Martin Lodinger

Unternehmer, Ratsherr, Lutheraner From Wikipedia, the free encyclopedia

Martin Lodinger (* zwischen 1485 und 1507 im Gasteinertal; † um 1555 vermutlich in Deutschland) war im Gasteiner Montansektor[1] einer der ersten Lutheraner im Erzstift Salzburg. Er wanderte 1533 nach Nürnberg aus[2] und wurde durch seinen Briefwechsel mit Martin Luther und seine Trostschriften[3] im deutschsprachigen Raum ein bekannter Verfechter des evangelischen Glaubens.[4]

Dieser Artikel wurde aufgrund von akuten inhaltlichen oder formalen Mängeln auf der Qualitätssicherungsseite des Portals Christentum eingetragen.

Bitte hilf mit, die Mängel dieses Artikels zu beseitigen, und beteilige dich bitte an der Diskussion.

Martin Lodinger

Überblick über sein Leben

Es ist schwer zu datieren, wann Lodinger geboren wurde, wie seine Kindheit verlaufen ist, Details zu seiner Berufsausübung, Heirat, Hinwendung zum lutherischen Glauben, der Aufenthalt in Gastein, die Eingliederung in ein evangelisches Netzwerk zu finden. Zusätzlich ist auch die Vorkorrespondenz mit Martin Luther verlorengegangen.

In rund 150 Werken über die den vermutlichen Berufsstand Lodingers erwähnen rund 60 %, er wäre in irgendeiner Form „im Gasteiner Bergbau“ tätig gewesen. An zweiter Stelle rangiert „ein Mann des politischen Standes“. An dritter Stelle wird ein „religiöser Bereich“, gefolgt vom „Agrarbereich“, angenommen.[5] Am wahrscheinlichsten scheint nach derzeitigem Kenntnisstand eine Betätigung Lodingers im „mittleren Feld“ des Montansektors zu sein, also ein Lehnhauer oder kleinerer Grubenbesitzers.[6]

Lodingers bewusste „Hinwendung“ zur lutherischen Lehre und innere Abkehr von der katholischen Kirche erfolgte sicher einige Jahr vor dem Brieferhalt von Luther (1532) und hatte, wie jeder Konfessionswechsel zur damaligen Zeit im Erzbistum Salzburg, sozialgeschichtliche und auch alltagsbezogene Dimensionen.

Panorama über das Leben Martin Lodingers

So meinte er rückblickend: „Die Sacrament nur von alter gewohnheit wegen, es wollte nur jederman durch die eigne werck selig werden, vnd gar nit durch Christum. Denn wer da wolte Selig werden, der meinet, der müst es thun durch Fasten, Beten, Allmusen geben, Wallfarten, Kertzen brennen, und desgleichn. Und wennn es hoch kam so war es kirche un Klöster bawen, Mes stiften, vnd in suma, Christus her gar nichts bey uns, vn mit vns zu thun, wir kunde vns alle selbs helffen. Aber wer viel gelt un gut het, dem kunden Mönche vnd Pfaffen in Himmel helffen, vnd ob er gleich ein Gottloser vnd ein feind Christi wer gewesen, vnd auch nie busse het gethan.“[7]

Das universelle Verbot des Protestantismus hatte zur Folge, dass sich die protestantischen Akteure gezwungen sahen, „mit Selbstbewusstsein ein ‚religiöses Doppelleben‘ zu führen“. Den Briefverkehr hat er nicht als Einzelperson, sondern „mit Wissen und Willen seiner Gemeinde“, also gewissermaßen als Anführer der lutherischen Bewegung in Gastein, begonnen.

Folgende Wirkungsdaten sind aber eindeutig mittels Datums festgehalten: Das früheste bekannte Auftreten des Gasteiner Lutheranhängers war im Jahr 1532, als er einen Brief von Luther erhalten hat und daraufhin auswanderte. Das vermutlich letzte Schriftstück wurde im Jahr 1557 gedruckt. Die Vermittlertätigkeit Lodingers, welche sich aus der 1. und 2. Trostschrift ableiten lassen, fanden zwischen diesen beiden belegten Jahre statt.[8]

