Sankt-Florian-Prinzip

Verhaltensweise, potentielle Bedrohungen oder Gefahrenlagen nicht zu lösen, sondern auf andere zu verschieben From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Sankt-Florian-Prinzip (österreichisch: Floriani-Prinzip) oder die Sankt-Florian-Politik bezeichnet Verhaltensweisen, potentielle Bedrohungen oder Gefahrenlagen nicht zu lösen, sondern auf andere zu verschieben. Die englischsprachige Entsprechung ist NIMBY, ein Akronym für not in my backyard („nicht in meinem Hinterhof“).[1]

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Statue von Sankt Florian beim Löschen eines brennenden Hauses

Ursprung

Früher war es üblich, die Hilfe des Heiligen Florian anzurufen, der als Schutzpatron für die Abwendung von Feuer und Dürre zuständig ist. Volkstümliche Verbreitung fand ein vermeintlich frommer Spruch, der vermutlich von einer ironisch gemeinten Votivtafel stammt und das Prinzip prägnant erläutert:

„Heiliger Sankt Florian / Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!“[2]

Oftmals findet sich der Heilige Florian als Lüftlmalerei auf Wohn-, Feuerwehr- oder Bauernhäusern. Meist wird er als überlebensgroße Gestalt abgebildet, die aus einem Eimer Wasser auf ein brennendes Gebäude schüttet.

Die englischsprachige Bezeichnung NIMBY (englisch not in my backyard) erschien erstmals um 1980.[3]

Verwendung

Sankt-Florian-Prinzip bzw. Nimby werden – meist in abwertender Weise – für Situationen oder Prinzipien verwendet, bei denen Teile der Bevölkerung bestimmte überregional bedeutsame Infrastruktur zwar grundsätzlich befürworten und oft auch selbst nutzen wollen, aber deren Errichtung in der Nähe des eigenen Wohnorts abgelehnt wird, weil die Personen selbst lokal Nachteile empfinden. Dabei wird nicht nach einer für die Bevölkerungsgesamtheit optimalen Lösung gestrebt, sondern lediglich einseitig versucht, die Nachteile für sich selbst zu verhindern und auf andere Bevölkerungsgruppen abzuwälzen, was Verwendern des Begriffs unredlich erscheint. Es wird anderen Personen eine Geisteshaltung unterstellt, nach der sie die Vorteile moderner Technologie zwar nutzen, im eigenen Umfeld aber keine Nachteile in Kauf nehmen wollen (vgl. Trittbrettfahrerproblem). Es wird versucht, die erwarteten Nachteile auf andere Mitglieder der Gesellschaft abzuwälzen, was in vielen Fällen auch erreicht wird, wenn sie sich stark genug Gehör verschaffen können. Dass dieser Effekt jedoch keineswegs automatisch eintritt, zeigen verschiedene europäische Umfragen zur Errichtung von Windparks zur Windenergienutzung.[4]

Beispiele

Als typisches Beispiel wird oftmals ein Lobbyismus angeführt, bei dem finanzkräftige Gruppen sich gegen ein Vorhaben starkmachten, um vorrangig ihr Eigentum oder ökonomische Interessen zu schützen (Eigenheimbesitzer, Eigentümer von Geschäften, am Tourismus Beteiligte usw.). Besonders häufig wird das Sankt-Florian-Prinzip in Deutschland in Verbindung mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien und des Ausbaus der Stromnetzes gebracht. Auch der Müllexport, die Ausbildung ethnischer Ghettos oder die Schaffung von großen, abgelegenen Flüchtlingseinrichtungen seien auf diese Haltung zurückzuführen.

Ein weiteres Beispiel sind die Standortkonflikte in der Energiepolitik, etwa bei der Suche nach einem Endlager für Atommüll oder bei der Planung von Stromtrassen, mit denen im Zuge der Energiewende günstig erzeugter Windstrom aus den Küstengebiete zu Industriestandorten im Landesinneren transportiert werden soll.[5]

Literatur

  • Felix Butzlaff, Christoph Hoeft, Julia Kopp: „Wir lassen nicht mehr alles mit uns machen!“ Bürgerproteste an und um den öffentlichen Raum, Infrastruktur und Stadtentwicklung. In: Franz Walter u. a.: Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek 2013, S. 48–93.
  • Herbert Inhaber: Slaying the NIMBY dragon. Transaction, New Brunswick, NJ / London 1998
  • Stine Marg, Christoph Hermann, Verena Hambauer, Ana Belle Becké: „Wenn man was für die Natur machen will, stellt man da keine Masten hin“ Bürgerproteste gegen Bauprojekte im Zuge der Energiewende. In: Franz Walter u. a.: Die neue Macht der Bürger: Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek 2013, S. 94–138.
  • Gregory E. McAvoy: Controlling technology: Citizen rationality and the NIMBY syndrome. Georgetown University Press, Washington 1999
  • P. Michael Saint, Robert J. Flavell, Patrick F. Fox: NIMBY wars: the politics of land use. Saint University Press, Hingham, Mass. 2009.
  • Rainer Stempkowski, Hans Georg Jodl, Andreas Kovar: Projektmarketing im Bauwesen. Strategisches Umfeldmanagement zur Realisierung von Bauprojekten. Manz, Wien 2003.
  • Michael C. Thomsett: NIMBYism: Navigating the politics of local opposition. CenterLine, Arlington, 2004.
Commons: Nimby – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Heiliger Florian: „… schon unser Haus, zünd' andere an“. katholisch.de, 4. Mai 2020.
  • Gilbert Garcia: The NIMBY psychology. In: bigplanet.com. 12. Oktober 2000, archiviert vom Original am 17. September 2002; (englisch).
  • Ric Stephens: From NIMBYs To DUDEs: The Wacky World Of Plannerese. In: planetizen.com. 26. Juli 2005; (englisch).

Einzelnachweise

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