Negative Andrologie

Begriff zur Beschreibung eines historischen gesellschaftlichen Diskurses über Männlichkeit, in dem Männer als moralisch, sozial oder in ihrer Natur problematisch dargestellt und mit negativen Eigenschaften assoziiert werden From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Negative Andrologie ist ein vom deutschen Soziologen Christoph Kucklick geprägter Begriff zur Beschreibung eines historischen gesellschaftlichen Diskurses über Männlichkeit, in dem Männer als moralisch, sozial oder in ihrer Natur problematisch dargestellt und mit negativen Eigenschaften assoziiert werden. Das soziologische Konzept wurde erstmals in Kucklicks Studie Das unmoralische Geschlecht. Zur Genese der Negativen Andrologie von 2008 entwickelt, in welcher Textquellen seit dem späten 18. Jahrhundert Auswertung fanden.

Bei der Negativen Andrologie handle es sich um eine historische Semantik von Männlichkeit, also um ein kulturelles Verständnissystem, mit dem moderne westliche Gesellschaften Männlichkeit interpretierten. Dieses Deutungssystem entstand nach Kucklicks Analyse vor allem im späten 18. Jahrhundert und prägt bis in die Gegenwart Vorstellungen über männliches Verhalten und seine gesellschaftlichen Folgen.

Begriff

Der Begriff der „Andrologie“ wird hierbei in einem erweiterten Sinne verwendet. Während er in der Medizin die Männerheilkunde bezeichnet, meint er hier die Gesamtheit der gesellschaftlichen Deutungen über Männlichkeit. Diese Andrologie kann sowohl positive als auch negative Zuschreibungen enthalten. Während die Positive Andrologie Männlichkeit mit positiven Eigenschaften wie Autonomie, Tatkraft und Rationalität in Verbindung bringt, beschreibt die Negative Andrologie jene Teile dieses Deutungssystems, in denen Männlichkeit vorwiegend negativ bewertet wird.[1]

Kucklick verdeutlicht, dass solche Zuschreibungen nicht als empirische Aussagen verstanden werden können, sondern als Bestandteile eines historischen Diskurses über Geschlecht und Geschlechterverhältnisse.

Historischer Ausgang

Kucklick verortet die Entstehung der Negativen Andrologie im Übergang zur modernen Gesellschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts. In zahlreichen Texten dieser Zeit werden Männer etwa mit Gewalt, Kriminalität, Egoismus, Triebhaftigkeit oder moralischer Rücksichtslosigkeit in Verbindung gebracht. Analog zu positiven Bewertungen als gesellschaftliches Ideal, erscheint Männlichkeit hier als potenzielle Bedrohung sozialer Stabilität, der Gesellschaft, von Frauen und der Moral. Die moderne Gesellschaft entwickle hier ein Misstrauen gegenüber Männlichkeit. Während weiterhin auch ein heroisches Narrativ von Männlichkeit Tradierung fand, wurde analog eine Problemgeschichte des Mannes erzählt. Oftmals werden Frauen und Weiblichkeit dabei als ausgleichender Faktor dargestellt.

Des Weiteren thematisieren viele Autoren dieser Zeit auch eine soziale Zerrissenheit der modernen Männlichkeit. Männer erscheinen als Figuren, die durch die neuen Strukturen der Gesellschaft fragmentiert und orientierungslos werden. Dies wird etwa mit beruflicher Spezialisierung, emotionaler Verarmung oder gesellschaftlicher Entfremdung verbunden.[2]

Systemtheoretische Analyse

Kucklick entwickelte seine Analyse auf Grundlage einer gesellschaftstheoretischen Perspektive, die sich an der Systemtheorie orientiert. Zentral ist dabei der Begriff der Semantik, der die kulturellen Deutungsmuster beschreibt, mit denen eine Gesellschaft ihre Wirklichkeit interpretiert. Dabei hängen Veränderungen dieser Semantik eng mit der Struktur moderner Gesellschaften zusammen.

Die Gesellschaft sei in dieser Zeit durch funktionale Differenzierung geprägt, in welcher die getrennten Bereiche geschlechtlich zugeordnet und codiert werden. Während Weiblichkeit mit den interaktiven Bereichen wie Familie, Moral, Fürsorge und sozialer Nähe assoziiert würde, sei es Männlichkeit mit den gesellschaftlichen Bereichen wie Technik, Arbeit, Wirtschaft und dem Staatswesen. Das Unbehagen und die Unsicherheit mit den Entwicklungen und Veränderungen in diesen Bereichen würde auch ein Unbehagen mit der Männlichkeit hervorbringen, welches sich in negativen Erzählung von Männlichkeit und positiven Erzählungen von Weiblichkeit entladen habe.[3]

Kritik an der Allgemeinheitsthese

Im Bereich der historischen Gender Studies und der feministischen Erkenntnistheorie wurde häufig argumentiert, dass bürgerliche Denker der Aufklärung den Mann zum universellen Maßstab des Menschen erhoben hätten. Diese sogenannte Allgemeinheitsthese besagt, dass Männer sich als idealisiertes und normatives Subjekt verstanden hätten (Universalitätsanspruch des Mannes), während Frauen als minderwertig dargestellt worden seien. Kucklick widerspricht dieser Interpretation, zeige sich in vielen Quellen seit der Zeit des späten 18. Jahrhunderts, dass gleichzeitig ein umfangreicher Diskurs existierte, der Männlichkeit problematisierte und Weiblichkeit in anderen Bereichen als positiv und überlegen darstellte. Die Interpretation von Geschlechterverhältnissen als lineare Hierarchie wird hierbei in Frage gestellt und ein heterarchisches Modell aufgezeigt, in dem unterschiedliche Formen von Zuschreibung und Bewertung nebeneinander existieren. In diesem Modell können sowohl positive als auch negative Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit gleichzeitig auftreten.[4]

Siehe auch

Literatur

  • Christoph Kucklick: „Der Mann, ein gefährliches Tier der Gesellschaft.“ Vom Nutzen der Negativen Andrologie für die Gender Studies. In: Martina Läubli, Sabrina Sahli (Hgg.): Männlichkeiten denken. Aktuelle Perspektiven der kulturwissenschaftlichen Masculinity Studies. Transcript Verlag, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8394-1720-1
  • Paola Briani: Negative Andrologie in Lessings "Emilia Galotti". GRIN Verlag, München 2021, ISBN 978-3346404404

Einzelnachweise

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