Noviomagus (Speyer)

Römische, zivile und militärische Ansiedlungen auf dem Gebiet der Stadt Speyer From Wikipedia, the free encyclopedia

Noviomagus, in der Spätantike Nemetae genannt, ist der Name eines römischen militärisch-zivilen Siedlungskomplexes auf dem Gebiet des heutigen Speyer in Rheinland-Pfalz. In frührömischer Zeit war es Bestandteil der Provinz Gallia Belgica, nach der domitianischen Provinzreform um 83/85 u. Z. Teil der Germania superior und nach der Verwaltungsreform des Diokletian gehörte es in der Spätantike des ausgehenden dritten, des vierten und des beginnenden fünften Jahrhunderts zur Germania prima.

Schnelle Fakten
Noviomagus
Alternativname Nemetae
Limes A) vor der Zeit des Limes
B) Donau-Iller-Rhein-Limes
Abschnitt A) N.N.
B) Spätantiker Rheinlimes
Datierung (Belegung) A.a) ab 1. Jahrzehnt v. u. Z.
A.b) nach 9 u. Z. bis um 30/35
A.c) um 30/35 u. Z. bis 74
B) valentinianisch bis 5. Jh.
Typ A.a) Kleinkastell (?)
A.b) Auxiliarkastell
A.c) Auxiliarkastell
B) spätrömische Stadtbefestigung
Einheit A.a) unbekannt
A.b) unbekannte Auxilia
A.c) unbekannte Auxilia
B) Miles Vindices
Größe A.a) weniger als 1 ha
A.b) 2,3 bis 2,7 ha
A.c) ungesichert
B) ungesichert
Bauweise A.a) unbekannt
A.b) Holz-Erde-Lager (?)
A.c) Holz-Erde-Lager
B) Stein
Erhaltungszustand spätrömische Mauer teilweise in der mittelalterlichen Stadtmauer erhalten; sonst nicht sichtbares Bodendenkmal
Ort Speyer
Geographische Lage 49° 19′ 0″ N,  26′ 10″ O
Höhe 103 m ü. NHN
Vorhergehend Kastell Rheingönheim,
Kastell Altrip
(beide nördlich)
Anschließend Vicus Julius, Tabernae
(beide südsüdwestlich)
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Lage, Quellen und Forschungsgeschichte

Die insgesamt drei militärischen und zwei zivilen Anlagen nebst dazugehörigen Gräberfeldern liegen auf dem Gebiet der Altstadt der heutigen Stadt Speyer, westlich des Doms. Topographisch befinden sie sich auf der hochwasserfreien Niederterrasse des Oberrheins, etwa zehn bis 20 Meter oberhalb des heutigen Normalpegels des Rheins. In antiker Zeit war die Siedlung spätestens seit dem neunten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts der Hauptort der Civitas Nemetum, dem Wohngebiet der möglicherweise schon unter Caesar, vermutlich aber erst in augusteischer Zeit linksrheinisch angesiedelten Nemeter. Der Name Noviomagus findet sich in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus, im Itinerarium Antonini und auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, der Name Nemetae in der Notitia dignitatum. Aufgrund des keltischen Namens Noviomagus (deutsch: Neufeld) war man früher von einer keltischen Vorgängersiedlung ausgegangen, was aber bis auf wenige kleinere Hofplätze nicht der Fall gewesen zu sein scheint.

Mit den römischen Relikten Speyers beschäftigte man sich schon seit der Renaissance. So erwähnt der von 1504 bis 1516 nachgewiesene Domvikar Wolfgang Baur Tempel des Mercurius und der Venus und von Stephanus Winandus Pighius (1526–1704) sind Zeichnungen von Inschriften überliefert, die auch in der Stadtgeschichte des Wilhelm Eisengreyn (1543–1584) Erwähnung fanden. Christoph Lehmann (1568–1638) erwähnt in seiner Chronik der Reichsstadt von 1612[1] sowohl Inschriften als auch den Fund eines Sarkophages nebst Beigaben und Georg Litzel (1694–1761) beschreibt 1749 „Römische Todten-Töpffe“,[2] also Urnen aus den römischen Brandgräbern des Stadtgebiets.[3]

Es blieb dem Direktor des Historischen Museums der Pfalz von 1920 bis 1949, Friedrich Sprater vorbehalten, ab 1927 im Zusammenhang mit Kanalbauarbeiten erste moderne wissenschaftliche Ausgrabungen vorzunehmen und dabei die frühen Militäranlagen zu identifizieren und die Ausdehnung der römischen Siedlung zu erkunden. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert worden war, kam es in der Nachkriegszeit zu keinem raschen Wiederaufbau und den damit verbundenen schwerwiegenden Eingriffen in den Boden. Die Stadtsanierungsmaßnahmen fanden erst spät und nur partiell statt. Dabei gelang es, ab 1966 im Bereich der Mikwe,[4] des Domhügels, des Stiftungskrankenhauses,[5] am Kornmarkt,[6] am Königsplatz,[7] am Alten Markt,[8] beim Neubau der Sparkasse am Siebertplatz (Wormser Str. 39),[9] auf dem Domvorplatz[10] und in der Heydenreichstraße[11] größere Siedlungsflächen zu erforschen.[3]

Archäologische Befunde

Vorrömische Besiedlungsspuren

Einzelfunde im Stadtgebiet von Speyer weisen bis auf die Zeit des Jungpaläolithikums vor rund 22.000 Jahren zurück. Erste sesshafte Bevölkerungsgruppen sind im Laufe des fünften Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung aus den Donaugebieten zugewandert. Auch bei diesen und in den folgenden Epochen sind Rastplätze oder gar geschlossene Siedlungskomplexe infolge der jahrtausendelangen Verlagerungen des Rheinbetts und der damit verbundenen Überflutungen kaum mehr nachzuweisen, sondern man muss sich im Wesentlichen mit Einzelfunden begnügen. Erste Befunde fester Siedlungsstrukturen, zunächst nur in Form von Gräbern, lassen sich erst für die Glockenbecherkultur, die Adlerberg-Kultur, die Hügelgräberkultur und die Urnenfelderkultur identifizieren. Es folgten kleinere Siedlungen der Hallstattzeit und der Latènekultur. Von letzterer zeugt eine Bestattung in der „Johannesstraße“, die sich auf die Mitte des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung datieren lässt und den jüngsten Hinweis auf die Bevölkerung vor der Ankunft der Römer liefert.[12]

Lager A

Lager A ist nur durch wenige Meter eines Spitzgrabens in der „Kleinen Pfaffengasse“ nachgewiesen.[8] Es dürfte eine Seitenlänge von maximal 100 m besessen haben, muss aber möglicherweise als Kleinkastell angesprochen werden. In der römischen Okkupationsphase ab dem Jahr 10 v. u. Z. spielte das Oberrheingebiet keine strategisch bedeutsame Rolle. Dort galt es nur, die Fernstraße von Argentoratum nach Mogontiacum zu schützen, eine Aufgabe, die durch kleinere Militärposten leicht erledigt werden konnte, zumal die Bevölkerung durch die Aktivitäten Caesars stark dezimiert worden war. Aus dem Spitzgraben stammen Funde, die für das erste Jahrzehnt vor unserer Zeitrechnung charakteristisch sind. In einer Grube am Alten Markt wiederum wurden Funde gemacht, die um die Zeitenwende datiert werden. So kann letztlich (noch) nicht entschieden werden, ob das kleine Kastell schon zur Zeit der Drusus-Feldzüge (11 bis 9 v. u. Z.) oder erst kurz danach angelegt worden ist.[13][14]

Lager B mit Vicus

Lager B wurde vermutlich in spätaugusteischer Zeit im Rahmen der Reichsgrenzenkonsolidierung nach der Clades Variana angelegt. Es befindet sich im Stadtgebiet zwischen „Kleiner Pfaffengasse“ und „Großer Pfaffengasse“.[4] Von seiner nördlichen Begrenzung, die in etwa mit der Südgrenze des Lagers A übereinstimmte, konnten rund 180 m ermittelt werden. Dadurch und durch die Rekonstruktion des östlichen Lagaergrabens konnte seine Fläche auf ungefähr 2,3 ha bis 2,7 ha berechnet werden. Damit bot es genügend Platz für eine Auxiliareinheit in Stärke einer Kohorte, Art und Name der dort stationierten Einheit sind unbekannt, es wurden jedoch im Bereich der Mikwe einige Spuren von Mannschaftsbaracken mit ihren Contubernia identifiziert. Östlich und westlich des Lagers bildeten sich Vici von denen geringe Spuren im Osten, umfangreiche Spuren im Westen festgestellt wurden. Insbesondere im Bereich des Stiftungskrankenhauses wurde auf einer Grabungsfläche von 3000 m² eine dichte Bebauung mit Streifenhäusern längs einer fünf Meter breiten, mit Kies befestigten Straße nachgewiesen.[5] Südlich der Straße lag ein großes, U-förmiges Gebäude, das als „Marktforum“ angesprochen wurde. Die Funde weisen auf eine Anlage dieses Stadtviertels um das Jahr 15 u. Z. In frühtiberischer Zeit dürfte die Sadt auch das Marktrecht erhalten haben.[15][16]

Lager C mit Vicus

Das tiberische Lager C war noch einmal bedeutend größer als seine Vorgänger (bislang konnte eine Breite von 150 m ermittelt werden) und verfügte vermutlich auch über ein Militärbad im Bereich „Große Himmelsgasse“/„Johannesstraße“.[17] Seine Hauptfundpunkte befanden sich jedoch zwischen „Königsplatz“[7] und „Heydenreichstraße“.[11] Art, Größe und Name der dort stationierten Einheit sind auch in diesem Fall nicht bekannt. Zu dem weitläufigen Vicus dieses Lagers gehörten auch Töpfereibetriebe, von denen ein tiberischer nördlich des Kastells am „Siebertplatz“[9] und ein claudischer im südwestlich des Kastells liegenden „Feuerbachpark“[18] nachgewiesen werden konnten. Es scheint zwei Bauphasen gegeben zu haben, um das Jahr 50 wurden die älteren Holzbauten niedergelegt und durch neue Gebäude ersetzt. Aus dieser Zeit stammen auch Gruben mit Metallschlacken, die auf eine mögliche Fabrica (Werkstatt) weisen.

Mit der Vorverlegung der Reichsgrenzen und der beginnenden Einverleibung der Agri decumates durch den Statthalter Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens (72/73 bis 74/75) unter Vespasian (69 bis 79) hatten sich die Aufgaben des Kastells ab dem Jahr 74 erledigt und es wurde aufgelassen.[19][20]

Zivilsiedlung Noviomagus

Auch nach der Auflassung der Militäranlagen entwickelte sich die Zivilsiedlung weiter. Spätestens mit der Konstituierung der Provinz Germania superior unter Domitian um 83/85 u. Z. wurde sie die Hauptstadt der Civitas Nemetum. Zu ihrer Blütezeit im 2. und 3. Jahrhundert bedeckte sie eine dreiecksförmige Grundfläche von bis zu 50 Hektar und dürfte zwischen 5000 und 10.000 Einwohner beherbergt haben. Aufgrund der nur unvollkommen erschlossenen Bebauungsdichte ist die Angabe einer präziseren Bevölkerungszahl kaum möglich. Der vorherrschende Bebauungstyp bei der privaten Wohnbebauung war das Streifenhaus, eine in den nordwestlichen Provinzen typische Bauform. Dabei handelt es sich um Häuser mit langrechteckigen Grundrissen (in Speyer eine Länge von bis zu 30 Metern bei einer Breite von sieben bis zehn Metern, also bis zu 300 m² Wohnfläche). An ihren Straßenfronten befanden sich oft Keller und Ladenlokale, wenn es sich nicht nur um reine Wohn-, sondern um Wohn- und Geschäftshäuser handelte. Zum Teil konnten auch Keller im hinteren Bereich der Häuser nachgewiesen werden. Die Streifenhäuser wurden anfänglich in Holzbauweise konstruiert, später folgten massive Steinhäuser im Osten und Fachwerkhäuser auf Steinfundamenten im Westen der Stadt. Steinbauten gab es aufgrund der Steinarmut in der Region (jeweils rund 30 km bis zu den nächsten Steinbrüchen im Neckartal und im Haardtwald) nicht allzu häufig. Aber auch die Fachwerkhäuser waren in ihrem Inneren zum Teil aufwendig gestaltet, so fand man Reste von geometrischer und figürlicher Wandmalerei. Zur Straße hin waren die Häuser von Kolonnaden flankiert, so dass man die Straßen unbeschadet des jeweiligen Wetters auf drei Meter breiten, überdachten Fußwegen begehen konnte.

An öffentlichen Gebäuden konnte das Forum nachgewiesen werden (siehe weiter oben im Abschnitt Lager B mit Vicus). In ihm befanden sich zu seinem offenen Hof hin kleine Raumeinheiten, in denen Händler ihre Waren anbieten konnten, im Zentrum des Hofes stand eine Jupitergigantensäule mit Darstellungen einer Weinlese, die in der „Kutschergasse“ lokalisiert werden konnte. In der Nähe des Forums ist auch eine Basilika zu vermuten, die aber bislang ebenso wenig lokalisiert werden konnte, wie eine Mansio, Thermen oder Horrea. Auch nicht lokalisiert, dafür in seiner Existenz aber nachgewiesen ist ein Amphitheater. Der Nachweis besteht in einem Teil der Brüstung der Zuschauerränge, an denen bestimmte Plätze inschriftlich als reserviert markiert worden waren. Der Fund stammt vom Domplatz, wo er sekundär verwendet worden war.[21]

Die florierende Stadt wurde bei einem Germaneneinfall im Jahr 275 durch Brand weitgehend vernichtet. Das Ereignis ist im gesamten Stadtgebiet durch Brandschichten, die durch Münzfunde gut datiert werden können, belegt. Auch verfüllte Brunnen und Skelettfunde weisen auf diesen Vorfall, von dem auch elf außerhalb des Stadtgebietes gelegene Villae rusticae betroffen waren.[22][23]

Exkurs: Römische Besiedlungsspuren am Domplatz

Eine besonders hohe und dichte Anzahl an römischen Befunden liegt am Domplatz vor, was damit zusammenhängt, dass dieser Bereich seit dem Hochmittelalter nicht mehr bebaut worden ist und es dadurch nicht zu tieferen Bodeneingriffen kam, wenn man von den Schäden, die durch den Dombau selbst angerichtet wurden, einmal absieht. So zeigt sich hier ein Ausschnitt der nahezu vollständigen römischen Geschichte Speyers auf relativ engem Raum. Im Bereich des Domplatz konnten ein Schichtenprofil erstellt und Befunde ermittelt werden, die zeigten, wie der Boden im Laufe der Jahrhundert durch wiederholtes Planieren und wiederholte Auftragungen um über drei Meter in die Höhe gewachsen ist. Aus der frühesten Besiedlungszeit fanden sich italische und südgallische Terra Sigillata, jedoch keine Spuren von Wohnbebauung. Dies änderte sich im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts, als eine vom Domplatz nach Osten führende, bis zu sechs Metern breite Straße angelegt wurde, die bis zum ausgehenden 4. Jahrhundert eine der Hauptstraßen von Noviomagus/Nemetae war.[24] Zu den augenfälligsten Befunden des späten ersten Jahrhunderts gehören Töpferöfen und die dazu gehörenden Funde von Fehlbränden südlich dieser Straße, die auf eine entsprechende handwerkliche Tätigkeit verweisen.[25] Im zweiten Jahrhundert verdichtete sich die Wohnbebauung spürbar, wobei nach wie vor keine reinen Steinbauten vorkamen, jedoch Gebäude mit steinernen Kellern und Hypokaustanlagen.[26][27] Das aufgehende Mauerwerk wurde in Fachwerkbauweise konstruiert. Die tragenden Pfosten dieser Fachwerkgebäude ruhten auf Pfostensteinen, die quasi als Fundamente dienten und mehrfach genutzt wurden. Die ersten reinen Steinbauten lassen sich für das dritte Jahrhundert nachweisen. Von den Ereignissen des Jahres 275 war der Domplatz heftig betroffen, wovon großflächige Brand- und Zerstörungsschichten zeugen. Anders als in den übrigen Stadtvierteln wurden dort jedoch schon bald nach 275 die Flächen planiert, die Keller verfüllt und die ursprünglichen Baustrukturen vollständig wiederhergestellt. Nun entstanden auch mehrere Gebäude in Steinbauweise. So wurde vor dem in der Neuzeit abgegangenen Erzbischöflichen Palais ein aufwändig konstruiertes und luxuriös gestaltetes Gebäude mit Hypokaustum und Tubuli errichtet. Auch das weiter unten skizzierte Gebäude mit Hypokaustum und Bad wurde in seiner Frühform in dieser Zeit erbaut. Auch von den Zerstörungen des Jahres 352 erholte sich die Bebauung am Domplatz in relativ kurzer Zeit.[24][28][29][30]

Befestigte spätrömische Stadt Nemetae und Übergang zum Frühmittelalter

Der Wiederaufbau der Siedlung erfolgte in diokletianischer Zeit (284 bis 305) in reduzierter Form und unter dem neuen Namen Nemetae. Die Bebauung konzentrierte sich nur noch auf die Hauptstraßenzüge, Funde aus dieser Zeit weisen aber nach wie vor auf einen gewissen Wohlstand. Das Stadtgebiet war weiterhin unbefestigt, auch eine militärische Sicherung ist nicht bezeugt. Durch einen neuerlichen Einfall der Alamannen im Jahr 352 wurde die Stadt wieder zerstört und für fünf Jahre aus dem Imperium herausgelöst. Diese Ereignisse sind historiographisch durch die Schriften von Libanios[31] und Zosimos[32] überliefert, die berichten, dass ein Raum von 300 Stadien (= 50 km) Tiefe längs des Oberrheins von Alamannen besetzt sei. Archäologische Belege sind ein Hortfund aus dem Stadtgebiet (siehe weiter unten)[28] und zahlreiche Depotfunde aus der ländlichen Umgebung. Ein Wiederaufbau, diesmal mit einer mächtigen Befestigungsanlage,[29] erfolgte im Rahmen der Rückeroberung der verloren gegangenen Gebiete unter Julian I. (Caesar 355 bis 360, Kaiser 360 bis 363) und der Reorganisation der Rheingrenze unter Valentinian I. (364 bis 375). Laut Symmachus (in der Wiedergabe durch Jordanes) soll unter Valentinian sogar ein neuer Hafen angelegt worden sein.[33] In dieser Zeit war laut Notitia dignitatum eine als Vindices (deutsch: Beschützer, Rächer, Verteidiger) bezeichnete Einheit unter dem Kommando eines Praefectus militum Vindicum in Nemetum, der wiederum dem Dux Mogontiacensis unterstand, in Speyer stationiert. Lange war man der Ansicht, dass mit dem Rheinübergang 406/407 durch die miteinander verbündeten Alanen, Sueben und Vandalen die militärische Vorherrschaft der Römer geendet habe. Das Problem war dabei immer, dass sich diese Ereignisse archäologisch nicht fassen ließen, und inzwischen auch als eher unwahrscheinlich gelten. Dagegen sprechen die Existenz von Villae rusticae und das Vorkommen römischer Importwaren, beides bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts. Gesichert scheint hingegen die Landnahme der Burgunden ab 413 und ihre Institutionalisierung als Foederaten um 428, die dann um 436 von Flavius Aëtius „vernichtet“ worden sein sollen. Jüngere Untersuchungen assoziieren daher entsprechende Zerstörungshorizonte in der Region nicht mit dem Rheinübergang des Winters 406/407, sondern erst mit den 420er und 430er Jahren. Eine Siedlungskontinuität mit einem allmählichen Übergang vom römisch geprägten Nemetae zum frühmittelalterlichen, im Jahr 614 urkundlich ersterwähnten Spira gilt – so oder so – als gesichert. Die Vindices blieben (unbeschadet der burgundischen Phase) mindestens bis zum 1. Viertel, möglicherweise sogar bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts in Nemetae stationiert. Die zivilen Siedlungsverhältnisse scheinen noch bis gegen das Jahr 500 stabil geblieben zu sein. Die Wohnbebauung bestand weiterhin aus Streifenhäusern. Eines dieser Häuser verfügte über ein Bad, aus dessen Verfüllung Gläser geborgen wurden, die erst kurz vor 500 in Gebrauch gekommen waren (Typ Gellep 239 und Schalen mit gekämmtem Arkadendekor und weißen Glasfäden).[26][27] Das Bad erwies sich als umgebauter Keller des späten dritten/frühen vierten Jahrhunderts, dessen Boden von einer mächtigen Brandschicht bedeckt war. In dieser Brandschicht befand sich ein Hortfund aus rund 660 Münzen, die mehrheitlich zwischen den Jahren 330 und 335 geprägt worden waren. Die jüngsten Prägungen stammen aus der Zeit von 346 bis 350, womit der Fund auf die Ereignisse des Jahres 352 weist (siehe oben).[28] Insgesamt wird das Fundmaterial des späten fünften und des frühen sechsten Jahrhunderts heterogener und setzt sich aus römischen und germanischen Materialien zusammen, während die Wohn- und Bestattungsareale weitgehend getrennt waren. Die Siedlungsfläche der Spätantike reduzierte sich auf 15 Hektar und die Bevölkerungsstärke wird auf noch rund 1500 interpoliert. Nach der Mitte des fünften Jahrhunderts entstand südwestlich von Speyer die germanische Siedlung Winternheim, die zunächst aus einem einzelnen Gehöft bestand, sich dann erweiterte, im 12. Jahrhundert aufgelassen wurde und wüst fiel. Eine weitere germanische Siedlung entwickelte sich Ende des im 5. Jahrhunderts östlich des heutigen Jahrhunderts in „Altspeyer“. Ebenfalls fanden sich am „Woogbach“ und am „Roßsprung“ germanische Besiedlungsspuren. Die archäologischen Befunde deuten auf ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.[23][34][35][30]

Straßennetz und Gräberfelder

Das Straßennetz ist sehr heterogen, nicht zuletzt bedingt durch die räumlich und zeitlich unterschiedlichen Bauphasen innerhalb des Siedlungskomplexes. Die zwischen den Jahren 80 und 100 erbaute Hauptverkehrsachse innerhalb der Siedlung verlief in von Osten nach Südwesten mittig über die Flussterasse, etwa im Bereich der heutigen „Kleinen Pfaffengasse“ und der „Ludwigstraße“. Sie war bis zu acht Metern breit, mit in eine Sandschicht eingebrachtem Geröll befestigt und an ihren Seiten von Abwassergräben flankiert. An ihrem südwestlichen Ende mündete sie in die Rheintalstraße ein, die Fernstraßenverbindung, die Noviomagus/Nemetae mit Mogontiacum (Mainz) und Argentorate (Straßburg) verband und die unter der „Schwerdtstraße“ nachgewiesen werden konnte. Eine Querverbindung kreuzte die innerstädtische Hauptstraße im Bereich der „Roßmarktstraße“, von wo aus es eine weitere Anbindung an die Fernstraße nördlich der Stadt, im Bereich der „Wormser Landstraße“ gab.[36][37]

Das Hauptgräberfeld entwickelte sich dort im Südwesten, gemäß den römischen Rechtsvorschriften außerhalb des besiedelten Bereichs, entlang der Ausfallstraße, und hatte durch alle Epochen hindurch Bestand. Die frühesten Gräber sind mit Waffen als Grabbeigaben ausgestattet, verweisen auf eine germanische oder keltische Herkunft der Bestatteten und korrelieren daher möglicherweise mit dem Lager A und seiner Besatzung, die aus entsprechenden Auxiliaren bestanden haben könnte. Aus tiberischer Zeit stammt der bemerkenswerte Grabstein des zehnjährigen Sklaven Peregrinus, der diesem von seinem Besitzer C[aius] I[ulius] Nigellio errichtet worden war.[38] Es handelt sich bei diesem Stein um eine Ädikula, mit Inschrift im Giebel und einem aufwändigen Relief im Hauptfeld, das einen Jungen mit Tunica und Paenula zeigt, der in der Linken einen Vogel und in der Rechten einen Stab hält. Zu seinen Füßen liegt ein kleiner Hund.[36][39][40]

Der Grabstein des Deurionen (Ratsherr) Barbat[i]us Silvester aus Noviomagus wurde in Walsheim gefunden[41] und diente dort in Sekundärverwendung als Abdeckung eines fränkischen Plattengrabes.[42]

Funde und museale Präsentation

Einige der herausragenden römischen Funde, wie der Grabstein des kindlichen Sklaven und die Jupitergigantensäule sind weiter oben schon skizziert worden. Erwähnenswert ist noch der Römerwein von Speyer, eine gläserne Henkelflasche mit einem Volumen von 1,5 Litern, deren Inhalt noch erhalten ist und die auf die erste Hälfte des vierten Jahrhunderts datiert wird, womit sie möglicherweise die älteste ungeöffnete Weinflasche der Welt ist.[43] Diese und weitere römische Funde werden im Historischen Museum der Pfalz präsentiert, dessen römische Abteilung aber Stand Januar 2026 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist.[44]

Literatur

  • Helmut Bernhard: Zwei spätrömische Grabfunde aus Speyer. In: Bonner Jahrbücher, Band 178, 1979, ISSN 0067-9976, S. 259–289.
  • Helmut Bernhard: Speyer in der Vor- und Frühgeschichte. Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter (um 20000 v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr.). In: Wolfgang Eger (Red.): Geschichte der Stadt Speyer, Band 1). Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007522-5, S. 1–161.
  • Helmut Bernhard: Speyer. Militärlager – Civitashauptstadt Noviomagus. In: Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3, S. 557–567.
  • Helmut Bernhard: Römische Vicusbauten in der Pfalz. In: Rüdiger Gogräfe, Klaus Kell (Hrsg.): Haus und Siedlung in den römischen Nordwestprovinzen. Grabungsbefund, Architektur und Ausstattung. Internationales Symposium der Stadt Homburg vom 23. und 24. November 2000. Ermer, Homburg 2002, ISBN 978-3-924653-31-6, S. 141–164.
  • Helmut Bernhard: Die Situation im linksrheinischen Gebiet. Die Civitas Nemetum mit Noviomagus/Nemetae/Speyer und die Civitas Vangionum mit Borbetomagus/Vangiones/Worms zwischen Spätantike und Frühmittelalter. In: Roland Prien, Christian Witschel (Hrsg.): Lopvdvnvm VII. Ladenburg und der Lobdengau zwischen ‚Limesfall‘ und den Karolingern. (= Forschungen und Berichte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Band 17). Propylaeum, Heidelberg 2023, ISBN 978-3-96929-243-3, S. 67–106 (Digitalisat).
  • Steven Ditsch: Dis Manibus. Die römischen Grabmonumente aus der Pfalz. Dissertation an der Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg 2009, S. 262–278 (Digitalisat).
  • Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (Hrsg.): Entdeckungsreise Spätantike in Rheinland-Pfalz. Mainz 2022, S. 117–118 (Digitalisat).
  • Fritz Klotz: Speyer. Kleine Stadtgeschichte. (= Beiträge zur Speyrer Sadtgeschichte, Heft 2.) Bezirksgruppe Speyer des Historischen Vereins der Pfalz, Speyer 19884, S. 11–16.
  • Gertrud Lenz-Bernhard, Helmut Bernhard: Das Oberrheingebiet zwischen Caesars gallischem Krieg und der flavischen Okkupation (58 v. - 73 n. Chr.). Eine siedlungsgeschichtliche Studie. (= Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz, 89/1991). Verlag des Historischen Vereins der Pfalz, Speyer 1992.
  • Stadt Speyer, Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Unter dem Pflaster von Speyer. Zechner, Speyer 1989, ISBN 978-3-87928-894-6.

Einzelnachweise

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