft, wurde Gründungsmitglied des Verbands Abstraction-Création und stellte ihre Werke im Salon des Surindépendants aus. Abstraction-Création wurde 1931 als Ausstellungs- und Publikationsplattform nichtgegenständlicher Kunst gegründet und brachte Akteure unterschiedlicher Strömungen zusammen.[2] Zum frühen Umfeld zählten neben Vantongerloo auch Theo van Doesburg, Jean Arp und Auguste Herbin, während der Kreis der Ausstellenden Mondrian, Naum Gabo und Kurt Schwitters umfasste.[2] Moss stellte in den 1930er-Jahren in Paris regelmäßig mit verschiedenen Vereinigungen aus, darunter Les Surindépendants, der Salon des Réalités Nouvelles sowie die Groupe Anglo-Américain.[2] Sie nahm außerdem an internationalen Ausstellungen wie Konstruktivisten (Basel, 1937) und der Tentoonstelling Abstracte Kunst im Stedelijk Museum Amsterdam (1938) teil.[2] In der Rückschau wurde betont, dass sie als einzige Britin und einzige Künstlerin in allen fünf Abstraction-Création-Journalen vertreten war.[6]
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hielt sich Moss zeitweise mit Nijhoff in der niederländischen Provinz Zeeland auf.[1][2] Nach dem deutschen Einmarsch in die Niederlande im Mai 1940 gelang ihr die Flucht nach England, wobei sich die Überfahrt über ein Schiff als riskant gestaltete.[1][2] Sie ließ sich 1941 in der Nähe der Lamorna Cove in Cornwall nieder und richtete ihr Atelier in Lamorna ein.[2] Als Unterkunft und Arbeitsraum diente ihr zunächst ein Atelier, das ihr dort zur Nutzung überlassen wurde und das sie in einen für sie typischen, zurückgenommen weißen Arbeitsraum umgestaltete.[2]
In Cornwall versuchte Moss, Anschluss an die britische abstrakte Kunstszene zu finden. Auf Anregung Mondrians schrieb sie an Ben Nicholson, um ein Treffen und Austausch über Ausstellungsmöglichkeiten abstrakter Kunst in England zu initiieren, erhielt jedoch zunächst keine Antwort.[1][2] Auch wiederholte Kontaktversuche zu Nicholson und Barbara Hepworth blieben erfolglos.[6] 1949 stellte sie regional in Mousehole aus, bevor in den 1950er-Jahren wieder größere öffentliche Aufmerksamkeit folgte.[2]
Ein weithin rezipiertes Bild ihrer Person prägte die Erinnerung des Malers Michael Canney, der sie 1956 in der Newlyn Art Gallery in auffälliger Reitkleidung und mit Reitgerte auftreten sah und sie anschließend in einem Ponywagen nach Lamorna zurückfahren sah.[1] Solche Anekdoten trugen zu ihrer Wahrnehmung als exzentrische Außenseiterin bei, wurden jedoch zugleich als einseitig kritisiert.[1]
Moss trat der Londoner Niederlassung von Group Espace bei und hatte 1953 und 1958 Einzelausstellungen in der Hanover Gallery. In der Mitte der 1950er-Jahre beteiligte sie sich zusammen mit Paule Vézelay an der Organisation eines britischen Ablegers von Groupe Espace, dessen Ausrichtung auf abstrakte Kunst und europäische Vernetzung innerhalb der britischen Szene umstritten blieb.[1][2] Sie nahm an der einzigen Ausstellung des britischen Espace-Ablegers 1955 in der Royal Festival Hall teil, die Malerei, Skulptur und Architektur gemeinsam präsentierte.[2]
Zu Beginn der 1940er-Jahre hatte Moss bereits begonnen, neben der Malerei verstärkt Reliefs und Konstruktionen zu entwickeln und diese Arbeit in Cornwall fortgesetzt.[2] Während ihrer Architekturstudien nach dem Krieg schuf sie Skulpturen und Reliefs wie die Balanced Forms in Gun Metal on Cornish Granite (1956/57) und begann wieder mit der Malerei. Sie entwickelte dabei einen strukturell ähnlichen Stil, der jedoch farbiger ist als frühere Werke.
