Neufrach

Ortsteil von Salem, Baden-Württemberg, Deutschland From Wikipedia, the free encyclopedia

Neufrach ist ein Ortsteil der Gemeinde Salem im Bodenseekreis in Baden-Württemberg.

Schnelle Fakten Gemeinde Salem ...
Neufrach
Gemeinde Salem
Ehemaliges Gemeindewappen von Neufrach
Koordinaten: 47° 46′ N,  19′ O
Höhe: 435 m ü. NHN
Fläche: 10,3 km²
Einwohner: 2595 (31. Dez. 2024)[1]
Bevölkerungsdichte: 252 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. April 1972
Postleitzahl: 88682
Vorwahl: 07553
Luftbild von Neufrach, rechts davor Leutkirch (1983)
Luftbild von Neufrach, rechts davor Leutkirch (1983)
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Geographie

Lage

Neufrach um 1968 mit Kirche und Sportplatz

Dorf am Ostrand des Salemer Tals mit teilweiser Hanglage an den Ausläufern des Gehrenbergs. Im Norden und Westen wird der Ort von der Deggenhauser Aach umflossen. Ein großes Neubaugebiet liegt auf der Talebene im Westen, neue Hangbebauung im Norden. Ein Gewerbegebiet befindet sich in der Nähe des Bahnhofes Salem.[2]

Gliederung

Zur Gemeinde Neufrach gehörten das Dorf Neufrach, die Weiler Leutkirch, Birkenweiler und Haberstenweiler, und die Wohnplätze Beim steinernen Brückle, Fischerhaus und Tobelhof. Ebenfalls auf der Gemarkung liegen die Anstalt Wespach und die beiden Bahnhofsgebäude "Mittelstenweiler" und "Salem".[3]

Schutzgebiet

Das Gemarkungsgebiet westlich der Deggenhauser Aach gehört zum Wasserschutzgebiet „Salemer Becken“.

Geschichte

Ur- und Frühgeschichte

Für eine Besiedlung des Gebietes vor der alemannischen Landnahme gibt es verschiedene Hinweise, insbesondere im nördlichen Gemarkungsgebiet zwischen Hardtwald und Deggenhauser Aach. Der Standort der zu den frühkeltischen Salemer Grabhügeln zugehörigen Siedlung ist noch unbestimmt.[4] Ebenso fehlen noch Ergebnisse zu einem vermuteten römischen Gutshof in diesem Gebiet.

Der Beginn der Besiedlung des Ortes liegt vermutlich im 7./8. Jahrhundert, in der zweiten fränkischen Siedlungsperiode.[5]

Mittelalter und frühe Neuzeit

Neufrach wird urkundlich erstmals 1162 als „Niuveron“ in Zusammenhang mit dem Ortsadeligen Heinrich erwähnt, ein Ministeriale des Klosters Reichenau. Der Besitz der Herren von Callenberg, der Ritter von Bodman, der Freiherren von Gundelfingen und der Grafen von Heiligenberg war jeweils Reichenauer Lehen. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erwarb das Kloster Salem große Teile des Grundbesitzes im Ort. Auch in dieser Zeit lässt sich ein Ortsadel belegen.[6] Die Ortsherrschaft war seit etwa 1260 beim Kloster Salem. Die Hochgerichtsbarkeit erwarb das Kloster im Jahr 1637 von den Grafen von Heiligenberg. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der ganze Ort 1632 von den Schweden zerstört.

Leutkirch mit der 1180 erstmals genannten Pfarrkirche wurde 1210 von dem Herren von Rohrdorf dem Kloster Salem übertragen und 1477 dem Kloster inkorporiert.

Haberstenweiler und Birkenweiler kamen Ende des 13. Jahrhunderts als Schenkung an Salem.[7]

Moderne

Nach der Enteignung des Klosters Salem im Zuge der Säkularisation 1803 gehört der Ort zum standesherrlichen badischen Oberamt, ab 1813 zum großherzoglichen badischen Bezirksamt Salem im Seekreis, ab 1857 zum Bezirksamt Überlingen im Großherzogtum Baden.[8]

Eigene Gemarkungen und teilweise Verwaltungen besaßen im 19. Jahrhundert Haberstenweiler sowie der Hof Birkenweiler, die zusammen mit dem Dorf Neufrach die „Samtgemeinde“ Neufrach bildeten. 1932 drängte das badische Innenministerium auf Auflösung von kleinen Gemeinden und Gemarkungen, so auch im Falle der Gemeinde Neufrach.[9]

Im Zuge der Gebietsreform in Baden-Württemberg schloss sich 1972 die bis dahin im Landkreis Überlingen selbständige Gemeinde mit sieben weiteren Orten zur Gemeinde Salem zusammen.[10]

Gesellschaft

Bevölkerung

Einwohnerentwicklung in Neufrach ab 1834

Die Zahl der Einwohner in Neufrach ist im 19. Jahrhundert nur langsam angestiegen. Der Anstieg beschleunigte sich dann, ab den 1980er Jahren rasant.[2]

Religion

Pfarrkirche St. Peter und Paul (2011)

Die Bevölkerung war bis zur Aufhebung der Klosterherrschaft 1803 katholisch. Dies ändert sich im 19. Jahrhundert nur minimal. In den 1950er Jahren ist ein deutlicher Anstieg der evangelischen Bevölkerung auf etwas über 15 % zu verzeichnen.[2]

Alle Teilorte von Neufrach gehörten zur katholischen Pfarrei Leutkirch. Diese wurde 1967, nach dem Neubau einer Pfarrkirche in Neufrach, umbenannt in Pfarrei Neufrach. Ab 2026 ist diese nun ein Teil der Pfarrei Markdorf.

Spätromanischen Ursprungs ist die dem Heiligen Martin und Markus geweihte Kapelle an der Weildorfer Straße in Neufrach.[5]

Politik

Der Gemeinderat von Salem wurde von 1972 bis 2004 in einer unechte Teilortswahl gewählt. Das System garantierte jedem Ortsteil eine bestimmte Anzahl von Sitzen. In der Gemeinde Salem gibt es für jeden Ortsteil einen Ortsreferenten.

Bürgermeister

  • 1882–1913 Georg Laur
  • 1913–1923 Bernhard Heudorf
  • 1923–1931 Josef Stickel
  • 1931–1945 Josef Allgeyer
  • 1945–1972 Hermann Auer

Wappen

Blasonierung: „Dreimal geteilt von Blau und Silber, mit einem wachsenden Krummstab mit Pannisellus in verwechselten Farben.“

Das Wappen „Derer von Neuffra“ bestand aus einer bescheidenen Symbolik. Das Schild war dreimal geteilt von Blau und Silber. Um den jahrhundertelangen Einfluss des Klosters Salem zu erfassen, wurde das Wappen mit einem Krummstab ergänzt (1971).[11]

Infrastruktur

Öffentliche Einrichtungen

Im Jahr 1972 erbaute die Gemeinde Neufrach ein neues Rathaus mit Feuerwehrgerätehaus. Es beherbergte bis 2022 das Rathaus der Gemeinde Salem, jetzt dient es als Flüchtlingsunterkunft. Direkt daneben entstand 1999 das Dorfgemeinschaftshaus Prinz Max auf dem Gelände des ehemaligen gleichnamigen Gasthauses.

Neben der 1967 neu gebauten Pfarrkirche im Zentrum des Dorfes entstand auch ein neuer katholischer Kindergarten. Dieser war bis dahin im Schwesternhaus in der Markdorfer Straße untergebracht. Die heutige Grundschule wurde 1953 als Volksschule neu gebaut. Bis dahin war die Schule in Leutkirch neben dem Gasthof Linde. 1989 wurde die Grundschule um eine kleine Turnhalle ergänzt. Im „Herzen des Ortes“ befindet sich der im Jahr 1949 angelegte Sportplatz, seit 1969 mit Clubhaus. Die Tennisanlage in der Schlossseeallee mit Tennishalle befindet sich auch auf Neufracher Gemarkung. Seit dem Jahr 2003 befindet sich in Neufrach ein Campingplatz.

Die zentrale Wasserversorgung wurde 1913 gebaut, der elektrische Strom folgte 1923.

Am östlichen Rand gegen Bermatingen liegt Wespach. Das Anwesen war ab 1445 Siechenhaus und diente ab 1783/1784 als Armenhaus des Salemer Klosters. Es ist heute ein Alten- und Pflegeheim, das von der gleichnamigen Stiftung betrieben wird.

Verkehr

Die historische Landstraße L205 von Überlingen nach Markdorf durchquert Neufrach von Westen nach Osten. Im großen Kreisel am Ortsanfang stoßen von Mimmenhausen die L206 und die „Alte Neufracher Straße“ dazu, von Buggensegel die K7759. Im Ortskern zweigen die K7759 nach Weildorf und die „Leutkircher Straße“ nach Leutkirch, Oberstenweiler und Mittelstenweiler ab.

In Neufrach fahren die Buslinien 7381, 7396 und 7397 des Regionalverkehrs Alb-Bodensee (RAB) im Bodo-Verbund.

Die Bodenseegürtelbahn passiert Neufrach seit 1901 südlich des Ortes. Auf der Gemarkung liegen zwei Bahnstationen. Der Haltepunkt Mittelstenweiler wird seit den 1950er Jahren nicht mehr bedient. Der heutige Bahnhof Salem hieß bis 1980 Mimmenhausen-Neufrach. Von hier aus führte die Salemertalbahn als Nebenbahn von 1905 ab nach Frickingen und nach Unteruhldingen. Diese wurde nach dem Krieg schrittweise stillgelegt.

Wirtschaft

Postkarte Neufrach um 1910, mit Rathaus, GrünerBaum, Pfarrkirche, Handlung Koch

Neufrach war traditionell landwirtschaftlich geprägt. Aber schon 1972 lebte nur noch ein Drittel der Bevölkerung von Land- oder Forstwirtschaft. Die Molkereigenossenschaft eGmbH Neufrach wurde 1904 gegründet und 1977 aufgelöst. In den 1960er Jahren lieferten noch über 50 Betriebe Milch ab. Der Obstbau spielt heute noch eine große Rolle, sichtbar auch an den Gebäuden der „Salem Frucht GmH“, Nachfolgerin der Obstbau-Genossenschaft.

Den kleinteiligen Einzelhandel haben große Einzelhandelsketten ersetzt. Die Handlung A. Koch und deren Nachfolger W. Koch, Allgayer und Raither bestanden von 1892 bis 1995 an markanter Stelle gegenüber dem Gasthof Prinz Max. Im Eckhaus Markdorfer-/Weildorfer Straße war die Bäckerei Stickel, später bis 1963 die Bäckerei Kollmann.

Lange Zeit prägte der Prinz Max das Dorfbild von Neufrach. Seit 1850 bis 1990 war hier Gastronomie mit großem Tanzsaal. Ebenfalls in den 1990er Jahren schloss auch der Gasthof Sternen, der noch aus der Tradition der Brauerei Stegmaier stammte. Das Neufracher Gasthaus der Grüne Baum, belegt seit 1814, hat alle Veränderungen überstanden. Mit der Bodenseegürtelbahn siedelte sich im Jahr 1903 die Restauration zum Bahnhof gegenüber dem Bahnhofsgebäude an mit Saal und Kegelbahn, heute Reck´s Hotel-Restaurant.

Das traditionelle landwirtschaftlich geprägte Handwerk ist verschwunden oder ist in das südlich der Bahnstrecke gelegene Gewerbegebiet umgesiedelt. Dieses zentrale Gewerbegebiet der Gemeinde Salem liegt komplett auf Neufracher Gemarkung, ebenso wie die nördlich entlang der Bahnstrecke angesiedelten Betriebe.[12]

Kultur

Sehenswürdigkeiten

Unter Denkmalschutz stehen in Neufrach mehrere Objekte in Zusammenhang mit der Bodenseegürtelbahn: Bahnhof Mittelstenweiler, Bahnhof Salem, Wirtshaussaal beim Gasthof Reck, Güterschuppen, Wohnhaus neben dem Bahnhof, Bahnwärterhaus und drei Eisenbahnbrücken.

St. Markus und Martin in Neufrach

Von besonderem Rang ist die romanische Kapelle St. Markus und Martin, die alte Schmiede in der Nüffernstraße und die Mühle aus dem 18. Jahrhundert. Mehrere Bauernhäuser, Nüffernstraße 21, Riedlestraße 12, Weildorfer Straße 16, ein Ofenhaus, ein Speichergebäude, ein Ausgedinghaus und das Fischerhaus haben ebenfalls einen Schutzstatus.

Die Kapelle St. Markus und Martin wurde wohl um 1200 erbaut und 1256 erstmals urkundlich erwähnt, bei der Renovierung fanden sich romanische Oberlichter. Sie wurde zwischen 1450 und 1500 durch Einbau von Fenster gotisiert. Die Kapelle hat des Weiteren spätgotische Seccomalereien und den Hochaltar aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seit 1967 wird sie nur noch selten genutzt. Die Katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde 1965–1967 nach Plänen von M. Schätzle und Baurat Büchner erbaut.

In Leutkirch sind die Pfarrkirche und das Pfarrhaus mit Torkel zu nennen. Die Katholische Filialkirche Mariä Himmelfahrt in Leutkirch wurde um 1200 erbaut, Erweiterungen und Umbauten gab es im 15. und im 18. Jahrhundert; im Inneren neubarocke Raumfassung von 1903 mit älteren Ausstattungsstücken. Die ehemalige Pfarrkirche ist eine der ältesten Kirchen des Linzgau. Seit der Eröffnung der neuen Pfarrkirche in Neufrach 1967 ist sie Filialkirche. Das Pfarrhaus wurde um 1700 erbaut.

