Martyna Linartas
deutsche Politologin und Publizistin zu Aspekten sozialer Ungleichheit
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Martyna Berenika[1] Linartas (* 8. Mai 1990 in Posen) ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Autorin. Sie ist Mitherausgeberin des Wirtschaftsmagazins Surplus[2] und forscht zu den Themen Ungleichheit in der Vermögensverteilung sowie Umverteilung von Reichtum.

Leben
Sie zog als einjähriges Kleinkind mit ihren Eltern von Polen nach Deutschland, wo sie zunächst ein Jahr in einer Obdachlosenunterkunft in Kiel unterkam.[3] Der Umzug erfolgte 1992; ihre Mutter hatte in Polen Physik studiert, ihr Vater Philosophie; beide mussten in Deutschland jedoch beruflich neu beginnen und die Familie lebte zunächst in Armut.[4] Als Kind besuchte sie Verwandte in Mexiko, erlebte dort den großen Wohlstand eines weitläufigen Anwesens ebenso wie sichtbare Armut und beschreibt diese Erfahrungen als Ausgangspunkt ihres Interesses an sozialer und ökonomischer Ungleichheit.[4] Sie studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft.[5] Sie begründete ihre Studienwahl mit ihrem Wunsch nach einem besseren Verständnis der Ursachen von Reichtum und Armut sowie der Folgen großer Vermögensunterschiede.[4] Dort arbeitete sie am Fachbereich Philosophie beim Drittmittelprojekt The Deserving Rich.[6] Sie wurde 2023 bei Marianne Braig und Philipp Lepenies mit summa cum laude promoviert. Im Rahmen ihrer Dissertation führte sie zur Analyse derer Sicht auf Vermögensungleichheit und Steuerpolitik zahlreiche Interviews mit Vorstandsvorsitzenden, Aufsichtsratsvorsitzenden sowie Angehörigen der Management-Eliten in Deutschland und Mexiko.[4] Neben ihrem Masterstudium der Politikwissenschaft absolvierte Linartas während des Bundestagswahlkampfs 2017 in der Bundesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen eine Ausbildung zur Pressereferentin. 2018 bis 2021 arbeitete sie als studentische Hilfskraft im Bundestagsbüro von Annalena Baerbock.[7] Zugang zu Interviewpartnern aus den Wirtschaftseliten erhielt sie unter anderem durch ihre Tätigkeit im Bundestag, durch Kontakte ihres Onkels in der mexikanischen Finanzverwaltung sowie durch ein frühes Interview mit dem damaligen Siemens-CEO Joe Kaeser, das als Türöffner für weitere Gespräche diente.[4]
2022 gründete sie die Wissensplattform ungleichheit.info,[8] leitet diese seitdem und ist Teil der Inequality Steering Group der Denkfabrik Forum New Economy. Sie lehrt an der FU Berlin sowie an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz.[9]
Seit Anfang 2026 gehört Linartas dem Herausgeberkreis des Wirtschaftsmagazins Surplus an.[2]
Wirken
2025 veröffentlichte sie im Rowohlt Verlag das Buch Unverdiente Ungleichheit. Nach ihren Befunden halten etwa 80 Prozent der von ihr befragten Akteure aus den Wirtschaftseliten die bestehende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen für zu groß und für eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Rund ein Drittel der Interviewten sprach sich in ihren Studien für eine stärker progressive Erbschaftsteuer aus, während Vermögenssteuern nahezu einhellig abgelehnt wurden.[4] Linartas warnt, dass große Vermögensungleichheit in Verbindung mit Sparpolitik, Abstiegsängsten und dem Einfluss finanzstarker Lobbygruppen das Erstarken rechtsextremer Parteien wie der AfD begünstigen könne und fordert tiefgreifende Reformen der Steuer- und Verteilungspolitik.[4]
Der Sozialwissenschaftler Michael Wolf empfiehlt Unverdiente Ungleichheit im Deutschlandfunk all denen, „die grundsätzliche Reformen im Sinne der überwiegenden Mehrheit wünschen und sich nicht mehr mit den immergleichen Argumenten zufriedengeben“. Er ist der Meinung, dass „eine Umverteilung von Vermögen nach der Lektüre nicht nur möglich, sondern auch schlicht vernünftig erscheint.“[10] Der SWR meint, dass Linartas in ihrem Buch Unverdiente Ungleichheit für einen radikalen Perspektivwechsel plädiere, bei dem Steuern nicht länger als Last gelten dürften, sondern als Instrument für eine gerechte Gesellschaft.[11]
Auf der anderen Seite wird Linartas in der FAZ eine einseitige Quellenauswahl und argumentative Einseitigkeit vorgeworfen. Ihre Ursachenherleitung sei lückenhaft. Insgesamt wird als enttäuschend bemängelt, dass Linartas Buch „im Vergleich zur Stärke ihrer Empörung ein ziemlich schwaches Ergebnis“ habe.[12]
Privates
Ein Onkel Linartas’ ist Miguel Messmacher Linartas, der stellvertretender Finanzminister Mexikos unter Felipe Calderón war und heute Dekan der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät des Instituto Tecnológico Autónomo de México (ITAM) ist.[13][3][4] Eine Großtante gehörte einer polnischen Musikgruppe an, die nach dem Zweiten Weltkrieg international auftreten durfte, heiratete einen Enkel des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Mexikos und wanderte vor mehr als sechzig Jahren nach Mexiko aus.[4]
Schriften
- Different But Same. The Role of the Inheritance Tax and Narratives of the Economic Elites for Wealth Inequality in OECD States: The Cases of Mexico and Germany. Freie Universität Berlin, Berlin 2023 (Dissertationsschrift).
- mit Stefan Gosepath: Deutschland auf dem Weg zur Erbengesellschaft. Wie Erbschaften und Schenkungen gegen Prinzipien der Gerechtigkeit verstoßen und unsere Demokratie gefährden. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn November 2022, urn:nbn:de:bo133-2-178920 (fes.de).
- Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2025, ISBN 978-3-498-00735-5 (Leseprobe).