Von einem Nachbar in Lamorna wurde sie als „liebe kleine Seele“ bezeichnet, die allen Kindern des Dorfes ein Weihnachtsgeschenk bescherte. Der Nachbar, der als Kind in ihr Atelier zu blicken pflegte, um ihre Arbeit zu bestaunen, sagte:
„... wir sahen sie auf und ab gehen, auf und ab, auf und ab. Und dann würde sie eine gerade Linie zeichnen. Ihre Arbeit bestand aus geraden Linien und Würfeln. Dann ging sie wieder auf und ab und dann - äh, ein Quadrat würde gezeichnet werden.“[7]
Sie starb am 23. August 1958 im West Cornwall Hospital Penzance an einer Krebserkrankung und ihre Asche wurde nahe Lamorna dem Meer übergeben. Ihr Nachlass ging zunächst an den Sohn Nijhoffs, Stefan Nijhoff, der als Fotograf unter dem Namen Stephen Storm arbeitete, und blieb anschließend lange Zeit nur selten öffentlich zugänglich.[1]
Wirken
Moss’ Werk umfasste die Kunstmalerei, Skulptur und Reliefs. Vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Malerei, in der sie sehr abstrakte Kompositionen mit einfachen schwarzen Linien und Rastern schuf, die dem Neo-Plastizismus von Mondrian, dessen Arbeit sie bewunderte, sehr ähnelten. Ihre Auseinandersetzung mit Neo-Plastizismus verband sie mit konstruktiven und konstruktivistischen Ansätzen, die auch von russischer Avantgarde und Pariser Purismus-Diskussionen geprägt waren.[2] Charakteristisch war dabei, dass Moss ihre Bildordnungen häufig systematisch und rechnerisch vorbereitete und damit eine eigene, stärker „konstruktive“ Variante geometrischer Abstraktion entwickelte.[1][6] Neben Farbe verwendete sie in einzelnen Arbeiten auch Materialien wie Holz oder Kork und erweiterte damit die Mittel des Neo-Plastizismus über reine Malerei hinaus.[6]
In den frühen 1930er-Jahren entstanden ihre Untersuchungen zur „double line“, die in den Dialog mit Mondrians Kompositionen trat und später kunsthistorisch auch als wechselseitiger Ideentransfer zwischen beiden gedeutet wurde.[2][6] Ihre stark abstrahierten Werke bestehen oft nur aus weißen Flächen, feinen Linien und wenigen Farbakzenten.
Später in den 1930er-Jahren fertigte sie weiße Reliefs aus Holz, Seil und Schnur ohne jede Farbe. Ein erheblicher Teil ihrer frühen Arbeiten ging 1944 durch die Zerstörung eines von Moss und Nijhoff genutzten Hauses in der Normandie verloren, sodass die Überlieferungslage ihres Vorkriegswerks lückenhaft ist.[1][6]
Einzelausstellungen ihrer Arbeiten wurden von Erica Brausen in der Hanover Gallery London in den Jahren 1953 und 1958 in Szene gesetzt. Die dort gezeigten Skulpturen und Konstruktionen bezogen sich nicht mehr unmittelbar auf Mondrian, sondern zeigten Moss’ eigenständige Weiterentwicklung konstruktiver Bild- und Raumkonzepte.[1] Weitere Ausstellungen fanden 1962 im Stedelijk Museum Amsterdam und im Frühjahr 1972 im Stadhuis Middelburg statt.[3]
Trotz des innovativen Charakters ihrer Arbeit führten ihr früheres Leben in Paris und ihr später zurückgezogener Lebensstil in Cornwall zu einem unauffälligen Ruf als britische Künstlerin. Bis in die 1980er-Jahre galt sie als unbedeutende Nachahmerin Mondrians. Als Gründe für ihre lange geringe Sichtbarkeit wurden unter anderem die Kriegsverluste ihres Werks sowie die zurückhaltende Ausstellungs- und Leihpraxis aus dem Nachlass genannt.[1] Moss’ Werke befinden sich heute in der Tate Gallery und im Henry Moore Institute.
Rezeption und Nachwirkung
In den Niederlanden wurde Moss’ Werk früher und kontinuierlicher rezipiert als im Vereinigten Königreich, unter anderem durch Retrospektiven seit den 1960er-Jahren.[2] Im Vereinigten Königreich trugen insbesondere Ausstellungsstationen in Tate St Ives, Leeds und Hastings sowie die Präsentation in der Tate Britain 2014 zu einer breiteren Wiederentdeckung bei.[1][8] In jüngerer Zeit wird ihr Beitrag zur Entwicklung der geometrischen Abstraktion verstärkt als eigenständig bewertet und der Einfluss zwischen Moss und Mondrian eher als Austausch denn als Einbahnstraße beschrieben.[6]
Sammlungen
„Marlow Moss’ Werke befinden sich weltweit in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter das Museum of Modern Art in New York und das Israel Museum in Jerusalem. Sie ist vor allem in niederländischen Sammlungen vertreten, darunter im Stedelijk in Amsterdam, im Gemeentemuseum in Den Haag und Kröller-Müller in Otterlo.“
Weblinks
Literatur
- Florette Dijkstra: Marlow Moss: Constructivist + the Reconstruction Project. Patten, Penzance 1995, ISBN 1-872229-26-3.
- Margaret Garlake: Moss, Marlow [formerly Marjorie Jewel]. In: Henry Colin Gray Matthew, Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography, from the earliest times to the year 2000 (ODNB). Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-861411-X; doi:10.1093/ref:odnb/64505 (Lizenz erforderlich), Stand: 2004.
- Lucy H. A. Howarth: Marlow Moss (1889-1958). Plymouth 2008.
- Riet Wijnen: Marlow Moss. Kunstverein, Amsterdam 2013, ISBN 978-94-90629-10-6.