Martin Pfannschmidt

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Martin Pfannschmidt (* 11. März 1892 in Terpt, Kreis Calau; † 17. September 1989 in Köln) war ein deutscher Landesplaner und Regierungsbaumeister. Er „gilt als einer der Väter der deutschen Raumplanung“.[1][2][3]

Ausbildung

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Cottbus (1902 bis 1906) und der Reformschule in Schul-Pforta[4] bei Naumburg, absolvierte Pfannschmidt zwischen 1910 und 1916 ein Studium der Architektur an den Technischen Hochschulen in Karlsruhe, München, Danzig und Hannover.[5.1][6.1] Seit 1910 gehörte er der Burschenschaft Arminia Karlsruhe an.[7] Im Januar 1916 bestand er die Diplomingenieur-Prüfung an der TH Hannover „mit Auszeichnung“.[8] Im März 1921 bestand er die Prüfung zum „Regierungsbaumeister des Hochbaufaches“ in Berlin. Heinz Wilhelm Hoffacker berichtete von der Teilnahme Pfannschmidts an „städtebaulichen Lehrveranstaltungen bei Brix und Genzmer an der TH Berlin“ (1924/25).[1][9] Ein Promotionsstudium nahm Pfannschmidt 1929/30 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg auf. Pfannschmidt promovierte erst als fast Vierzigjähriger am 10. Februar 1932 mit der Dissertationsschrift Standort, Landesplanung, Baupolitik in Halle (Berlin 1932). Gutachter der Arbeit war Gustav Aubin. Zudem promovierte Pfannschmidt 1932 an der TH Dresden mit der Dissertationsschrift Die Deckung des örtlichen Wohnungsbedarfs. Betreuer der Arbeit war der Stadtplaner und Hochschullehrer Adolf Muesmann. Pfannschmidt trug nun die Titel: Dr. Ing. Dr. rer. pol.

Die staatswissenschaftliche Fakultät der Albertus-Universität Königsberg habilitierte ihn im Frühjahr 1940 (Dr. rer. pol. habil.).[5.2]

Berufliche Stationen innerhalb der Landesplanung von 1925 bis 1945

1925/26 arbeitete Pfannschmidt an der Stadterweiterungsplanung in Barmen mit; er nahm Kontakt zum Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR) und zum rheinischen Landesplanungsverband in Düsseldorf auf.[6.2] Es kam zu einer Zusammenarbeit mit dem Nationalökonomen und Agrarwissenschaftler Max Sering. Von 1926 bis 1931 wirkte Pfannschmidt als Hauptsachbearbeiter des Landesplanungsverband für den engeren mitteldeutschen Industriebezirk in Merseburg (Nachfolge Stephan Prager).[6.3]

Qualifizierte Raumplanung war auf wissenschaftliche Zuarbeit angewiesen. Pfannschmidt suchte schon Ende der 1920er Jahre die Rolle der Wissenschaft(en) für die administrative Raumplanung zu klären. Für Pfannschmidt war die multidisziplinäre Landschaftskunde (respektive Landeskunde) „Hilfswissenschaft“ der Landesplanung. Ebenso kam seiner Ansicht nach der „Wirtschaftskunde“ (einschließlich der Standortlehre) Bedeutung für die Landesplanung zu.[6.4] Harald Kegler urteilte zu Pfannschmidt: „Er war derjenige, der die Verwissenschaftlichung durch erweiterte Einbeziehung der Volkswirtschaftslehre vorantrieb; vielleicht gehörte er zu den maßgeblichen Impulsgebern für eine wissenschaftlich angelegte Landesplanung in Deutschland überhaupt.“[5.1]

1929 entstand der Landesplanungsverband Brandenburg-Mitte. Dort war Pfannschmidt von 1931 bis 1934 als Sachbearbeiter tätig.[6.5] Etwa zur selben Zeit war dort der Landesplaner Gustav Langen als technischer Berater des Verbandes tätig. Langen prägte den Begriff „Raumordnung“ und legte für den Verband den „Wirtschaftsplan Berlin-Brandenburg-Mitte“ vor (1935).

