Michael Theobald
deutscher römisch-katholischer Theologe
From Wikipedia, the free encyclopedia
Michael Theobald (* 7. März 1948 in Köln) ist ein deutscher römisch-katholischer Theologe und Neutestamentler. Er war von 1989 bis 2016 Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Eberhard Karls Universität Tübingen und gehört zu den Bearbeitern der revidierten Einheitsübersetzung der Bibel. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Leben
Ausbildung und wissenschaftliche Qualifikation
Theobald studierte 1966 bis 1967 Altphilologie an der Universität zu Köln und von 1967 bis 1972 katholische Theologie und Philosophie an der Universität Bonn und der Universität Münster. 1979 wurde er an der Universität Bonn in Katholischer Theologie promoviert; seine Dissertation aus dem Jahr 1980 trägt den Titel Die überströmende Gnade. Studien zu einem paulinischen Motivfeld.[1][2]
1985 habilitierte er sich im Fach Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Regensburg; seine Habilitationsschrift erschien später unter dem Titel Die Fleischwerdung des Logos. Studien zum Verhältnis des Johannesprologs zum Corpus des Evangeliums und zu 1 Joh.[3][4]
Beruflicher Werdegang

Von 1972 bis 1977 war Theobald wissenschaftliche Hilfskraft am Neutestamentlichen Seminar der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. 1978 übernahm er an der Universität Regensburg die Vertretung einer wissenschaftlichen Assistentenstelle am Lehrstuhl für Biblische Theologie (Exegese am Neuen Testament). 1982 wurde er an der Universität Regensburg zum Akademischen Rat ernannt, 1984 zum Studienrat im Hochschuldienst für Biblische Einleitungswissenschaften an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bamberg.[5]
Nach seiner Habilitation an der Universität Regensburg wurde Theobald 1985 auf eine Professur für Biblische Theologie mit dem Schwerpunkt Neutestamentliche Exegese an der Freien Universität Berlin berufen. 1989 wechselte er an die Eberhard Karls Universität Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2016 den Lehrstuhl für Neues Testament innehatte. Seit 2016 ist er Fellow des Theologischen Forschungskollegs der Universität Erfurt,[6] seit 2018 zudem Research Fellow im Department of Old and New Testament Studies der University of the Free State in Bloemfontein, Südafrika.[7]
Mitgliedschaften und Funktionen
Theobald ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler Fachgesellschaften. Seit 1985 gehört er der Society for New Testament Studies (SNTS) und der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Neutestamentler (AGNT) an, seit 2003 dem Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen, seit 2008 der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und seit 2013 dem Internationalen Colloquium Iohanneum.[8][9][10]
Von 2008 bis 2015 war Theobald Mitglied des Fachkollegiums „Katholische Theologie“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).[11] 2009 bis 2019 amtierte er als Vorsitzender des Katholischen Bibelwerks Stuttgart e. V.[12]
Er gehört außerdem zu den Unterzeichnern des Memorandums Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch.[13]
Forschung
Theobald arbeitet schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der neutestamentlichen Exegese. Zu seinen zentralen Forschungsfeldern gehören das Johannesevangelium, die paulinische Theologie, die literarische Genese der neutestamentlichen Schriften sowie die Passionserzählungen.[14] Seine Arbeiten verbinden synchrone Textanalyse mit diachronen Rekonstruktionen der Überlieferungsgeschichte und beziehen jüdische wie griechisch-römische Quellen systematisch ein.
Ein besonderes Profilmerkmal seiner Forschung ist die Rekonstruktion der literarischen Entwicklung neutestamentlicher Texte. In mehreren Projekten untersuchte er die Herkunft der vier Passionserzählungen und entwickelte dabei das Konzept der „Psaltermatrix“, das die enge Einbettung der urchristlichen Passionsüberlieferung in den Psalter beschreibt.[15] Darüber hinaus arbeitet er zum Verhältnis von Kirche und Israel sowie zur theologischen Bedeutung der Tora in der paulinischen Argumentation.
Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt die Erforschung der jesuanischen Überlieferung, des Corpus Iohanneum und der neutestamentlichen Briefliteratur, darunter Römerbrief, Epheserbrief, Hebräerbrief und die Pastoralbriefe.[16] Er gehörte zudem zum Kreis der Bearbeiterinnen und Bearbeiter der revidierten Einheitsübersetzung der Bibel, die 2016 vorgestellt wurde.[17]
Methodischer Ansatz
Theobald verfolgt einen integrativen Ansatz, der synchrone und diachrone Exegese verbindet. Er analysiert neutestamentliche Texte sowohl in ihrer literarischen Struktur und theologischen Absicht als auch in ihrer historischen Entstehung und Überlieferungsgeschichte.[18]
Seine Arbeiten umfassen traditionsgeschichtliche Rekonstruktionen, bei denen er Quellen und Überlieferungsprozesse im Kontext des frühchristlichen Schrifttums nachzeichnet. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er der Entstehung und Transformation von Texten, die sich durch verschiedene Stufen der Redaktion und Überlieferung entwickelt haben.
Ein zentrales Element seiner Methodik ist die sprachwissenschaftliche Analyse, durch die er die semantischen und pragmatischen Dimensionen von neutestamentlichen Texten auslotet und mit jüdischen sowie griechisch-römischen Quellen in Beziehung setzt.[19]
Johannesforschung
Theobald ist einer der führenden Forscher im Bereich des Johannesevangeliums. Er versteht das Evangelium als eine „dramatische Erzählung“, die antike Erzähltechniken mit theologischen und christologischen Motiven verbindet.[20] In seiner Analyse betont er die zentrale Rolle von Dialogen und Handlungen, die die Struktur des Evangeliums prägen, und untersucht die symbolische und theologische Bedeutung der „Zeichen“ Jesu.[21]
Ein zentrales Konzept seiner Forschung ist die Unterscheidung der verschiedenen Quellen, auf denen das Johannesevangelium basiert. Theobald nimmt an, dass der Evangelist auf eine „Zeichenquelle“ zurückgreift, die sieben „Zeichen“ (Wunder) Jesu systematisch darstellt.[22] Diese Quelle wird durch die redaktionelle Arbeit des Evangelisten zu einer kohärenten theologischen Erzählung umgewandelt, die zentrale christologische Fragen behandelt.[23]
Ein weiteres wichtiges Element seiner Johannesforschung ist die „Christologie der Aspekte“. Theobald unterscheidet zwischen der irdischen Existenz Jesu und seiner himmlischen Dimension, die beide im Johannesevangelium miteinander verwoben sind.[24] In diesem Zusammenhang betrachtet er die Präexistenz Christi als einen zentralen Aspekt des Johannesevangeliums, der die göttliche Herkunft Jesu unterstreicht.[25]
Schließlich untersucht Theobald den Synagogenkonflikt im Johannesevangelium und interpretiert ihn als ein frühes Zeugnis für die Trennung zwischen der johanneischen Gemeinde und der jüdischen Synagoge. Die Spannungen zwischen Jesus und den „Juden“ im Evangelium reflektieren die historischen Konflikte und die theologische Neupositionierung der johanneischen Gemeinschaft.[26]
Passion und Prozess Jesu
Theobald ist bekannt für seine Arbeit zur Passion Jesu, insbesondere in seiner Monographie Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen (2022). Programmatisch beschreibt er dort das Ziel, die vier kanonischen Passionserzählungen zunächst synchron in ihrem literarischen und theologischen Profil zu erfassen und anschließend ihre Genese bis zu einem Archetyp der Passions- und Ostererzählungen (PEG) überlieferungskritisch zu rekonstruieren; synchrone und diachrone Fragestellungen werden dabei ausdrücklich als sich ergänzende Perspektiven verstanden.[27]
Die von Theobald rekonstruierte älteste Passionserzählung (PEG) beschreibt er als literarisch-theologisches Konstrukt mit heilsgeschichtlicher Intention, das erzähltheoretisch nicht als fiktionale, sondern als „faktuale“ Erzählung zu verstehen ist: PEG bedient sich zwar fiktionalisierender Elemente, orientiert sich aber an historisch stattgefundenen Ereignissen.[28] Für die Chronologie der letzten Tage hält Theobald fest, dass sich aus PEG lediglich erschließen lässt, dass die Ereignisse vor einem Paschafest stattfanden und Jesus am Rüsttag eines Sabbats starb; die unterschiedlichen Chronologien der synoptischen und johanneischen Passion versteht er als theologisch motivierte Ausprägungen dieser Grundüberlieferung.[29]
Inhaltlich versteht Theobald PEG als stark von der Schrift Israels geprägte Erzählung. Prophetenworte und insbesondere der Psalter fungieren als gestaltende und deutende Matrix der Passion; Psalmen wie Ps 22, 38, 69 und 88 prägen nach seiner Analyse nicht nur die Darstellung der Kreuzigung, sondern beeinflussen die Komposition auch anderer Szenen. Am Ende des zweiten Teils gibt er die rekonstruierte PEG im Zusammenhang wieder und verortet ihre liturgische Keimzelle in der frühchristlichen Paschafeier.[30]
Auf dieser Basis entwirft Theobald im dritten Teil des Werkes eine historisch plausible Rekonstruktion der letzten Tage Jesu. Er deutet den Zusammenstoß Jesu mit der Jerusalemer Tempelaristokratie als Konflikt zwischen Prophet und Priester: Jesus tritt als Verkünder der nahen Königsherrschaft Gottes auf und kündigt den Priestern, deren Heilsverständnis an Heiligtum und Opferkult gebunden ist, das Gericht an. Die Hohepriester sehen in Tempelaktion und Verkündigung eine Gefährdung des Tempelstaats, klagen Jesus im Rückgriff auf Dtn 17,12f. und 18,9–22 als eines todeswürdigen „Vermessens“ gegenüber Gott an und überstellen ihn dem römischen Präfekten, der in dieser Theokratieproklamation einen politisch brisanten Königsanspruch erkennen kann.[31]
In den abschließenden theologischen Perspektiven entfaltet Theobald das Paradigma der Ambiguität als Schlüssel zum Verständnis der Passion: Jesu Auftreten sei historisch mehrdeutig und könne von seinen Gegnern als „Vermessenheit“, von seinen Anhängern als „Vollmacht“ wahrgenommen werden. PEG übersetze diese Ambiguität in die Eindeutigkeit des österlichen Bekenntnisses, während die kanonischen Evangelien zugleich die Vielfalt christologischer Deutungen sichtbar hielten.[32]
Paulusforschung
Theobald hat in seiner Forschung zur paulinischen Theologie den Römerbrief als „retractatio“ des Galaterbriefs verstanden, was bedeutet, dass Paulus im Römerbrief seine bereits im Galaterbrief entwickelte Rechtfertigungslehre weiter ausführt und neu entfaltet.[33] Theobald argumentiert, dass der Römerbrief nicht einfach als Antwort auf judaisierende Gegner zu lesen ist, sondern als ein ruhig darstellendes, ökumenisches Schreiben, das zur Reflexion über Israel anregt.[34]
Ein zentrales Thema in Theobalds Interpretation des Römerbriefs ist die Tora, die er als „soteriologisch entlastet, aber nicht entlassen“ ansieht. Das bedeutet, dass die Tora für Paulus nicht obsolet ist, sondern weiterhin eine ethisch relevante Grundlage für das Leben der Christen darstellt, auch wenn sie nicht zur Rechtfertigung vor Gott führt.[35] Theobald lehnt die gängige antilegalistische Lesart der paulinischen Rechtfertigungslehre ab, die das Gesetz vollständig als Hindernis für das Heil ansieht, und betont stattdessen die ethische Konzentration des Gesetzesbegriffs bei Paulus.[36]
In seiner Analyse zur Rechtfertigungslehre und Israel hebt Theobald hervor, dass Paulus in seinem Brief nicht nur die universelle Bedeutung des Glaubens an Jesus Christus betont, sondern auch auf das Verhältnis zwischen Israel und der Kirche eingeht. Dabei versteht er das Heil als Angebot für alle, wobei Israel als „Gottes Volk“ auch weiterhin eine zentrale Rolle spielt.[37]
Theobald betont die ökumenische Perspektive in seiner Paulusforschung, die er in Verbindung mit seiner Haltung zur Rechtfertigungslehre und zum Gesetz entwickelt. Diese Perspektive ermöglicht eine Brücke zwischen verschiedenen christlichen Konfessionen und fördert die Zusammenarbeit, ohne dass theologische Differenzen die Fundamente des Glaubens in Frage stellen.[38]
Mitarbeit an der Einheitsübersetzung
Theobald gehörte zum Kreis der Exegeten, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die Einheitsübersetzung der Bibel revidierten, die 2016 in neuer Fassung vorgelegt wurde. Innerhalb des Übersetzerteams war er für die Überarbeitung des Römerbriefs verantwortlich.[39]
In Aufsätzen zur revidierten Einheitsübersetzung und zur Auslegung von Röm 9–11 beschreibt Theobald die EÜ 2016 als Einladung zu einem „geistlichen Dialog“ über die Bibel in den Gemeinden und hebt ihr Potential für eine erneuerte Bibelpastoral und für den christlich-jüdischen Dialog hervor.[40][41] Zudem ist er Herausgeber des Bandes „Stuttgarter Neues Testament“ in der kommentierten Studienausgabe der Einheitsübersetzung.[42]
Wirken in Kirche und Öffentlichkeit
Beteiligung an Kirchenreformen
Theobald war Mitunterzeichner des Memorandums Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch, das 2011 von deutschsprachigen Theologieprofessorinnen und -professoren veröffentlicht wurde und im Kontext der Missbrauchskrise zu strukturellen Reformen in der katholischen Kirche aufruft. Das Memorandum fordert unter anderem mehr synodale Strukturen und eine stärkere Beteiligung der Gläubigen an kirchlichen Entscheidungen, eine verbesserte Rechtskultur, einen respektvolleren Umgang mit Gewissensentscheidungen in Fragen von Ehe, Scheidung und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sowie eine erneute Diskussion der Ämterfrage, einschließlich der Öffnung für verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.[43] In späteren Stellungnahmen, etwa im Umfeld der Weltsynode 2021–2024, hat Theobald diese Anliegen durch exegetische Beiträge zur Synodalität, zur Rolle der Frauen und zum dienenden Amtsverständnis weitergeführt.[44]
Dienen statt Herrschen (2023)
In seiner jüngsten Veröffentlichung Dienen statt Herrschen. Neutestamentliche Grundlegung der Ämter in der Kirche (2023) beleuchtet Theobald die neutestamentlichen Grundlagen des Amtes in der Kirche im Horizont der aktuellen Reformdiskussionen, etwa des deutschen Synodalen Weges und der römischen Bischofssynode 2021–2024.[45] Er stellt das Motiv des „dienenden“ Amtes den historisch gewachsenen, übersakralisierten Amtsvorstellungen gegenüber und plädiert für eine Neuausrichtung der Ämterstruktur, die Machtmissbrauch vorbeugt und ein gemeinschaftlicheres Amtsverständnis fördert.
Ausgehend von 24 Thesen skizziert Theobald die Vielfalt neutestamentlicher Terminologie für Kirche und Amt, die ekklesiogenen Prozesse zwischen der Verkündigung Jesu als Messias Israels, der missio ad gentes und der nach 70 n. Chr. einsetzenden Institutionalisierung der Gemeinden sowie die Rückbindung kirchlicher Strukturen an die Christusbeziehung und die Verwurzelung der Ekklesia in Israels Geschichte.[46] Theobald unterscheidet zwischen der unübertragbaren Rolle der Apostel als Auferstehungszeugen und den später entstehenden kirchlichen Ämtern, die er als ein relativ spätes Mittel der „apostolischen Identitätssicherung“ in einer Zeit vielfältiger theologischer Strömungen beschreibt. Er betont, dass das Neue Testament zwar früh eine Verbindung von Gemeindeleitung und Eucharistievorsitz kennt, aber kein kultisch-sakrales Amtsverständnis ausbildet.[47]
Einen Schwerpunkt legt Theobald auf die Rolle von Frauen in den frühchristlichen Gemeinden, die seiner Auffassung nach für Gründung und Aufbau von Kirche maßgeblich ist, in den Pastoralbriefen aber intentional zurückgenommen wird.[48] Im Anschluss an die paulinische Charismenlehre und Gal 3,28 argumentiert er, dass die Bindung von Leitungsfunktionen an das männliche Geschlecht dem Geist des Evangeliums widerspreche und der neutestamentliche Befund eher für eine Beteiligung von Frauen an kirchlichen Ämtern spreche.[49]
Rezeption
Die Arbeiten Theobalds sind in der neutestamentlichen Forschung breit rezipiert worden. Besondere Aufmerksamkeit fanden seine Beiträge zur Paulusinterpretation, zur literarischen Genese der Passionserzählungen und zur johanneischen Christologie. In den Rezensionen werden seine Studien häufig als eigenständige und profilierte Beiträge zur modernen Exegese gewürdigt, zugleich aber auch seine stark historisch-kritische und diachrone Ausrichtung diskutiert.[50][51][52]
Rezeption der Paulusforschung
Theobalds Arbeiten zum Römerbrief und zur paulinischen Theologie werden in der Forschung als wichtige Synthesen des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Hermut Löhr bezeichnete seinen Kommentar zum Römerbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als eine „gelungene Synthese der Römerbrief-Forschung“ und hebt hervor, dass Theobald die Tora im Denken des Paulus nicht als abgeschafft, sondern als „soteriologisch entlastet“ versteht.[53] Rainer Kampling betont in seiner Rezension der Studien zum Römerbrief in der Theologischen Literaturzeitung die Verbindung von historisch-kritischer Exegese, ökumenischer Perspektive und einer intensiven Reflexion des Verhältnisses von Kirche und Israel.[54]
Rezeption der Passionsforschung
Theobalds Monographie Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen ist in mehreren Rezensionen als wichtiger Beitrag zur Passionforschung gewürdigt worden. Martin Stowasser spricht von einem „opus magnum“ und betont die Kombination aus detaillierter literarischer Analyse der Evangelien und historischer Rekonstruktion der letzten Tage Jesu.[55] Rainer Schwindt hebt in seiner Besprechung die Rekonstruktion einer ältesten Passionserzählung (PEG) und das Paradigma der Ambiguität hervor, mit dem Theobald die unterschiedlichen Wahrnehmungen Jesu in den Quellen beschreibt.[56] Jacob Thiessen setzt sich in einer Rezension kritisch mit Theobalds methodischen Voraussetzungen auseinander und problematisiert insbesondere dessen historisch-kritischen Zugang und die Zurückhaltung gegenüber übernatürlichen Deutungen.[57]
Rezeption der Johannesforschung
Theobalds Kommentar zum Johannesevangelium (Kapitel 1–12) hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Jutta Leonhardt-Balzer würdigt in der Theologischen Literaturzeitung die Kommentierung als „konservative Lesart eines Kenners der Materie“, kritisiert aber die starke Fokussierung auf deutschsprachige Forschung und die weitgehende Übernahme klassischer Quellentheorien.[58] Rolf Baumann betont in der Biblischen Bücherschau die souveräne Kenntnis der johanneischen Forschung und beschreibt den Kommentar als Werk, das sich „fast wie ein spannender Roman“ lesen lasse.[59]
Zu Theobalds früherer johanneischer Monographie Herrenworte im Johannes-Evangelium äußerte sich Klaus Berger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisch. Berger würdigt zwar die traditionsgeschichtlichen Rekonstruktionen, lehnt jedoch die historisch-kritischen Grundprämissen und die Unterscheidung zwischen „historischem Jesus“ und nachösterlicher Gemeindetheologie deutlich ab.[60]
Auszeichnungen und Ehrungen
Gemeinsam mit seinem Bruder Christoph Theobald, Hochschullehrer für Katholische Theologie am Centre Sèvres in Paris, erhielt Theobald 2014 den Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen.[61]
Ihm wurden außerdem Festschriften gewidmet, darunter der Band Ein Meisterschüler. Titus und sein Brief. Michael Theobald zum 60. Geburtstag (2008)[62] sowie Aneignung durch Transformation. Beiträge zur Analyse von Überlieferungsprozessen im frühen Christentum. Festschrift für Michael Theobald (2013).[63]
Veröffentlichungen (Auswahl)
Monographien
- Die überströmende Gnade. Studien zu einem paulinischen Motivfeld (= Forschung zur Bibel. Bd. 22), Echter, Würzburg 1982, ISBN 3-429-00752-6.
- Im Anfang war das Wort. Textlinguistische Studie zum Johannesprolog (= Stuttgarter Bibelstudien. Bd. 106), Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1983, ISBN 978-3-16-149081-1.
- Die Fleischwerdung des Logos. Studien zum Verhältnis des Johannesprologs zum Corpus des Evangeliums und zu 1 Joh (= Neutestamentliche Abhandlungen, N.F. Bd. 20), Aschendorff, Münster 1988, ISBN 3-402-03642-8.
- Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Echter, Würzburg 2000, ISBN 3-429-02278-9.
- Studien zum Römerbrief (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Bd. 136), Mohr Siebeck, Tübingen 2001, ISBN 3-16-147519-4.
- Herrenworte im Johannesevangelium. Herder, Freiburg im Breisgau 2002, ISBN 3-451-27494-9.
- Ein Buch, das unser Leben verändert. Biblische Zeit-Gedanken (= Glauben und leben. Bd. 10), Lit, Münster 2003, ISBN 3-8258-6427-8.
- Studien zum Corpus Iohanneum. Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-16-150284-2
- Eucharistie als Quelle sozialen Handelns. Eine biblisch-frühkirchliche Besinnung (= Biblisch-Theologische Studien. Bd. 77), Neukirchener Theologie, Neukirchen-Vluyn 2012, ISBN 978-3-7887-2144-2
- zusammen mit Wolfgang Bretschneider: Das Paulus-Oratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-460-08601-2.
- Jesus, Kirche und das Heil der Anderen (= Stuttgarter biblische Aufsatzbände. Bd. 56), Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-460-06561-1.
- Israel-Vergessenheit in den Pastoralbriefen. Ein neuer Vorschlag zu ihrer historisch-theologischen Verortung im 2. Jahrhundert n. Chr. unter besonderer Berücksichtigung der Ignatius-Briefe (= Stuttgarter Bibelstudien. Bd. 229), Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-460-03294-1.
- Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 486), Mohr Siebeck, Tübingen 2022, ISBN 978-3-16-161610-5.
- Dienen statt Herrschen. Neutestamentliche Grundlegung der Ämter in der Kirche, Pustet, Regensburg 2023, ISBN 978-3-7917-3450-7.
Kommentare
- Der Römerbrief. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-10912-0.
- Das Evangelium nach Johannes. Pustet, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7917-2062-3
Herausgeberschaften
- Stuttgarter Neues Testament. Kommentierte Studienausgabe, 1. Aufl., kbw bibelwerk, Stuttgart, 2018, ISBN 978-3-460-44028-9
Aufsätze (Auswahl)
- „Der Primat der Synchronie vor der Diachronie als Grundaxiom der Literarkritik. Methodische Erwägungen an Hand von Mk 2,13–17/Mt 9,9–13“. In: Biblische Zeitschrift 2 (1978), S. 161–186.
- „Vom Text zum „lebendigen Wort“ (Hebr 4,12). Beobachtungen zur Schrifthermeneutik des Hebräerbriefs“. In: Christof Landmesser, Hans-Joachim Eckstein, Hermann Lichtenberger (Hrsg.): Jesus Christus als die Mitte der Schrift. Studien zur Hermeneutik des Evangeliums (BZNW 86). Herder, 1997, S. 751–790.
- „Rechtfertigung und Ekklesiologie nach Paulus. Anmerkungen zur „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre““. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 95 (1998), S. 103–117.
- „Das Johannesevangelium – Zeugnis eines synagogalen ‚Judenchristentums‘?“. In: Paulus und Johannes. Exegetische Studien zur paulinischen und johanneischen Theologie und Literatur. Herder, 2006, S. 107–158.
- „›Johannes‹ im Gespräch – mit wem und worüber?“. In: ZNT – Zeitschrift für Neues Testament 12/23 (2009), S. 47–53.
- „›Geboren aus dem Samen Davids …‹ (Röm 1,3). Wandlungen im paulinischen Christus-Bild?“. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche 102/2 (2011), S. 235–257.
- „Von den Presbytern zum Episkopos (Tit 1,5–9). Vom Umgang mit Spannungen und Widersprüchen im Corpus Pastorale“. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche 104/2 (2013), S. 209–237.
- „Die Passion Jesu bei Paulus und Markus“. In: Eve-Marie Becker, Troels Engberg-Pedersen (Hrsg.): Paul and Mark. Comparative Essays. de Gruyter, Berlin/Boston 2014, S. 243–282.
- „Paulus und die Gleichgeschlechtlichkeit. Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit der Schrift“. In: Stephan Goertz (Hrsg.): ‚Wer bin ich, ihn zu verurteilen?‘ Homosexualität und katholische Kirche. Herder, Freiburg 2015, S. 53–88.
- „Vom Werden des Rechts in der Kirche“. In: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche 106/1 (2015), S. 1–26.
- „Theologie und Anthropologie“. In: Zeitschrift für katholische Theologie 141/1 (2019), S. 44–63.
- „Warum und wozu gibt es Ämter in der Kirche? Die Antwort des Epheserbriefs“. In: Biblische Zeitschrift 65/1 (2021), S. 62–85.
- „Jesus, Messias aus Israel und für Israel“. In: Jesus – der Messias Israels?. Herder, Freiburg 2023, S. 175–196.
Literatur
Festschriften
- Hans-Ulrich Weidemann, Wilfried Eisele (Hrsg.): Ein Meisterschüler. Titus und sein Brief. Michael Theobald zum 60. Geburtstag. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-460-03144-9
- Wilfried Eisele, Christoph Schaefer, Hans-Ulrich Weidemann (Hrsg.): Aneignung durch Transformation. Beiträge zur Analyse von Überlieferungsprozessen im frühen Christentum. Festschrift für Michael Theobald. Herder, Freiburg im Breisgau 2013, ISBN 978-3-451-30774-4.
Rezensionen (Auswahl)
- Hermut Löhr: Die Tora ist nicht entlassen. Michael Theobalds gelungene Synthese der Römerbrief-Forschung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Oktober 2001, Nr. 250, S. 48.
- Rainer Kampling: Rezension zu: Michael Theobald, Studien zum Römerbrief. In: Theologische Literaturzeitung 129 (2004), S. 797–799.
- Klaus Berger: So darf Jesus nicht geredet haben. Michael Theobalds fragliche Prämissen zum Johannes-Evangelium. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Juni 2003, Nr. 128, S. 36.
- Jutta Leonhardt-Balzer: Rezension zu: Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes. Kapitel 1–12. In: Theologische Literaturzeitung 136 (2011), S. 56–58.
- Rolf Baumann: Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes Kapitel 1–12. In: Biblische Bücherschau 3 (2010).
- Martin Stowasser: Rezension zu: Michael Theobald, Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen. In: Biblische Bücherschau 6 (2023).
- Rainer Schwindt: Michael Theobald: Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen. In: Eulenfisch. Limburger Online-Magazin, 2023.
- Jacob Thiessen: Michael Theobald: Der Prozess Jesu. Geschichte und Theologie der Passionserzählungen. In: AFET-Rezensionen, 2022.
Weblinks
- Literatur von und über Michael Theobald im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Michael Theobald auf der Website der Universität Tübingen
- Michael Theobald im Mitgliederverzeichnis der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- Michael Theobald als Fellow am Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt