Nolin (Zither)

gezupfte Kastenzither auf der indonesischen Insel Bali From Wikipedia, the free encyclopedia

Nolin, indonesisch, auch manolin, mandolin (abgeleitet von mandolin, „Mandoline“, in europäischen Sprachen), ist eine gezupfte Kastenzither auf der indonesischen Insel Bali, deren Saiten über eine Reihe von Tasten verkürzt werden. Die seit den 1930er Jahren auf der Insel bekannte und 1961 mit einem eigens geschaffenen Gamelan (gamelan mandolin) in die balinesische Musik eingeführte nolin ist mit der japanischen taishōgoto und der pakistanischen bulbultarang, instrumentenkundlich aber nicht mit der Mandoline verwandt. Eine mit etwa 20 Tasten und Tonabnehmer ausgestattete Neuentwicklung namens neo nolin wird in Zentralbali in Ensembles für moderne klassische Kompositionen eingesetzt.

Auf Balis Nachbarinsel Lombok ist die Tastenzither als mendolen oder manduli, in Ostbali und Lombok auch als penting bekannt. Bei den Bugis in Südsulawesi heißt eine ähnliche Tastenzither mandoliong und dient meist zur Liedbegleitung.

Herkunft und Verbreitung

Japanische taishōgoto
Von Otto Teller in Klingenthal um 1920 patentierte Akkordolia
In Nordwestindien und Pakistan gespielte bulbultarang

Ausgangspunkt dieses Instrumententyps ist die japanische zweisaitige taishōgoto, die nach ihrer Grundform auf die alte Wölbbrettzither koto zurückgeht, die wohl spätestens Anfang des 8. Jahrhunderts von China nach Japan gelangte. Die dreizehnsaitige koto mit beweglichen Stegen wurde in der höfischen Musik hauptsächlich zur Gesangsbegleitung gespielt.[1] Die taishōgoto („koto aus der Taishō-Zeit“) wurde 1912 in Japan eingeführt, erfunden vom japanischen Instrumentenbauer Goro Morita, der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nach Europa und in die Vereinigten Staaten gereist war und sich unter anderem von der Tastenmechanik einer Schreibmaschine anregen ließ. Vielleicht lernte er dort auch Erfindungen des amerikanischen Instrumentenbauers Henry Charles Marx (1875–1947) kennen, der unter anderem 1912 eine marxophone genannte Kastenzither patentieren ließ, bei der ein Teil der Saiten mit elastischen Hämmerchen über Tasten angeschlagen werden.[2] Für die Autoharp, deren Saiten sich über Tasten dämpfen lassen, wurde 1910 ein US-amerikanisches Patent erteilt. Bei diesen und ähnlichen Erfindungen wie der ab 1900 von Wilhelm Kruse im sächsischen Markneukirchen gebauten Manualzither, genannt Pianochordia,[3] werden die Saiten jedoch nicht verkürzt und produzieren nur einen Ton. Ein japanisches Vorbild könnte die zweisaitige japanische Brettzither nigenkin gewesen sein, denn die erste Version der heute sechssaitigen taishōgoto besaß ebenfalls nur zwei Saiten.[4]

Bereits in der Meiji-Zeit (1868–1912) begann die westliche Musikkultur, einen starken Einfluss auf die japanische Musik auszuüben. Resultate dieser westlichen Einflussnahme waren ab 1900 Klavier- und Violinenkonzerte und ab 1907 der gelegentliche Ersatz der Langhalslaute shamisen durch die Violine.[5]

In den 1920er Jahren erreichte die taishōgoto Indien, wo sich eine wesentlich größere Tastenzither zunächst vermutlich von Mumbai aus unter dem Namen bulbultarang im Nordwesten Indiens in die pakistanische Provinz Sindh und vor allem in die dortige Großstadt Karatschi verbreitete.[6] Die indische Minderheit in Ostafrika sorgte ab Mitte der 1950er Jahre für den Einsatz derselben Tastenzither mit dem Namen taishokoto im arabisch, afrikanisch und indisch beeinflussten Musikstil Taarab, wie auf damaligen kenianischen Schallplattenaufnahmen zu hören ist.[7] Der zu tashkota verkürzte Name bezeichnet eine elektrisch verstärkte Tastenzither, die in den 1970er Jahren in den Taarab von Mombasa und der Insel Sansibar eingeführt wurde.[8]

Wenige Jahre nach ihrer Einführung in Japan war die taishōgoto vermutlich auch in China bekannt. Der erste überlieferte Beleg für ihre Existenz in China ist eine Werbeanzeige für eine im Land produzierte Version aus dem Jahr 1926, was für ihre zunehmende Beliebtheit bei einer chinesischen Zuhörerschaft in jener Zeit spricht. In den 1920er und 1930er Jahren wurde die taishōgoto von vielen Leuten weniger als ernsthaftes Musikinstrument, sondern wegen ihrer leichten Erlernbarkeit eher als Spielzeuginstrument betrachtet, das auch von Straßenhändlern verkauft wurde. In China wurde die taishōgoto gelegentlich zur Begleitung der „Trommellieder“, dagu shu (einer alten musikalischen Erzähltradition mit der Fasstrommel dagu), eingesetzt. Ein Sänger von „Trommelliedern“, Sun Chenghai (1915–1973), führte in den 1930er Jahren anstelle der bisher ausschließlich als Liedbegleitung verwendeten Langhalslaute sanxian neben der bereits populären taishōgoto chinesische Saiteninstrumente wie die Schalenhalslaute pipa, das Hackbrett yangqin sowie die Röhrenspießgeigen sihu und dihu ein.[9]

Parallele Entwicklungen zur taishōgoto zwischen 1900 und 1930 gab es auch in Europa. Zwischen 1908 und 1910 erfand Otto Teller in Klingenthal, Sachsen, auf der Basis einer Hummel eine der taishōgoto sehr ähnliche Akkordolia mit sieben Saiten (dreifach und vierfach),[10] die bis etwa 1939 gebaut wurde.[11] Goro Morita könnte die Hummel (eine Bordunzither ähnlich der norwegischen langeleik) und die Akkordolia bei seinem Besuch in Deutschland gesehen haben. Die Akkordolia wurde wie die taishōgoto damals als preiswertes Massenprodukt hergestellt.

In den 1930er Jahren brachten chinesische Migranten die allgemein in Indonesien als chinesisches Musikinstrument geltende Tastenzither nach Bali, wo sie in die einheimische Musikkultur integriert wurde. Regional begrenzt kommen Tastenzithern nach dem Vorbild der taishōgoto – von chinesischen Händlern verbreitet – heute in der balinesischen Musik, in der Musik von Lombok, in Südsulawesi und in Westsumatra (kucapi) vor.

In Wajo, einem Regierungsbezirk von Südsulawesi, spielten erstmals um 1950 in Sengkang, einem Handelsort und dem Hauptort des Bezirks, als Händler zugewanderte Chinesen die mandoliong. In ein einheimisches Ensemble mit Saiteninstrumenten wurde die mandoliong ab etwa 1970 übernommen.[12]

Wortumfeld

Populäre Instrumentennamen haben häufig nichts mit instrumentenkundlichen Begriffen zu tun. So ist die gelegentlich als „Nagoya-Harfe“ bezeichnete taishōgoto keine Harfe und die auch „Indian banjo“ genannte bulbultarang ist keine Langhalslaute. Ebenso wenig ist die auf Bali nolin oder mandolin genannte Tastenzither eine mit der Mandoline verwandte Laute. In Sri Lanka hat die taishōgoto den Namen „Japan mandolin“ erhalten; als ein einfaches Instrument, das zumindest in den 1980er Jahren auch von Bettlern auf der Straße und in der Nähe von Tempeln verwendet wurde, heißt sie dort bajau.[13]

Mandolinen und ähnliche Zupflauten (in der Größe von Ukulelen) kamen im 16. Jahrhundert mit portugiesischen Händlern über Sri Lanka ins Malaiische Archipel. Als Anfang des 17. Jahrhunderts die Niederländische Ostindien-Kompanie Indonesien in Besitz nahm, hatte sich unter portugiesisch-einheimischen Bevölkerungsgruppen (etwa in der christlichen Siedlung Tugu) bereits aus portugiesischen Musikinstrumenten und Liedern ein Musikstil entwickelt, der heute als kroncong bekannt ist.[14] Anfang des 20. Jahrhunderts war kroncong auf Java ein überwiegend städtischer Musikstil in der Umgebung von Jakarta. In den aus zwei bis vier Musikern bestehenden Ensembles spielte einer eine Mandoline. Kroncong gehörte zum Milieu von Straßenmusikern (buaya kroncong, „Krokodil-kroncong“),[15] die häufig zusammen mit einer (mutmaßlich auch als Prostituierte tätigen) Sängerin von kleinen Spenden lebten.[16] Die Mandoline war somit zu der Zeit, als die Tastenzither eingeführt wurde, auf sozialer Ebene mit jener verbunden, denn beide gehörten zu den importierten, einfachen und in der Volksmusik der Unterschichten gespielten Musikinstrumenten. Mit der Integration der nolin in neue Formen der klassischen Gamelans auf Bali und in der Musik von Lombok änderte sich ihre kulturelle Bewertung zu einem Musikinstrument chinesischen Ursprungs, mit dem eine besondere, aber traditionelle Musik gespielt wird.[17]

Die Zugehörigkeit der nolin zu den Zithern kommt im balinesischen Namen kecapi mandolin zum Ausdruck. Die kacapi ist eine Brettzither, die nicht auf Bali vorkommt, sondern nur in Westjava zur Liedbegleitung und in kleinen Ensembles gespielt wird. Im Osten Balis wird penting (indonesisch, „wichtig, bedeutend“) als Instrumentenname verwendet. Penting bezeichnet auf Lombok ebenfalls die Tastenzither, hauptsächlich jedoch die Schalenhalslaute gambus.

An der Westküste Sumatras (Provinz Bengkulu) nennen die Minangkabau die Tastenzither kucapi. Das auf Sanskrit kacchapi für altindische Saiteninstrumente zurückgehende Wortumfeld (kecapi, kacapi und kucapi) bezeichnet auf Sumatra ansonsten mehrere einfache Zithern und eine Laute (hasapi).

Der Name mendolen für die von den Sasak in Lombok gelegentlich gespielte Tastenzither ähnelt klanglich mandolin, wird aber auch mit menduli, was in der Sasak-Sprache „kochendes Wasser“ bedeutet, in Verbindung gebracht.[18]

Die Bugis in Südsulawesi nennen die Tastenzither mandoliong, ein zur Bezeichnung von Saiteninstrumenten chinesischen Ursprungs in die buginesische Sprache eingegangenes Wort.

Bauform

Größe, Korpusform und Gestaltung sind unterschiedlich und nicht standardisiert. Der Resonanzkasten ist flach, langrechteckig oder verjüngt sich leicht in Richtung der Stimmwirbel. Häufig ist der hölzerne Kasten mit ornamentalen Schnitzereien verziert und bemalt, entsprechend etwa dem Metallophon gangsa und anderen Musikinstrumenten der Gamelans. Eine typische nolin ist etwa 55 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit. Vier bis sechs Gitarrensaiten verlaufen von einer von der Gitarre übernommenen Stimmmechanik über die flache Korpusdecke und einen Steg am gegenüberliegenden Ende bis zum Befestigungspunkt an der Kante. Meist befindet sich ein rundes Schallloch unter den Saiten am Steg.

Die nolin liegt quer vor dem im Schneidersitz hockenden Musiker auf dem Boden oder auf seinen Beinen mit der Stimmmechanik zu seiner Linken. Mit einem Plektrum in der rechten Hand streicht der Musiker neben dem Steg über die Saiten. Diese werden etwa zwei Drittel ihrer Länge von einem Brett überdeckt, unter dem sich parallel in einer Reihe oder teilweise versetzt in einer Doppelreihe sieben bis zwölf oder mehr metallene Hebel befinden. Diese drückt der Musiker mit einer Art von Schreibmaschinentasten an ihren Enden mit den Fingern der linken Hand auf die Saiten nieder. Dadurch werden die Saiten wie bei einer Gitarre an Bünden verkürzt. Die Mechanik verkürzt stets alle Saiten zugleich. Die Saitenstimmung ist nicht einheitlich. Am häufigsten werden die ersten zwei Saiten auf denselben Ton und die nächsten beiden Saiten auf die höhere Oktave gestimmt. Manchmal werden auch eine oder zwei Saiten im Abstand einer Quinte gestimmt.[19]

Übliche nolin mit bis zu 12 Tönen sind auf die siebenstufige Skala pélog gestimmt. Eine für zeitgenössische Kompositionen entwickelte neo nolin verfügt über 20 oder 21 chromatisch gestimmte Tasten. Nach ihrer Tonhöhe werden drei neo nolin unterschieden: hohe angkepan (etwa „Tonvorrat“, „Gruppe von Tönen“) mit vier kurzen Saiten, mittlere angkepan mit drei mittellangen Saiten und tiefe angkepan mit zwei langen Saiten.[20] Die Saiten der neo nolin können nicht nur gezupft, sondern auch mit dem Bogen gestrichen werden.

Eine Form der in der Musik von Lombok gespielten mendolen besitzt drei Saiten und 14 Tasten.

Die Bugis in Südsulawesi verwenden für den Resonanzkasten ihrer mandoliong das Holz des Jackfruchtbaums (buginesisch vanasa) oder das rötliche Sandelholz (cenrana, indonesisch kayu cendana), aus dem sie auch die Griffe traditioneller Dolche (kris) herstellen.[21] Die mandoliong besitzt zwei bis vier Saiten und ungefähr zwischen 16 und 24 Tasten in einer chromatischen Tonfolge. Da alle Saiten auf dieselbe Tonhöhe gestimmt sind und mit einer Taste alle Saiten zugleich niedergedrückt werden, lassen sich keine Akkorde spielen.[22]

Spielweise

Gamelan mandolin im Distrikt Pupuan

Dörfliches Gamelan auf der Insel Lombok, um 1920. In der ersten Reihe mehrere Metallophone gangsa, davor der Leiter mit der Trommel kendang als Rhythmusgeber

Nach ihrer Einführung auf Bali in den 1930er Jahren wurde die nolin zunächst als Soloinstrument in den Wohnhäusern zur Unterhaltung gespielt. Im Jahr 1961 begannen Musiker im Dorf Pujungan im Distrikt Pupuan des Regierungsbezirks Tabanan, mehrere nolin in einem Gamelan einzusetzen, das außerdem aus mehreren kleinen Buckelgongs kelenang, Becken ceng-ceng, einem Buckelgong kajar als Taktgeber und ein oder zwei Fasstrommeln kendang besteht. Dieses Gamelan ist seitdem als gamelan nolin oder gamelan mandolin bekannt und begleitet unter anderem mit Kompositionen, die vom gamelan joged bumbung übernommen wurden, den Tanzstil joged.

Das gamelan joged bumbung (etwa „Tanz mit Bambusröhren“, vgl. bumbung) ist ein dörfliches Ensemble, das seit den 1930er Jahren aus mehreren Bambus-Xylophonen rindik als Melodieinstrumente besteht,[23] mit dem üblicherweise der Unterhaltungstanz joged begleitet wird. Dabei animieren im Verlauf der Aufführung eine Tänzerin oder mehrere Tänzerinnen auf einer einfachen Bühne Männer aus dem Publikum zum Mittanzen.[24] Die Einführung von rindik und im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts von nolin in das Begleitensemble einer Tanztradition sind Beispiele für fortwährend neue äußere Einflüsse auf die balinesische Kultur.

Das gamelan mandolin wurde in Pujungan nach der Jahrtausendwende auch zur Begleitung des Frauentanzstils legong mit legong nolin genannten Kompositionen eingeführt. Der vorherige Versuch, den traditionellen Tanzstil tari rerejangan von nolin anstelle der beliebtesten balinesischen Orchesterformation gamelan gong kebyar begleiten zu lassen, wurde jedoch nach kurzer Zeit aufgegeben. Das Repertoire des legong nolin basiert auf Kompositionen für das gamelan gong kebyar und übernimmt von dort einige Musikinstrumente.[25]

Beim gamelan mandolin in Pupuan sitzen drei Musiker in der ersten Reihe hinter ihren auf etwa 30 Zentimeter hohen Tischen liegenden nolin. In der zweiten Reihe sitzen ein Spieler der Trommel kendang, des Beckenspiels ceng-ceng ricik, des Gongs kajar und der Flöte suling. In der letzten Reihe folgen zwei Musiker mit Metallophonen jublag (auch calang, mit sechs Klangplatten). Zwischen diesen beiden sitzen in der Mitte zwei Musiker mit den Buckelgongs kemong und gong pulu. Die genaue Position der Musiker ist nicht standardisiert, denn sie hängt von den Gegebenheiten des Aufführungsortes ab.[26]

Wie andere dörfliche Gamelans wird das gamelan mandolin in Pupuan auch für zeremonielle Anlässe im Lebenszyklus balinesischer Hindus verwendet (manusa yadnya,[27] „Lebenszykluszeremonie“), allerdings seltener als das traditionell hierfür vorgesehene barungan gamelan, das gamelan balaganjur oder das gamelan gong kebyar.[28]

Neo nolin im Distrikt Pupuan

Neben dem gamelan mandolin aus der Kombination von nolin mit traditionellen Instrumenten der Gamelans entstanden im Dort Pupuan neue musikalische Formen durch den Einsatz westlicher Musikinstrumente wie Keyboards und Gitarren in Verbindung mit Bechertrommeln jimbe (den westafrikanischen djembé entsprechend) und größeren, elektrisch verstärkten neo nolin mit 20 oder 21 chromatisch gestimmten Saiten. Diese Ensembles spielen neue Kompositionen jenseits der für Gamelans typischen musikalischen Strukturen (gending).[29] Sie verwenden neben balinesischen auch westliche Melodieformen und polyrhythmische Muster.

Neo nolin heißt außerdem die mit den elektrisch verstärkten Tastenzithern gespielte Musik, die vor allem durch die 2018 gegründete Gruppe Neo Nolin bekannt wurde.[30] Die Gruppe Neo Nolin hat sich zum Ziel gesetzt, die gamelan-mandolin-Musiktradition des Dorfes Pupuan mit modernen klassischen Kompositionen zu verbinden. Gegründet wurde Neo Nolin durch I Nengah Raka Angga Nurbawa, einem Absolventen der Hochschule für darstellende Künste, Institut Seni Indonesia Bali, in Denpasar. Die neuen Kompositionen fügen sich in das traditionelle Konzept (jajar pageh) des balinesischen karawitan (Gesamtheit der instrumentalen und gesungenen Musik der Gamelans), das mit der Abfolge von kawitan (Eröffnung), pengawak (Hauptteil) und penyet (Schluss) eine harmonische Einheit bildet. Jeder Teil hat ein anderes Tempo und eine andere Dynamik. Neo Nolin tritt entweder nur mit mehreren Tastenzithern oder mit vom gamelan semar pegulingan bekannten Musikinstrumenten auf, zu denen die Buckelgongreige trompong, zwei Metallophone, zwei Trommeln kendang, die Streichlaute rebab und die Bambusflöte suling gehören.[31] Hinzukommen können die Bechertrommel jimbe, Gitarre und gelegentlich eine Sängerin.[32]

Karangasem

Die muslimischen Sasak bilden die Bevölkerungsmehrheit auf der östlich von Bali gelegenen Insel Lombok und eine Minderheit im ostbalinesischen Regierungsbezirk Karangasem. Die drei Saiten ihrer Tastenzither mendolen sollen die drei für eine harmonische Darbietung wesentlichen Elemente symbolisieren: wirage (Körperbewegung), wirame (Rhythmus, Dynamik) und wirase (Gefühl, Ausdruck).[18] In Karangasem kann die Tastenzither penting – ein anderer Name für die mendolen – den für diese Region typischen genjek,[33] einen Tanzstil mit Chorgesang und Gamelan, begleiten.[34]

Die eigene Musik der Sasak, die auch für Strenggläubige akzeptabel ist, konzentriert sich auf die Rahmentrommel rebana. Mit einem rebana-Ensemble werden in muslimischen Gemeinschaften auf Bali üblicherweise religiöse Lieder und Tänze begleitet. In den in der Nähe von Amlapura, der Hauptstadt des Bezirks Karangasem, gelegenen Dörfern Nyuling und Danginsema wird eine nur hier vorkommende, rein instrumentale rebana-Musiktradition gepflegt, bei der etwa sechs, auf unterschiedliche Tonhöhen in der fünfstufigen Skala slendro gestimmte Rahmentrommeln eine melodisch-rhythmische Struktur produzieren. Hinzu kommen etwa zwei Tastenzithern und zwei Bambusflöten suling. Die früher weiter verbreitete Tradition ist bis auf die in den beiden Dörfern aktiven Ensembles verschwunden. Die Ensembles der beiden Dörfer sind ähnlich, unterscheiden sich aber im Repertoire und teilweise in den musikalischen Begriffen. Von zentraler Bedeutung sind vier der Rahmentrommeln: in Danginsema heißen sie pemoto, penengah, pembawak und penyimbal (letztere wird in Nyuling kempul genannt). Diese Trommeln sollen die Vorfahren der muslimischen Balinesen im 17. Jahrhundert, als das hinduistische Königreich Karangasem seine Macht auf die Nachbarinsel ausgedehnt hatte, von Lombok mitgebracht haben. Die Ensembles von Nyuling und Danginsema vereinen hinduistische und muslimische Kultureinflüsse durch den Einsatz der Rahmentrommeln für Melodieformen der ebenfalls in slendro gestimmten Bronzeinstrumente des gamelan angklung.[35] Ähnliche rebana-Ensembles gehören auch zur Musik von Lombok.[36]

Experimentelle Neuerungen der klassischen balinesischen Musik wollen die traditionelle Melodiebildung durch verzahnte Strukturen (kotekan) mit eingeführten Polyrhythmen und westlichen Spielweisen verbinden. Das Ziel eines so entstehenden Wohlklangs (euphony) verfolgt auch die 2023 am Institut Seni Indonesia Bali in Denpasar aufgeführte Komposition Concerto Polyrhythm-Euphony für sieben aus Karangasem stammende penting, die funktionell nach ihrer Tonhöhe in hoch, mittel und tief eingeteilt werden.[37]

Lombok

Eine Vokalmusik, die als Ausnahme auch von orthodoxen Muslimen gepflegt wird, ist das Tanzdrama kemidi rudat. Es inszeniert Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht mit bunt kostümierten Helden, die kriegerische Tänze aufführen und dazu in arabischer Sprache singen. Die Aufführung wird von Rahmentrommeln (rebana) und ergänzend von der Tastenzither (manolin oder penting), einer Violine (biola) oder einer Zupflaute (gambus) begleitet.[38]

Ein säkularer (als unislamisch geltender) Unterhaltungstanz ist der vom balinesischen gandrung und vom joged abgeleitete aléh aléh, der häufig mit einer elektrisch verstärkten penting, Trommeln, Flöte und gelegentlich einem Bass begleitet wird. Die Melodien werden vom Popularmusikstil cilokaq übernommen.[39]

Im Dorf Telaga Waru im Distrikt Pringgabaya des Regierungsbezirks Lombok Timur wird in einem Besessenheitsritual zur Krankenheilung ein einzigartiges Musikensemble aus einheimischen und importierten Instrumenten gebraucht. Eine zentrale Aufgabe im Ensemble kommt einer zweisaitigen Tastenzither manduli zu. Ergänzend spielen die Musiker eine ursprünglich mit arabischen Händlern ins Malaiische Archipel eingeführte und von Muslimen verwendete Zupflaute gambus, eine einfache Form der Violine, genannt piul, und eine Flöte suling als weiteres Melodieinstrument. Die Rhythmusgruppe wird von einer in ganz Indonesien bekannten zweifelligen Fasstrommel kendang, einer für Lombok spezifischen einfelligen Trommel jidul und dem aus Bali eingeführten kleinen Beckenspiel ceng ceng rincik gebildet. Das gesamte Ritual, bei dem die Musiker agieren, kann mehrere Tage dauern.[40]

Südsulawesi

Die Bugis in der Provinz Südsulawesi, vor allem im dortigen Regierungsbezirk Wajo, spielen die selten gewordene Tastenzither mandoliong in kleinen Ensembles zur Unterhaltung. Bei öffentlichen Aufführungen halten die Musiker die mandoliong quer über den Beinen, während sie entweder im Schneidersitz (massulekka) auf dem Boden hocken oder auf einem Stuhl sitzen (makkadera). Die Position sollte so gewählt werden, dass das Schallloch am Boden offen bleibt.[41]

Zur traditionellen Bugis-Musik gehören mit einer einzigen Violine (buginesisch baola) begleitete erzählende Lieder (curita) und Lieder mit nicht-erzählenden Inhalten (elong), die von einer Violine oder einem Ensemble mit zwei bis vier Violinen, eventuell einer Flöte (suling, soling), einer gezupften Bootslaute (kacapi(ng), ähnlich der sape), einer Fasstrommel (genrang, entsprechend kendang) und mandaliong begleitet werden. Elong und Instrumentalstücke (gesok lampa) besitzen festgelegte Melodien aus einzelnen, sich wiederholenden Phrasen. Die drei Musiker der Grup Tiga Sekawan aus der Stadt Sengkang spielen beispielsweise bei manchen Liedern alle Violine und singen, bei anderen begleiten sie ihren Gesang mit Violine, Bootslaute und Tastenzither.[42] Die Group Tradisional Anreguru-e Lacombong ist ein Ensemble aus Enrekang, das in einer CD-Aufnahme (Smithsonian Folkways, 1997) mit Gesang, zwei Violinen, Flöte, Tastenzither und Bootslaute zu hören ist. Diese Besetzung war in den 1960er Jahren populär.[43]

Literatur

Einzelnachweise

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