Ménothy Cesar
haitianischer Schauspieler
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Ménothy Cesar (* 1983 in Haiti) ist ein haitianischer Schauspieler, der mit seiner Darstellung des jungen Mannes Legba in Laurent Cantets Film Vers le Sud (2005) internationale Aufmerksamkeit erlangte. Für seine Rolle erhielt er den Marcello-Mastroianni-Preis bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig.
Biographie
Ménothy Cesar wurde 1983 in Haiti geboren und wuchs in dem karibischen Inselstaat auf. Die Hauptstadt Port-au-Prince, in deren Umkreis Cesar aufwuchs, war zu dieser Zeit geprägt von den Auswirkungen der jahrzehntelangen Duvalier-Herrschaft, die von 1971 bis 1986 andauerte.[1]
Über Cesars frühe Jahre, seine Ausbildung und seinen Weg zur Schauspielerei sind nur wenige Details bekannt. Seine Karriere begann in einem Land, dessen Filmindustrie aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und politischer Instabilität nur begrenzte Möglichkeiten bot.[2]
Karriere
Durchbruch
Cesars internationaler Durchbruch gelang ihm 2005 mit der Hauptrolle des achtzehnjährigen Legba in Laurent Cantets Film Vers le sud (dt. In den Süden). Der Film, der auf Kurzgeschichten des haitianisch-kanadischen Schriftstellers Dany Laferrière basiert, insbesondere auf dessen Roman La Chair du maître von 2000, spielt Ende der 1970er-Jahre in Haiti während der Duvalier-Diktatur.[3][4][5]
Die Handlung des Films dreht sich um drei nordamerikanische Frauen mittleren Alters, die in ein Strandresort nahe Port-au-Prince reisen, um dort junge haitianische Männer gegen Geld und kleine Geschenke zu treffen. Cesar verkörpert Legba, einen jungen Mann, um dessen Gunst sich insbesondere die von Charlotte Rampling gespielte Französischlehrerin Ellen und die von Karen Young dargestellte Amerikanerin Brenda bemühen. Die Rolle stellte eine komplexe Herausforderung dar, da sie die Themen Sextourismus, Machtgefälle zwischen Nord und Süd sowie die wirtschaftliche Ausbeutung Haitis in den Fokus rückte.[6][7][8]
Regisseur Laurent Cantet, der zuvor mit Filmen wie Ressources humaines (dt. Der Jobkiller; 1999) und L’Emploi du temps (dt. Auszeit; 2001) Beachtung gefunden hatte, entwickelte das Drehbuch gemeinsam mit seinem langjährigen Mitarbeiter Robin Campillo. Der Film wurde mit einem internationalen Cast realisiert, wobei neben den etablierten Schauspielerinnen Rampling, Young und Louise Portal bewusst haitianische Darsteller wie Cesar eingesetzt wurden, um der Geschichte Authentizität zu verleihen.[9][3]
Vers le Sud feierte seine Premiere bei den 62. Internationalen Filmfestspielen von Venedig im September 2005. Der Film konkurrierte um den Goldenen Löwen und erhielt gemischte bis positive Kritiken. Kritiker würdigten insbesondere die nüchterne Inszenierung Cantets, die auf eine Hochglanzästhetik verzichtete und stattdessen die soziale Realität Haitis in den Vordergrund stellte.[7][5]
Auszeichnung
Für seine Darstellung des Legba wurde der damals 22-jährige Ménothy Cesar bei den Filmfestspielen von Venedig 2005 mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet.[10] Diese Auszeichnung, die seit 1998 zu Ehren des italienischen Schauspielers Marcello Mastroianni vergeben wird, würdigt herausragende Leistungen von Nachwuchsdarstellern.[11] Cesar war nach Gael García Bernal, Diego Luna und Moon So-ri einer der ersten nicht-europäischen Schauspieler, die diesen prestigeträchtigen Preis erhielten.
Weitere Filmarbeit
Nach dem Erfolg von In den Süden trat Cesar 2011 in Pierre Schoellers politischem Drama L’exercice de l’État (dt. Der Aufsteiger) auf. In diesem Film übernahm er die Rolle eines Autobahnarbeiters an der Seite von Olivier Gourmet, Michel Blanc und Zabou Breitman. Der Film, der die Mechanismen des französischen Politikbetriebs unter die Lupe nimmt, wurde bei den Filmfestspielen von Cannes 2011 uraufgeführt und erhielt mehrere César-Nominierungen.[12][13][14][15]
Regisseur Pierre Schoeller hatte sieben Jahre lang an dem Projekt gearbeitet und umfangreiches Recherchematerial über französische Minister gesammelt. In L’exercice de l’État wird die Geschichte des Verkehrsministers Bertrand Saint-Jean, gespielt von Olivier Gourmet, erzählt, der zwischen seinen politischen Überzeugungen und den Zwängen der Macht zerrieben wird. Cesars Rolle als Autobahnarbeiter Martin Kuypers, der vom Minister als Chauffeur eingestellt wird, war kleiner als seine vorherige Hauptrolle, zeigte aber seine Vielseitigkeit als Schauspieler.[16][17][18]
Rezeption
Ménothy Cesar gilt als einer der wenigen haitianischen Schauspieler, die internationale Anerkennung erlangt haben. Seine Arbeit in Vers le Sud wurde von Kritikern als bemerkenswert authentisch und emotional differenziert beschrieben. Der Film selbst wurde als wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Thema Sextourismus und den postkolonialen Machtstrukturen zwischen dem globalen Norden und Süden gewürdigt.[19][5][6]
Die Tatsache, dass Cesar trotz seines Erfolges und der prestigeträchtigen Auszeichnung nicht zur Preisverleihung nach Venedig reisen konnte, machte auf die prekäre Situation haitianischer Künstler aufmerksam. Haiti verfügt über eine lange, wenngleich oft unterbrochene Filmtradition, doch die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen des Landes haben die Entwicklung einer stabilen Filmindustrie erschwert.[2]
Cesars Karriere steht exemplarisch für die Schwierigkeiten, mit denen Schauspieler aus der Karibik konfrontiert sind, wenn sie versuchen, international Fuß zu fassen. Während andere haitianische Künstler wie Jimmy Jean-Louis oder Raoul Peck größere internationale Bekanntheit erlangten, blieb Cesars Filmografie nach 2011 begrenzt. Die Gründe dafür liegen in den strukturellen Herausforderungen der Filmindustrie, den begrenzten Produktionsmöglichkeiten in Haiti und den Schwierigkeiten, als haitianischer Schauspieler im internationalen Filmgeschäft kontinuierlich Rollen zu erhalten.[20][2]
Cesar im Kontext der haitianischen Filmindustrie
Die haitianische Filmindustrie hat trotz erheblicher Hindernisse eine reiche Geschichte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts fanden in Port-au-Prince die ersten Filmvorführungen statt, und das Land hat eine Reihe bedeutender Filmschaffender hervorgebracht. Allerdings haben die jahrzehntelangen politischen Unruhen, wirtschaftliche Not und fehlende Infrastruktur die Entwicklung einer nachhaltigen Filmindustrie verhindert.[20][21][22]
Ménothy Cesars Arbeit in Vers le sud ist insofern bedeutsam, als sie einen Beitrag zur Sichtbarkeit haitianischer Schauspieler im internationalen Kino leistet. Der Film thematisiert nicht nur die sozialen und wirtschaftlichen Realitäten Haitis, sondern gibt haitianischen Darstellern auch eine Stimme in einer Industrie, die oft von westlichen Perspektiven dominiert wird.[19]
Filmografie
- 2005: In den Süden (Vers le sud) von Laurent Cantet
- 2011: Der Aufsteiger (L'exercice de l'État), von Pierre Schoeller
Weblinks
- Ménothy Cesar bei IMDb