Martin Pfannschmidt gehörte wie Gustav Langen zu den Mitarbeitern der (frühen) Landesplanung der Weimarer Republik, die sich mit dem Nationalsozialismus arrangierten und dabei die Raum- und Landesplanung teils auch mit einer „völkischen“ Tönung (1932) unterlegten: zum 1. Mai 1933 trat Pfannschmidt in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 2.021.234).[10] Kurzfristig war Pfannschmidt als Geschäftsführer der Landesplanung Cottbus tätig (1934), sein Dienstvorgesetzter war dort Landesrat Otto Müller-Haccius.[11] 1934/35 avancierte er zum technischen Leiter der Abteilung Landesplanung im „Amt des Siedlungsbeauftragten der NSDAP im Stab des Stellvertreters des Führers“ (Rudolf Heß), Johann Wilhelm Ludowici.[6.6] Gemeinsam mit Willy Richert, Martin Kornrumpf u. a. wirkte Pfannschmidt in diesem Zusammenhang im nationalsozialistischen Haus der Reichsplanung.[12]

Im Jahr 1936 bis zum März des Jahres 1937 leitete Pfannschmidt die Landesplanung Berlin/Brandenburg-Mitte (ab Juni 1936 als Geschäftsführer)[6.7]. Heinz Wilhelm Hoffacker berichtete, dass Pfannschmidt im März 1937 als Landesplaner entlassen wurde und auch keine Lehrtätigkeiten mehr ausüben durfte, weil „sein Verkehrsstraßenplan für Berlin und Umgebung mit den Plänen Hitlers zur Neugestaltung Berlins kollidierte“.[1] Nach der Entlassung arbeitete Pfannschmidt nach Ariane Leendertz noch einige Monate für die Landesplanungsgemeinschaft Brandenburg (bis Dezember 1937). Für die nationalsozialistische Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) war Pfannschmidt im Rahmen des RAG-Arbeitskreises „Reichsatlas“ tätig (Leitung: Kurt Brüning).[6.8] Pfannschmidt wurde in dem RAG-Sammelband „Volk und Lebensraum“ (1938, hrsg. von Konrad Meyer) namentlich und lobend erwähnt. Dennoch brachte seine Entlassung einen deutlichen Karriereknick mit sich: Von Brandenburg wechselte Pfannschmidt zunächst nach Niedersachsen/Bremen: In den Jahren 1938/39 war er als Geschäftsführer der Landesplanung Unterweser[13] tätig, dann wurde er Kreisbaurat in Paderborn (ab 1939).

De facto war Pfannschmidt ab 1940 im Kriegseinsatz. Er geriet in Kriegsgefangenschaft.

Nach 1945

Pfannschmidts Tätigkeiten in der Zeit des Nationalsozialismus hatten Folgen. Die Historikern Ariane Leendertz merkt dazu an: „Nach 1945 folgten einzelne Aufträge in Westfalen, private Arbeiten sowie Gutachter- und Beratertätigkeit, aber trotz Bemühens keine reguläre Anstellung mehr.“[6.6] Wohl aber publizierte Pfannschmidt nach 1945 zahlreiche weitere Schriften zu seinen Themengebieten.

Für Oliver Werner hat sich Martin Pfannschmidt nach 1945 – anders als andere Weggefährten aus den Funktionseliten – stärker mit der "Ostschuld" der Raumplanung auseinandergesetzt. Gedankt worden sei ihm diese Auseinandersetzung jedoch nicht.[14]

Pfannschmidt starb 1989 in der Diakonie Michaelshoven in Köln-Rodenkirchen.

Positionen als Landesplaner

Wie Philipp Rappaport sah Martin Pfannschmidt „die Wirtschaftsgebiete im Zentrum der Landesplanung und vertrat damit eine Perspektive, die der durch das industrielle Wachstum geprägten Problemstellung im Merseburger Raum entsprach.“[6.2]

Harald Kegler beurteilte Pfannschmidts Leistung in seiner Merseburger Zeit folgendermaßen: „Der Merseburger Planungsatlas geht in wesentlichen Teilen auf ihn zurück. Daran vermochte er in späteren Jahren nicht wieder anzuknüpfen. Er hat vor allem ein Theorieverständnis in der Landesplanung verankert, das zum ersten Mal in einem umfassenden Planwerk zur Geltung kam, also in der Sprache der Planung erschien.“[5.2]

Pfannschmidt soll bei diesen Arbeiten auch durch die Regional Planning Association of America (RPAA) inspiriert worden sein: „In relating mapping and planning and reinforcing population shifts rather than counteracting them, he referred to the RPAA’s New York State plan from 1925, which assumed and promoted linear urbanization in the larger valleys.“[15]

Den Großraum Berlin beurteilte Pfannschmidt hingegen noch in der Weimarer Republik wachstumskritischer und verwies auf die – der damaligen konservativen Kritik folgend – angeblich negativen Wirkungen der „Ballung“. Darunter verstand er politische Instabilität, Gewalt, „gesellschaftliche Krankheitsherde“ u. a.

Pfannschmidt setzte sich 1932 für eine Landesplanung ein, die planmäßig gewerbliche Standortpolitik bzw. Industriesiedlungspolitik betreiben sollte, ohne sogleich in Planwirtschaft zu verfallen.[6.9]

Heinz Wilhelm Hoffacker setzte Pfannschmidt – für die Zeit der Weimarer Republik – in den Kontext der „Konservativen Revolution“, weil Pfannschmidt sich u. a. auf Othmar Spann bezog und in der Raumplanung eine (konservative) „Gemeinschaftstechnik“ sah. Zudem hätte Pfannschmidt als Freiwilliger der Garde-Kavellerieschützen-Division 1919 gegen „Aufständische im Berliner Norden“ gekämpft.[1]

Mitgliedschaften

Schriften (Auswahl)

  • Geographische und volkswirtschaftliche Grundlagen von Landeskunde und Landesplanung. In: Sonderdruck. Mitteilungen des Sächsischen Verein für Erdkunde 52 (1928), Heft 2, S. 103–114.
  • Landeskunde und Landesplanung. In: Die Baupolitik, 1929, S. 51–55.
  • Die örtliche und zeitliche Bemessung des Wohnungsbedarfs (= Beiträge zur städtischen Wohn- und Siedelwirtschaft. Zweiter Teil: Deutschland: Die besonderen Probleme. (Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 177-II) hrsg. von Waldemar Zimmermann, Duncker & Humblot, 1930.
  • Die wirtschaftspolitische und baupolitische Bedeutung der Nebenerwerbssiedlung. In: Die Wohnung 6 (1931), S. 219–222.
  • Landesplanung im engeren mitteldeutschen Industriebezirk Merseburg: Ihre Grundlagen, Aufgaben und Ergebnisse (Merseburg: Landesplanung, 1932).
  • Standort, Landesplanung, Baupolitik, Heymann, Berlin 1932 (= Diss. 1932, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg).
  • Die Deckung des örtlichen Wohnungsbedarfs. Sonderdruck aus Verlag "Die Wohnung", Berlin 1932 (=Dresden techn. Hochschule, Diss., 1932).
  • Die Standortbedingungen der Ostsiedlung, Ostpreussische Heimstätte, 1932.
  • Die Umstellung im Siedlungswesen. In: Deutsche Bauzeitung 66 (1932), S. 278–279.
  • Die zukünftige Industriesiedlungspolitik im Wirtschaftsgebiet Groß-Berlin. In: Siedlung und Wirtschaft 15 (1933).
  • Die Industriesiedlung in der Umgebung von Berlin. Ernst, Berlin 1933.
  • Die Industriesiedlung in Berlin und in der Mark Brandenburg. Ihre Entwicklung von Absolutismus bis zur Gegenwart und ihre zukünftigen Entwicklungsmoglichkeiten. Akademie fur Landesforschung und Reichsplanung. Stuttgart und Berlin, W. Kohlhammer, 1937.
  • Der Wettbewerb für eine Großsiedlung bei Brandenburg/Havel, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 57 (1937), S. 685–690.
  • Die Siedlungslandschaft in der Umgebung von Berlin, in: Brandenburgische Jahrbücher, Bd. 10 (1938).
  • Europäische Raumplanung als Zukunftsaufgabe. In: Das neue Europa. Beiträge zur nationalen Wirtschaftsordnung und Grossraumwirtschaft, Gesellschaft für Europäische Wirtschaftsplanung und Grossraumwirtschaft. Meinhold, Dresden 1941, S. 225–235.
  • Die Bodenrente in Raumwirtschaft und Raumpolitik. Walter Dorn Verlag, Bremen-Horn, 1953.
  • Die Raumplanung in der sozialen Marktwirtschaft. Paderborn 1953.
  • Die Bodenwertbesteuerung in der Steuer- und Finanzreform. Verlag für Sozialwissenschaften. Frankfurt/M. 1955.
  • Wohnungswesen und Städtebau in der Steuer- und Finanzpolitik. In : News Sheet of the International Federation for Housing and Planing. The Hague 1959 , März-Heft.
  • Robert Schmidt, Essen: Der Mensch und sein Werk. Dem Begründer der deutschen Landesplanung zum hundersten Geburtstag. In: Raumforschung und Raumordnung 28. Jg. (1970), Heft 1, S. 61–66.
  • Landesplanung im engeren mitteldeutschen Industriebezirk, in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.), Raumordnung und Landesplanung im 20. Jahrhundert, ARL, Forschungs- und Sitzungsberichte Bd. 63, Hannover 1971.
  • Vergessener Faktor Boden, Bonn 1989 (2. Aufl., zuerst: 1972) (= Schriften des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung. 79), ISBN 3-87944-049-2.