In Haberstenweiler steht ein Wohnspeicher aus dem 18. Jahrhundert, eine Wegekapelle und ein Grenzstein von 1768.[13]

Bildung

Schulisch gehörte die politische Gemeinde wohl seit 1787 zur Schulgemeinde der Volksschule Leutkirch. Hierzu zählten außerdem die politischen Gemeinden Mittelstenweiler, Oberstenweiler sowie der Hof Rimpertsweiler. 1910 schieden diese aus dem Verband aus. 1953 baute man am Ortsrand von Neufrach nahe Leutkirch ein neues Schulgebäude für die Grund- und Hauptschule. Seit der Einrichtung des Bildungszentrums Salem 1976 fungiert sie als Hermann-Auer-Grundschule.[14]

Vereine und Veranstaltungen

Der Sportverein Neufrach e. V. wurde 1948 als reiner Fußballverein gegründet. Nach der Übertragung des Spielbetriebes im Südbadischen Fußballverband an den RW Salem haben sich neue Abteilungen gegründet. Ab dem Jahre 1972 führte der Verein das internationale A-Jugend-Turnier an Pfingsten durch.

Der Musikverein Neufrach nennt sein Gründungsjahr 1919, wobei es schon seit 1850 eine musikalische Vereinigung gab. Ab 1973 ist er eingetragener Verein. Seine Aktivitäten liegen zum einen in den dörflichen Auftritten bei Festen, Jubiläen, Einweihungen als auch bei Treffen des Blasmusikverbandes.

Der Männergesangverein Eintracht 1860 Neufrach trägt sein Gründungsdatum im Vereinsnamen. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Nachbarverein in Mimmenhausen verschmolzen.

Der katholische Kirchenchor St. Peter und Paul Neufrach wurde im Jahr 1774 zum ersten Mal in den Rechnungsbüchern der Sebastiani-Gesellschaft erwähnt. Seit der Zeit trägt er zur Gestaltung des religiösen Lebens in der Pfarrei bei.

Der Narrenverein Hardtwieble-Zunft Neufrach e. V. trat ein Jahr nach seiner Gründung 1964 dem Alemannischen Narrenring bei. Neben dem alle zwei Jahre stattfindenden gemeinschaftlichen Umzug der Salemer Narrenzünfte wird an zahlreichen auswärtigen Veranstaltungen teilgenommen. An Rosenmontag findet alljährlich ein Krämermarkt statt.[12]

Persönlichkeiten

Literatur

  • Kuratorium Heimat und Arbeit (Hrsg.): Die Gemeinden im oberen und unteren Linzgau, Neufrach. In: Der Kreis Überlingen, 1972, ISBN 3-8062-0102-1, S. 330
  • F. X. Conrad Staiger (1863, ND 2008: Neufrach, in: Salem oder Salmansweiler … Constanz). S. 253 ff
  • Walter Eberhard Loch (1953): Das Neufracher Dorfbuch.
  • Gemeinde Salem (2013): Das Neufracher Dorfbuch 1952–2012, ISBN 978-3-88812-232-3
  • Hugo Gommeringer: 'Neufrach' In: Salemer Wappen. 2000, ISBN 3-929551-09-8., S. 62 f
  • Hugo Gommeringer (1988): Kirchenchor Neufrach 1774 – 1989.
  • Gemeinde Salem (2009): Findbuch Gemeindearchiv. Daten zur Geschichte der Altgemeinde Neufrach.
  • Regierungspräsidium Tübingen Referat 26 Denkmalpflege: Verzeichnis der unbeweglichen Bau- und Kunstdenkmale in Baden-Württemberg Bodenseekreis – Salem – Neufrach (2012)
  • Adalbert Lohr (1998): Waldameisen gegen Sowjetbär.
  • Rudolf Koch (2020): Pfarrer Hermann Legler – Häftling Nr. 131310 im KZ Dachau. (FGO-Circular 5 – 2020)
  • Rudolf Koch (2021): Gleichschaltung auf dem Dorf – Neufrach im Jahr 1933. (FGO-Circular 8-2021)
  • Hugo Gommeringer (2012): Wespach im Wandel der Zeit.
  • Hugo Gommeringer: Kirchen und Kapellen in der Seelsorgeeinheit Salem, 2004, ISBN 3-7954-6483-8

Konrad Kranich: Die Flurnamen der Gemarkung Neufrach. Weingarten 1971

Einzelnachweise

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