Mordasini-Denkmal

Personendenkmal in Locarno From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Mordasini-Denkmal ist ein dem liberalen Politiker und Journalisten Augusto Mordasini (1846–1888) gewidmetes Denkmal in Locarno im Schweizer Kanton Tessin. Seine Einweihung am 17. Februar 1889 war ein wichtiges Vorspiel des Tessiner Putsches. Das von Antonio Soldini geschaffene Werk stand ursprünglich auf der Piazza Grande und wurde 1934 an den Stadtrand versetzt.

Das Mordasini-Denkmal (2026)

Geschichte

Hintergrund

Der aus dem Onsernonetal stammende Augusto Mordasini war in den 1870er und 80er Jahren eine zentrale Figur der Tessiner Radikalliberalen, die damals noch in der Minderheit waren. Nach dem Studium der Rechte an der Universität Genf liess er sich in Locarno nieder und arbeitete hier als Anwalt in der Praxis seines Bruders Paolo und als Journalist bei diversen liberalen Zeitungen.[1] 1878 gründete er zusammen mit Rinaldo Simen das Parteiblatt der Liberalen Il Dovere, dem er auch als Herausgeber vorstand. Ab 1881 sass er als Nachfolger seines Bruders[2] im Tessiner Kantonsparlament, dem Grossen Rat.[1] Er starb am 3. Februar 1888 mit erst 41 Jahren in Locarno. Offizielle Todesursache war ein Schlaganfall, der ihn nach einem Mittagessen im «Albergo dell’America» jäh getroffen habe.[3][4] Mordasini war ein prononcierter Kirchenkritiker, weswegen er zivil bestattet wurde. An seinem Begräbnis am 5. Februar nahmen über 1500 Personen teil, wobei Angehörige der konservativen Partei den Anlass grösstenteils mieden. Mordasinis Leichnam wurde in der Turnhalle an der Piazza Grande aufgebahrt und dann, von einem langen Leichenzug begleitet, auf dem städtischen Friedhof beigesetzt.[5]

Projektierung

Noch im selben Jahr rief Rinaldo Simen zusammen mit vier Parteikollegen eine Kommission zur Errichtung eines Denkmals für Mordasini ins Leben, die am 27. August 1888 einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen mit folgenden Auflagen eröffnete: Das mit Spendengeldern finanzierte Denkmal sollte seinem «historischen und patriotischen Zweck» gerecht werden, ferner einen «besonderen zivilen Charakter» und «möglichst mächtige und strenge architektonische Proportionen» aufweisen. Abgesehen von einer Büste oder einem Medaillon in Bronze konnte der Künstler weitere dekorative Elemente einpflegen. Die Ausführungskosten sollten 6000 Franken nicht übersteigen.[6] Anfang Oktober kürte die Kommission den Entwurf von Antonio Soldini zum Sieger. Das zweitplatzierte Projekt von Antonio Chiattone verwendete sie später für das Pioda-Denkmal.[7] Soldini war selbst Radikalliberaler und gehörte 1890 zu den Urhebern des Tessiners Putsches.[8] Er verlangte für seine Arbeit keinen Lohn.[9]

Einweihung

Das Mordasini-Denkmal um 1910, an seinem ursprünglichen Standort auf der Piazza Grande

Die Einweihungsfeier konnte nicht wie ursprünglich beabsichtigt an Mordasinis erstem Todestag, dem 3. Februar 1889, abgehalten werden, sondern fand am Sonntag, den 17. Februar, statt. Für die An- und Rückreise der Gäste verkehrte je ein Sonderzug mit 25 bis 30 Wagen.[9][10] Um 14 Uhr begab sich ein Festzug mit über 3000 Personen vom Bahnhof Locarno zur Piazza Grande, wo das Denkmal bei der Turnhalle aufgerichtet worden war. Der Anlass wurde «zugleich zu einer Demonstration gegen das neueste Gebaren der Regierungspartei».[11] Nach Romeo Manzoni und Rinaldo Simen ergriff Leone de Stoppani das Wort und schlug vor, dem Bundesrat folgenden Beschluss zukommen zu lassen:

«Die Volksversammlung − in Locarno anlässlich der Einweihung des Denkmals für Augusto Mordasini vereint und über die Anschläge auf das Wahlrecht informiert, welche die Behörden des Kantons begangen haben, die die im Ausland wohnhaften Bürger des Tessins aus den Wahlregistern ausschliessen und die Fragen des Wahlwohnsitzes und der Steuerleistung auf die willkürlichste und parteiischste Weise entscheiden – erhebt energischen Protest gegen die Verletzung des grundlegenden Rechts des Bürgers der Republik und spricht ihr Vertrauen aus, dass die Bundesbehörden, um unvermeidliche Unruhen zu verhüten, wirksam und rechtzeitig eingreifen werden, um die Vollendung der angezeigten Missbräuche zu verhindern.»

Die Menge akklamierte Stoppanis Ansinnen enthusiastisch, und die Nachricht wurde noch selbigen Tags nach Bern telegrafiert.[9]

Versetzung

Am 12. November 1934 wurde im Locarner Gemeinderat vorgeschlagen, das Mordasini-Denkmal aus dem Stadtzentrum zu entfernen und stattdessen im Bosco Isolino («Inselwald») auf öffentlichem Grund aufzustellen,[12] was am 14. November angenommen wurde. Von vierzig Abgeordneten waren nur fünfundzwanzig bei diesem Entscheid anwesend.[13] Die Versetzungsarbeiten wurden im Dezember verrichtet.[14]

Jüngere Geschichte

Am 30. September 2009 reichte der Grossrat Silvano Bergonzoli von der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi eine polemische Anfrage an die Exekutive Locarnos, den Municipio, ein, in der er sich über die Vernachlässigung und den Verfall des Denkmals beklagte. Es sei «umgeben von einem regelrechten Wald meterhoher Brennnesseln», sein Zustand sei «ziemlich mitleiderregend», und man könne sich kaum vorstellen, wann es das letzte Mal gereinigt worden sei. Er schlug vor, das Monument, falls die Stadt ausserstande sei, es angemessen zu pflegen, Mordasinis Geburtsgemeinde Onsernone zu schenken, die «sich gewiss besser darum zu kümmern und die Persönlichkeit ihres Bürgers zu würdigen» wisse.[15] Am 30. Oktober 2025 reichte Bergonzolis Parteikollegin, die Gemeinderätin Valérie Camponovo, eine weitere Anfrage ein. Das Denkmal sei «geschwärzt, verlassen, moosbedeckt, als hätten die Zeit und die Gleichgültigkeit langsam die Erinnerung an einen Mann ausgelöscht, welcher der Stadt so viel gegeben hat», und seit Bergonzolis Vorstoss habe sich sein Zustand trotz Versprechungen vonseiten der Behörden nicht verbessert.[16]

Beschreibung

Das Bronzerelief auf dem Postament

Das Denkmal steht heute am nördlichen Rand des Bosco Isolino, an der Via Francesco Ballerini. Es ist aus Verzasca- und Baveno-Granit gehauen.[17] Letzterer war damals in der Tessiner Architektur als besonders luxuriöses Gestein beliebt.[18] Über einem auf einer dreistufigen Krepis ruhenden Postament erheben sich zwei Säulen, die einen verwitterten Architrav tragen. Zuoberst thront ein todwunder Brozeadler mit einem Pfeil in der Brust.[9] Er erhebt Mordasini zum Märtyrer des Liberalismus und war eine unmissverständliche Anklage gegen die Konservativen, denen die Schuld an seinem frühen Tod zugeschrieben wurde.

Auf der auskragenden Deckplatte des Postaments ist ein von einem Lorbeerkranz umgebenes Bronzemedaillon mit dem Reliefporträt Mordasinis angebracht. Daneben sind, typisch für Soldinis Denkmäler, flechtwerkartig emblematische Objekte gruppiert: links die von Mordasini gegründeten Parteizeitungen Il Tempo und Il Dovere sowie eine Schreibfeder (als Symbole für sein journalistisches Wirken), rechts eine Freiheitsfahne mit der lateinischen Aufschrift «LIBERTAS» (als Symbol für seinen Kampf für den Liberalismus).

Auf der Vorderseite des Mittelkörpers ist ein flaches, rechteckiges Bronzerelief eingelassen, das eine Sitzung des Grossen Rats zeigt. Einige der abgebildeten Abgeordneten wie Carlo Battaglini und Leone de Stoppani, die zur rechten Seite Mordasinis sitzen und andächtig lauschen, sind echte Porträts.[9] Virgilio Gilardoni deutete die Szene als die «historische Rede von 1875», in der Mordasini die Verfassungswidrigkeit des Parlaments angeprangert habe.[18] Da Augusto Mordasini zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Rat sass, verwechselte er ihn vielleicht mit seinem Bruder Paolo. Das Relief ist unten mit «Soldini. A. 1889» signiert.

Inschriften

Auf den weiteren Seiten des Mittelkörpers sind Inschriften in Majuskeln eingehauen. Jene auf der rechten Seite lautet:

AD
AUGUSTO MORDASINI
PUBBLICISTA E DEPUTATO
[AR]DITO GENEROSO INSTANCA[BILE]
PROPUGNATORE
DI LIBERTÀ DI GIUSTIZIA DI PROGRESSO
1846 – 1888
Für
Augusto Mordasini
Publizist und Abgeordneter
mutiger, grosszügiger und unermüdlicher
Verfechter
der Freiheit, des Rechts und des Fortschritts
1846–1888 

Die Inschrift auf der linken Seite expliziert Mordasinis Tätigkeit:

REDATTORE
DEL TEMPO E DEL DOVERE
DEPUTATO AL GRAN CONSIGLIO
PER IL CIRCOLO D'ONSERNONE
Redaktor
von Il Tempo und Il Dovere
Abgeordneter im Grossen Rat
für den Kreis Onsernone 

Die Inschrift auf der Rückseite nennt die Initianten und nimmt mit der Nennung der Auslandtessiner Bezug auf die geplante Änderung des Wahlrechts:

IL POPOLO E GLI EMIGRATI
AL LORO AMICO E DIFENSORE
Das Volk und die Emigrierten
ihrem Freund und Verteidiger 

Siehe auch

Literatur

Commons: Mordasini-Denkmal – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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