New Glenn

US-amerikanische Trägerrakete From Wikipedia, the free encyclopedia

Die New Glenn ist eine zweistufige Schwerlast-Trägerrakete des US-amerikanischen Raumfahrtunternehmens Blue Origin. Sie ist teilweise wiederverwendbar und soll für unbemannte wie bemannte Missionen eingesetzt werden. Die Rakete ist nach John Glenn benannt, dem ersten US-amerikanischen Astronauten in einer Erdumlaufbahn.[1] Finanziert wird die mehrere Milliarden US-Dollar teure Entwicklung mit Privatmitteln des Amazon- und Blue-Origin-Gründers Jeff Bezos.[2] Die erste New Glenn startete erfolgreich am 16. Januar 2025.

Weitere Informationen Aufbau, Starts ...
New Glenn
New Glenn
Typ teilwiederverwendbare
orbitale Trägerrakete
Land Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Betreiber Blue Origin
Status im Einsatz
Aufbau
Höhe ca. 98 m
Durchmesser 7 m
Stufen 2
Starts
Erststart 16. Januar 2025
Startplatz SLC-36 (Cape Canaveral SFS)
geplant: Vandenberg SFB
Nutzlastkapazität
Kapazität LEO 45 t
Kapazität GTO > 13 t
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Einsatzprofil

Blue Origin bewirbt die Rakete als Transportmittel für Personen wie für Fracht. Letzteres bezieht sich vor allem auf die Beförderung von Satelliten in eine Erdumlaufbahn,[3] aber es werden auch Missionen zum Mond angestrebt.[1][4] Angedeutet wurde auch eine Nutzung für den Weltraumtourismus.[5] Neben kommerziellen Anwendungen plant Blue Origin eine Zertifizierung der Rakete für militärische Missionen.[6]

Die maximale Nutzlast ist mit 45 Tonnen für erdnahe Umlaufbahnen und „über 13“ Tonnen für geostationäre Transferbahnen angegeben.[3] Diese Zahlen beziehen sich auf eine teilweise wiederverwendbare Konfiguration. Anders als der Konkurrent SpaceX bietet Blue Origin keine Einwegverwendung für größere Nutzlasten an.[7]

Aufbau

Die New Glenn besteht aus zwei Stufen. Die Erststufe kann nach dem Einsatz aufrecht landen (propulsive landing) und soll 25-mal wiederverwendbar sein.[8] Zunächst ist allerdings nur eine 12-fache Verwendung geplant.[7] Mit etwa 98 Metern Höhe und 7 Metern Durchmesser ist die New Glenn eine der größten jemals gebauten Raketen.[9][10]

Die Motoren für alle Stufen entwickelte Blue Origin selbst. Die erste Stufe verfügt über sieben BE-4-Triebwerke mit insgesamt 17.150 kN Schub.[11] Als Treibstoff dient verflüssigtes Methan und als Oxidator Flüssigsauerstoff.[12][3] Das BE-4 arbeitet mit sauerstoffreicher Verbrennung im Hauptstromverfahren (oxygen-rich staged combustion cycle), einer ursprünglich in Russland entwickelten Triebwerkstechnologie (vgl. RD-170). Es wird auch als Motor für die Vulcan-Rakete der United Launch Alliance (ULA) verwendet, was zur Amortisierung der Entwicklungskosten beiträgt.[13][14] Das BE-4 soll 100-mal wiederverwendbar sein.[15]

Die zweite Stufe besitzt zwei BE-3U-Motoren, die mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff betrieben werden. Für die dritte Stufe ist ein einzelnes BE-3U vorgesehen.[16] Es handelt sich dabei um eine Vakuum-Version des 490 kN starken BE-3-Triebwerks der Touristenrakete New Shepard.

Mittels einer Doppelstartvorrichtung sollen zwei Nutzlasten übereinander transportiert werden können.[9]

2025 kündigte Blue Origin auch eine vergrößerte Raketenvariante namens „New Glenn 9x4“ an. Die bisherige New Glenn erhält den Zusatz „7x2“. Die Zahlen stehen jeweils für die Anzahl der Erst- und Zweistufentriebwerke. Die 9x4-Variante soll etwa 120 Meter groß werden und 70 Tonnen Nutzlast in niedrige Erdumlaufbahnen befördern können. Ihre Zweitstufe soll den Transport von 14 Tonnen direkt in eine geosynchrone Umlaufbahn ermöglichen. Für beide Varianten ist eine Wiederverwendung der Nutzlastverkleidungen geplant.[17][18]

Produktions- und Starteinrichtungen

New Glenn (USA 48)
New Glenn (USA 48)
Raketenfabrik
Triebwerksfabrik
Huntsville (AL)
Kent (WA)
Hauptsitz,
Entwicklung
Testzentrum
in Texas
Entwicklung
Arlington (VA)
Blue-Origin-Einrichtungen

Blue Origin bemühte sich im Jahr 2013 um eine Anmietung des Startkomplexes 39A am Kennedy Space Center (KSC) in Florida. Von dort starteten bereits die Apollo-Missionen zum Mond und die meisten Space-Shuttle-Flüge, sodass die Einrichtung schon für bemannte Missionen ausgelegt war. Den Zuschlag erhielt jedoch der Konkurrent SpaceX.[19] Daraufhin mietete Blue Origin die Startkomplexe LC-36 und LC-11 der benachbarten Cape Canaveral Air Force Station an. Die vorhandenen Vorrichtungen am LC-36 zum Start von Atlas-Raketen wurden abgebrochen und durch eine neue Startanlage ersetzt. Am direkt angrenzenden LC-11 sollte ein Prüfstand für die Raketenmotoren entstehen;[20][21] diesen Plan gab Blue Origin jedoch auf.[22]

Etwa 15 Kilometer nordwestlich, nahe dem KSC-Besucherzentrum, errichtete das Unternehmen eine 750.000 Quadratmeter große Fabrik für die Raketenfertigung.[23] Neben der Fabrik entstanden auch das Missions-Kontrollzentrum[21] und eine Anlage zur Wiederaufbereitung der Raketen-Erststufen.[24] In Huntsville (Alabama) wurde eine Fabrik für die BE-4-Triebwerke gebaut.[25]

Für stark geneigte Umlaufbahnen ist ein zweiter Startplatz auf der Vandenberg Space Force Base geplant.[9]

Landungen der Erststufe erfolgen auf einer schwimmenden Plattform etwa 1000 km vor der Küste.[26] Hierzu erwarb Blue Origin zunächst das Spezialschiff Stena Freighter, eine ehemalige RoRo-Fähre. Es wurde – nach Jeff Bezos’ Mutter – in Jacklyn umbenannt und sollte zur Landeplattform umgerüstet werden.[27][21] Jedoch gab das Unternehmen diesen Plan wieder auf[28] und ließ stattdessen in Rumänien und Frankreich ein neues Landeschiff gleichen Namens bauen.[29]

Entwicklungsgeschichte

Blue Origin arbeitete bereits in den frühen 2010er Jahren an einer Orbitalrakete mit wiederverwendbarer Erststufe. Sie sollte ein „bikonisches“ (doppelkegelförmiges) Raumschiff mit Astronauten oder Fracht in eine Erdumlaufbahn bringen.[30] 2011 begann die Entwicklung des Haupttriebwerks.[31][32]

Blue Origin ist dafür bekannt, im Verborgenen zu arbeiten und neue Produkte erst vorzustellen, wenn das Design feststeht. So wurde das BE-4 erst 2014 – gemeinsam mit ULA – angekündigt. Über den geplanten Fabrikneubau am Cape Canaveral informierte Jeff Bezos 2015.[31][33] Name und Konzept der New Glenn wurden schließlich im September 2016 vorgestellt.[34]

2017 begann der Test des BE-4-Triebwerks.[35] Für etwa Anfang 2018 wurde der Baubeginn der ersten Rakete angekündigt.[36] Danach verzögerte sich jedoch die Fertigstellung des BE-4 wegen Problemen mit dessen Treibstoffpumpe.[37]

Um den ursprünglich für das vierte Quartal 2020 geplanten Erstflugtermin einhalten zu können, wurde Anfang 2018 die Motorkonfiguration für die zweite Stufe geändert. Statt einer Vakuumversion des BE-4 (BE-4U) werden zwei BE-3U eingesetzt. Die Entwicklung dieses Triebwerks war bereits weiter fortgeschritten.[16] Im selben Jahr gab Blue Origin den ursprünglichen Plan auf, eine dreistufige Variante der New Glenn zu entwickeln.[38] Der Erstflug verschob trotz dieser Maßnahmen mehrfach und fand schließlich am 16. Januar 2025 statt. Dabei erreichte die zweite Raketenstufe die geplante Erdumlaufbahn. Der Landeversuch der Erststufe schlug hingegen fehl, weil die Zündung der Triebwerke für das nötige Abbremsmanöver nicht funktionierte.[39]

Blue Origin hatte zunächst die NASA als Kunden für den Erstflug gewinnen können, welche die Escapade-Marssonden mit dieser Rakete starten wollte.[40] Wegen des unzuverlässigen Starttermins[41] buchte die NASA ihre Nutzlast jedoch auf den zweiten New-Glenn-Flug um. Dieser startete im November 2025 und war ein voller Erfolg: Auch die Landung der New-Glenn-Erststufe auf der schwimmenden Plattform Jacklyn gelang.[42] Die New Glenn wurde damit – nach der Falcon 9 und der Falcon Heavy von SpaceX – zur dritten Rakete mit wiederverwendbarer Erststufe.

Technische Daten

Daten – soweit nicht anders angegeben – gemäß Payload User's Guide, Revision C vom Oktober 2018. Die Höhe der gesamte Rakete wurde damals mit 96 Metern angegeben;[43] heute nennt Blue Origin 98 Meter.

Weitere Informationen Erste Stufe, Zweite Stufe ...
Erste Stufe Zweite Stufe Nutzlastsektion
Höhe ca. 57,5 m ca. 16,1 / 23,4 m 1 ca. 21,9 m
Nutzlast max. 18,5 m
ca. 98 m[11]
Durchmesser 7 m 7 m
Nutzlast max. 6,35 m
Triebwerke 7 × BE-4 2 × BE-3U
Schub,
Drosselung
17.150 kN[11]
45–100 %
1.556 kN[11]
88–100 %
Treibstoff Flüssigmethan[12] Flüssigwasserstoff
Oxidator Flüssigsauerstoff
Nutzlast max. 45 t (LEO)
max. >13 t (GTO)
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1 
Die Höhe des von außen sichtbaren Teils der zweiten Stufe wurde mit 16,1 Metern angegeben. Einschließlich der Triebwerksdüse, die beim Start in die erste Stufe hineinragt, sollten es 23,4 Meter sein.

Startliste

Erfolgte Starts

Stand: 31. März 2026

Weitere Informationen Flug Nr., Datum (UTC) ...
Flug Nr. Datum (UTC) Startplatz Erststufe 1 Nutzlast Art der Nutzlast Orbit 2 Anmerkungen
NG‑1 16. Jan. 2025
07:03
CCSFS LC-36 SN001 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Blue Ring Pathfinder Satellitenbus-Prototyp MEO[44] Erfolg
Zielorbit erreicht, Erststufenlandung fehlgeschlagen
NG‑2 13. Nov. 2025
20:55
CCSFS LC-36 SN002-1 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Escapade zwei Marssonden Fluchtbahn Erfolg
Erststufe erfolgreich gelandet
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Geplante Starts

Durch die mehrjährige Verzögerung bei der Entwicklung der Rakete ergaben sich Verschiebungen in der Startplanung; auch Stornierungen sind möglich. Im Folgenden sind daher nur Startaufträge wiedergegeben, die innerhalb der letzten drei Jahre erteilt oder bestätigt wurden.

Weitere Informationen Flug Nr., Datum (UTC) ...
Flug Nr. Datum (UTC) Startplatz Erststufe 1 Nutzlast Art der Nutzlast Orbit 2
NG‑3 2026[45][46] CCSFS LC-36 SN002-2 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Bluebird 7 Mobilfunksatellit LEO
2026[47] Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Bluebird Block 2 Mobilfunksatelliten
(mehrere Starts)
LEO
2026[48][49] CCSFS LC-36 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Blue Moon MK1 Pathfinder Mondlander LEO[50]
2026[51] CCSFS LC-36 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Blue Ring 1 Technologieerprobung GTO
ab 2026[52][53] Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Amazon Leo Internetsatelliten
(24 Starts[54])
LEO
2027–2030[55][56] Vereinigte StaatenVereinigte Staaten sieben USSF-Starts
ca. 2029[57] CCSFS LC-36 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Blue Moon MK2 (Artemis 5) Mondlandefähre
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1 
Seriennummer und Wiederverwendungzähler der ersten Raketenstufe.
2 
Bahn, auf der die Nutzlast von der obersten Stufe ausgesetzt werden soll; nicht zwangsläufig der Zielorbit der Nutzlast.

Verwendete Erststufen

Weitere Informationen Seriennr., Erster Start ...
Seriennr. Erster Start Letzter Start Einsätze Name
SN001 16. Jan. 2025 1 So You're Telling Me There’s A Chance[58]
(Du sagst also es gibt eine Chance; aus Dumm und Dümmer)
SN002 13. Nov. 2025 1 Never Tell Me The Odds[59]
(Sag mir niemals, wie die Chancen stehen; aus Das Imperium schlägt zurück)
SN003 No, It’s Necessary[60]
(Nein, es ist notwendig; aus Interstellar)
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Vergleich mit anderen Schwerlastraketen

Die folgenden Superschwerlast-Trägerraketen sind derzeit im Einsatz oder in Entwicklung. Eine historische Übersicht gibt die Liste der höchsten Trägerraketennutzlasten.

Weitere Informationen Rakete, Hersteller ...
Rakete Hersteller Stufen Seiten­booster max. Nutzlast wieder­verwendbar bemannte Missionen orbitaler Erstflug
LEO GTO
Starship Vereinigte StaatenVereinigte Staaten SpaceX 2 > 250 t
 100 t 1
 

> 21 t 1
 100 t 2 1
voll­ständig geplant Starlink v3, 2026 (angestrebt)
CZ-9 China Volksrepublik CALT 2–3 > 150 t
> 100 t 1
> 50 t
> 35 t 1
Erststufe nicht geplant ca. 2033 (angestrebt)
SLS Block 1 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Boeing 2 2 > 095 t > 27 t nein ja Artemis 1, 2022
New Glenn 9x4 Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Blue Origin 2 > 070 t 1 > 25 t 3 1 Erst­stufe, Nutzlast­verkleidung ? ? (geplant)
CZ-10 China Volksrepublik CASC 3 2 > 070 t > 25 t nein geplant 2027 (geplant)
Falcon Heavy
Block 5
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten SpaceX 2 2 > 064 t
> 030 t 1
> 27 t
 
Erst­stufe,
Seitenbooster,
Nutzlast­verkleidung
nicht geplant Arabsat-6A, 2019
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1 
Maximale Nutzlast bei Wiederverwendung aller wiederverwendbaren Komponenten. Ohne Wiederverwendung ist bzw. wäre eine wesentlich größere Nutzlast möglich.
2 
Bei Wiederbetankung im Orbit.
3 
Blue Origin gibt eine Nutzlastkapazität von 14 t für den Direkttransport in eine geosynchrone Umlaufbahn an. Üblich ist eine etwa doppelt so große Höchstnutzlast für geosynchrone Transferbahnen (vgl. Vulcan).

Einzelnachweise

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