Mason & Dixon
Buch von Thomas Pynchon
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Mason & Dixon ist ein 1997 erschienener historischer Roman des amerikanischen Autors Thomas Pynchon, dessen zentrales Thema die Ziehung der Mason-Dixon-Linie, der Grenzlinie zwischen Pennsylvania und Maryland, durch die britischen Landvermesser Charles Mason und Jeremiah Dixon in den Jahren 1763 bis 1767 ist. Während der größte Teil des Romans die Arbeit der beiden Hauptfiguren in Amerika verfolgt, sind kürzere Episoden auch in Großbritannien, St. Helena, der Kapkolonie und auf dem Atlantischen Ozean angesiedelt. Mason & Dixon war Pynchons fünfter Roman und wird, wie alle seine Werke, in der postmodernen Literatur verortet. Der Roman fand bei seinem Erscheinen ein breites Echo vor allem in der amerikanischen Presse, gewann jedoch, im Gegensatz zu den meisten anderen Werken von Pynchon, keine Literaturpreise. Die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl erschien 1999 und wurde 2007 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.


Handlung

Mason & Dixon ist in drei unterschiedlich lange Episoden aufgeteilt, die sich wiederum in insgesamt 78 Kapitel untergliedern.
Der erste Teil, Latitudes and Departures (dt.: Längengrade und Aufbrüche), behandelt hauptsächlich Masons und Dixons Reise in die Kapkolonie in Südafrika zur Beobachtung eines Venustransits – eines Durchgangs der Venus vor der Sonne im Jahr 1761. Diese Reise ist das erste gemeinsame Projekt der beiden. Am Kap der Guten Hoffnung finden sie Unterkunft bei der niederländischen Familie Vroom – und werden erstmals mit der Sklaverei konfrontiert, die im weiteren Verlauf des Buches einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Im Oktober des gleichen Jahres reisen sie weiter nach St. Helena, wo sie Nevil Maskelyne begegnen, einem Mitglied der Royal Society und späteren britischen Hofastronomen. Bei der Rückkehr nach England nehmen Mason und Dixon einen Auftrag von Grundbesitzern aus Maryland und Pennsylvania an, die Grenze zwischen diesen beiden Kolonien exakt zu vermessen.
Der zweite und bei weitem längste Abschnitt des Romans, America, beschreibt ihren Aufenthalt in Amerika und die Vermessung eben dieser Grenze zwischen 1763 und 1768. Mason und Dixon sind dort mit vielen Helfern unterwegs – Landvermesser, Hilfskräfte, Waldarbeiter und kuriose Gestalten, die sich ihnen im Laufe der Reise anschließen. Auch Wicks Cherrycoke, der Erzähler des Romans, ist einer ihrer Begleiter. In Amerika erlangen Mason und Dixon nach und nach eine große Popularität, die zu Begegnungen mit zeitgenössischen Größen wie Benjamin Franklin oder George Washington führt. Das Ziel ist es, eine geometrisch völlig gerade Linie zwischen den beiden Kolonien zu ziehen, die sich über geografische Gegebenheiten hinwegsetzt – in Wälder, die auf ihrem Weg liegen, werden Schneisen geschlagen, in einem Fall wird sogar ein Wohnhaus durch die Linie zerteilt. Masons und Dixons langsames Voranschreiten in Richtung Westen wird in der Erzählung immer wieder durch verschiedene Einschübe unterbrochen. Menschen, denen sie begegnen, erzählen ihre Geschichten, Begleiter aus verschiedenen Kulturkreisen erzählen Legenden, und immer wieder gibt es lange Dialoge zwischen den beiden Hauptfiguren, in denen sie Betrachtung zur gesellschaftlichen Situation des Amerika kurz vor dem Unabhängigkeitskrieg anstellen. Immer wieder wird Mason vom Geist seiner verstorbenen ersten Frau Rebekah besucht, die über seine Taten reflektiert. Zunehmend hinterfragen Mason und Dixon ihre eigene Tätigkeit, während sie Zeugen von Sklaverei, Unterdrückung und Massakern an der indianischen Urbevölkerung werden, die mehr oder weniger direkt mit der Ziehung ihrer Linie zusammenhängen. Sie fragen sich, ob sie von der amerikanischen Politik funktionalisiert werden oder ob ihre Messreihen gar von französischen Spionen zu obskuren Zwecken an die Jesuiten weitergegeben werden.[1] Obwohl sie sich selbst über die Gründe ihrer Arbeit schließlich nicht mehr im Klaren sind, bringen sie das Unterfangen dennoch zu Ende.
Der dritte und letzte Teil, Last Transit, (dt.: Letzter Durchgang) behandelt die Ereignisse zwischen der Rückkehr der beiden Protagonisten nach England im Jahre 1768 und Masons Tod sowie der Emigration seiner Kinder nach Amerika. 1769 beobachten Mason und Dixon noch einmal einen Venustransit, diesmal unabhängig voneinander. Ein wichtiges Ereignis gegen Ende des Romans ist Dixons Besuch im Inneren der hohlen Erde, eine Art Unterweltfahrt. Die Hohlwelttheorie steht stellvertretend für wissenschaftliche Theorien, die mit dem Umsichgreifen des Rationalismus zunehmend keinen Platz mehr im menschlichen Weltbild haben. Die Bewohner des Erdinneren machen Dixon auf die Problematik dieses Phantasieverlustes im Rahmen der Aufklärung aufmerksam. Sie fürchten, sich nach der Vermessung der Erde einen anderen Platz zum Leben suchen und ihre bisherige Lebensweise, die durch die gegenseitige Inklination und die Geborgenheit in einer konkaven Welt gekennzeichnet ist, aufgeben zu müssen.[2]
Nach Dixons Tod 1779 beginnt Mason, ein besseres Verhältnis zu seiner Familie und vor allem seinen Kindern aufzubauen. Rebekahs Geist erscheint ihm nicht mehr. Der Roman endet mit dem Entschluss von Masons Kindern, nach Amerika zu gehen und dort zu leben – sie kennen die Neue Welt nur aus den Erzählungen ihres Vaters und haben von ihr das Bild eines Gelobten Landes.
Stoffe und Motive
Die Grenzlinie
Die Mason-Dixon-Linie als Grenzlinie erfüllt wichtige Funktionen in drei verschiedenen Richtungen. Ihre Vermessung in Ost-West-Richtung spiegelt den Vektor der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer und der kartografischen Erschließung unbekannter Gebiete; in Nord-Süd-Richtung führt sie zu einer Teilung des Landes, die schließlich im 19. Jahrhundert im Sezessionskrieg kulminierte; ihre Vermessung mit astronomischen Methoden kann außerdem als eine Verbindung zwischen Himmel und Erde angesehen werden, die sich auch in der Figurenkonstellation mit dem oft hochgestochen redenden Astronomen Charles Mason und dem bodenständigen Landvermesser Jeremiah Dixon spiegelt.[3] Die perfekte gerade Linie, die sich nicht nach örtlichen Gegebenheiten richtet, wird im Roman regelmäßig mit dem Vormarsch des Rationalismus und der Aufklärung assoziiert und von natürlichen Phänomenen abgegrenzt. Der Aufwand und die extreme mathematische Präzision, mit der diese Linie gezogen wird, stehen dabei in Kontrast zur Irrationalität von Zweck und Begleitumständen der Vermessung und kontrastieren mit der dadurch bedingten Naturvernichtung, da für die Vermessung eine breite Schneise durch die Wälder geschlagen wird. So finden sich danach die Bewohner eines Hauses je nach dem Zimmer, in den sie weilen, in zwei verschiedenen Kolonien mit verschiedenen Gesetzen wieder.
Wie die größten Grundbesitzer der beiden Kolonien grenzen sich auch christlichen Denominationen des von der Aufklärung berührten, jedoch noch kaum säkularisierten Landes in ihrem Lebensstil und ihren Lehren scharf voneinander ab. Die Mason-Dixon-Line trennt das teilweise katholische Maryland von Pennsylvania. Dieses gilt als Ort, wo das puritanische Sektierertum mit seiner religiösen Überspanntheit nicht nur geduldet, sondern die Zurschaustellung der Differenzen öffentlich gefördert wird.[4] Aber auch Deisten, Mystiker und deutsche Pietisten finden hier Zuflucht. Kirchtürme in jeder Kleinstadt und Wanderprediger prägen das Bild, jeder sucht einen individuellen Zugang zur im Lichte der Aufklärung verschwindenden Gottheit. Zugleich entbrennt ein quasi metaphysischer Konflikt zwischen den Mächten, die voller Einhegungswut und mit aggressiver Genauigkeit die Einzeichnung gerader Linie in die Erde fordern, um diese besser ausbeuten zu können – dafür stehen symbolisch auch französische und spanische Jesuiten, die von ihren Stützpunkten in Québec aus Häretiker verfolgen und (im Roman) versklaven –, und naturnahen Kräften, die durch dem Feng-Shui-Meister Zhan repräsentiert werden, der sich dem Einschlag der Schneise wie auch dem Prinzip der Gerade widersetzt[5] und nebenbei die Beliebigkeit und Geschmacklosigkeit der Kolonialarchitektur kritisiert.
Zwar treten an wenigen Stellen innerhalb des Romans gerade Linien als nicht menschengemachte Phänomene auf (etwa im Zusammenhang mit einem Blitzeinschlag); sie werden dann jedoch von ihren Beobachtern als naturwidrige bedrohliche Anomalien empfunden und in religiöse und metaphysische Zusammenhänge gestellt.[6] Erst Feng Shui-Meister Zhang weist die Landmesser darauf hin, dass es überall auf der Erde Grenzen der Natur wie Küstenlinien, Bergkämme und Flussufer sind, die die Grenzen bestimmen und damit den Drachen ehren, der seine Form der Natur verleiht. „Auf der Erde eine gerade Linie zu ziehen heißt, dem Fleisch des Drachens einen Schwertstreich, eine lange, vollkommene Narbe beizubringen [...] einen abscheulichen Angriff [...] Wie kann er unvergolten bleiben?“[7]
In ihrer Eigenschaft als Trennlinie zwischen den späteren Nord- und Südstaaten spiegelt die Mason-Dixon-Linie auch politische Machtstrukturen. Nördlich und südlich der Linie gelten unterschiedliche Gesetze, deren Geltungsbereiche erst durch die Arbeit der Protagonisten eindeutig festgelegt werden. Das zentrale Beispiel hierfür ist die Sklaverei. Mason und Dixon sind sich dieser Dimension der Linie anfangs nicht bewusst. Als sie die Problematik im Laufe der Zeit erkennen, gelingt es ihnen dennoch nicht, die zu Grunde liegenden Machtstrukturen zu durchschauen. Im Gefühl, instrumentalisiert zu werden, hinterfragen sie zunehmend ihre Tätigkeit und suchen für sich selbst nach Begründungen und Rechtfertigungen für ihre Arbeit. Alle denkbaren Gründe werden dabei mit der Zeit ausgeschlossen, selbst die finanzielle Motivation.[8] Am Ende dieses Entwicklungsprozesses der Figuren steht keine andere Erkenntnis als die, dass sie als Landvermesser deswegen Linien ziehen, weil sie eben Landvermesser sind.[9] Der wissenschaftliche Rationalismus, verkörpert durch ihre Handlungslogik, hat sich verselbstständigt und forciert im Unterschied zum magisch-ganzheitlichen das binäre Denken, die Abgrenzung einer indikativisch-zahlendominierten von einer subjunktivisch-räumlichen Welt[10] sowie die Unterscheidung von diesseits und jenseits der Grenze, von innen und außen. Dies ist ein Grund, warum sich auch die Systemtheorie mit dem Werk beschäftigt. Die Schneise, die sie ziehen, symbolisiert aber auch den kolonialistischen Drang nach dem Westen,[11] der zu den Genoziden an den Indigenen führten.
Kolonialismus und Sklaverei
Kolonialismus und Sklaverei sind Themen, die auf verschiedene Weise im Roman behandelt werden. Teils werden Mason und Dixon direkt mit diesen Phänomenen konfrontiert, wie etwa bei ihrem Aufenthalt in der Kapkolonie; teils tauchen ihre Produkte, oftmals Konsumgüter, nebenbei im Handlungsgefüge auf und werden von den Figuren nicht weiter reflektiert.

Die Stadt Philadelphia als erster Anlaufpunkt von Mason und Dixon in Amerika spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle. Zum einen ist sie zum Zeitpunkt der Ankunft der Protagonisten selbst noch Teil einer britischen Kolonie, die nach Unabhängigkeit strebt, zum anderen profitiert sie stark von ebendiesem Kolonialismus: In Mason & Dixon wird sie als Metropole voller Coffeeshops und Kolonialwarenläden dargestellt, die von Konsum und Handel geprägt ist. Unter anderem von Benjamin Franklin werden Mason und Dixon in diese Welt eingeführt.
Verschiedene Nahrungsmittel kolonialen Ursprungs erscheinen immer wieder im Laufe des Romans. Am auffälligsten ist dabei das häufige Auftauchen von Kaffee, der in besonderem Maße eine politische Rolle spielt: Er ersetzte im Amerika des 18. Jahrhunderts zunehmend den Tee, einerseits als symbolische Emanzipation von der britischen Kolonialmacht, andererseits aus Kostengründen wegen der hohen britischen Steuern auf Tee.[12] Im Roman wird Mason, der größeren Wert auf seinen sozialen Status in England legt, als Teetrinker dargestellt, während Dixon, der sich eher dem amerikanischen Konsumverhalten anpasst, Kaffeetrinker ist. Obwohl beide Protagonisten Gegner der Sklaverei sind, wird ihnen die Problematik der Kaffeeernte durch Sklaven nicht bewusst.
Gegen Ende der Romanhandlung unternimmt Jeremiah Dixon, der sich als Quäker zwar zur Gewaltfreiheit bekennt, aber auch persönlich stärker mit den Unterdrückten identifiziert als Mason, eine plakative Aktion, die auch historisch überliefert ist.[13] Auf einem Sklavenmarkt entreißt er einem Händler die Peitsche, mit der dieser einen Sklaven schlägt, und schlägt den Händler selbst. Dies stellt einen eher hilflosen symbolischen Akt dar: Zu einem tieferen Verständnis der Machtverhältnisse kommt Dixon nicht.
Geschichte und Fiktion
Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Wesen der Geschichte und ihre Unterscheidung von Fiktion. Vor allem in der Rahmenerzählung um Reverend Wicks Cherrycoke wird dieser Gegensatz von verschiedenen Figuren oft direkt und kontrovers diskutiert, was dem gesamten Roman ein starkes metafiktionales Element verleiht. Der freigeistige Moralist Cherrycoke, der die Geschichte aus seiner Erinnerung heraus erzählt, vertritt die Auffassung, dass eine eindeutige Trennung von Geschichte und Fiktion nicht möglich sei. Er sieht es als Aufgabe der Historiker an, nach Fakten zu forschen, jedoch könnten sie keine „Wahrheit“ für ihre Forschungsergebnisse beanspruchen. Geschichte könne ebenso wie Fiktion nur in Erzählungen vermittelt werden, die wiederum durch die Interessen des Erzählenden gefiltert seien. Dadurch werde die Erzählung von Geschichte per se zu einem politischen Akt und sei in den Händen der Dichter besser aufgehoben als in denen der Machthaber.[14] Einen logischen, linearen Verlauf von Geschichte gibt es für Cherrycoke nicht; sie ist aber auch nicht menschliche Erinnerung. Vielmehr besteht sie aus einer Vielzahl unordentlicher, miteinander verwobener Lebenslinien, die nicht in ein übergeordnetes Konzept gefasst werden können.[15]
Hierbei muss auch der historische Hintergrund von Mason & Dixon im Auge behalten werden. Der Roman ist in einer Epoche angesiedelt, in der der Aufstieg des Romans zur führenden literarischen Gattung erfolgte und große Diskussionen über den Stellenwert von Fiktion auslöste. In der Verfälschung historischer Fakten und der Darstellung falscher Vorbilder wurde ein großes jugendgefährdendes Potenzial gesehen. Im Roman wird diese Position von Ives LeSpark vertreten, einem Waffenhändler, der die Position des gesunden Menschenverstands einnimmt, die Lektüre seiner Kinder ablehnt und Cherrycokes Erzählungen misstrauisch gegenübersteht.[16]
Andere Charaktere vertreten eine strikte Trennung zwischen Fakt und Fiktion, wobei Platons Betrachtung des Dichters als Lügner eine zentrale Rolle zukommt. Für den Earl of Macclesfield, Astronom, Kalenderreformer und Vorsitzender der Royal Society, lügen und betrügen die Sterne nie. Sie sind reine Mathematik, während „(w)ir, die wir herrschen, [...] große Lügen erzählen (müssen), während ihr weiter unten nur ein kleines bißchen lügen müsst“ – ein „Opfer“ der Oberschichten, geradezu ein „Teil der noblesse oblige“ des darob Zerknirschung heuchelnden Adels.[17] Wahrheit herrsche demnach mit Notwendigkeit in den Gesetzen der Natur, Lüge und Schwindel hingegen seien ebenso notwendig für die menschliche Gesellschaft. Jedoch sind in dieser Zeit angesichts der Vielzahl experimentell aufgezeigter neuartiger Phänomene – im Roman z. B. die elektrischen Experimente mit dem Zitterrochen – bei unzureichender theoretischer Fundierung rationalistisch klingende Pseudoerklärungen und wissenschaftliche Mythen in Umlauf. Die strikte Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion, das binäre Denken, funktioniert nicht zuverlässig; trotz wissenschaftlicher Fortschritte bleibt der Alltag von Mythen wie der Theorie der hohlen Erde durchdrungen. Pynchons literarische Faction erinnert damit an den Magischen Realismus.
Der sprechende Hund und die Automaten-Ente
Ein sprechender Hund, der lateinische Zitate verwendet und den Pynchon gelehrt (learned English Dog, in der deutschen Übersetzung gelahrter Hund) nennt, taucht als markante Figur des Romans auf. Sprechende Tiere spielen auch in anderen Werken Pynchons eine Rolle. In ihnen erscheint die Aufklärung ironisch ins Extreme gesteigert, so dass die Grenzlinie zwischen Tier und Mensch eingerissen wird. Indem das Nutztier, welches entdeckt hat, dass die Menschen keine Kannibalen sind, diese imitiert und sich dadurch in ein intelligentes Wesen zu verwandeln scheint, kann es überleben und wird nicht verspeist.[18] Zugleich spiegelt die Figur des gelehrten Hundes die tiefe Kluft zwischen der beschränkten menschlichen Praxis und den theoretischen Errungenschaften der Aufklärung wider. Utilitarismus und Gelehrsamkeit treten auseinander: Während die Menschen banale oder törichte Dinge tun, verkündet der ebenso wissbegierige wie eitle Hund mit barockem metaphernreichen Pathos Weisheiten ohne praktischen Realitätsbezug.
Auch Körperteile oder Dinge entwickeln ein Eigenleben. So kann das in Alkohol eingelegte Ohr des Kapitän Jenkins hören[19], das geheimnisvolle Leben der gärenden Hefezellen im anschwellenden Brot spricht zum jungen Mason[20] und zwei Uhren – epochale Sinnbilder maschineller Rationalität – tauschen sich heimlich miteinander aus.

Auch eine andere Maschine, ein Enten-Automat, sendet Vitalzeichen. Sie spricht über ihre Rachegelüste an den französischen Köchen, die unzählige ihrer Artgenossen gekocht haben. Auch kann sie ganz naturalistisch fressen und koten[21] wie Jacques de Vaucansons Körner verzehrendes Meisterwerk, und sie scheint zudem über übersinnliche Kräfte zu verfügen. Nicht von ungefähr ist sie fixiert auf die gerade Linie. Die Ente symbolisiert damit ein zentrales Problem, das viele Wissenschaftler der Epoche beschäftigte: den mysteriösen Übergang von der unbelebt-mechanischen zur belebten Welt. Sie steht aber auch für das ewige Bedürfnis nach künstlichem Leben,[22] ein Traum, den schon Vaucanson hegte und der heute in Visionen von Mensch-Maschine-Hybriden weiterlebt. Pynchons hatte ein ähnliches Thema in ähnlicher Form bereits in Gravity’s Rainbowi bearbeitet.[23]
Erzählweise
Mason & Dixon ist hinsichtlich der chronologischen Erzählweise der wohl konventionellste Roman Pynchons. Er ist sprachlich im Stil des 18. Jahrhunderts gehalten, wobei Pynchon verschiedene Genres der Zeit imitiert. Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die Sprache der historischen Tagebücher von Charles Mason, die er auch in ihren epocheuntypischen Eigenheiten kopiert.[24] Durchgehend verwendet Pynchon das Vokabular des 18. Jahrhunderts, das auch englischen Muttersprachlern teilweise heute nicht mehr geläufig ist, und die zeitgenössischen Schreibweisen der Vokabeln. In der englischen Originalfassung werden Substantive meistens großgeschrieben. Diese Pastiche wird teilweise für komische Effekte eingesetzt. So verwendet Pynchon heute unbekannte Vokabeln, deren Existenz im Kontext unwahrscheinlich klingt und die moderne Wörter zu parodieren scheinen (etwa das Wort „ketjap“), die jedoch historisch nachweisbar sind.[25]
Während des gesamten Romans überlagern sich mehrere Erzählebenen. In einer Rahmenerzählung, die in der Weihnachtszeit des Jahres 1786 (Masons Todesjahr) in Philadelphia angesiedelt ist, erzählt Reverend Wicks Cherrycoke die Geschichte von Mason und Dixon. Der Name des Erzählers enthält Anklänge an die neopagane Wicca-Bewegung (altengl. wicca, Hexer) und an die Cherokee sowie an Coca-Cola und erweckt damit Assoziationen an einen ursprünglich heidnischen Santa Claus.
Cherrycoke befindet sich dabei in einer ähnlichen Situation wie Scheherazade:[26] Solange er die Kinder seines Schwagers mit der (teils humorvoll, teils skeptisch-distanziert oder gar zynisch erzählten) Geschichte unterhält, genießt er dessen Gastfreundschaft. Noch über dieser Rahmenhandlung steht ein allwissender Erzähler, dessen Erzählstimme sich mit der von Cherrycoke vermischt, so dass teilweise die Stimmen ununterscheidbar werden. Hinzu kommen teils kryptische Dialoge mit Anspielungen oder Auslassungen, die kaum rekonstruiert werden können. Zusätzlich sind zahllose Erzählungen anderer Figuren in diese Struktur eingewoben.
An vielen Stellen sind historische Dokumente in den Roman integriert. LoTeilweise handelt es sich dabei um authentische historische Quellen, die Pynchon zutreffend zitiert,[27] teilweise sind die „Dokumente“ aber fiktiv. Eine einfache Unterscheidung ist für den Leser dabei oft nicht möglich. Daraus resultiert eine permanente Unsicherheit darüber, ob das gerade Gelesene Fakt oder Fiktion ist, wodurch schließlich auch die Möglichkeit historischen Wissens selbst problematisiert wird. Auch Märchen und Volkssagen werden in dieser Weise verarbeitet und teilweise in großer Breite nacherzählt. So nimmt etwa die Erzählung der Sage vom Lambton-Wurm durch Jeremiah Dixon fast das gesamte 60. Kapitel ein. Dieses Stilmittel ist typisch für das Genre der historiografischen Metafiktion, dem Mason & Dixon oft zugerechnet wird.[28][29]
Rezeption
Bereits vor seinem Erscheinen erregte der Roman einiges Aufsehen in der Presse. Der Verlag betrieb eine für ein literarisches Werk ungewöhnlich aufwändige Werbekampagne in Zeitungen, Fernsehen und mit öffentlicher Plakatierung[30], gab aber außer dem Titel und dem späteren Klappentext keine weiteren Informationen preis. Schon ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung schrieb Ron Rosenbaum eine „Vorab-Rezension“ im New York Observer, in der er, ausschließlich auf diese Informationen gestützt, einige Überlegungen zum Umgang Pynchons mit dem Thema Mason und Dixon anstellte. Bereits seit der Veröffentlichung von Die Enden der Parabel im Jahr 1973 waren zuvor Gerüchte kursiert, Pynchon arbeite an einem Roman mit diesem Stoff. Mason & Dixon erschien mit einer Anfangsauflage von 200.000 Exemplaren, hielt sich aber dennoch nicht lange in den Bestsellerlisten und konnte die kommerziellen Erwartungen des Verlags nicht erfüllen.
Das Echo in der Presse nach Erscheinen des Romans war überwiegend positiv. Viele Kritiker bescheinigten Pynchon eine Reifung gegenüber seinen früheren Werken. In der Los Angeles Times hob Ted Mooney besonders die psychologische Komplexität der beiden Hauptfiguren hervor[31], nachdem mangelhafte Figurenzeichnung in der Vergangenheit einer der Hauptkritikpunkte vieler Rezensenten an Pynchon gewesen war. Weniger positive Kritiken betonten vor allem die übertriebene Komplexität des Romans. Pynchons postmoderne Sprachbezogenheit wurde als zu akademisch und letztlich leserunfreundlich angesehen.[32] Auch Pynchons Umgang mit dem Postkolonialismus wurde kritisiert: Michael Berubé warf ihm vor, als „Konsenskritiker des Konsens“ gerade durch seine Porträtierung von Sklaverei, Kolonialismus und Unterdrückung von einem Standpunkt aus, der scheinbar eigenständig, in Wahrheit aber längst vom Mainstream vereinnahmt sei, die Klischees und die nationale Identität Amerikas zu unterstützen, gegen die er scheinbar anschreibe.[33] Peter Körte sieht in den Buch eine „säkulare Schöpfungsgeschichte“ der USA.[34]
Eine breite Rezeption erfuhr Mason & Dixon innerhalb der Literaturwissenschaft. Binnen weniger Jahre erschienen zahlreiche Monografien, Aufsatzsammlungen und Dissertationen, die sich mit dem Roman beschäftigten. Die zweijährliche International Pynchon Conference fand 2004 in Anlehnung an eines der wichtigsten Motive des Romans zum Anlass des Venustransits auf Malta statt.
Eine Adaption des Romans gibt es in der Popmusik: der schottische Gitarrist Mark Knopfler und sein Duettpartner James Taylor schlüpften 2000 auf dem Titelsong von Knopflers Album Sailing to Philadelphia in die Rollen von Mason und Dixon, worauf Knopfler nach eigenen Angaben durch die Lektüre des Romans gebracht wurde[35].