Evangelisch in Gastein

Das reformatorische Glaubensgut dürfte schon fast ein Jahrzehnt im Gasteinertal kursiert sein, ehe Lodinger den Brief von Luther erhielt (1532). Das Gasteinertal war kein abgelegenes Alpental, sondern die darin enthaltenen Bergreviere waren Ausgangs- bzw. Endpunkte der vielfach genutzten Alpenübergänge. Im Jahr 1557, auf dem absoluten Höhepunkt des Bergbaubetriebes, wurde Gold und Silber im Handelswert von 250 Mio. ÖS produziert.[9] Dass viele der Bauern und Bergknappen zumindest mit dem lutherischen Gedankengut sympathisierten, kann indirekt aus deren Teilnahme an den Bauernkriegen 1525 geschlossen werden, wenn gleich die religiöse Triebfeder der Revolten stark in Zweifel gezogen werden muss. Inwieweit sich die Aufständischen, die sich untereinander als „Christliche Brüder“ anredeten, tatsächlich als Lutheraner verstanden, ist allein schon durch die Überlagerung von religiösen, politischen, sozialen und ökonomischen Motiven so gut wie unmöglich. In der Frühphase der Reformation ist es äußerst schwierig, eindeutige konfessionelle Zuordnungen für das Gasteiner Revier vorzunehmen.

Gasteinertal 2013

In den Trostschreiben berichtet Lodinger von einzelnen Personen, welche sich ab 1532 mit ihm auf die Reise begeben hätten, während andere Anhänger Martin Luthers erst noch abwarten wollten, ob sie im Ausland tatsächlichen Möglichkeiten zur Unterkunft für sich fänden.[10]

In Anbetracht der zahlreichen Aufforderungen in den Trostschriften, Christus trotz obrigkeitlichen Drucks „freydiglich [zu] bekennen“ und die eigenen Überzeugungen nicht nur „heimlich im hertzen [zu] halten“, fällt es schwer zu glauben, dass der Gasteiner Emigrant selbst ein verborgenes Leben in seiner ehemaligen Heimat vorgezogen habe. Mit indirekter Bezugnahme zu „So man von hertzen glaubet, so wird man gerecht; Vnd so man mit dem Munde bekent, so wird man selig“, Römer 10,10 LUT ergab sich für Lodinger die Konsequenz gem. Matthäus 10,11 LUT „Darum lieben Brüder in Christo […] bekennet Christum vnerschrocken, vor den Menschen, auff das er euch auch bekenne vor seinem Vater, Verleugnet nicht Christum ewren lieben HERREN vnnd Heyland vor den Menschen, auf das er euch nicht verleugne vor seinen himlischen Vater.“[11]Lodinger, Trostschriften (1557)

Er dürfte somit ein öffentlicher Zeuge und Verfechter der Wahrheit, welcher das Gottes Wort recht lehrte und die Reformation zu befördern suchte, darstellen. Es liegen keine direkten Hinweise in Quellen vor, dass der begeisterte Evangelische, welcher den Salzburgern um 1555/56 durch seine Trostschriften predigte, diese Tätigkeit bereits zuvor in seiner Heimat ausgeübt hat und mit anderen Gasteinern zusammen die Heilige Schrift gelesen haben könnte. So schrieb er später an seine Landsleute: „Die erste wehr ist das jhr mit gottes wort alzeit woll gerustet seit, dasselb fleissig höret, leset vnd lernet.“[12]

Wenn auch die Rolle Lodingers vor seinem Auszug für die lutherische Bewegung im Gasteiner Tal ungeklärt ist, so dürfte er aufgrund seines Briefwechsels mit Luther doch eine gewisse Sonderstellung und Vertrauensposition unter den Evangelischen im Tal eingenommen haben, welche er auch nach seiner Auswanderung bei den zurückgebliebenen Evangelischen behalten hat. Von diesem Standpunkt aus wird nachvollziehbar, weshalb der Laientheologe von manchen Autoren nahezu selbstverständlich als einer der Führer der protestantischen Bewegung in Gastein bzw. als ein Träger der reformatorischen Bewegung in dortiger Gegend gesehen wird.[13]

Was Evangelische wie Lodinger damals glaubten

Lodinger wird als Vertreter eines „normalen“ Luthertums gesehen, also mit Abendmahlsthematik und Kritik an der katholischen Lehre. Im Bild „Gesetz und Gnade“ von Lucas Cranach dem Älteren wird eindrucksvoll belegt, wie Martin Luthers vier Prinzipien als Frohe Botschaft für den Sünder damals verstanden wurden:

  • Solus Christus: „Nur Christus“ kann die Menschen durch seine Hingabe am Kreuz erlösen.
  • Sola gratia: „Allein durch die Gnade Gottes“, ohne jedes eigene Zutun sei der Mensch vor Gott gerechtfertigt.
  • Sola fide: „Allein der Glaube“ an die geschenkte Anteilnahme Christi ermögliche das Heil.
  • Sola scriptura: „Allein die (Heilige) Schrift“ sei die Quelle des christlichen Glaubens und der kritische Maßstab.
Cranach „Gesetz und Gnade“, erstellt 1529. Sinnbild des evang. Glaubens

„Gesetz und Gnade“ (auch: „Gesetz und Evangelium“) ist ein um 1529 entstandenes reformatorisches Bildprogramm von Lucas Cranach dem Älteren. Das Thema wurde in mehreren Fassungen in der Werkstatt Cranachs ausgeführt. Die Darstellung gilt als eine der prägnantesten Bildformulierungen der lutherischen Rechtfertigungslehre und veranschaulicht die theologische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, wie sie von Martin Luther entwickelt und von Lodinger angenommen wurde.

Bildaufbau und Ikonographie

Die Komposition ist in zwei Hälften gegliedert, die durch einen Baum voneinander getrennt sind. Der Baum ist links verdorrt und rechts belaubt und fungiert als visuelles Struktur- und Deutungselement. Im Zentrum steht eine nackte männliche Figur, die den Menschen allgemein repräsentiert. Ihre Nacktheit verweist auf die conditio humana und die existenzielle Situation des Menschen vor Gott.

Die linke Bildhälfte: Gesetz und Verdammnis

Die linke Seite thematisiert die Wirkung des göttlichen Gesetzes. Ein verdorrter Baum symbolisiert das Leben unter dem Gesetz ohne heilsgeschichtliche Erneuerung. Zu den dargestellten Szenen gehören:

  • Der Sündenfall mit Adam und Eva (1. Mose Kapitel 3) als Ursprung der Sünde.
  • Mose mit den Gesetzestafeln, begleitet von alttestamentlichen Propheten. Die Gesetzgebung verweist auf die Offenbarung des göttlichen Willens.
  • Personifikationen von Tod und Teufel treiben den Menschen dem Gericht entgegen und verdeutlichen die Konsequenz der Sünde.
  • Die Szene der ehernen Schlange (4. Mose 21,4–9), bei der eine erhöhte Schlange Rettung vor dem Schlangengift bringt.

In reformatorischer Deutung zeigt das Gesetz die Sünde auf und macht die Verurteilungswürdigkeit des Menschen sichtbar, ohne selbst Erlösung zu bewirken.

Die rechte Bildhälfte: Evangelium und Gnade

Die rechte Seite steht im Zeichen des Evangeliums und der göttlichen Gnade. Der zuvor verdorrte Baum ist hier grün und belaubt, was als Symbol erneuerten Lebens verstanden wird. Zentrale Motive sind:

  • Johannes der Täufer, der auf den gekreuzigten Christus verweist.
  • Der gekreuzigte Jesus Christus als Heilsbringer. Ein Blutstrahl aus seiner Seitenwunde trifft die zentrale Menschenfigur; häufig ist darin eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes dargestellt.
  • Das Lamm Gottes, das auf Tod und Teufel steht und so den Sieg Christi über die Mächte des Bösen symbolisiert.
  • Der auferstandenen Christus mit der Siegesfahne sowie das leere Grab als Hinweis auf die Auferstehung.
  • Im Hintergrund die Verkündigung an die Hirten bei Bethlehem als Verweis auf die Inkarnation.

Theologischer Kontext

Das Bildprogramm entstand im Umfeld der Wittenberger Reformation und galt auch für Lodinger als bildliche Darstellung seines Glaubens. Die Gegenüberstellung von Gesetz (lex) und Evangelium (gratia) entspricht einem zentralen hermeneutischen Prinzip der lutherischen Theologie. Während das Gesetz nach reformatorischem Verständnis die Sünde erkenntlich macht und den Menschen unter Anklage stellt, verkündet das Evangelium die Rechtfertigung allein aus Gnade und allein durch Glauben (sola gratia, sola fide).

Die Darstellung der ehernen Schlange wird typologisch auf die Kreuzigung Christi bezogen (vgl. Joh 3,14). Damit verbindet das Bild Altes und Neues Testament in einem heilsgeschichtlichen Kontinuum.

