Michael Hoenig
deutscher Musiker und Komponist
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Leben

Ab 1968 arbeitete Hoenig für das von Frank T. Schickler herausgegebenen Underground-Magazin LOVE und wurde einflussreicher Ideengeber und Kommunikator der in West-Berlin aufblühenden Progressive-Rock-Szene, die Bands wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Cluster/Kluster, Agitation Free sowie Solokünstler wie Conrad Schnitzler und Klaus Schulze hervorbrachte.
Von 1971 bis 1974 studierte er Soziologie, Theaterwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Nebenbei intensivierte er eigene musikalische Experimente – von Audio-Collagen bis zu elektronischen Kompositionen – mit einem umfangreichen, u. a. aus elektronischen Modulatoren, selbstentwickelten Klangerzeugern, modifizierten Instrumenten, Tonbandgeräten, Kontaktmikrofonen bestehenden Instrumentarium. Er gehörte zu den ersten in Europa, die einen elektronischen Musiksynthesizer auf der Bühne und im Studio einsetzten.
Schon früh wurde sein musikalischer Wagemut, sein technisches Wissen und seine Fähigkeiten als Komponist und Improvisator in der Welt der musikalischen Avantgarde bemerkt. Mit verschiedenen zeitgenössischen Komponisten (u. a. Erhard Grosskopf, Wilhelm Dieter Siebert, Ladislav Kupkovič, John Cage) arbeitete Hoenig als Interpret, Ko-Komponist und Produzent auf namhaften Podien wie in renommierten Aufnahmestudios zusammen. Insbesondere mit dem Schweizer, seinerzeit in Berlin lebenden Komponisten Thomas Kessler, zunächst sein Lehrer und Mentor, verband Hoenig eine jahrzehntelange Freundschaft und Arbeitspartnerschaft.
1971–1979: Berlin
Im Februar 1971 wurde Hoenig Mitglied der Berliner Avantgarde-Rockband Agitation Free. In den Jahren 1971 bis 1976 veröffentlichte die Band drei Alben und trat weltweit live auf. Die Band wird zu den experimentierfreudigsten Vertretern der neuen deutschen Rockmusik der 1970er Jahre gezählt. Mit ihrer Musik, einer Mischung von ProgRock-, Elektro-, Ethno-, Jazz- und Trance-Elementen, werden freie instrumentale Improvisationen verbunden, und damit die Auflösung sattsam bekannter rockmusikalischer Songstrukturen.
Die Musiker von Agitation Free hatten Ende der 1960er Jahre das "Electronic Beat Studio" mitgegründet, das als Geburtsstätte der “Berliner Schule elektronischer Musik” legendär wurde. Unter der Leitung von Thomas Kessler entwickelte es sich zum Schaffenszentrum für Berliner Gruppen wie Ash Ra Tempel, Tangerine Dream, Ensembles wie No-Set und Gruppe Neue Musik, sowie Experimentalmusikern (u. a. Roland Pfrengle, Jolyon Brettingham-Smith) und Jazzvirtuosen (u. a. Bernhard Arndt, Thomas Wiedermann).
Ende 1974 gründete Hoenig zusammen mit Klaus Schulze die Band Timewind. Das Duo spielte Konzerte in Frankreich, Belgien und Deutschland. Im Frühjahr 1975 wurde Hoenig als Nachfolger des erkrankten Peter Baumanns von Tangerine Dream verpflichtet, ging mit der Gruppe auf eine Australientournee und absolvierte anschließend mit ihr ein allseits beachtetes Konzert in der Londoner Royal Albert Hall. 1976 arbeitete Hoenig wiederholt mit Manuel Göttsching von Ash Ra (Tempel) zusammen. Die Aufnahmen ihrer gemeinsamen Proben für eine Frankreichtournee aus dem Jahr 1976 wurden 1995 unter dem Titel Early Water als CD veröffentlicht.
Ab 1974 konzipierte und organisierte Hoenig gemeinsam mit dem RIAS-Musikredakteur Walter Bachauer die Berliner „Metamusic Festivals“, jeweils dreiwöchige Veranstaltungszyklen in der Neuen Nationalgalerie. Das Konzept bestand darin, die Abgrenzungen zwischen Neuer und traditioneller Musik aufzuheben und Avantgarde-Musik mit traditioneller, indigener Musik aus der ganzen Welt zusammenzuführen. Die Festivalprogrammatik, die ungewöhnlichen Auftrittsorte wie die bis dahin unbekannten, mindestens minimierenden Distanzen zwischen Musikern und Publikum, die resolute Einbeziehung von Tanz, Theater, Literatur, die völlig neue Gestaltung von Bühnen, Zuschauerräumen, Licht, audiovisuellen Medien, die über Klimaanlagen gezielt verbreiteten Gerüche und Aromen, irritierte und faszinierte die (mediale) Öffentlichkeit gleichermaßen. Das Konzept wurde Vorbild für zahlreiche Kuratoren interdisziplinärer Veranstaltungsserien und gilt nicht zuletzt als Initialzündung der Weltmusik-Trends, die sich seit Anfang der 1980er-Jahre etablierten.[1][2][3]
Zeitgleich komponierte Hoenig Theatermusiken (u. a. Trotzki in Coyoacan von Hartmut Lange, oder Pchenz mit Heribert Sasse), sowie TV- und Hörspielmusiken. Ab 1976 konzentrierte sich Hoenig auf seine Soloprojekte. 1978 veröffentlichte er seine Solo-Debüt-LP Departure From The Northern Wasteland auf Warner Bros. Records. Hoenig war damit der erste deutsche Künstler, der direkt von einem großen US-Plattenlabel unter Vertrag genommen wurde. Die Veröffentlichung wurde von der Musikkritik weltweit mit großem Lob aufgenommen, Allmusic nennt das Album „a classic of the progressive electronic genre“ mit 5/5-Sterne-Rating[4].
1980 – 2005: Los Angeles
1980 zog Hoenig nach Los Angeles, wo er als Komponist, Sounddesigner und Produzent an vielen Musik- und Filmmusikprojekten mitwirkte. In seinem ersten Projekt arbeitete er als Musikdirektor, Co-Autor und Co-Komponist des Dokumentarfilms Koyaanisqatsi, dem "Meisterwerk [...] bei dem man keine Sekunde den Blick von der Leinwand abwenden kann - und will -"[5].
1982 gründete Hoenig seine Firma „Metamusic Productions“. Das Tonstudio in Downtown L.A. war eines der ersten elektronischen Musikstudios, das mit dem NED Synclavier als zentralem Computersystem speziell für Film-Nachbearbeitung ausgestattet war.
Neben seinen Soloprojekten produzierte Hoenig LP- und CD-Aufnahmen für Avantgarde-Komponisten wie Harold Budd, John Cage, Morton Feldman, Joan La Barbara, Daniel Lentz, Michael Fahres und Morton Subotnick.
Ab 1985 wirkte Hoenig an Filmmusiken von Jack Nitzsche (Performance, Einer Flog über das Kuckucksnest) mit und produzierte ausnahmslos dessen Studioaufnahmen, unter anderem von 9½ Weeks, The Seventh Sign, Mermaids, Revenge, The Hot Spot, The Indian Runner, Blue Sky und The Crossing Guard.
Seine Studioaufnahmen brachten Hoenig mit weltweit renommierten Künstlern wie Miles Davis, John Lee Hooker, Wayne Shorter, Terry Riley, Jon Hassell, Don Preston, Mick Taylor, J. Peter Robinson, Patrick Gleeson, Paul Buckmaster, Shawn Phillips und Buffy Sainte-Marie zusammen.
1987 veröffentlichte er sein zweites Solo-Album Xcept One auf Capitol Records. Das Album wurde größtenteils auf dem Synclavier eingespielt. Der Track Bones On The Beach wurde in der Achterbahn Chaos im Gaylord Opryland Resort & Convention Center in Nashville installiert. Diese Achterbahn wurde dadurch zur ersten, die mit Musik synchronisiert wurde. Von 2004 bis 2008 und ab 2011 wurde Bones On The Beach auch bei der Achterbahn Revolution im Freizeit- und Familienpark „Bobbejaanland“ (Lichtaart/Belgien) eingesetzt.
In den Folgejahren konzentrierte sich Hoenig auf das Komponieren und Produzieren von Film- und Fernsehmusiken, u. a. für Filme wie The Wraith, The Gate, The Blob, Bei Berührung Tod, After Alice, Terminal Justice, The Amy Fisher Story oder Class Of 1999. Seine Musik war in den TV-Serien Max Headroom, Strange World, Dark Skies und The District zu hören. 1997 war er für den Primetime Emmy Award in der Kategorie „Outstanding Main Title Theme Music“ für die Komposition des Dark Skies-Titelthemas nominiert.
Er komponierte die Soundtracks für Biowares PC-Spiele Baldur’s Gate (1998), dem „Wegbereiter für eine Renaissance der Computer-Rollenspiele“[6], und Baldur’s Gate II: Shadows of Amn (2000).
Ab 2006
Im Februar 2007 gaben Agitation Free in ihrer Originalbesetzung von 1974 Konzerte in der Tokioter Konzerthalle „Shibuya O’West“. Anlass dieser Einladung war die Einweihung einer Wachsfigur Michael Hoenigs im „Tokyo Tower Wax Museum“. Ein Live-Mitschnitt dieser Konzerte wurden von Hoenig in der ursprünglichen musikalischen Abfolge der Konzerte zu einem Live-Dokument überarbeitet. Das daraus resultierende Album Shibuya Nights (2011) bewies, dass Agitation Free immer noch bzw. wieder zu den besten und originellsten Vertretern der Progrock-Szene zählen[7]. Die Band präsentierte das Album bei Konzerten zwischen 2012 und 2015, u. a. in London, Manchester, Paris, Berlin und auf dem Burg-Herzberg-Festival.
2023 produzierte Hoenig das Agitation-Free-Album Momentum für MiG (Made in Germany – music).
Diskografie
Musikalben
Solo:
- Departure From The Northern Wasteland (1978)
- Xcept One (1987)
- The Blob (1988)
- I Madman (2000)
- Dark Skies (Original Television Score) (2006)
mit Agitation Free:
- Malesh (1972)
- 2nd (1973)
- Last (1974)
- Fragments (1995)
- At The Cliffs Of River Rhine (1998)
- Shibuya Nights (Live In Tokyo) (2011)
- Momentum (2024)
mit Manuel Göttsching:
- Early Water (1995 / Re-Release 2023)
mit J. Peter Robinson:
- The Gate (Original Motion Picture Soundtrack) (2021)
mit Tangerine Dream:
- 1 (2003)
- In Search of Hades: The Virgin Recordings 1973-1979 (2019)
Musikalben (als Produzent)
- Agitation Free: Malesh (1972)
- Agitation Free: 2nd (1973)
- Agitation Free: Last (1974)
- Michael Hoenig: Departure From The Northern Wasteland (1978)
- Shawn Phillips: Beyond Here Be Dragons (1982)
- Jack Nitzsche: The Jewel Of The Nile (1985)
- Morton Subotnick: The Key To Songs (1986)
- Harold Budd: Lovely Thunder (1986)
- Michael Hoenig: Xcept One (1987)
- Jack Nitzsche: The Seventh Sign (1988)
- Michael Hoenig: The Blob (1988)
- Jack Nitzsche: Next Of Kin (1989)
- Morton Feldman: 3 Voices (For Joan La Barbara) (1989)
- Jack Nitzsche: The Hot Spot (w. Miles Davis & John Lee Hooker) (1990)
- Jack Nitzsche: Mermaids (1990)
- Jack Nitzsche: Revenge (1990)
- David McHugh: Prisoners Of The Sun (1990)
- Jack Nitzsche: Blue Sky (1991)
- Jack Nitzsche: The Indian Runner (1991)
- Harold Budd: Music For 3 Pianos (1992)
- Morton Subotnick: All My Hummingbirds Have Alibis (1992)
- Don Preston: Vile Foamy Ectoplasm (1993)
- Morton Subotnick: Silver Apples Of The Moon / The Wild Bull (1993)
- Joan La Barbara: 73 Poems (Prints With CD) (1994)
- Michael Kamen, Stewart Copeland, J. Perter Robinson: Highlander – The Final Dimension (1995)
- Jack Nitzsche: The Crossing Guard (1995)
- Joan La Barbara: John Cage At Summer Stage (1995)
- J. Peter Robinson: Firestorm (1998)
- Joan La Barbara: Shamansong (1998)
- Michael Fahres: The Tubes (2007)
- Agitation Free: Momentum (2024)
Spiele-Soundtracks
- Michael Hoenig: Baldur’s Gate: The Original Saga (1999)
- Michael Hoenig: Baldur’s Gate II: Shadows Of Amn (2000)
Filmografie (Auswahl)
Spielfilme als Komponist
- Koyaanisqatsi (1982 – additional music)
- Deadly Encounter (dt.: Treibjagd in den Wolken) (1982)
- Night Patrol (1984)
- Silent Witness (dt.: Das perfekte Opfer) (1985)
- 9½ Weeks (dt.: 9 1/2 Wochen) (1986 – additional music)
- The Wraith (dt.: Interceptor) (1986) - mit J. Peter Robinson
- The Gate (dt.: Die Unterirdischen) (1986) - mit J. Peter Robinson
- Shattered Spirits (dt.: Scherben des Lebens) (1986)
- The Blob (dt.: Der Blob) (1988)
- I, Madman (dt.: Hardcover) (1989)
- Blue Heat (dt.: Einsame Zeit für Helden) (1990)
- The Class of 1999 (dt.: Die Klasse von 1999) (1990)
- The Amy Fisher Story (1993)
- Visions Of Murder (dt.: Visionen des Mordes) (1993)
- Eyes of Terror (dt.: Augen des Schreckens) (1994)
- Search for Grace (1994)
- Terminal Justice (1995)
- Above Suspicion (1995)
- Her Costly Affair (dt.: Der teuflische Liebhaber) (1996)
- Thrill (dt.: Achterbahn des Schreckens) (1996)
- Rag & Bone (dt.: Im Angesicht von Gut und Böse) (1998)
- After Alice (2000)
- Contaminated Man (dt.: Bei Berührung Tod) (2000)
- Dracula 3000 (2004)
TV-Serien
- Max Headroom (1987–1988)
- Eerie, Indiana (1991)
- Dark Skies (dt.: Dark Skies – Tödliche Bedrohung) (1996–1997)
- Strange World (1999)
- The District (dt.: The District – Einsatz in Washington) (2000–2004)
Weblinks
- Michael Hoenig bei Allmusic
- Michael Hoenig bei Discogs
- Michael Hoenig bei IMDb
- Michael Hoenig bei progarchives.com
Literatur (Auswahl)
- Aikin, Jim: Michael Hoenig - German Synthesist Forges New Paths. In: Contemporary Keyboard, January 1979, S. 16, 44, 46.
- Dallach, Christoph: Deutsche Musikpioniere - Unerhörte Klänge aus dem Koffer – wie der Krautrock um die Welt ging. SPIEGEL ONLINE, 12.01.2022.
- Gill, John: Tangs ain't what they used to be. In: Sounds (London, Spotlight Publications), 17th June 1978, S. 38.
- Greenwald, Ted: Michael Hoenig - Solo Album Gets More Than Headroom. In Keyboard, March 1988, S. 26–27.
- Kistenmacher, Bernd: Von Berlin nach Hollywood - Ein Gespräch mit Michael Hoenig. In: Kistenmacher, Bernd: Ferne Ziele - Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik. Edition Mahlstrom, Berlin 2023, S. 171–193.
- Lawless, Christopher/Darnell, Michael: A conversation with Michael Hoenig. In: Beyond the horizon, Summer 1996, S. 14–21.
- Lynner, Doug: Michael Hoenig. In: Synapse, March/April 1978, S. 22–25,36.
- Parisi, Deborah: From MINIMAL to MAX! In: Music Technology, December 1987, S. 83–86.
- Rutkoski, Rex: Hoenig album images have hypnotic effect. In: Valley News Dispatch, May 30/1978.
- Stern, Chip: Review "Departure from the Northern Wasteland". In: Downbeat, October 5/1978, S. 40.
- Stimeling, Gary: Northern Wasteland. In: High Times, May 1979. S. 104–105.
- Wolff, Carlo: Life after Max Headroom. In: What CD?, April 1988, S. 26–28.