Mulatu Astatke
äthiopischer Musiker
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Mulatu Astatke (* 19. Dezember 1943[1][2][3] in Jimma; amharisch ሙላቱ አስታጥቄ; Namensvariante Astatqé) ist ein äthiopischer Musiker (Vibraphon, Perkussion, Keyboard) und Radiomoderator. Er ist als „Vater des Ethiojazz“ bekannt.

Werdegang
Astatke stammt aus einem wohlhabenden äthiopischen Elternhaus und ging 1956 zur Schulausbildung nach Großbritannien mit dem Plan, Flugzeugingenieur zu werden. Dort entdeckte und entwickelte er sein musikalisches Interesse; er spielte Klarinette und Perkussionsinstrumente. Er besuchte das Lindisfarne College nahe Wrexham in Nordwales.[4] Anschließend studierte er am Trinity College of Music in London und spielte in der Clubszene, unter anderem mit Joe Harriott im Metro Club.[4] In den 1960er-Jahren zog er in die USA, schrieb sich am Berklee College of Music in Boston ein – als erster afrikanischer Student – und nahm seine ersten beiden Alben auf.[4]
Er verband westlichen Jazz und lateinamerikanische Musik mit traditioneller äthiopischer Musik und schuf so einen neuen Stil, den Ethiojazz. 1971 trat er gemeinsam mit Duke Ellington auf. 1969 kehrte er nach Addis Abeba zurück und prägte in den „Swinging Addis“-Jahren seinen Ethio-Jazz.[4] Studio und Proberaum dienten ihm dabei als Labor, in dem er Stile mischte und das, was er die „Wissenschaft“ des Ethio-Jazz nannte, ausformte.[4]
Im Alter von 16 Jahren schickten ihn seine Eltern nach England, wo er eigentlich eine Pilotenausbildung beginnen sollte; Lehrkräfte förderten jedoch sein musikalisches Talent, und er spielte zunächst Trompete in der Londoner Clubszene.[5] In den USA fand Astatke am Vibraphon sein Signaturinstrument und beendete seine Ausbildung in New York City, wo er Konzerte unter anderem von John Coltrane und Bud Powell besuchte und seine erste Gruppe, The Ethiopian Quintet, gründete.[5] Da es in den USA damals kaum äthiopische Musiker gab, rekrutierte er Bandmitglieder vornehmlich aus Puerto Rico, was seine frühe Nähe zu afro-lateinamerikanischen Rhythmen verstärkte.[5] Mitte der 1960er-Jahre entstanden die Alben Afro-Latin Soul und Afro-Latin Soul Vol. 2; programmatisch ist das Stück Girl From Addis Ababa, das Motive der Bossa-Nova-Ästhetik nach Addis Abeba überträgt.[5]
Zurück in Äthiopien gründete er das African Jazz Village, eine Mischung aus Musikschule und Club. Als Radiomoderator und TV-Host machte er seinen Landsleuten die eigene reiche Musikgeschichte bewusst. Seit 2001 arbeitete er mit dem US-amerikanischen Either/Orchestra zusammen; 2009 war er mit den Heliocentrics auf Tournee.[6] Er nahm mit der Band ein gemeinsames Album auf, Inspiration Information.
2005 verwendete der Filmregisseur Jim Jarmusch Stücke von Astatke im Soundtrack seines Films Broken Flowers und verhalf dem Musiker zu neuer Bekanntheit. Am 9. Oktober 2014 startete der 71-Jährige mit seiner 6-köpfigen Band im Düsseldorfer Tanzhaus eine Europatournee.
Mulatu Astatke lebt in Addis Abeba und ist mit einer Lehrerin für Englisch und Mathematik verheiratet. Das Paar hat einen Sohn und eine Tochter.[7]
Stil
Astatke verband äthiopische Melodielinien und Kirchentonfolgen mit westlicher Harmonielehre und Instrumentierung und formte daraus den Ethio-Jazz.[5] Früh manifestierte sich dies in Mulatu of Ethiopia (1971) und in Stücken wie Kulunmanqueleshi, das auf einem bekannten äthiopischen Hochzeitslied basiert und Querflöte, E-Bass, Wah-Wah-Gitarre und Congas kombiniert.[5] Im Jahr 1974 erschien mit Yèkatit: Ethio Jazz featuring Fekade Amde Maskal seine erste in Äthiopien als Album konzipierte Session; darauf findet sich Yèkèrmo Sèw, dessen Titel „Mann mit Erfahrung und Weisheit“ bedeutet – ein umgangssprachlicher Ausdruck des Aramäischen.[5] Astatke verknüpft darin eine äthiopische Melodielinie aus der Kirchenmusik mit Horace Silvers Song for My Father (1965); die Anklänge an Silvers Hard-Bop-Standard bleiben in den Bläserarrangements hörbar, verwandeln sich bei Astatke jedoch in eine melancholische Reflexion über Verlust.[5]
Sein Idiom beruht auf der äthiopischen pentatonischen Skala, die er mit Jazztraditionen aus verschiedenen Regionen verband; auch liturgische Melodien der äthiopisch-orthodoxen Kirche dienen als Ausgangspunkt, etwa wenn ein Bühnenstück auf ein Motiv aus dem 4. Jahrhundert zurückgreift.[4] Charakteristisch ist zudem die Einbindung traditioneller Instrumente wie Washint (Flöte), Kebero (Trommel) und der einsaitigen Fiedel Masenqo, deren Klang er mit dem Violoncello vergleicht.[4] Astatke bezeichnet die überliefernden Musikerinnen und Musiker, die diese Instrumente entwickelt haben, als „unsere Wissenschaftler“ und arbeitet daran, ihre Klangmöglichkeiten durch „Computerisierung“ zu erweitern.[4]
1974
Der Albumtitel Yèkatit verweist auf den Monat Februar des Erscheinungsjahres 1974, in dem Studentenproteste gegen Haile Selassie begannen und am 12. September zum Sturz des Kaisers führten; dennoch verstand Astatke seine Musik im Grundsatz als unpolitisch und bevorzugte Instrumentalwerke.[5] Während viele Kolleginnen und Kollegen das Land verließen, blieb er in Äthiopien, wandte sich der Lehre zu und verlor seine Stelle – angeblich, weil er „imperialistische Musik“ fördere.[5]
Wiederentdeckung
In den 1990er-Jahren wurde Astatkes Werk durch französische Neuauflagen wiederentdeckt; zusätzliche Popularität erhielt er 2005 durch Broken Flowers, als Jim Jarmusch mehrere seiner Stücke verwendete.[5] Seine Originalalben wurden gesuchte Sammlerstücke, und Hip-Hop-Produzenten sampelten seine Musik, unter anderem für Nas und Killah Priest.[5] Astatke arbeitete zudem als Radiomoderator, in dessen Sendungen er die Musikgeschichte Äthiopiens vermittelte, und gründete in Addis Abeba das African Jazz Village als Club und Musikschule.[5]
Weitere Aufmerksamkeit erhielt er durch die Verwendung einer seiner Aufnahmen im Spielfilm The Nickel Boys, der 2025 in der Kategorie Bester Film für den Oscar nominiert war.[4] Er betont bis heute, dass die kulturellen Beiträge Afrikas oft nicht angemessen anerkannt werden, und sieht seine Aufgabe in der weltweiten Förderung der Musik Äthiopiens und des Kontinents.[4]
Im September 2025 – 81-jährig – kündigte Astatke seine Abschiedstournee in Europa an und veröffentlichte das Album Mulatu Plays Mulatu (Strut/!K7/Indigo) mit Neuarrangements seiner Klassiker für größeres Ensemble.[5] Die Aufnahmen akzentuieren hypnotische Grooves, vertrackte Rhythmen und meditative Melodiebögen; Triller und Vibrati stiften einen warmen, friedvollen Klang voller Tiefe.[5]
In der Rezeption wird Astatke bis heute teils als einziger „echter“ Vertreter des Ethio-Jazz bezeichnet.[5] Im November 2025 gab er in London sein letztes Livekonzert und verabschiedete sich nach mehr als sechs Jahrzehnten von der Bühne; zugleich kündigte er an, weiterhin äthiopische Musik international zu vermitteln.[4]
Diskografie (Auswahl)
- Maskaram Setaba (7", 1966, Addis Ababa Records, US)
- Afro-Latin Soul, Volume 1 (1966, US)
- Afro-Latin Soul, Volume 2 (1966, US)
- Mulatu Of Ethiopia (1972, Worthy Records, US)
- Yekatit Ethio-Jazz (1974, Amha Records, Ethiopia)
- Plays Ethio Jazz (1989, Poljazz, Poland)
- Ethio Jazz: Mulatu Astatke Featuring Fekade Amde Maskal
- Mulatu Astatke
- Assiyo Bellema
- Éthiopiques, Vol. 4: Ethio Jazz & Musique Instrumentale, 1969-1974, (1998, Buda Musique, Frankreich)
- Music from Broken Flowers – Beitrag zum Soundtrack des Films (2005, Universal, Berlin)
- New York – Addis – London: The Story of Ethio Jazz 1965–1975 (2009, Strut)
- Inspiration Information, mit The Heliocentrics (2009, Strut)
- Mulatu Steps Ahead (2010, Strut)
- Mochilla Presents Timeless Mulatu Astatke (Liveaufnahme von 1. Februar 2009 in Los Angeles, 2010, Mochilla)
- Sketches of Ethopia (2013, Harmonia Mundi)
- Mulatu Astatke & Black Jesus Experience: To Know Without Knowing (2020, Agogo)
- Mulatu Astatke and Hoodna Orchestra: Tension (2024, Batov)
- Mulatu Plays Mulatu (2025, Strut/!K7/Indigo)
Literatur
- Kay Kaufman Shelemay: “Traveling Music”: Mulatu Astatke and the Genesis of Ethiopian Jazz. In: Philip V. Bohlman, Goffredo Plastino (Hrsg.): Jazz Worlds/World Jazz. University of Chicago Press, Chicago 2016
Weblinks
- Mulatu Astatke bei AllMusic (englisch)
- Mulatu Astatke bei Discogs
- Mulatu Astatke bei laut.de
- Mulatu Astatke bei Bandcamp
- Jazz from the Horn of Africa: 'Ethiopiques' bei NPR vom 16. Juli 2006, mit Audio-Dateien
- Richard Williams: Mulatu Astatke: the man who created 'Ethio jazz In: The Guardian vom 5. September 2014 (englisch)