Nicholas Potter
britischer Journalist
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Nicholas Potter (* 1990 im Vereinigten Königreich)[1] ist ein britisch-deutscher Journalist und Autor.
Leben
Nicholas Potter, geboren und aufgewachsen in der Nähe von London,[2] studierte Englische und Deutsche Literatur am King’s College London. 2011 zog er nach Berlin und absolvierte anschließend seinen Master an der Humboldt-Universität zu Berlin.[3] Danach arbeitete er für Publikationen wie die taz, den Tagesspiegel, The Guardian, Haaretz, The Jerusalem Post (2024/2025),[4] Expo, Jungle World[5] und die Jüdische Allgemeine.
Potter arbeitete von 2020 bis 2024 als Journalist und Rechercheur für die Amadeu Antonio Stiftung. 2023 sprach er in dieser Funktion als geladener Experte vor dem Europarat in Straßburg über die Gefahren des globalen Rechtsextremismus für die Demokratie und die Menschenrechte in Europa.[6] Er ist Mitherausgeber und Autor des 2023 erschienenen Buches Judenhass Underground: Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen.
Eine Recherche über Israelfeindlichkeit und Antisemitismus bei Fridays for Future international, die er gemeinsam mit Joshua Schultheis in der Jüdischen Allgemeinen unter dem Titel Tweets gegen Israel veröffentlichte, brachte ihm eine Nominierung für den Theodor-Wolff-Preis 2024 in der Kategorie „Thema des Jahres“ ein.[7][8] Die Nichtregierungsorganisation European Leadership Network (ELNET) verlieh ihm im November 2025 den ELNET-Award in der Kategorie „Medien“.[9][10] Bei der Preisverleihung hielt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Laudatio.[11] 2025 wurde er für den Deutschen Reporter:innenpreis in der Kategorie „Interview“ nominiert.
Im Juli 2024 wurde er Redakteur bei taz zwei, dem Kultur- und Gesellschaftsteil der taz.[12][13] 2026 veröffentlichte er das Sachbuch Die neue autoritäre Linke: Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. Seit Juli 2026 ist er als Chefreporter für die Publikationen Die Welt, Politico Deutschland und Business Insider Deutschland der Axel Springer SE tätig.[14][15]
Arbeitsschwerpunkte
Nicholas Potter berichtete mehrfach über die Gefahr rechtsextremer Gewalt. Er thematisierte insbesondere die Anschläge in Deutschland, wie die Morde an Walter Lübcke sowie den Anschlag in Halle und in Hanau. In seinen Analysen hob er die transnationalen Verbindungen rechter Gruppierungen hervor und zeigte auf, wie diese Netzwerke international operieren.[16] Potter erläuterte, wie gut vernetzte Täter sich online radikalisieren und gemeinsame Ideologien teilen.[17]
Potter untersuchte auch die internationalen Verbindungen und die gegenseitige Unterstützung rechter Gruppen. Dabei berichtete er über die Teilnahme deutscher Rechtsextremisten am Krieg in der Ukraine[18][19][20] und die engen Verbindungen zwischen europäischen und amerikanischen rechten Gruppierungen.[21] Potter hat auch zu neonazistischen paramilitärischen Organisationen aus Russland recherchiert.[22][23]
Nicholas Potter befasst sich in seiner Arbeit auch mit Antisemitismus, vor allem in Bezug auf Teile der politischen Linken im Kontext der Proteste gegen den Krieg in Israel und Gaza seit 2023. Dabei grenzt er ein an Werten wie Gleichheit, offene Streitkultur und Bekämpfen von Machtstrukturen orientiertes „Linkssein“ von einer „neuen autoritären Linken“ ab, der er vorwirft, diese Werte abzulehnen und die Hamas „als heldenhafte Widerstandsbewegung“ zu „romantisieren“. Bei dieser laut Potter radikalen Minderheit sieht er einen gemeinsamen „Bezugspunkt Antisemitismus“ mit Islamisten, was sich unter anderem in der „Bereitschaft, mit Islamisten auf die Straße zu gehen“, zeige.[24] Ein weiterer seiner Schwerpunkte liegt auf der Musik und Clubkultur. Er kritisierte eine „antiisraelische Position zum Nahostkonflikt“ in Teilen der Techno-Szene und berichtete über Aktivitäten von Rechtsrock-Bands auf Streamingdiensten.[25][26][27]
Potter hat auch mehrfach aus dem Ausland berichtet. Weitere journalistische Schwerpunkte sind Großbritannien[28], Israel[29] und die Ukraine[30][31].
Sachbücher
Der von Nicholas Potter und Stefan Lauer[32][33] im August 2023 im Hentrich und Hentrich Verlag[34] herausgegebene Sammelband Judenhass Underground: Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen wurde in vielen Medien besprochen und erwähnt. Im Tagesspiegel schrieb Katrin Sohns: „Sie benennen plumpen Anti-Imperialismus und die postkoloniale Theorie, die der deutschen Erinnerungskultur der Shoah die Schuld daran gibt, dass der Kolonialismus nicht aufgearbeitet werden kann. Es zeige sich, so die Autoren, dass eine postkoloniale Perspektive allein die Welt nicht erklären kann. Gerade im Fall Israels führe dies zu einer Verzerrung der Realität: Aus einem Fluchtort für Shoah-Überlebende werde ein rassistischer Kolonialstaat.“[35][36][37][38][39][40] Der Antisemitismusforscher Peter Ullrich kritisierte dagegen in seiner Rezension für die Tageszeitung nd eine fehlende Differenzierung vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. Viele Beiträge würden außerdem durch bloße Aneinanderreihung von „als skandalös empfundene[n] Vorfälle[n]“ ein Cherrypicking betreiben.[41] Die Bundeszentrale für politische Bildung nahm 2024 eine Nachveröffentlichung in ihrer Schriftenreihe vor.[42]
Sein 2026 erschienenes Werk Die neue autoritäre Linke wurde ebenfalls medial besprochen, unter anderem von Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung, der herausstellte, dass Historiker „zu ähnlichen Diagnosen wie Potter“ kämen. Potters Buch zeichne ein „beunruhigendes Bild“.[43] Armin Pfahl-Traughber hob in seiner Rezension hervor, dass Potter sein Thema gründlich und faktenbasiert beschrieben habe: „Weder gegen seine Beschreibung noch seine Einordnungen lässt sich im breiteren Sinne inhaltlicher Widerspruch artikulieren. Der Autor dramatisiert nicht mit emotionalen Bildern, sondern verweist auf bedenkliche Dimensionen auch und gerade in der politischen Linken.“ Er merkte aber an, dass über die Dimension „keine so richtige Klarheit besteht.“ Bei den genannten Gruppen handele es sich nicht um größere Organisationen.[44] Sebastian Leber schrieb im Tagesspiegel: „Potter beschreibt anschaulich, weshalb Linksautoritäre Terroristen als ‚Befreiungskämpfer‘ bewundern und weshalb sie sich aktuell teilweise unverhohlen auf die Seite des iranischen Mullah-Regimes stellen. Das Buch bietet einen Deep Dive in ein Milieu, das sich selbst als links verortet, aber Denkweise und Duktus der Hamas übernommen hat. Und das im Zweifel weder Mobbing noch Gewalt scheut, um Andersdenkende zum Schweigen zu bringen.“[45] Raul Zelik kritisierte dagegen im nd, Potter versuche mit dem Buch eine moralische Panik über eine angeblich autoritäre Linke zu erzeugen. Inhaltlich habe das Buch aber nicht viel zu bieten. Zudem bemängelte Zelik Potters journalistische Methoden: Dieser stelle selbst „Andersdenkende an den Pranger“, etwa indem er beschreibe, wie er Demonstrationsteilnehmer mithilfe von KI-Gesichtserkennungstools identifiziere.[46]
Rufmordkampagne und Morddrohung
Aufgrund seiner Berichterstattung zum Krieg in Israel und Gaza und zu antisemitischen Vorfällen in diesem Zusammenhang wurde Potter Ziel einer im Dezember 2024 begonnenen Rufmordkampagne.[47] Diese ging nach Medienberichten von der russlandnahen Plattform Red aus, über die Potter zuvor berichtet hatte.[48] Sie führte zur Verteilung diffamierender Aufkleber, auf denen Potters Gesicht abgebildet ist und die in seinem Wohnort Berlin an Laternenmasten und Ticketautomaten geklebt wurden.[48] Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union verurteilte die Kampagne und sieht darin den Versuch „unabhängigen Journalismus zu untergraben“.[49] Auch die taz-Chefredaktion verurteilte die Kampagne als „Angriff auf die taz und auf die Pressefreiheit.“[50] Der Zentralrat der Juden drückte Solidarität mit Potter aus.[51] Im April 2025 wurde bekannt, dass in Berlin ein Plakat aufgehängt worden war, auf dem Potter mit dem Tod bedroht wurde.[52]
Veröffentlichungen
- Nicholas Potter, Stefan Lauer (Hrsg.): Judenhass Underground: Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen. Hentrich und Hentrich Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-95565-615-7.
- Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. dtv, München 2026, ISBN 978-3-423-26448-8.
Auszeichnungen
- 2024: Nominierung Theodor-Wolff-Preis[53]
- 2025: Nominierung Deutscher Reporter:innenpreis[54]
- 2025: ELNET-Preis für „Medien“[55]
Weblinks
- Literatur von und über Nicholas Potter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website
- Kurzbiografie und Rezensionen zu Werken von Nicholas Potter bei Perlentaucher
- Kein Ideal der Clubkultur – Nicholas Potter im Gespräch, von Paola Kaszubowski, taz 25. März 2024