Bedeutung

„Gesetz und Gnade“ gilt als ein Schlüsselwerk reformatorischer Bildtheologie. Es diente nicht nur der persönlichen Andacht, sondern auch der didaktischen Vermittlung zentraler reformatorischer Inhalte. Die Verbindung von narrativen Einzelszenen, typologischer Auslegung und systematischer Theologie macht das Werk zu einem programmatischen Zeugnis der lutherischen Konfessionsbildung im 16. Jahrhundert.

Gehorsam und Widerstand

Bauernkriege Salzburg, 1525

Auch wenn sich keine Indizien zu einer Beteiligung am ersten Bauernkrieg gibt, dürfte auch Lodinger tief betroffen von den traumatisierenden Kampfhandlungen gewesen sein. Diese könnten sich auf die Mentalität, insbesondere auf das evangelisch geprägte Widerstandsbewusstsein des Gasteiner Trostbriefschreibers ausgewirkt haben und sich auch auf das Religionsverständnis der Gasteiner ausgewirkt haben. Der Christozentrismus, welcher sich auch bei Martin Lodinger findet, kann als eines der wesentlichen Merkmale des späteren Geheimprotestantismus gewertet werden. Martin Lodinger distanzierte sich von dem Aufstand und unterschied ganz klar zwischen Reformation und Revolution. Sein gewaltloser Widerstand konzentrierte sich auf die Predigt des Evangeliums. „Darumb so greift nur das Creütz getrost vnd dapffer an, […] das ist, ergebt euch nur geduldig, vnnd willcklich in das leiden, vnd befeicht es alles dem lieber Herrn Christo, wie ers mit euch machen will.“

Dieser „leidende Gehorsam“ wurde von vielen evangelischen Zeitgenossen vertreten. Gewaltsamer Widerstand wurde bereits in den frühen Schriften Luthers für illegitim erklärt und war somit als Option für einen protestantischen Untertan, selbst wenn dieser in einem katholischen Herrschaftsgebiet lebte, a priori ausgeschlossen. Gemäß Lukas 20,25 LUT und anderen Bibelstellen war der Gläubige stattdessen verpflichtet, der Obrigkeit den gebührenden Respekt zu erweisen, wie auch Lodinger betont: „Nehmlich ich soll sie Ehrn, Fürchten gehorchen, Auch Zoll, vnnd Schos geben“.

Dieser Gehorsam geht bei Lodinger allerdings nur so weit, insofern „es nit wider Gottes wort vnd gebot geschehe.“ Im Falle einer Kompetenzüberschreitung der katholischen Kirche, beispielsweise durch Abnahme von evangelischen Büchern, der Predigt eines falschen Evangeliums oder durch Sakramentsvorenthaltung, sei der Gläubige im Gegensatz dazu aufgefordert, „gantz hoffertig vnd stoltz sein […] vnd trotziglichen dem grossen hauffen, das ist, der gantzen welt widerstand [zu] thun.“

Das Konzept eines „leidenden Ungehorsams“ beinhaltet sämtliche Strategien zur Ausführung passiven Widerstandes. „[W]en sie aber will vber das zil schreitten, vnd will mir mass geben wie ich glauben sol, vnd will mir prediger auffstellen, die mich Gottes wort nicht recht lheren, will mir auch die bücher verbieten, daraus ich den Christlichen glauben recht lernen kann, vnd wen sie sölches thun, Als den bin ich jr nicht schuldig gehorsam zusein. Sölche gehorsam hab ich auch keiner Obrigkeit geschworn.“

Die Formen religiöser Widerstandspraxis reichen bei Lodinger von einfachem Ertragen und innerlichem Trotz bis hin zu Protest durch Auswanderung, öffentlicher Bekundung des Glaubens oder spontaner Befehlsverweigerung durch Unterlaufung konfessioneller Normen sowie durch Aufrechterhaltung protestantischer Religionspraxis.

Trotzdem bildeten diese Widerstandsstrategien einen gewissen Nährboden für religiösen Oppositionsgeist im Erzstift Salzburg, sodass seine Briefe von katholischer Seite rückblickend in späteren Jahrhunderten als gefährlicher Zündstoff eingestuft wurden.[14]

Auswanderung

Lodinger ist der erste namentlich bekannte Salzburger Emigrant, vorher dürfte aber angeblich im Jahr 1530 der Gewerke Hermannsecker aus Gastein das Tal verlassen haben.[15] Die beiden von Lodinger verfassten Trostschriften belegen, dass er seine erfolgreiche Emigration klar dem Wirken Gottes zuschreibt, welche sicher erst nach dem Erhalt eines Briefes von Martin Luther (24. August 1532) stattfand. Das im Trostbrief enthaltene „Schreiben D. Martin Luthers“ ist die bekannteste Form des Lutherbriefs, welcher damals ein Oktavblatt ausmachte. Als Kernaussage dieses chiastisch angelegten Briefes zitierte Martin Luther in allen drei möglichen Lesearten aus der Bibel: „Fliehet in ein andere Stat, wo sie euch in einer verfolgen […]“ Matthäus 10,23 LUT.

Die Deferegger, welche 1684–1685 wegen ihrer protestantischen Gesinnung vertrieben wurden, bedauerten schließlich, dass sie den Rat Lodingers, das Land sogleich zu verlassen, nicht unverzüglich befolgt hatten.[16]

Jedenfalls erfolgte die Ausreise gemeinsam mit einigen lutherisch gesinnten Familien, wie Lodinger selbst berichtet: „Nun hat mir aber GOTT mein lieber VATTER genediglich heraus geholffen, Sampt meiner lieben hausfrawn, vnd anderen, die sich mit mir auff den weg begeben haben“.[17] Die Migrationsentscheidung kann sicher nicht monokausal begründet werden und umfasste vor allem soziale und religiöse Handlungsmotive. Egal, ob Lodinger heimlich oder geordnet seinen Geburtsort verließ, seine Abreise dürfte doch zumindest von seinem näheren Umfeld wahrgenommen worden sein. Ob sich Lodinger nach Nürnberg oder nach Regensburg wandte, ist weiterhin offen.[18]

Die zwei Trostschriften in den letzten Lebensjahren

Die letzten Jahre im Leben Martin Lodingers gehören sicherlich mit zu den produktivsten innerhalb der Biographie des Gasteiner Emigranten. Aus diesem Zeitraum sticht sicherlich die Abfassung der ersten und zweiten Trostschrift (samt dem Trostbüchlein) hervor. Die protestantischen Schriften, die ungefähr um das Jahr 1555 abgefasst und erst nach dem Tod Lodingers veröffentlicht wurden, liefern bis heute die Hauptquelle zur Finalphase der Biographie Lodingers.

Sendbrief von Joseph Schaitberger

Wie auch der Dürnberger Exulant Joseph Schaitberger ist Martin Lodinger während seines Exils in Vergessenheit geraten und wurde erst relativ spät im Zuge der großen Emigration „wiederentdeckt“.

Eine Analyse seiner beiden Trostschriften ergab, dass Lodinger aufgrund der Vielzahl von Zitaten des Wittenberger Reformators Martin Luther eine weit über dem Durchschnitt der damaligen Zeit stehende Bildung gehabt hat. Nachdem die Wörter „kranck“, „Kranckheit“ sowie der „Kranke“ in seinen Trostschriften insgesamt 12 Mal vorkommen, war dieses Thema von großer Relevanz für Lodinger. Er warnte davor, sich vom Teufel nicht erschrecken zu lassen, ja mehr noch: Der Zustand des Leidens, die Aufnahme des Kreuzes, war für ihn eine Nachfolge von biblischen Vorbildern.

Zwei Trostschriften Lodingers mit Brief von Martin Luther und Psalm 8

Zur Zeit der Abfassung der berühmten Trostschriften dürfte Lodinger Arbeit, Unterkunft und einen fixen Wohnort gefunden, sowie neue Bekanntschaften geschlossen haben: „viel fromme Christliche Herren und Brüder […], wahrhafftige glieder des leibs Christi, vnd seiner heiligen Kirchen“. Ihnen gegenüber hat er das Anliegen der ausreisewilligen Salzburger vertreten.[19] Es ist naheliegend, dass Lodinger seinen Lesern die Vorteile der Handlungsoption „Auswanderung“ vorstellt, weil er sie selbst in der Fremde in Anspruch nahm: „Wo werte ihr auch viel lieber, ann einem geringen orth vorgut nehmen, do jhr bey Gottes wort möget sein, Bey rommen, betreuwen, Christlichen Prdigern, Bey einer Christlichen gemein, vnd Kirchen ordnung, do jhr alle tag möchte eweren gott Lobenn, auch preisen, vnd danck sagenn, für Gottes wort für die H. Absolution Für die H. Sacrament, Vnnd inn Summa für allerley wolthat.“[20]

Das es Lodinger während der Zeit seines Aufenthaltes im Exil nicht nur immer gut ergangen ist, könnte möglicherweise einer Stelle aus dem ersten Trostschreiben entnommen werden, in welcher Lodinger von enttäuschten Erwartungen bei der Ankunft schreibt: „Vnd wenn sie nicht bald finden was sie gesucht, oder gerne haben wollten (als wenig arbeit, gutte tage, essen vnnd trincken vol auff, grosse tieffe schüssel vol […]), so werden sie vndgedultig, sie mögen solches nicht erleiden, Sie gedencken bald hindersich, was sie daheimen verlassen haben.“[21] Sie können als einmalige Quelle aus dem Reformationsjahrhundert bezeichnet werden, da sie nicht aus der Feder und Sichtweise der amtierenden Kirche stammen, sondern von einem selbst betroffenen Augenzeugen. Neben der damals üblichen Polemik gegen die katholische Kirche dominiert die Erbauung, wobei er die unmittelbare Situation der evangelischen Salzburger nicht nur vor Augen gehabt hat, sondern auch konkret auf die Not seiner Briefempfänger reagierte:

  • Die Sehnsucht, das Heilige Abendmahl nach der Einsetzung Christi in Brot und Wein zu empfangen
  • Bekenntnis oder Heuchelei am Beispiel von Nikodemus und Petrus
  • Verwendung der Bibel (durch 260 Randbemerkungen nachvollziehbar)
  • Anwendung der Bibel, um das eigene Spiegelbild zu erkennen

Er beschreibt ihre Lebensumstände als Hitze, Sturm, Druck und Verfolgung.

Zwar besitzen die hauptsächlich theologisch ausgerichteten Schreiben des Gasteiner Laientheologen nur wenige Passagen mit eindeutig geschichtsbezogenem Charakter, allerdings ermöglichen auch die paränetischen Abschnitte, welche den Großteil der erbaulichen Lektüre ausmachen, gezielte Rückschlüsse auf die Gesellschaft zur Zeit Lodingers zu ziehen.

Laut Lodinger ist die Ursache für den „Eingang“ des evangelischen Glaubens ins Erzstift Salzburg die Literatur gewesen, evangelisch gesinnte Prediger (Prädikanten und theologische tätige Laienprediger) kamen erst später. Gegen beide Phänomene wurde streng vorgegangen (bis zu Kerkerstrafen), später wurde sogar das Singen von Psalmen, christlichen Liedern, Predigten, Austeilung des Laienkelches, usw. verboten. Zusätzlich wurden im Erzstift Salzburg Religionsprüfungen eingeführt, um die Rechtgläubigkeit verdächtiger Personen auf den Prüfstand zu stellen. Die schwierigen Umstände haben wohl dazu geführt, dass viele Sympathisanten der lutherischen Lehre sich wieder in die katholische Kirche zurück begaben (viele Hinweise im ersten Trostschreiben enthalten).[22]

Wo Lodinger gestorben ist, wurde von der Geschichtsschreibung nicht überliefert, allerdings dürfte, aufgrund des verhältnismäßig kurzen Zeitabstandes zwischen Niederschrift und Drucklegung (max. zwei bis drei Jahre), der Abfassungsort mit dem Sterbeort ident sein. Eine gewaltsame Form des Todes kann ausgeschlossen werden.[23]

Wichtigste Ergebnisse aus der Diskursanalyse gem. Keller

Zwei große Forschungsschübe

  • Die Jahre nach der großen Emigration, in welcher ertragreich zur Biographie Lodingers recherchiert wurde.
  • Die Zeit nach der Jahrtausendwende, welche in erster Linie durch das individuelle Engagement des Pfarrers Dietmar Weigl gekennzeichnet war.

