Trockenmüsli mit Früchten in MilchMüsli mit frischen FrüchtenOvernight Oats mit tropischen Früchten
Schon vor rund 23.000 Jahren rösteten Steinzeitmenschen wilde Weizen- und Gerstenkörner, zerstießen sie in einem primitiven Mörser und aßen sie zusammen mit Himbeeren, Feigen und Mandeln u.a. als Körnergrütze.[3]Haferbrei spielte im Laufe der weiteren menschlichen Ernährungsgeschichte Europas und Vorderasiens immer eine wichtige Rolle, galt mit regionalen Unterschieden aber auch oft als Armenspeise. Populär wurde die ungekochte Variante um 1900 durch den Aargauer Arzt und Ernährungsreformer Maximilian Oskar Bircher-Benner, der dazu durch Ernährungsgewohnheiten schweizerischer Alphirten inspiriert worden war. Heute ist Müsli wesentlicher Bestandteil der europäischen Frühstückskultur. Müesli ist neben Schokolade eine der Schweizer Spezialitäten, die weit über die Schweiz hinaus Verbreitung gefunden haben.
Die ursprüngliche Apfeldiätspeise „d Spys“
Der Aargauer Arzt und Ernährungsreformer Maximilian Oskar Bircher-Benner entwickelte sein ursprüngliches Birchermus vor 1900. 1897 stellte er seine Rohe Apfelspeise während eines Studienaufenthaltes in Dresden dem promovierten Arzt Heinrich Lahmann vor, der dieses Müsli, überzeugt von dessen Wirkung, in der Sanatoriumsküche des Lahmann-Sanatoriums einführte. Bircher-Benner wiederum nahm von hier viele weitere Anregungen mit in die Schweiz.[4]
Bircher-Benner eröffnete 1904 am Zürichberg ein Sanatorium „Lebendige Kraft“, wo das Birchermus als leicht bekömmliches Abendessen gereicht wurde. Seine Kreation nannte er inzwischen Apfeldiätspeise oder einfach dSpys ([t ʃpiːz̥], schweizerdeutsch ‚die Speise‘). Damit konnte er viele seiner Sanatoriumsgäste von den Vorteilen einer Vollwertdiät mit frischem Obst überzeugen.
Bircher-Benner gilt als Pionier der Vollwerternährung. Ursprünglich war er überzeugt, dass unbearbeitete pflanzliche Rohkost, wie sie für ein Müsli verwendet wird, „biologisch wirksame Lichtquanten“ enthalte, aus denen der Körper „Lebenskraft“ gewinnen könne – eine Hypothese, die sich später als falsch herausstellte (siehe Biophotonen). Als Vertreter vegetarischer Rohkosternährung waren für Bircher-Benner die mit Schale und Kerngehäuse frisch geriebenen Äpfel das Wichtigste, nicht etwa die Getreideflocken. Kondensmilch verwendete er, weil die zu damaliger Zeit unpasteurisierte Frischmilch ein hohes Tuberkulose-Risiko darstellte.
Das Originalrezept nach Bircher-Benner
Für eine Portion:
1 gestrichener Esslöffel Haferflocken
3 Esslöffel Wasser
12 Stunden einweichen
1 Esslöffel Zitronensaft
1 Esslöffel gezuckerte Kondensmilch beifügen und zu einer Sauce vermischen
etwa 2 Äpfel (400 g) einer möglichst säuerlichen Sorte; unmittelbar vor dem Servieren mit der Schale auf der Bircherraffel direkt in die Sauce hineinreiben und gelegentlich umrühren, damit sich das Apfelfleisch nicht bräunt
1 Esslöffel Haselnüsse oder Mandeln gerieben darüber streuen[5]
Weitere Geschichte
Der Ernährungsreformer Bircher hielt zahlreiche Vorträge über Rohkosternährung und bewarb dabei seine Apfeldiätspeise. Zu einem ersten Durchbruch und Bekanntheit im deutschsprachigen Raum verhalfen dem Birchermus die unzähligen Kochbücher und Schriften von Mitgliedern der Bircher-Familie. Bereits in den 1920er-Jahren stand die Apfelspeise auf der Speisekarte vegetarischer Restaurants. Richtig populär wurde das Birchermus vorerst nur in der Schweiz. Ab den 1940er- und 1950er-Jahren wurde das Birchermus regelmäßig zum Abendessen eingenommen. Auch in den Küchen von Gefängnissen, Heimen, Klöstern und des Militärs stand es regelmäßig auf dem Menüplan.
Mit der Popularität kamen bald Rezepte auf, die sich vom Original unterschieden. Kondensmilch wurde durch Milch, Joghurt oder Rahm (Sahne) ersetzt. An Stelle der Haferflocken traten zunehmend die schon seit den frühen 1940er-Jahren industriell hergestellten Trockenmischungen:
Birmus (Obsthalle AG in Romanshorn, 1942), ein komplettes Birchermüesli mit getrockneten Äpfeln, Milchpulver, Getreideflocken, Sultaninen und Haselnüssen.
Frutifort (1946[6]), die „fertige Birchermüesli-Mischung nach Dr. Bircher“ der Thurgauer Schälmühle Zwicky AG enthielt dagegen keine Früchte, sondern nur verschiedene Getreideflockensorten. Auf der Verpackung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass man der Mischung frische Früchte beigeben sollte.
1954 wurde von Hipp in Sachseln in der Zentralschweiz die Firma Somalon AG gegründet, die zunächst die Hipp-Babynahrung in der Schweiz anbot. Nach kurzer Zeit stellte diese jedoch auf die industrielle Herstellung von Birchermüesli-Mischungen um und hatte damit Erfolg.[7] Die Firma heißt heute bio-familia AG und gehört zur Hipp-Firmengruppe.
1985 versuchte Kellogg’s, den Begriff Müsli als Markennamen schützen zu lassen. Dies scheiterte an einem acht Jahre älteren Eintrag in Deutschland. Stattdessen wurden Müslix und Müeslix eingetragen.
Geschichte im gesellschaftlichen und politischen Kontext
In der nationalsozialistischen Ernährungspolitik des „Dritten Reichs“ wurde Haferkonsum in all seinen Verwendungsformen propagiert, was sich auch gut in die NS-Körperpolitik und die Wunschvorstellungen vom gesunden und kräftigen deutschen Menschen einbetten ließ, wobei zusätzlich Bezüge zu den als fleißige Haferesser geltenden alten Germanen hergestellt wurden. Hintergrund waren aber insbesondere kriegswirtschaftlich motivierte Autarkiebestrebungen.[8][9]
Im August 1969 sorgte das Woodstock-Festival im US-Bundesstaat New York für einen unbeabsichtigten Popularitätsschub: Nachdem sich die Besuchermassen des Open-Air-Festivals von geplant 200.000 unkontrolliert auf rund 400.000 verdoppelt hatten, brach auch schnell die Lebensmittelversorgung der Festivalbesucher zusammen. Auf vielfältige Weise wurde improvisierte Notverpflegung organisiert, bei der auch Müsli und andere Getreidegerichte eine wichtige Rolle spielten. Diese Begebenheit verstärkte über die USA hinaus den Bekanntheitsgrad von Müsli ebenso wie dessen klischeehafte Assoziation mit Hippies und Anhängern der 68er-Bewegung.[10]
Die ab den 1970er-Jahren entstandenen Umweltbewegungen und Neuen Sozialen Bewegungen sahen in der Ernährung ein Praxisfeld, in dem Gesundheitsfragen mit Umweltschutz und Konsumkritik verknüpfbar sind. Indem Vollwertkost und Vegetarismus propagiert wurden, rückte auch die Haferkost wieder verstärkt in den Fokus. Von der Gegnerschaft wurden die Angehörigen dieser Szenen mit Spottnamen wie „Müslis“ und „Müslifresser“ verunglimpft.[8]
Ab Mitte der 1980er-Jahre begann der konventionelle Lebensmittelhandel, sich auf den Bio-Markt auszuweiten und Naturkostprodukte in die Regale der Supermärkte zu bringen. Damit war Naturkost im Mainstream angekommen. Das setzte die Naturkostbranche unter Professionalisierungsdruck und löste einen Verdrängungswettbewerb aus. Außerdem definierten amerikanische Marktforscher und Werbestrategen um das Jahr 2000 einen neuen Konsumententyp mit angeblich riesiger Kaufkraft: LOHAS – der Lifestyle of Health and Sustainability, also ein an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientierter Konsumstil. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen löste sich die ideologische Befrachtung des Müslikonsums unter dessen Anhänger- und Gegnerschaft langsam auf und wich sachorientierten Bewertungen und Entscheidungen.[9]
Spätestens mit dem Fall der ideologischen Hürden wurde Müsli in weiten Teilen der Welt zu einem Standard auf den Frühstücksbuffets der Hotels. Heute bewirbt z.B. der Deutsche Fußball-Bund Müsli als gesunde und fußballgerechte Ernährung.[11]
Müsli im heutigen Gebrauch
Heutige Produkte
Im Handel steht der Begriff Müsli heute meist für Mischungen der Trockenprodukte, die vom Verbraucher insbesondere noch um eine Frischobst-Zutat, eine Flüssigkeitszutat und ggf. weitere Zutaten ergänzt und zum Verzehr angerichtet werden können. Dabei wird in der Regel unterschieden zwischen
Basismischungen sind grundlegende Mischungen aus Getreideflocken und Kernen, die als Grundlage für individuelle Müslizubereitungen dienen. Sie enthalten hauptsächlich Vollkornflocken wie Hafer, Dinkel, Roggen und Gerste sowie oft Saaten wie Sonnenblumenkerne und Leinsamen. Basismischungen sind ungesüßt und enthalten keine Trockenfrüchte oder Nüsse, sie sind damit über die Müslizubereitung hinaus auch in der herzhaften Küche einsetzbar.
Fertigmischungen weniger verbreitete Trockenfrüchtesind weitestgehend verzehrfertige Trockenmischungen, die über die Bestandteile von Basismischungen hinaus durch weitere geschmacksgebende und meistens auch süßende Zutaten ergänzt sind. Dabei kann es sich um die verschiedensten Arten von traditionellem Trockenobst (insbesondere Rosinen, Datteln, Feigen), Nüsse und nussähnliche Früchte, Zucker, Honig und andere Süßungsmittel oder auch um Anteile von Knuspermüsli handeln. Auch gefriergetrocknetes Obst (z.B. Erdbeeren, Himbeeren, Blaubeeren), Kakao oder Schokolade können hinzugefügt sein. Je nach Schwerpunkt dieser Zutaten werden die Fertigmischungen auch als Fruchtmüsli oder Nussmüsli, bei auf Kinder zugeschnittenen Mischungen auch als Kindermüsli bezeichnet.
Basis- und Fertigmischungen sind in vielfältigen Ausprägungen und verschiedenen Gebindegrößen im Handel erhältlich, können aber auch individuell selbst hergestellt[12] oder über den Internet-Versandhandel auch individuell konfigurierbar bezogen werden.
Weitere im Handel gebräuchliche Produkte, in deren Bezeichnung oder Namen Müsli enthalten ist:
Als Knuspermüsli werden in der Regel Getreideflockenmischungen bezeichnet, die oft mit geschmacksgebenden Nuss-, Mandel- und Trockenobstgranulaten versetzt sind und durch Zugabe von Zucker, Ahornsirup, Honig oder anderen Süßungsmitteln verklumpt und anschließend gebacken worden sind. Als weitere Bezeichnungen dafür sind Crunchy und insbesondere im englischen Sprachraum auch Granola üblich.
Müsliriegel enthalten als Grundzutaten gepufftes, geflocktes, geröstetes oder gemahlenes Getreide verschiedener Sorten, die durch den Zusatz von Kohlenhydraten, Fetten oder Gelatine und durch Backen oder andere lebensmitteltechnische Verfahren in Riegelform mit hart-knuspriger oder zäh-biegsamer Konsistenz fixiert worden sind. Je nach Sorte werden zusätzlich Schokolade, Trockenobst, Nüsse, Mandeln, Fruchtfüllungen, Milchcreme oder Glasur verarbeitet. Müsliriegel sind insbesondere als Zwischenverpflegung für Schulkinder oder Ausflüge beliebt. Speziell für Schwerelosigkeitsbedingungen hergestellte Müsliriegel haben auch im Bereich der Astronautennahrung eine lange Tradition.
Insbesondere im Bereich von Fruchtjoghurts werden üblicherweise auch einige Sorten unter Bezeichnungen wie Bircher-Müsli, Frühstücksmüsli o.ä. angeboten, die Getreideflocken und andere typische Müslibestandteile im Fruchtanteil enthalten. Außerdem werden im Handel verschiedene Fruchtjoghurts in Zweikomponenten-Bechern mit separaten Knuspermüsli-Rationen angeboten.
Auch angereicherte Ausführungen aller zuvor aufgeführten Müslivarianten können prinzipiell hergestellt und angeboten werden, indem ihnen insbesondere bestimmte Vitamine, Mineralstoffe oder zusätzliche Proteine bzw. Ballaststoffe hinzugefügt werden. Sie zählen dann zum nicht unumstrittenen Functional Food[13]. Im Gegensatz zu hochverarbeiteten Frühstückscerealien wie Cornflakes oder formgepressten Extrudaten sind bislang – zumindest im deutschsprachigen Raum – nur sehr wenige angereicherte Müsliprodukte auf dem Markt. Im Biosektor sind solche Anreicherungen nur mit sehr wenigen Ausnahmen erlaubt und wurden in jüngerer Zeit gerichtlich auch noch einmal schärfer gefasst.[14]
Nach dem Inkrafttreten im Januar 2023 einer im Jahr 2021 verabschiedeten EU-Verordnung ist die Herstellung von Insektenmehl aus mehreren Insektenarten als Novel Food erlaubt und wird beispielsweise schon in Müsli-Produkten des europäischen Lebensmittelhändlers Kaufland verwendet. Dafür ist eine genaue Kennzeichnung der Insektenarten notwendig.[15]
Zubereitung
Für Bircher-Benner war ein mehrstündiges Einweichen der Haferflocken die ultimative Zubereitungsart, was auch der damaligen Qualität der Haferflocken geschuldet war, aber bei der heutigen Qualität der Haferflocken und Müslimischungen nicht mehr unbedingt erforderlich ist. Nicht wenige Müslifreunde bevorzugen heute den Verzehr ohne vorheriges Einweichen und begründen dies neben Aufwandsersparnis mit einer bissfesteren Konsistenz („al dente“) sowie einem vielfältigeren Geschmackserlebnis, da sich Aromen der einzelnen Zutaten noch nicht vermengt haben. Aber auch die Einweichmethode gewinnt – unter der englischen Bezeichnung Overnight Oats[16] – wieder zunehmend Anhänger. Insbesondere Menschen mit einem empfindlichen Verdauungssystem können von eingeweichten Haferflocken profitieren.[17]
Medizinisch gesehen haben beide Varianten ihre Vor- und Nachteile: Haferflocken enthalten Phytinsäure, die die ebenfalls enthaltenen Mineralstoffe wie Zink, Magnesium, Eisen und Kalzium bindet und deren Aufnahme im Rahmen der menschlichen Verdauung erschwert. Durch das Einweichen werden Phytase-Enzyme aktiviert und können die Phytinsäure abbauen. Der Phytinsäure-Abbauprozess wird beschleunigt durch Wärme und saure Zutaten wie Joghurt, Zitronensaft oder Vitamin C, andererseits soll der Einweichprozess aus hygienischen Gründen größtenteils bei Kühlschranktemperatur erfolgen. Außerdem werden der Phytinsäure selbst auch mögliche positive Eigenschaften als Antioxidans und Schutz gegen Krebs oder Nierensteine zugeschrieben. In vielen Fällen kann die Mineralstoffblockade durch Phytinsäure durch den gleichzeitigen Verzehr mit einer fruchtsäure- und Vitamin-C-haltigen Frischobst-Zutat, also auch ohne Einweichzeit weitgehend überwunden werden.[18]
Frischobst-Zutat
Für Bircher-Benner war ein geraspelter Apfel die wichtigste Müsli-Zutat. Heute hat diese Sicht auch nach ökotrophologischem Wissensstand Bestand, lässt sich aber weitgehend auf beliebige Obstarten verallgemeinern: Obst ergänzt die Haferflocken in der Regel um die ihnen fehlenden Vitamine B9, C und Provitamin A, wobei das Vitamin C dem Körper eine deutlich bessere Aufnahme von Eisen aus den Flocken ermöglicht.[19] Als Müslizutat eignen sich mit wenigen Ausnahmen nahezu alle frisch verfügbaren Obstarten, wobei die konkrete Auswahl zuvorderst durch geschmackliche Vorlieben, individuelle Bekömmlichkeit und momentane Verfügbarkeit bestimmt werden, aber auch Lager- und Transportfähigkeit, Portionierbarkeit, Zubereitungsaufwand, Preis und Umweltbilanz eine Rollen spielen können. Damit stellt sich das heutige Frischobstspektrum für Müslizubereitungen in Mitteleuropa wie folgt dar:
Äpfel sind heute nach wie vor eine der meistverwendeten Fruchtzutaten im Müsli. Sie übertönen nicht den Geschmack der übrigen Zutaten, sind durch ihre gute Lagerfähigkeit fast immer verfügbar und leicht zu verarbeiten. Sie können in verzehrgerechte Stücke aufgeschnitten oder mit einer Küchenreibe gerieben bzw. auch gröber geraspelt werden. Die insbesondere bei Kindern oft unbeliebte Braunfärbung des Reibeguts entsteht durch Oxidation und ist vollkommen unbedenklich. Apfelsorten mit geringerem Phenolgehalt zeigen meist eine deutlich geringere Braunfärbung, sind andererseits aber auch oft für Apfel-Allergiker unverträglicher.[20]
Bananen sind ebenfalls eine sehr häufige Frischobst-Zutat. Sie werden entweder in Scheiben geschnitten oder – insbesondere für Kinder – mit einer Gabel zu einem Mus zerdrückt und geben dem Müsli eine sehr liebliche Geschmacksrichtung. Verschiedene Studien zeigen, dass sich Bananenverzehr abhängig u.a. von Tageszeit, Reifegrad und Kombination mit anderen Lebensmitteln sehr unterschiedlich auswirken kann; zum Frühstück ist eine – bei einem Müsli gegebene – Kombination mit Eiweiß und Fett empfehlenswert.[21]
Blaubeeren sind heute eine der beliebtesten Frischobst-Zutaten. Allerdings sind sie in Mitteleuropa aus regionaler Erzeugung in der Regel nur vier bis maximal sechs Monate erhältlich[22] und müssen ansonsten – mit üblicherweise schlechter Ökobilanz – aus weit entfernten Anbaugebieten, meistens auf der Südhalbkugel, herantransportiert werden.[23]
Erdbeeren und Himbeeren gelten als die aromareichsten heimischen Frischobst-Arten für ein Müsli. Frische deutsche Erdbeeren sind in der Zeit von Mai bis Juli im Handel erhältlich, mit Frigopflanzen kann die Ernte bis Ende August verlängert werden.[24] Je nach Sorte können Himbeeren in Deutschland von etwa Juni bis November Saison haben.[25] Beide Arten zählen zu den transportempfindlichen und schlecht lagerfähigen Früchten, außerdem leiden sie unter den Auswirkungen des fortschreitenden Klimawandels und lassen sich nur noch mit hohen Investitionen (Bewässerungssysteme, Schutztunnel gegen Extremwetterereignisse, Pflanzenschutz etc.) und Personalaufwänden anbauen und ernten.[26]
Andere Beerenobst-Arten wie Johannisbeeren, Stachelbeeren oder Brombeeren sind – vermutlich aus geschmacklichen Gründen – als Müslizutat weniger verbreitet, aber durchaus gut geeignet. Stachelbeeren und Brombeeren sind heute allerdings zunehmend sonnenbrandgefährdet.
Auch Birnen sind als Müslizutat gut geeignet, aber seltener verwendet. Je nach Konsistenz können Birnen manchmal auch geraspelt, in der Regel aber in verzehrgerechte Stücke geschnitten werden.
Unter den Steinobst-Arten finden insbesondere Pfirsiche und Nektarinen häufiger Verwendung als Müslizutat. Süßkirschen und Pflaumen mit ihren Unterarten wie Zwetschgen oder Mirabellen sowie Aprikosen eignen sich aber auch uneingeschränkt, verursachen aber durch Entsteinen und ggf. Zerkleinern etwas mehr Zubereitungsaufwand.
Weintrauben sind zwar in getrockneter Form sehr häufig in Müslis vertreten, werden aber trotz ihrer geschmacklichen und gesundheitlichen Eigenschaften[27] als Frischobst-Zutat seltener verwendet. Wer seine Kaugewohnheiten etwas anpasst und die Traubenkerne weitgehend unzerbissen lässt, kann auch Gefallen finden an kernhaltigen Traubensorten, die nicht selten aromatischer sind als die kernlosen.
Neue müslikompatible Beerenarten gewinnen insbesondere vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels an Bedeutung: Die Haskap-Beere (auch Maibeere oder Kamtschatka-Beere) ist vereinzelt schon als Frischobst im Handel zu finden; der Geschmack wird als Mischung aus Blaubeere, Brombeere und Himbeere beschrieben.[28] Auch die aromatisch-süßen Saskatoon-Beeren mit Geschmacksnoten aus Heidelbeere, Kirsche und Marzipan gelangen langsam, aber zunehmend in den Handel.[29] Die Korallen-Ölweide ist dagegen bislang noch nicht als Frischobst im Angebot, sondern nur als Baumschulpflanze erhältlich, allerdings in einer beachtlichen Sortenvielfalt. Alle drei Arten eignen sich auch unproblematisch für einen Anbau im privaten Nasch- oder Selbstversorger-Garten und sind zugleich wertvolle Insektennährgehölze.
Je nach Zubereitungsart und Verzehrgewohnheiten können jedoch frische Ananas, Kiwis und Papaya problematisch sein: Sie enthalten Enzyme wie Actinidain, Bromelain oder Papain, die den Pflanzen zum Selbstschutz dienen, die aber auch Eiweiße in Milchprodukten aufspalten können und sie bitter werden lassen.[30] Außerdem können die Säfte von stark säurehaltigem Obst wie Zitrusfrüchten die Milchprodukte gerinnen lassen.[31] Beide Effekte lassen sich minimieren, wenn das zubereitete Obst nicht insgesamt vorab vermengt wird mit den Flocken und Milchprodukten, sondern die Vermengung erst direkt beim Verzehr happenweise erfolgt.
Nicht selten werden als Ersatz für Frischobst auch handelsübliche Tiefkühl-Beeren im Rohzustand einem Müsli beigegeben. Diese Praxis gilt inzwischen jedoch als hygienisch riskant, da Tiefkühlbeeren Krankheitserreger wie Noro- oder Hepatitis-A-Viren sowie Potpourris verschiedener Pestizide enthalten können. Zur Risikovermeidung sollten TK-Früchte gewaschen und kurz erhitzt werden, bevor sie in Müslis, Smoothies und Süßspeisen verwendet werden.[32]
Flüssigkeitszutat
In kleinen Portionen wird Knuspermüsli gelegentlich auch in trockenem Zustand gegessen, bei einem Verzehr in mahlzeitüblichen Portionen ist aber eine Flüssigkeitszutat die Regel. Dabei kann geschmacks-, allergie- oder gesundheitsorientiert aus einem sehr breiten Spektrum ausgewählt werden:
Dickflüssige oder cremige Milcherzeugnisse wie Joghurt, Dickmilch, Skyr etc. Aus Geschmacksgründen werden auch gerne Vanille- oder Fruchtjoghurts verwendet, die aber die Frischobst-Zutat nach Bircher-Benner nicht ersetzen können.
Dickflüssige oder cremige milcherzeugnisähnliche Produkte aus pflanzlichen Zutaten
Obstsäfte, seltener auch Gemüsesäfte oder Smoothies
Nuss-Müslis 20 Nuss-Müslis standen im Dezember 2024 im Fokus von Tests des VKI. Die Ergebnisse sind überwiegend gut bis sehr gut. Doch einige Müslis fielen durch sehr viel Zucker und sehr wenig Nüsse auf.[34]
Früchtemüslis Früchtemüslis sind bei vielen Verbrauchern aufgrund ihrer Süße sehr beliebt und werden von den Testorganisationen häufiger unter die Lupe genommen. Vielfach wurden und werden dabei stark überhöhte Zuckeranteile oder verharmlosende Werbeaussagen gerügt, dass Süße aus Trockenfrüchten gesundheitlich weitgehend unbedenklich sei.
Bei einer Untersuchung von ÖKO-TEST aus dem Januar 2022 wurden 50 Müslis untersucht, davon 29 Bio-Produkte. Der Fruchtanteil lag zwischen sieben und 55 Prozent. Nur 28 der untersuchten Müslis waren pestizidfrei, bei den übrigen wurden Rückstände von bis zu 31 verschiedenen Pestiziden entdeckt.[35]
Bei einer weiteren Untersuchung von ÖKO-TEST aus dem Januar 2025 wurden 40 Müslis untersucht. Die Hälfte der Produkte bekam die Bestnote „empfehlenswert“. In einigen Müslis stecken jedoch ganze Pestizidcocktails, außerdem wurden in einigen Produkten Mineralöl-Kohlenwasserstoffe und das Schimmelpilzgift Ochratoxin A gefunden.[36]
Kindermüslis Bei Kindern ist eine Fehlernährung besonders folgenreich und für das weitere Leben prägend. Daher hat die WHO mit einem Katalog von Ernährungskriterien Leitlinien zum Schutz von Kindern vor Werbung für ungesunde Lebensmittel herausgegeben, die auch für Kinder-Cerealien gelten.[37] Danach sollten 100 Gramm Kinder-Cerealien höchstens 12,5 Gramm Zucker und 17 Gramm Fett enthalten.
Die Stiftung Warentest hat u.a. auf dieser Basis im Juni 2023 110 Cerealien für Kinder ausgewertet. 86 enthielten zu viel Zucker, nur 24 Produkte sind „empfehlenswert“.[38] Im Gegensatz zu hochverarbeiteten Kinder-Cerealien wie Cornflakes oder formgepressten Extrudaten schnitten insbesondere klassische Kindermüslis deutlich besser ab.[39]
ÖKO-TEST hat im Juli 2025 zehn Kindermüslis untersucht, darunter acht Bio-Produkte. Etliche haben die Bewertung „sehr gut“ erhalten, es gab aber auch Negativbewertungen für viel zu hohen Zuckergehalt oder Spuren von Acrylamid, Pestiziden und Mineralöl-Kohlenwasserstoffen.[40]
Vermutlich aufgrund der relativ regen Testaktivitäten der renommierten Testorganisationen zu Müsliprodukten gibt es dazu im Internet vergleichsweise wenige „Pseudo-Warentests“: Dabei handelt es sich um kostenlos zugängliche Produktübersichten, die fast ausschließlich auf Herstellerangaben und Zusammenfassungen von Amazon-Käuferbewertungen basieren. Sie sind in der Regel dem Erscheinungsbild professioneller Vergleichstests z.B. der Stiftung Warentest stark nachempfunden, haben aber keinerlei investigativen Charakter, d.h. sie liefern keine zusätzlichen Informationen zu üblicherweise den Verbrauchern nicht zugänglichen Aspekten der Produktqualität oder gar zu Produktmängeln. Sie sind weitestgehend werblicher Natur und den Ausprägungsformen des Affiliate-Marketings zuzurechnen. (Beispiele: [41][42])
Lagerung
Neben der Herstellqualität ist auch die Qualitätsbewahrung durch sachgerechte Lagerung von hoher Bedeutung – im Handel ebenso wie beim Verbraucher. Getreideflocken und Müsli sollten kühl, trocken und dunkel gelagert werden. Vielfach wird ein Umfüllen der Cerealien nach dem Kauf in einen luftdicht verschließbaren Behälter empfohlen, der sie vor Feuchtigkeit und Schädlingen wie z.B. der Mehlmotte schützt. Ungeöffnete Packungen sind rund ein Jahr lang haltbar. Nach dem Öffnen der Verpackung sind die Produkte rund vier bis sechs Monate genießbar. Enthaltene Zutaten wie Nüsse oder Schokolade verkürzen die Haltbarkeit, da sie empfindlicher auf Luft und Feuchtigkeit reagieren.[43]
Häufig sind Getreideflocken und Müslis bei passender Lagerung auch nach dem Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar. Wenn die Cerealien ihr Aussehen, ihren Geruch (charakteristisch ist z.B. der Geruch ranziger Nüsse) oder Geschmack verändert haben oder einen feuchten Eindruck machen, sollten sie nicht mehr verzehrt werden. Auch dunkle oder helle Flecken an den Flocken sind ein Zeichen für Verderb; hierbei kann es sich um Schimmel oder Schädlingsbefall handeln.[43] Kleine Gespinstfäden, an denen oft auch Flocken hängen bleiben, deuten auf Befall durch Motten hin.
Gekochte Cerealien wie Haferbrei sollten nach dem Abkühlen im Kühlschrank aufbewahrt werden und sind dort maximal fünf Tage haltbar.
Müsli und Müesli
In der Schweiz, Vorarlberg, Liechtenstein und den südlichen Teilen Baden-Württembergs ist –auch im Schweizer Hochdeutsch– ausschließlich die ursprüngliche Form Birchermüesli gebräuchlich. Müsli –mit langemü [ˈmyːsli]– ist hingegen in den meisten alemannischen Dialekten die Verkleinerungsform von Muus („Maus“) und bedeutet dort „Mäuslein“. Sprachlich kommt Müesli [ˈmyəz̥li] (schweizerische Aussprache [ˈmyəslɪ]) als verselbständigter Diminutiv vom schweizerdeutschMues zu mittelhochdeutsch müeselīn (Dim. zu muos), standardsprachlich Mus (siehe auch -li). Die Schreibweise Müesli wird jedoch auch von überregional bekannten Herstellern von Flocken und Kindernahrung verwendet (u.a. von den Firmen Schneekoppe und Hipp).
Erweiterter Sprachgebrauch und Kulturelles
Als Müslis oder abwertend Müsli- bzw. Körnerfresser wurden in Deutschland insbesondere bis etwa zur Jahrtausendwende, inzwischen deutlich seltener alternativ lebende Menschen bezeichnet[44]; vgl. auch Kohlrabi-Apostel[9]
Anfang der 1980er-Jahre wurde die Radio-Comedy-Figur Matthias Müsli von Jacky Dreksler zum Kult auf SWF3.
Die Kölner Gruppe BAP besang 1981 auf ihrem Album Für usszeschnigge! den „Müsli Man“.
Im Englischen gibt es den soziologischen Begriff des muesli belt für den typischen Wohngürtel ökologie- und gesundheitsorientierter Mittelklassebürger mit Ernährungsbewusstsein.[45]
Die Siedlung Stadtrain, eine Ein- und Mehrfamilienhaussiedlung des wohnreformierten Neuen Bauens in Winterthur (Schweiz), wird wegen der Straßennamen (Quitten-, Kirschen-, Pfirsich-, Aprikosen-, Birnen- und Apfelweg) scherzhaft „Birchermüesli-Quartier“ genannt.[46] Was ursprünglich leicht abschätzig gemeint war, wird heute mit einer besonderen Wohnqualität und Avantgarde der Klassischen Moderne assoziiert.[47]
Im Kölner Stadtteil Müngersdorf liegt die Siedlung Egelspfad, die wegen der Straßennamen (Roggenweg, Hirseweg, Weizenweg, Leinsamenweg etc.) umgangssprachlich als „Müslisiedlung“ bezeichnet wird.
Literatur
Max Bircher-Benner: Früchtespeisen und Rohgemüse. 1924; 13. Auflage. Basel / Leipzig / Wien 1931, S.22f.
Albert Wirz: Die Moral auf dem Teller. Dargestellt an Leben und Werk von Max Bircher-Benner und John Harvey Kellogg, zwei Pionieren der modernen Ernährung in der Tradition der moralischen Physiologie, mit Hinweisen auf die Grammatik des Essens und die Bedeutung von Birchenmues und Cornflakes. Aufstieg und Fall des patriarchalen Fleischhungers und die Verführung der Pflanzenkost. Chronos, Zürich 1993, ISBN 3-905311-10-0.
Franziska Rüttimann, Lukas Meier; Stiftung Mühlerama (Hrsg.): Voll flockig: Das Müesli – von Bircher-Benner bis Functional Food. Publikation zur Ausstellung des Mühlerama. Museum in der Mühle Tiefenbrunnen in Zusammenarbeit mit dem Bircher-Benner-Archiv des Medizinhistorischen Institutes der Universität Zürich, Zürich 2004.
Pierre Itor: Beinahe hätten sie dem Müesli den Garaus gemacht. Über Max Bircher-Benner. In: Revue Schweiz-Suisse-Svizzera-Switzerland. Band 7, 1996, S.22–23.
Eberhard Wolff: Über die Unfolklorisierbarkeit des Birchermüeslis und die Pluralität von Identitäten. In: Voll flockig übrigens … das Müesli – von Bircher-Brenner bis functional food. [Eine Publikation zur Ausstellung des Mühlerama – Museum in der Mühle Tiefenbrunnen in Zusammenarbeit mit dem Bircher-Benner-Archiv des Medizinhistorischen Institutes der Universität Zürich]. Zürich 2004.
Hrsg. Stiftung Mühlerama, Zürich. Red. Franziska Rüttimann. Mitarb. Lukas Meier et al. (Hrsg.): Die Alltagsküche: Bausteine für alltägliche und festliche Essen. Volkskundliches Seminar der Universität Zürich, 2005, S.88–92.
Jörg Albrecht:Vom "Kohlrabi-Apostel" zum "Bionade-Biedermeier": Zur kulturellen Dynamik alternativer Ernährung in Deutschland. In: Nomos Verlagsgesellschaft (Hrsg.): Religionswissenschaft und Religionskritik. Band1, 2022, doi:10.5771/9783828879003.
Weblinks
Commons: Müsli– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Jürgen Helfricht: Biografie des berühmten Dresdner Naturheilers Dr. med. Heinrich Lahmann (1860–1905). In: Lahmanns Dresdner Kochbuch. Edition Krickau, Dresden 2001, ISBN 3-00-006709-4, S.273–313, hier S.294.
L. Hallberg, M. Brune, L. Rossander:Iron absorption in man: ascorbic acid and dose-dependent inhibition by phytate. In: The American Journal of Clinical Nutrition. Band49, Nr.1. Elsevier, Januar 1989, doi:10.1093/ajcn/49.1.140 (englisch).