Literatur

  • Harald Kegler: Eine Vision für Mitteldeutschland. Aufbruch der Landesplanung 1925–1932: Der mitteldeutsche Industriebezirk um Halle, Magdeburg, Leipzig, Erfurt. Festschrift zum 100. Jahrestag der Gründung des Landesplanungsverbandes für den engeren mitteldeutschen Industriebezirk am 2. April 1925 in Halle/Saale. Herausgegeben vom Institut für Strukturwandel und Nachhaltigkeit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL, Hannover 2025).
  • Harald Kegler: Landesplanung in Mitteldeutschland: „Spiel-Räume“: die Entstehung der wissenschaftlichen Raumordnung in Deutschland : das Dezentralisierungsparadigma, die Internationalisierung, der Planungsatlas und die demokratisch basierten Strukturen in den Schlüsseljahren 1925–1932, Hannover 2015 (= Arbeitsberichte der ARL. 15).
  • Karl R. Kegler: Deutsche Raumplanung. Das Modell der „zentralen Orte“ zwischen NS-Staat und Bundesrepublik. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, ISBN 978-3-506-77849-9.
  • Ariane Leendertz: Ordnung schaffen. Deutsche Raumplanung im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2008 (= Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Norbert Frei. 7).
  • Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Chronik Bau und Raum. Geschichte und Vorgeschichte des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung. Wasmuth Verlag, Tübingen/Berlin 2007, ISBN 978-3-8030-0667-7.
  • Barbara Stambolis: Stadtplanung und Aufbau kriegszerstörter Städte nach 1945. Konzepte, Handlungsfelder und personelle Kompetenzen am Beispiel des Neuaufbaus in Paderborn. In: Westfälische Zeitschrift 146 (1996), S. 351–366.
  • Hans-Peter Waldhoff, Dietrich Fürst, Ralf Böcker: Anspruch und Wirkung der frühen Raumplanung. Zur Entwicklung der Niedersächsischen Landesplanung 1945-1960. ARL, Hannover 1994 (= Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Beiträge. 130).
  • Wolfgang Hofmann: Mitteldeutschland in der Geschichte der deutschen Raumplanung. Hrsg. von der Stadt Dessau, Kulturamt und Amt für Denkmalpflege, 1992.
  • Heinz Wilhelm Hoffacker: Entstehung der Raumplanung, konservative Gesellschaftsreform und das Ruhrgebiet 1918 bis 1933. Hobbing, Essen 1987, S. 172 ff.
  • Christian Engeli: Landesplanung in Berlin-Brandenburg: Eine Untersuchung zur Geschichte des Landesplanungsverbandes Brandenburg-Mitte; 1929–1936, Stuttgart [u. a.]: Kohlhammer [u. a.], 1986 (Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik. 75).

Siehe auch

Einzelnachweise

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