Allgemeine Punkte

  • Lodinger dürfte wenige Monate nach dem 27. August 1532 ausgewandert sein und nur einzelne Protestanten sind in seine Fußstapfen getreten.
  • Die Trostschriften Lodingers hatten für spätere Generationen von Salzburger Protestanten eine Art Signalwirkung.
  • Die Druckgeschichte der Trostschriftauflagen nach dem Erscheinen der Erstausgabe (1557) belegt, dass Gerhard Florey für seine Ausgabe insgesamt vier unterschiedlichen Trostschriftversionen zusammentrug. Mehr Auflagen nannte erst Walter Mauerhofer (1990) mit acht Varianten[24] und wurde durch den niederösterreichischen Pfarrer Dietmar Weikl (2003) auf zehn unterschiedliche Auflagen erweitert (1557, 1559, 1560, 1563, 1567, 1625, 1685, zwei Varianten 1733 und die Ausgabe von FLorey). Jede Auflage wurde nach den speziellen Kennzeichen ihrer jeweiligen „materiellen Erscheinungsform […] umfassend und detailliert beschrieben“.[25]
  • Lodingers Biographie galt auch als Grundlage für 25 „historische Romane“ in Salzburg, also mehr als über die Lebensgeschichten Mozarts, Wolf Dietrichs sowie die Salzburger Bauernkriege.

Typische Beispiele für kurze Romanverweise auf den Gasteiner Martin Lodinger

  • „Der Wolf in Purpur“, historischer Roman vom österreichischen Schriftsteller Ludwig Huna, (1872–1945).
Weitmoser Schlössl
  • „Verschollene Industrielle im Chiemgau“, eine Erzählung vom Bayreuther Schriftsteller Hartwig Peetz (1822–1892) liefert mit dem zentralen Akteur Christoph Weitmoser interessante Details über die damalige Zeit.
  • „Das Haus Fugger“, größere Romanreihe aus 1850, von Ludwig Storch (1803–1881). Im achten Kapitel des ersten Buches finden sich in Hinweise auf den Erzbischof Matthäus Lang, den Briefwechsel Lodingers mit Martin Luther und die Protestanten im Land Salzburg.
  • „Der Lutherhof von Gastein“, Roman von Max Vorberg, 1884. Etwas mehr als die Hälfte der historischen Querverweise betreffen konfessionsgeschichtliche Entwicklungen und wurden sehr umfassend von Dr. Roland Scheichl analysiert, weil einige fiktive Elemente der Erzählung als Falschinformation in die Geschichtsforschung hinüber gewandert sind.
  • „Der Bergherr von Gastein“, Romandichtung von Franz Löser (1889–1953), wobei die zentrale Glaubensgeschichte zugunsten einer Liebesgeschichte zwischen Martin und Ursula völlig in der Hintergrund tritt.
  • „Edelinde oder der Liebe Sühnung“ mit dem Untertitel „Bild aus dem Gasteiner Thale“ von Josef Trimmels (1786–1876), 1827.
  • „Martin Lodinger - ein Hörspiel von der Vertreibung der Salzburger Protestanten im Jahr 1731“, von Leo Kalser (1888–1950) unter dem Pseudonym „Leo Maasfeld“ verfasst. Keine Originalaufnahme mehr vorhanden, jedoch das 33 Blatt umfassende Manuskript mit 16 Sprecherrollen blieb erhalten.[26]

Erinnerungskultur

Entrische Kirche
Gasteiner Museum, Eingang

In der größten Höhle der Salzburger Zentralalpen, ca. 45 Minuten für Wanderung zum Einstieg, neun Kilometer lange und über drei Etagen verteilte Höhlenanlage mit der Protestantengedenkstätte in ca. 400 Metern Tiefe im Fledermausdom.

  • Fünf Erinnerungsorte im Raum Bad Hofgastein
    • Gedenktafel nahe des Kircheneinganges
    • Martin-Lodinger-Straße
    • Martin-Lodinger-Saal als Veranstaltungs- und Versammlungsraum
    • Protestanten-Gedenkstein im Kurpark
    • Zwei bildhauerisch bearbeitete Serpentinfindlinge (Felsblöcke) vor dem Eingang der Alpentherme
  • Zwei Gedenkorte im Raum Bad Gastein
  • Der ca. 7,5 km lange Gasteiner Höhenweg als Panoramaweg zwischen Badgastein und Bad Hofgastein mit dem Lutherhof

Die historischen Ungenauigkeiten und offenkundigen Fehler der verschiedenen Erinnerungsangebote zur Person Lodingers dürften ein Abbild der gesamtösterreichischen protestantischen Erinnerungskultur darstellen.[27]

Commons: Martin Lodinger – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI