Micha Brumlik

deutscher Erziehungswissenschaftler und Publizist From Wikipedia, the free encyclopedia

Micha Brumlik (geboren am 4. November 1947 in Davos; gestorben am 10. November 2025 in Berlin) war ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Philosoph und Publizist. Er wurde als Kind deutscher jüdischer Eltern in der Schweiz geboren und lebte ab 1952 in Deutschland. Er war Leiter des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt und Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.[1] Er schrieb Monografien zur Geschichte des Judentums sowie Aufsätze, Essays und Kolumnen zu zeitgenössischen Themen.

Micha Brumlik bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille (2016)

Leben

Micha Brumlik wurde als Sohn von Josef[2] und Recha Brumlik, die vor dem Nationalsozialismus in die Schweiz geflüchtet waren, geboren. Sein Vater war in der zionistischen Jugendbewegung aktiv gewesen und arbeitete zeit seines Lebens für verschiedene zionistische Organisationen, ohne selbst jemals in Israel gewesen zu sein.[3] 1953 siedelte die Familie nach Frankfurt am Main über, wo Micha Brumlik das Lessing-Gymnasium besuchte. Von 1959 bis 1967 war er Mitglied einer zionistischen Jugendorganisation.[4] Nach dem Abitur 1967 verbrachte Brumlik zwei Jahre in Israel. Er studierte Philosophie und arbeitete in einem Kibbuz. Israel erlebte er als „imperialistisches Land“ und wurde deswegen in seiner Jugend zum „Antizionisten“.[5] 1968 trat er dort der linksradikalen Organisation „Matzpen“ bei.[6] Nach seiner Rückkehr nach Deutschland studierte er Pädagogik, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main. 1973 schloss er das Studium mit einem Diplom in Sozialpädagogik ab.

Danach war er wissenschaftlicher Assistent der Pädagogik an den Universitäten Göttingen und Mainz, promovierte 1977 in Frankfurt am Main im Fach Philosophie mit der Dissertation Gemeinsinn und Urteilskraft. Im selben Jahr war er Assistenzprofessor in Hamburg.[7] Von 1981 bis 2000 hielt er die Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Heidelberg.

Brumlik war in Deutschland zunächst im Sozialistischen Büro und in der Frankfurter Gruppe der Föderation Neue Linke politisch aktiv,[8] später als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und als Frankfurter Stadtverordneter von 1989 bis 2001.[9]

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre bildete Brumlik gemeinsam mit weiteren kritischen Intellektuellen wie Dan Diner und Cilly Kugelmann die „Jüdische Gruppe Frankfurt“, die sich von konservativen Positionen der Jüdischen Gemeinde abgrenzte und die Zeitschrift Babylon gründete.[10] Insbesondere im Kontext des Libanonkriegs 1982 bezog die Gruppe eindeutig Stellung gegen die Politik Israels gegenüber den Palästinensern und provozierte so deutschlandweit heftige innerjüdische Diskussionen.[11] In den achtziger Jahren revidierte er, gefördert durch eine Analyse bei einem Psychoanalytiker aus Israel, seine Haltung zum Staat Israel und zur Bedeutung des Zionismus für das Judentum erneut.[12] Seit dieser Zeit kritisiert er antisemitische Denkmuster in der politischen Kultur Deutschlands, besonders in der Linken. Anfang 1991 trat er aus der Partei der Grünen wegen deren Ablehnung von Waffenlieferungen an Israel aus.[13]

2000 übernahm er eine Professur am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Schwerpunkt „Theorie der Erziehung und Bildung“.[14] Von 2000 bis 2005 war er der Leiter des Fritz Bauer Instituts, eines Studien- und Dokumentationszentrums zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.[15] Im Februar 2013 wurde Brumlik pensioniert.[1]

Im Sommer 2013 war er Gastprofessor am Dartmouth College. Ab Oktober 2013 war Brumlik Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und ab 2017 Seniorprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.[16][17][14]

Brumlik war Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik, des Periodikums Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart und des Magazins Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Er war Vorsitzender der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Er kritisierte im Februar 2008 die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden innerhalb der tridentinischen Messe und sagte seine Teilnahme am 97. Deutschen Katholikentag, der im Mai 2008 in Osnabrück stattfand, ab.[18]

Er teilte sich mit weiteren prominenten Persönlichkeiten die Schirmherrschaft des 2014 gegründeten Vereins „Neuer Israel Fonds Deutschland“, der die Arbeit des New Israel Fund (NIF) zur Förderung von Zivilgesellschaft und Demokratie in Israel unterstützt.[19] Brumlik war Mitbegründer des Lernorts Garnisonkirche Potsdam und Vorsitzender dessen wissenschaftlichen Beirats.[20] Brumlik gehörte im März 2021 zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die eine Neudefinition und Präzisierung des Antisemitismusbegriffs vornimmt.[21] Demnach sei die Organisation Boycott, Divestment and Sanctions, „die vom Deutschen Bundestag im Mai 2019 pauschal für antisemitisch erklärt wurde, dieses nicht“. Brumlik betonte jedoch, dass er BDS für politisch falsch hält. Es sei „ein schwerer Fehler, dass BDS auch solche israelischen Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, Intellektuelle und Künstler boykottiert, die sogar gegen die Besetzung des Westjordanlands sind“.[22] Ab Dezember 2022 war Brumlik Mitglied im PEN Berlin.[23]

Micha Brumlik verstarb nach längerer Krankheit am 10. November 2025 im Alter von 78 Jahren.[24]

Nachrufe

Elisabeth von Thadden beschrieb Micha Brumlik in ihrem Nachruf als einen Intellektuellen, „wie es zu jeder Zeit nur wenige gibt. Er stand für die Öffentlichkeit zur Verfügung, ohne seine Auffassungen ins Schlichte umzubiegen“. Wer gern in rechts und links sortiert, sei bei Brumlik falsch.[25] Meron Mendel erinnerte an Brumlik, der wie ein Gelehrter in der talmudischen Epoche Streit als Austausch von Argumenten und Gegenargumenten genossen habe. Eine Eigenschaft, die heutzutage selten geworden sei. Micha Brumlik war laut Mendel bereits schwer krank, als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel.

„Seine Stimme fehlte: als moralischer Kompass, als Pädagoge, als politischer Intellektueller, der das Denken nie von der Verantwortung trennte. Wer, wenn nicht er, hätte erklären können, wie eine linke, aufgeklärte, humanistische Haltung zu diesem Krieg aussehen könnte.“

Meron Mendel: Süddeutsche Zeitung, 12. November 2025[26]

Werke (Bücher; Auswahl)

Zeitschriften (Herausgeberschaft)

Auszeichnungen

Literatur

  • Anna Corsten: Jewish Left-Wing Intellectuals in Postwar Germany: The Case of Micha Brumlik and the Israeli Palestinian Conflict Between Antisemistism and Anti-Zionism. In: Alessandra Tarquini (Hrsg.): The European Left and the Jewish question, 1848–1992, between Zionism and antisemitism. Palgrave Macmillan, Cham 2021, ISBN 978-3-030-56661-6, S. 263–282.
  • Micha Brumlik, Doron Kiesel: Die jüdische Jugendbewegung Eine Geschichte von Aufbruch und Erneuerung. Hentrich & Hentrich, Zentralrat der Juden in Deutschland, Leipzig 2021, ISBN 978-3-95565-467-2.
Commons: Micha Brumlik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Interviews

Kontroverse Micha Brumlik / Rolf Verleger

Andere Veröffentlichungen

Einzelnachweise

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